Atheistophobie

Die historische Entwicklung des Atheismus

Die historische Entwicklung des Atheismus

Das Sportmagazin „Placar“ sorgte vor einigen Tagen für einen kleinen Skandal in Brasilien. An dem Skandal waren Neymar und die katholische Kirche beteiligt. In einer Fotomontage wurde der Stürmer, der ansonsten durch Dribblings, Schwalben, komische Frisuren und Traumtore auffällt, als gekreuzigter Mann dargestellt. Die brasilianische Bischofskonferenz meinte, dass „durch die respektlose Verwendung des Bildes der christliche Glauben der Lächerlichkeit preisgegeben werde, die Person Jesu Christi manipuliert und zum Instrument kommerzieller Zwecke missbraucht wurde.“ Man könnte glatt meinen, dass die katholische Kirche in Brasilien keine Sorgen hat, wenn sie sich über Fotomontagen in Sportmagazinen empört.

In den islamischen Ländern sind Blasphemiegesetze nicht ungewöhnlich. In Saudi-Arabien und Pakistan steht auf Gotteslästerung sogar die Todesstrafe, auch wenn sie so gut wie nie verhängt oder angewandt wird. In Pakistan wurde die Christin Asia Bibi 2010 zum Tode verurteilt, weil sie Mohamed beleidigt haben soll, was internationale Empörung auslöste. Vor 3 Monaten führte auch Kuwait die Todesstrafe ein. In Ägypten ist man zumindest konsequent: Dort wurde ein Salafist wegen Blasphemie angeklagt, weil er eine Bibel zerrießen hatte. Sogar in der angeblich laizistischen Türkei wurde der Pianist Fazil Say angeklagt, weil er Witze über den Islam gemacht hatte. Laut der Zeitung „Al Arabiya“ wollen die islamischen Länder bald einen Versuch starten, ein globales(!) Blasphemiegesetz durchzusetzen.

Der Blasphemiewahn ist auch in einigen christlichen Ländern verbreitet. In Griechenland wurde Gerhard Haderers blasphemischer Kinderfilm „Das Leben des Jesus“ 2005 verboten. In Polen wurde die Sängerin Dorota Rabczewska zu einer Geldstrafe von 1.000 Euro verurteilt, weil sie sagte, dass sie nicht an die Bibel glaubte. In Russland wurden die Kunstkuratoren Andrei Yerofeyev und Yury Samodurov mit einem Bußgeld belegt, weil sie Jesus in Bildern als Micky Maus und neben einem Coca-Cola-Schriftzeichen darstellten. Aber auch in Deutschland drohen seit August einem Mann in Kassel drei Jahre Haft, weil er gegen den Gotteslästerungsparagraphen 166 verstoßen hat.

Nicht mal im Internet ist man als Blasphemiker sicher. Der palästinensische Blogger Walid Husayin wurde vor 2 Jahren von der palästinensischen Autonomiebehörde verhaftet, weil er auf seinem Blog und per Facebook Allah und den Propheten beleidigt hatte (mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuß, seine Familie hat ihn verstoßen). In Indonesien wurde Alexander Aan im Januar in Untersuchungshaft genommen und im Juni zu 30 Monaten Haft verurteilt, weil er in Facebook religionskritische Kommentare und Bilder veröffentlicht hatte. Der saudische Autor Hamza Kashgiri wurde von Malaysia nach Saudi-Arabien ausgeliefert, nachdem er einige nur leicht Mohamed-kritische Tweets hinterlassen hatte, wo ihm nun die Todesstrafe droht, ein Fall, der besonders große internationale Aufmerksamkeit erregte.

Die Hetze gegen Blasphemiker funktioniert auch ohne Gesetze. In Marokko begann der Blogger Kacem El Ghazzali im Jahr 2007, öffentlich seinen Zweifel an Gott zu äußern und religiösen Fanatismus zu kritisieren. Als seine wahre Identität rauskamen, begannen Schüler und Lehrer ihn zu beschimpfen, der Direktor schlug ihn vier Tage nachdem er dem französischen Sender France24 ein Interview gegeben hatte, man bewarf ihn mit Steinen, im Internet kündigten Islamisten an, ihn abzuschlachten wie ein Schaf. Sogar die Geheimpolizei drohte ihm unverblümt. Er musste bei Freunden untertauchen, bekam aber bald wieder Todesdrohungen und floh deshalb im März 2011 in die Schweiz. Dort bekam er Drohungen von Tunesiern, die über seine Herkunft Bescheid wussten.

