Geschichtsstunde: al-Andalus und die Reconquista

Die Eroberung Granadas 1492, Gemälde von Francisco Pradilla y Ortiz, 1882

Gestern besetzte eine Gruppe von 70 Franzosen einen Moscheeneubau in Poitiers. Sie folgten einem Aufruf einer Gruppe namens „Génération Identitaire“ und waren aus dem ganzen Land angereist, schwenkten Fahnen und erklommen das Dach. Damit wollten sie gegen die Islamisierung Europas protestieren. Später wurden drei der Randalierer festgenommen. Das Datum für die Protestaktion war nicht zufällig gewählt. Es war der 1280 .Jahrestag der Schlacht von Tours und Poitiers, in der die Franken die maurischen Eindringlinge zurückschlugen und damit die islamische Expansion in Europa vorläufig stoppen konnten.

Viele Islamisierungsgegner sehen sich in der Tradition von christlichen Feldherren, die gegen muslimische Invasoren kämpften. Dabei wird oft viel Geschichtsklitterung begangen. Für unsere Zeit sind diese Themen natürlich nicht mehr von Bedeutung. Der Islamismus ist die totalitäre Ideologie unserer Zeit, die islamische Welt ist intolerant, wirtschaftlich und kulturell rückständig und gewalttätig. Aber an dieser Stelle möchte ich mich dennoch mit einem in der islamischen und westlichen Geschichtsforschung kontrovers diskutierten Thema auseinandersetzen, und zwar dem Zeitalter von al-Andalus, der islamischen Herrschaft in Spanien.

Für die Muslime gilt das Zeitalter von al-Andalus als „Goldenes Zeitalter“ der islamischen Zivilisation. Noch heute berufen sich islamische Historiker und westliche Islamapologeten (wie z.B. Jürgen Todenhöfer in seinem Buch „Warum tötest du, Zaid?“) auf diese Zeit, um die Toleranz und die wissenschaftlichen Errungenschaften der islamischen Zivilisation zu preisen. Die Spanier sehen dagegen in der Zeit von al-Andalus eine Zeit blutiger Fremdherrschaft, die durch die beinahe 800 Jahre andauernde „Reconquista“ (spanisch für „Wiedereroberung“), die die Spanier bis heute feiern, beendet wurde.

Das „Goldene Zeitalter“ des Islams und die Herrschaft der Mauren in Spanien

Will Durant, mein Lieblingshistoriker, kann schwerlich als Islamapologet bezeichnet werden. Für seine 18-teilige Reihe „Kulturgeschichte der Menschheit“ ließ er sich insgesamt 50 Jahre Zeit. Wer mehr über ihn erfahren will, kann hier recherchieren. Er ist unter Islamkritikern unserer Zeit für seinen Satz „Die mohammedanische Eroberung Indiens ist wahrscheinlich die blutigste Seite der ganzen Geschichte“ (Kulturgeschichte der Menschheit, Band 1, S.401) bekannt. In dem fünften Band seiner Reihe berichtet Durant auch ausführlich über die Entstehung des Islams, die frühen Kalifen, die islamische Expansion und über das islamische Spanien.

Er stellt fest:

Die Emire waren so grausam, wie Macchiavelli es für die Stabilität der Regierung für notwendig erachtete; manchmal waren sie von einer barbarischen und gefühllosen Grausamkeit, wie im Falle des Mutamid, der einen Jugendfreund, der ihn schließlich verriet und beschimpfte, in Stücke hauen ließ.

Es gab ständige Feldzüge, die natürlich von Gräueltaten begleitet waren. Die Verbrechen, die es in al-Andalus gegeben hat und die in einem Bericht der „Weltwoche“ von Eugen Sorg ausführlich beschrieben wurden, sind nicht zu leugnen. Es gab Pogrome gegen Juden, und die Christen waren keine gleichberechtigten Bürger, sondern führten als „Dhimmis“ ein Leben als Menschen zweiter Klasse. An unsere heutigen Maßstäbe kommt kein Herrscher vor dem 20.Jahrhundert heran. Nach heutigen Maßstäben war auch Friedrich der Große ein Diktator, Kriegstreiber, Imperialist, Folterer, Antisemit und Massenmörder. Aber er wird dennoch bis heute in Deutschland bewundert, weil er in seiner Zeit ein gütiger Reformer war.

