Baumgartner und die Kinder in Afrika

Baumgartners Vorgänger, Joseph Kittinger, sprang 1960 aus 31,3 Kilometern Höhe

„Ich weiß, die ganze Welt sieht jetzt zu. Könntet ihr nur sehen, was ich sehe! Manchmal muss man wirklich weit hinaufgehen, damit man erkennt, wie klein man ist … Ich komme jetzt nach Hause.“ – Felix Baumgartner vor seinem historischen Sprung. Am 14. Oktober um kurz nach 20 Uhr deutscher Zeit sprang er aus 39 Kilometern aus einem Ballon von der Walker Air Force Base in Roswell. Er erreichte eine Geschwindigkeit von 1342,8 km/h, stellte 5 neue Weltrekorde auf und landete nach 5 Minuten wohlbehütet auf dem Boden. Es war einer der größten Medienspektakel der letzten Jahre.

Gideon Böss hatte eine kleine Anmerkung zu dem Sprung. Mir ist das auch aufgefallen. Ich habe es nur ein bisschen anders in Erinnerung. Der Kommentator sagte in etwa: „An dieser Stelle können wir auch mal vergessen, dass dieser Sprung nicht zum Wohl der Menschheit, sondern zum Wohl eines Getränkekonzerns durchgeführt wurde.“ Mich hat dieser Satz an Obamas „You didn’t build that“-Rede erinnert. Konzerne sind unmoralisch, weil sie nur an ihrem Profit denken und keinen Nutzen für „die Allgemeinheit“ bringen. Nur staatliche Behörden sind in der Lage, der Allgemeinheit zu dienen.

Im Spiegel-Forum konnte man ein immer gern hervorgekramtes Argument hören: „wieviel Kinder hätte man mit 50 Mio. satt machen können. Und was für einen Nutzen hat so ein Sprung. Schwachsinn pur.“ Das Kinder-in-Afrika-Argument hört man oft, wenn es darum geht, die Raumfahrt zu diffamieren. Es gibt auf dem Planeten so viele ungelöste Probleme, warum muss man dann Milliarden ausgeben, um in den Mond zu reisen, oder um aus 39 Kilometern zu springen? Warum das ganze Geld für diese „sinnlosen“ Unternehmen nicht lieber direkt nach Afrika spenden, wo die Herrscher sie sicher für das Wohl ihrer Bevölkerung ausgeben würden?

Man ist natürlich nicht gezwungen, Baumgartners Sprung faszinierend zu finden. Es kann einem völlig gleichgültig sein, aus wie vielen Kilometern jemand springt, den man nicht kennt. Ich habe für Red Bull auch kaum was übrig, weil mir weder das Getränk noch ihr Sportengagement gefällt (dass ausgerechnet New Yorks Fußballklub nach einem Getränkekonzern benannt ist, ist ein PR-Gau). Aber ist Baumgartners Sprung wirklich unmoralisch? Ein Zeichen westlicher Dekadenz? Der Untergang des Abendlandes? Ein „tiefer Fall für die Menschheit“, wie Andreas Rosenfelder von der WELT meint?

Weder schließt Baumgartners Sprung Entwicklungshilfe aus, noch ist er völlig nutzlos. Wer will, kann ruhig die Hälfte seines Einkommens nach Äthiopien spenden. Die meisten werden es sicher nicht machen, denn sie wissen, dass Entwicklungshilfe außer den korrupten Eliten so gut wie gar nicht hilft, also im Grunde völlig nutzlos ist. Baumgartners Sprung dagegen war nicht nutzlos, weil Baumgartner 5 Weltrekorde aufstellte und das Red Bull Stratos Project u.a. Erkenntnisse für künftige Notausstiege aus Raumschiffen gewinnen wollte, um damit die Sicherheit in der Raumfahrt zu erhöhen.

Natürlich hat „die Allgemeinheit“ kaum was mit Raumfahrt am Hut. Wenn aber eine Tat nur dann als „nützlich“ angesehen wird, wenn sie von einer staatlichen Behörde und zum Wohl der Allgemeinheit durchgeführt wird, müssten wir eigentlich alle privaten Investitionen als nutzlos ansehen. Und was wäre passiert, wenn der Sprung mit Steuergeldern von einer eigens gegründeten Stratosphären-Behörde durchgeführt worden wäre? Böss hat es schön formuliert: „Das Ganze hätte keine 50 Millionen Euro gekostet, sondern 500 Millionen und der Start hätte sich nicht um wenige Tage, sondern wenige Jahre verschoben.“

4 Antworten to “Baumgartner und die Kinder in Afrika”

  1. Fred Says:

    Würden sich die ganzen Forumskommentatoren einen Job suche und dann von ihrem Gehalt 10% Spenden wär den Kindern in Afrika viel mehr geholfen.

  2. American Viewer Says:

    Dein Argument ist richtig. Ich sehe es auch so.

    Die wissenschaftliche Relevanz des Sprunges wird allerdings bestritten. Ich sehe die Relevanz des Sprunges auch nicht.

    Das spielt allerdings für dein Argument keine Rolle. Es bleibt weiter korrekt.

    Mal abgesehen davon kann, Red Bull sein Geld benutzen für was sie wollen. (So lange es legal ist, versteht sich).

    Anders sieht es aus, wenn der Staat das Geld ausgibt. Oder gar verschwendet. Sagen wir mal wie DL beim Atomausstieg.

    Oder bei Konzernen, die eigentlich schon lange pleite wären und nur aufgrund von staatlichen Geldern überlebt haben.

  3. aron2201sperber Says:

    das ganze war eine wunderbare Zirkus-Nummer, die auf der ganzen Welt gratis im TV übertragen wurde.

    insofern hatten auch die Kinder in Afrika was davon.

    …zumindest mehr als von irgendwelchen eitlen „Operndörfern“, welche die Kinder in Afrika wohl ähnlich langweilen würden wie unsere Kinder:

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kunstauktion-schlingensiefs-operndorf-bekommt-eine-million-a-820316.html

  4. Im Namen der afrikanischen Kinder « Aron Sperber Says:

    […] (gelesen bei Arprin) […]

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