Die Religiösen, die glauben, dass Blasphemie unter Strafe stehen soll, machen damit vor allem ihre eigene Religion lächerlich. Ein atheistisches Zitat bringt es auf den Punkt: „If an idea is good, it should be able to withstand questions and criticism, and should even welcome them. And that’s just as true of religion as anything else. When believers passionately insist that religion should be above criticism, it doesn’t make their God hypothesis look stronger, it makes it look much weaker.“ Desto mehr man Kritiker verfolgt, desto unsicherer ist man sich seines Glaubens. Im Iran kündigte der Ayatollah 2009 einen Feldzug gegen die Geisteswissenschaften an- mit der schamlos ehrlichen Begründung „weil sie Zweifel an den islamischen Prinzipien und Misstrauen in unsere Werte säen“.

Salman Rushdie erklärte, dass eine freie Gesellschaft ohne Blasphemie nicht möglich ist:

„Die Vorstellung, man könne eine freie Gesellschaft schaffen, in der niemand jemals beleidigt oder gekränkt würde, ist absurd. Dasselbe gilt für die Vorstellung, die Menschen sollten das Recht haben, sich mit rechtlichen Mitteln gegen Kränkungen und Beleidigungen zu wehren. Hier stehen wir vor einer grundlegenden Entscheidung: Wollen wir in einer freien Gesellschaft leben oder nicht? Die Demokratie ist keine Teegesellschaft, bei der die Leute höfliche Konversation treiben. In Demokratien werden Menschen sehr zornig aufeinander. Und sie argumentieren sehr heftig gegen die Ansichten des anderen. Aber sie schießen nicht.“

In diesem Sinne: Solidarität mit allen Blasphemikern auf der Welt! Ohne sie geht’s nicht.

8 Antworten to “Atheistophobie”

  1. shaze86 Says:

    sehr guter und informativer Artikel. Ich solte auch mal wiedet Gotteslästerung betreiben.

  2. Thomas Holm Says:

    Das beste was ich mal gesehen habe, war eine japanische Postkarte für ‚Seasons greetings‘ – mit einem gekreuzigten Weihnachtsmann. War ja lieb gemeint …

  3. bobermann Says:

    Allah oder Jehova für Gott ausgeben halte ich auch für Blasphemie.
    Dachte immer wenn, dan ist er erhaben.

  4. art Says:

    ich sehe religion immer wie eine bewegung, wie eine rockband. propheten als stars, die ganzen groupies, vorprogramm, nachprogramm.
    dann die vielen, die es auch auf die bühne treibt, die imitatoren, möchtegern und menschen mit absichten weit von gut und böse – darunter ein paar richtige sterne. auch die müssen organisiert werden und es entstehen ganze „glaubens“labels innerhalb einer gesunden hierarchie. dazu noch ein wenig brot&spiel. die ersten konzerte waren ähnlich wie die heutigen afterhour. mittlerweile wird bei veranstaltungen sogar der verkehr reguliert. je länger ich auf der welt bin, desto mehr frage ich mich:
    warum verstehen die menschen nicht ?

    es ist zwingend notwendig, das wir alle in frieden miteinander leben . jedoch ist diese nicht gegenwärtig, leider. die modele politik und religion haben ihren beitrag dazu geleistet. wenn modele aber weder austauschbar – noch erweiterbar – sind – wie die zeit selbst – kann es nicht zur besserung kommen.
    religion besitzt da leider wenig handlungsraum, da sie erweitert oder ergänzt ihre glaubhaftigkeit verliert.

  5. freidenker1 Says:

    „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ Ludwig Feuerbach

    Der Artikel und der Blog gefallen mir. In meiner Freidenker Galerie beschäftige ich mich auch mit dem Thema Atheismus. Wie ein roter Faden zieht sich atheistisches Gedankengut durch die gesamte Galerie. Mehr Infos über mich und meine Arbeiten fidet ihr hier:
    http://www.freidenker-galerie.de/acrylbilder-lustige-zitate-politik-und-religion-2/

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