al-Andalus genoss damals nicht zu Unrecht hohe Bewunderung in der islamischen und der christlichen Welt. Die Region war ein Zentrum von Gelehrsamkeit, auch die christlichen Länder in Spanien (Aragon, Kastilien, Navarra usw.) profitierten davon. Die wissenschaftlichen Errungenschaften der islamischen Welt (also nicht nur die von al-Andalus) werden jedoch von einigen modernen Islamkritikern negiert, in dem man behauptet, dass sie bei näherer Betrachtung von nicht-islamischen Wissenschaftlern aus den besetzten Gebieten stammten. Diese Behauptung ist schlicht falsch, denn die bedeutendsten Intellektuellen aus dem „Goldenen Zeitalter“ waren Muslime:

al-Kindi, u.a. Arzt, Philosoph, Mathematiker.
al-Farabi, Philosoph und Wissenschaftler.
al-Tabari schrieb die erste medizinische Enzyklopädie.
Avicenna, sehr bekannter Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Astronom, Alchemist und Musiktheoretiker.
al-Razi, Arzt, Philosoph und Alchemist.
al-Biruni, ein Universalgelehrter in nahezu allen Disziplinen.
al-Zahrawi, “Vater der modernen Chirurgie”.
al-Chwarizmi, Mathematiker, von ihm leitet sich die Wörter Algorithmus und Algebra ab.
al-Idrisi war der beste Kartograf seiner Zeit und zeichnete den ersten Globus.
al-Maari, atheistischer Dichter und Philologe.

Als nächstes wird eingewendet, dass die Entdeckungen aus dem Goldenen Zeitalter schon zuvor bekannt oder dass die Entdecker Agnostiker oder Atheisten waren und von den damals Herrschenden verfolgt wurden. Das spielt natürlich keine Rolle. Kolumbus war auch nicht der Erste, der Amerika erreichte und James Watt hat nicht die Dampfmaschine erfunden, aber sie haben diese Entdeckungen nun mal bekannt gemacht, genauso wie die muslimischen Wissenschaftler viele schon zuvor gemachte Entdeckungen bekannt gemacht haben. Man könnte ganze Bibliotheken füllen mit Entdeckungen, die in China gemacht, aber von Nicht-Chinesen bekannt gemacht wurden.

Galilei und Giordano Bruno wurden auch von der Kirche verfolgt, und trotzdem gelten ihre Entdeckungen als Erbe der „christlichen“ bzw. „westlichen“ Kultur. Die christliche bzw. westliche Kultur hat diese Entdeckungen nicht wegen, sondern meistens trotz des Christentums hervorgebracht. Bei der islamischen Kultur ist es genauso. Ibn Warraq wies zurecht daraufhin, dass die Wissenschaftler aus dem Goldenen Zeitalter oft von islamischen Klerikern verfolgt wurden. Die Errungenschaften wurden nicht wegen, sondern trotz der islamischen Religion vollbracht. Das Wort „Islam“ steht aber nicht nur für eine Religion, sondern auch für einen Kulturkreis, genauso wie die „christliche“, „jüdisch-christliche“, „abendländische“, „westliche“ (oder wie immer man sie auch nennt) Kultur nicht nur aus dem Christentum besteht.

Aber zurück zu al-Andalus. Über die maurische Zivilisation in Spanien schreibt Durant:

Der Vergleich mit den zeitgenössischen Griechenkaisern fällt zugunsten der Muselmanen aus, und gegenüber dem engherzigen Westgotenregime, das ihnen voraufgegangen war, bedeuteten sie eine entschiedene Verbesserung. In der Führung der öffentlichen Angelegenheiten erwiesen sie sich in dieser Zeit als die fähigsten Herrscher des Westens. Die Gesetze waren vernünftig und menschlich und wurden von einem gut organisierten Richterstand angewandt. Die Unterworfenen wurden in ihren innenpolitischen Angelegenheiten größtenteils nach eigenen Gesetzen und von ihren eigenen Beamten regiert. Die Städte verfügten über gute Polizeikräfte; Märkte, Maße und Gewichte und wurden wirksam überwacht. …

Im Vergleich zu den Steuerlasten in Rom und Byzanz war die Besteuerung vernünftig. Die Einnahmen des cordobanischen Kalifates erreichten unter Abd-er-Rahman III. 12 045 000 Golddinar, eine Summe, die wahrscheinlich die gesamten Staatseinkünfte der lateinischen Christenheit überstieg; diese Einkünfte waren nicht so sehr hohen Steuern zuzuschreiben, als der guten Organisation und der Fortschrittlichkeit von Ackerbau, Handel und Gewerbe.

