Das Tabu der nationalen Grenzen

Früher waren Grenzen nichts weiter als vorübergehende Waffenstillstandslinien

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es viele Dinge, für die nur noch eines galt: „Nie wieder!“. Dazu zählt neben Kriegen, die früher als süß und ehrenvoll galten, auch die Verschiebung von Staatsgrenzen. Die nationalen Grenzen wurden zum ersten Mal seit Jahrhunderten als heilig und unveränderbar angesehen, jeder Wunsch nach Veränderung galt als expansionistisch, reaktionär und populistisch. Wenn man sich die Weltkarte von 1950 und 2012 ansieht, wird man erstaunlicherweise kaum eine Veränderung finden, mit der Ausnahme, dass viele Gebiete kein „Französisch-“ oder „Britisch-“ im Namen tragen.

Viele mögen einwenden, dass der Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens Gegenbeispiele sind, aber das ist nicht wahr. Denn die Staaten, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus unabhängig wurden, gab es schon zuvor in denselben Grenzen, nur dass sie damals Provinzgrenzen waren. Dasselbe gilt für neue Staaten wie Eritrea und Südsudan. Die internationale Gemeinschaft hat jede Veränderung von Staatsgrenzen abgelehnt und ist notfalls eingeschritten, um sie zu verhindern, wie z.B. 1991, als Saddams Armee Kuwait von der Landkarte getilgt hatte. Doch nicht immer hat dieses Tabu Gutes bewirkt.

In Schwarzafrika führte es dazu, dass viele Völker in ihren traditionellen Siedlungsgebieten beschnitten und gezwungen wurden, mit verfeindeten Völkern zusammenzuleben, was z.B. in Nigeria zu einem blutigen Bürgerkrieg führte. Im Nahen Osten führte es dazu, dass kaum einer als Lösung für das Kurdenproblem einen Kurdenstaat vorsah und dass die Palästinenser bis heute ungehindert auf die 1949 entstandenen „Grenzen von 1967“ beharren können, anstatt Grenzanpassungen zu akzeptieren, die Israels Sicherheit garantieren würden. Und in Syrien führt es dazu, dass keiner es auch nur wagen wird, einen Alawitenstaat zu fordern.

Das Tabu hat wahrscheinlich mehr geschadet als genützt. Man hätte schon 1950 einsehen können, dass die willkürlich gezogenen Grenzen aus der Kolonialzeit zu schweren Konflikten führen werden. Wenn die Grenzen nicht verändert werden dürfen, werden Vertreibungen und Völkermorde als Mittel genutzt, um ethnische Konflikte zu beenden. Das heißt jedoch nicht, dass die Europäer Schuld an den Bürgerkriegen in der Dritten Welt sind. Die Kolonialherren haben wohl kaum mit voller Absicht die Grenzen so gelegt, dass verfeindete Völker zusammenleben mussten, und nicht alle Vielvölkerstaaten haben jahrelange Bürgerkriege durchgemacht. In Kamerun haben sich noch keine verfeindeten Stämme gegenseitig zerhackt.

Nachdem Indien unabhängig wurde, schaffte die Zentralregierung, die ansonsten kaum was richtig machte, die alten lokalen Fürstentümer ab und errichtete stattdessen Bundesstaaten entlang ethnisch-sprachlicher Grenzen und gab den Einwohnern das Recht, ihre eigene Sprache als Amtssprache zu gebrauchen. Zwar ist Indien deshalb nicht von ethnischen und religiösen Konflikten verschont geblieben, aber es war nie in Gefahr, auseinanderzubrechen. So eine Lösung wäre auch in anderen Ländern möglich- vorausgesetzt, dass die Bevölkerung sich dafür ausspricht und die internationale Gemeinschaft sie unterstützt.

18 Antworten to “Das Tabu der nationalen Grenzen”

  1. American Viewer Says:

    Ein treffender Artikel.

    Grenzen werden durchaus abgeschafft, aber leider in die andere Richtung. Die Tendenz besteht darin immer größer zu werden. Gerade in Europa. Eigene Nationen, Völker und Kulturen dürfen nicht mehr sein. Wenn man nur alles vermische und kräftig durchschüttle, herrsche bald Weltfrieden. So die Utopie.

    Ich glaube das Gegenteil. Wenn Europa seine bewährte föderale Organisation immer mehr aufgibt, bekommt die westliche Welt gewaltige Probleme.

    http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/kurz-und-schmerzhaft/henkel-trocken-globalisierung-erzwingt-ein-foederales-europa/7228712.html

    • arprin Says:

      Ein ausgezeichneter Artikel von Hans-Olaf Henkel, mit der Gegenthese zum allseits verbreiteten Dogma „Der Euro ist ein Friedensprojekt“:

      „Für Europa kann die Konsequenz aus der Globalisierung nur heißen: Auch wenn es die Aufgabe des Einheitseuros bedeutete, wir brauchen ein föderales und kein zentralstaatliches Europas. Um des lieben Friedens willen!“

  2. Thomas Holm Says:

    Ich setze auf eine Europa erneuernde Wirkung, die von der Arbeitsmigration einer neuen Generation ausgeht, die den Dritte-Welt-artigen Traditionseliten der korrupten Siesta-Länder den Rücken zukehrt und bereit ist sich auf die arbeitsethischen Standards von Nordeuropa einzulassen.