Über das religiöse Zusammenleben schreibt er:

… die maurischen Behörden (billigten) allen nicht-muselmanischen Religionen die volle Kultfreiheit zu. Die Juden, die von den Westgoten verfolgt und gehetzt worden waren, hatten die Muselmanen bei der Eroberung Spaniens unterstützt; sie lebten nun- bis zum zwölften Jahrhundert- in Frieden mit den Eroberern, kamen zu Reichtum und Bildung und stiegen manchmal zu hohen Staatsstellen auf. Die Christen hatten auf dem Weg zum politischen Vorzug größere Widerstände zu überwinden, und trotzdem gelang manchen der Aufstieg. … Muselmanen und Christen gingen unbehindert Mischehen ein; dann und wann feierten sie gemeinsam einen christlichen oder mohammedanischen Feiertag oder benutzten das gleiche Bauwerk als Kirche und Moschee.

Zwar waren die Christen frei, nicht aber die Kirche. Ihr Grundbesitz war aufgrund einer Verfügung, die sich gegen aktive Widerstandskämpfer richtete, größtenteils eingezogen worden; viele Kirchen waren zerstört worden, neue durften nicht gebaut werden. … Christliche Priester waren auf den Straßen Beschimpfungen durch Muselmanen ausgesetzt. Muselmanische Theologen gaben ungehindert ihre Kommentare zu den Ungereimtheiten ab, die sie in der christlichen Theologie zu finden glaubten, für Christen war es aber gefährlich, in gleicher Münze heimzuzahlen.

Und über den zeitgenössischen Ruf von al-Andalus in Europa berichtet Durant:

Kleriker und Laien aus dem christlichen Europa kamen als Studenten, Besucher oder Reisende frei und ungehindert nach Cordoba, Toledo oder Sevilla. Ein Christ beklagt sich über die Auswirkungen in Worten, die an die althebräische Kritik an den hellenisierenden Juden erinnert: „Meine Mitchristen finden ihren Gefallen an den Dichtwerken und Romanzen der Araber; sie studierten die Werke der mohammedanischen Theologen und Philosophen, nicht um sie zu widerlegen, sondern um sich einen korrekten und eleganten arabischen Stil anzueignen … Ach, die begabtesten jungen Christen kennen keine andere Literatur und Sprache als die arabische; gierig lesen und studieren sie arabische Bücher; sie geben viel Geld aus, um sich ganz Bibliotheken arabischer Werke zuzulegen; allüberall singen sie das Lob des arabischen Wissens.

Auf die Anziehungskraft, die der Islam auf die Christen ausübte; können wir aus einem Briefe des Jahres 1311 schließen, in welchem die Zahl der mohammedanischen Bevölkerung von Granada zu dieser Zeit mit 200 000 angegeben wird, welche mit Ausnahme von 500 samt und sonders Nachkommen von zum Islam bekehrten Christen waren. Oft gaben Christen ihre Vorliebe für die muselmanische Herrschaft vor der christlichen Herrschaft Ausdruck.

(Quelle: Will Durant, „Kulturgeschichte der Menschheit„, Band 5, S.555-558)

Durant schreibt auch, dass Wissenschaft und Philosophie im Vergleich zu anderen islamischen Staaten der damaligen Zeit vernachlässigt wurden und dass Apostasie und Kritik am Islam meistens bestraft wurden, obwohl es auch agnostische und atheistische Bewegungen gab. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es in al-Andalus keine „Toleranz“ gab, die unseren Vorstellungen von diesem Wort entspricht und al-Andalus folglich auch nicht als Beispiel für die Moderne dienen kann, und die Mauren keineswegs friedlich waren, sondern viele Eroberungskriege führten. Aber für die damalige Zeit waren sie im Vergleich zum christlichen Europa toleranter, wirtschaftlich und kulturell höher entwickelt und werden ihrem historischen Ruf gerecht.

Die „Reconquista“ und das katholische Spanien

Die „Reconquista“, also die Ansicht, dass es einen 783-jährigen Kampf der Christen gegen die muslimischen Fremdherrscher gegeben hat, ist ein reiner Mythos ohne jeglichen Wahrheitsgehalt. Die christlichen Nationen der Iberischen Halbinsel bekriegten sich während 711 bis 1492 häufiger, als dass sie gemeinsam gegen die Mauren kämpften. Manchmal kämpften christliche Länder gemeinsam mit den Mauren gegen andere christliche Länder. Der spanische Nationalheld „El Cid“ kämpfte sowohl für die christlichen Länder als auch für die Mauren. Laut der deutschen Wikipedia wurde der Begriff „Reconqusita“ nicht mal in Spanien erfunden:

Der Begriff Reconquista wurde im Mittelalter auf der Iberischen Halbinsel noch nicht verwendet; er wurde erst in der Neuzeit von der französischen Forschung eingeführt und gelangte dann von dort aus in die spanische Geschichtsschreibung.