    In dieser professionellen, nüchternen und modernen Migration sehe ich einen Hoffnungsanker zur Überwindung sowohl der selbstzerstörerisch (auto)aggressiv-larmoyanten (und mithin anti-westlichen !) Stimmung hierzulande – und:

    Achtung großer Wurf:

    zur Überwindung der therapeutisch-bevormundenden Mentalität der Bürokratien; namentlich natürlich auch der Europäischen.

    Die Alternative ist nicht: „vermischen“, oder „rein“ bleiben, sondern: in welchem Geiste man zusammenkommt.

  3. Fred Says:

    Super Artikel.

    Ich denke kleinere Staaten funktionieren generell besser als größere inhomogene Gebilde. Die Geschichte hat gezeigt dass sich sich die größeren Gebilde auflösen.

    Es ist auch wichtig dass es verschiedene Staaten gibt. Dadurch wird zum Einen verhindert dass ein totalitärer Weltstaat entsteht. Zum Anderen kann kein Staat absolute Macht über seine Bürger ausüben solange die Möglichkeit besteht in einen anderen Staat zu wechseln.

  4. besucher Says:

    Hinter diesem Diktum der Unantastbarkeit der Grenzen steckt wahrscheinlich die Verlagsindustrie weil sie keine Lust hat alle paar Jahr neue Atlanten zu drucken.

    • arprin Says:

      Diese Verschwörung können dann Wisnewski und Meyssan gemeinsam aufdecken, wenn sie Zeit haben. Es sind NICHT die Zionisten, sondern die Verlagsindustrie!

  5. Alfons Says:

    Zur Aenderung von Grenzen fallen mir nur drei Moeglichkeiten ein
    1) Gewalt
    2) Durch diplomatische Verhandlungen aller direkt Beteiligten
    3) Durch Abstimmungen die dann von allen Beteiligten akzeptiert werden.

    Waehrend 1) zunaechst prinzipiell fuer die internationale Gemeinschaft inakzeptabel ist, sehe ich ueberhaupt kein Hinderniss (und mir faellt in der Nachkriegszeit auch kein Beispiel ein, dass es passiert waere, dies ueber 2) und 3) zu realisieren. Und irgendwann wird es auch in Bergkarabach, im Kosovo und in Osetien zu eienr Loesung kommen.
    Aber dass die „Weltregierung“ (Uno oder durch wen auch immer hier nun die internationale Gemeinschaft repraesentiert wird), staendig die Grenzen per Federstrich revidieren soll erscheint mir absurd.

    • arprin Says:

      sehe ich ueberhaupt kein Hinderniss (und mir faellt in der Nachkriegszeit auch kein Beispiel ein, dass es passiert waere, dies ueber 2) und 3) zu realisieren.

      Es gibt aber einen: Wenn die Herrschenden keinen Bock haben, Verhandlungen oder ein Referendum durchzuführen. Glaubst du, dass die Türken ein Referendum akzeptieren würden, in dem die Kurden sich für Unabhängigkeit aussprechen?

      Die internationale Gemeinschaft könnte durchaus helfen, in dem sie auf die Herrschenden, die kein Stück von ihrem Staatsgebiet abtreten wollen, Druck machen und eine Neuordnung der Grenzen zumindest ins Gespräch bringt. Da sie das so gut wie nie tut, führen Sezessionsbestrebungen meistens zu Gewalt. In der Nachkriegszeit wurde keine einzige Sezession auf friedlichem Weg beschlossen.

  6. aron2201sperber Says:

    ein noch weit größeres Tabu sind „ethnische Säuberungen“

    dieses Tabu gilt jedoch nicht für „jüdische Siedler“ oder „weiße Siedler“ in Südafrika.

  7. Einseitige Tabus « Aron Sperber Says:

    […] setzt sich in einem hervorragenden Beitrag mit dem Tabu der nationalen Grenzen […]

  8. Olaf Says:

    Die Grenzen nach dem 1. Weltkrieg in Europa waren ungerecht, werden aber beibehalten, und damit die Verlierer von 1918 bis heute im Jahre 2012 benachteiligt, im „freien“ Europa.
    Ungarn hat das Recht auf Gebiete in Rumänien, Serbien und der Slowakei. Österreich auf Südtirol, Deutschland auf Eupen-Malmedy, und das sind nur die Gebiete ohne große Vertreibungen.

    • arprin Says:

      Stimmt, das ist in besagten Regionen noch immer ein großes Thema. Vielleicht kann man dort noch auf ein Referendum hoffen. Nur wahrscheinlich würde das momentan als Nachgeben gegenüber Südtiroler Bombenlegern und ungarischen Nationalisten gewertet werden.

      • besucher Says:

        Eupen-Malmedy könnte interessant werden wenn Belgien auseinanderbricht.
        Obwohl ich eher vermute dass die sich lieber Luxemburg anschließen würden.

      • arprin Says:

        Woher hast du diese Vermutung?

      • Olaf Says:

        Gute Frage, Eupen bzw. Deutsch Belgien ist deutschsprachig, die Sprachen Luxemburgs sind Letzeburgisch und französisch.
        Bei einem Auseinanderbrechen Belgiens, dass aber unwahrscheinlich ist, tendiert Eupen wohl eher Richtung NRW.

  9. besucher Says:

    Was für ein ekelhafter, propagandistischer Artikel:
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article109975520/Der-grossartige-Separatismus-der-Schotten.html

    Er hätte auch nicht anders in der Prawda stehen können als es um die früheren Sowjetrepubliken ging. Schottland hätte dann Kuba geheißen.

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