(Der Begriff wird auch heute noch gerne von Leuten verwendet, die offenbar keine allzu gute Meinung vom Islam haben. So gibt es einen deutschsprachigen Blog mit dem Namen „Reconquista Europa- Für Freiheit und Demokratie“.)

Es gab einige kurzzeitige Perioden, in der die christlichen Länder Spaniens vereint gegen die Mauren kämpften. Dabei waren sie vor allem zwischen 1212 und 1250 ziemlich erfolgreich. Im Jahr 1250 war Spanien eigentlich schon befreit, nur das kleine Emirat Granada (das bis zu seinem Untergang eine Zeit kultureller Blüte erlebte), blieb noch muslimisch. Doch bis zum Jahr 1492 ließen sich die christlichen Spanier noch Zeit, um sich gegenseitig zu bekriegen, bevor sie 1492 dann auch noch Granada einnahmen und die islamische Anwesenheit in Spanien für immer beendeten. Damit begann eine sehr dunkle Phase in der spanischen Geschichte.

Es folgte das Ende der Kleinstaaterei und die Zentralisierung der iberischen Halbinsel (nur Portugal konnte sich retten) unter den katholischen Königen. Aus vergleichsweise toleranten, wirtschaftlich erfolgreichen und kulturell reichen Staaten wurde eine katholische Tyrannei, die sich den Kampf gegen die Juden, Mauren und Protestanten zum Ziel setzte, die heilige Inquisition einführte und es schaffte, trotz der massiven Gold- und Silberimporten aus den Hochkulturen Mittel- und Südamerikas, die man ebenfalls zerstörte, alleine im 16.Jahrhundert dreimal bankrott zu gehen.

Die Juden wurden 1492 durch den Alhambra-Edikt nach jahrhundertelanger Anwesenheit vollständig vertrieben, später wurden auch die christlichen Konvertiten („Marranen“) verfolgt. Die Mauren wurden ebenfalls mehrere Male vertrieben, was für Spanien ein wirtschaftliches Desaster bedeutete. Im Jahr 1609 wurden 300.000 Mauren vertrieben, damals 4% der spanischen Bevölkerung, außerdem wurden arabische Sprache, Tänze, Bäder und Schriften verboten. Nicht nur in Spanien wurden Ungläubige verfolgt und vertrieben, auch in Amerika etablierten die Spanier eine brutale Apartheid (wobei die Opferzahlen der Inquisition von Historikern oft weit überschätzt wurden und die meisten Indios durch die von den Spaniern eingeschleppten Krankheiten starben).

Im Jahr 1619 schrieb der Marqués von Gondomar an Philipp III.:

Die Entvölkerung, die Armut, das Elend des heutigen Spanien sind derart, dass die Fremden berichten, das Reisen sei schwieriger und unbequemer als in irgendeinem verlassenen Land Europas, denn es gebe weder Betten, noch Herbergen, noch Mahlzeiten, und das infolge der zahlreichen Steuern und Bedrückungen, die auf Ihren Untertanen lasten … Und Gondomar fügt, im Vergleich des Zustands seines Landes mit dem Englands, hinzu: In Spanien leisten mehr als fünf Personen auf sechs nichts für den Handel und die Erhaltung des menschlichen Lebens, während in England und in Holland auf hundert Menschen nicht einer müßig geht. Die aus Amerika gekommenen Schätze haben Verheerungen zur Folge gehabt, das Land zugrunde gerichtet und die Arbeit getötet.“

(Quelle: Jean-Louis Jacquet, Die spanischen Bourbonen, S.7)

Juan Goytisolo berichtet über den Niedergang Spaniens im 17.Jahrhundert:

In den letzten Lebensjahren der habsburgischen Dynastie (1665-1700) ist das Land fast völlig gelähmt: Nach der Wissenschaft, dem Handel und der Technik erstirbt allmählich auch die Malerei, die Lyrik, der Roman und das Theater. Besessen von dunklen, uneingestandenen Ängsten, von teuflisch-verführerischen Nachtgestalten männlichen und weiblichen Geschlechts, sind die Spanier dazu übergegangen, unerbittlich und grausam gegen sich selbst anzukämpfen, um so die Dämonen im eigenen Innern zu verjagen und auszurotten. Auf dem Altar dieses unmöglichen Exorzismus opferten sie der Reihe nach den Handel, die Industrie, die Wissenschaft und die Künste. …

Spanien vegetiert dahin in Armut, Aberglauben und Unwissenheit. Es scheint, als gehe die Zeit nicht mehr weiter, als stehe sie still. In seiner detaillierten Studie über das Spanien des achtzehnten Jahrhunderts bemerkt (Jean) Sarrailh (1891-1964): „Der königliche Hof in seinem äußerlichen Prunk und Pomp scheint die Schönheit und Größe der Reglosigkeit zu verherrlichen. Einer unveränderlichen Etikette unterworfen, funktioniert er nach den Regeln feststehender Riten, die so heilig sind wie die der Religion. Die kleinsten Gesten sind durch ein überliefertes Reglement vorherbestimmt.“

Über die Folgen der Inquisition zitiert Goytisolo den spanischen Schriftsteller José Cadalso (1741-1782):

„Der Spanier, der heute seine Werke veröffentlicht“, erklärt Cadalso, „schreibt sie mit unendlicher Vorsicht und zittert, wenn die Zeit naht, wo sie gedruckt werden sollen … So kommt es, dass viele Männer, deren Schriften für das Vaterland von Nutzen wären, diese verbergen; und die Ausländer bekommen angesichts der Werke, die in Spanien ans Licht kommen, eine Meinung von den Spaniern, die diese nicht verdient haben. Ist das Urteil auch falsch, so ist es doch nicht mutwillig, denn die Werke, die Beifall verdienten, bleiben versteckt.“

Die intellektuelle Aktivität wurde besonders durch die Inquisition massiv behindert:

Die intellektuelle Aktivität ist versiegt, und neues Leben kann nur von draußen kommen: Die Inquisition versucht darum mit allen Mitteln, eine solche Ansteckung zu verhüten. Im Jahr 1502 hatten die Reyes Católicos, wie wir sahen, die Einfuhr von Büchern verboten, um die Verbreitung der Ideen von Exiljuden zu unterbinden, von Vertriebenen, die in Frankreich, England und Holland sich endlich frei ausdrücken konnten. Im achtzehnten Jahrhundert gilt die Überwachung vor allem den enzyklopädistischen Ideen. Die Bücher von Voltaire, Rousseau, Montesquieu, Diderot, D’Alambert, Holbach, Mirabeau werden mit Ingrimm verfolgt. Ein Marineoffizier wird angeklagt, weil er in seiner Wohnung eine Büste von Voltaire habe. …

Die Darstellung des ganzen Kampfes zwischen den Aufklärern und dem verschlafenen, schlaffen Spanien würde zuviel Raum verlangen. Es genügte der Hinweis auf das bittere Wort von Blanco White, demzufolge man nur in den Registern des Heiligen Offiziums nachsehen müsse, um die Namen derjenigen Spanier zu erfahren, die selbständig dachten. Ohne es zu wissen, wiederholte Blanco damit auf seine Weise den Ausspruch des berühmten französischen Bischofs und Kanzelredners Jacques Bossuet: „Un hérétique est celui qui a une opinión – Häretiker ist derjenige, der eine eigene Meinung hat.“ Zur Beruhigung des Lesers sei hinzugefügt: In Spanien hat es seit eh und je sehr wenige Ketzer gegeben.

(Quelle: Juan Goytisolo, „Spanien und die Spanier„, S.65-76)

Der König Philipp II., der zeitweise über Spanien, Portugal, den Niederlanden, Süditalien und große Teile Amerikas herrschte und bei den Genoziden gegen die Hugenotten in Frankreich mithalf, wollte auch noch England erobern, scheiterte jedoch kläglich. Ab dem 17.Jahrhundert war Spanien (nach einer kurzen kulturellen Blüte im 16.Jahrhundert) dann schließlich politisch, wirtschaftlich, militärisch und kulturell bedeutungslos für Europa. Georg Christoph Lichtenberg sagte zum spanischen Weltreich treffenderweise: „Es kommt nicht darauf an, ob die Sonne in eines Monarchen Staaten nicht untergeht, wie sich Spanien ehedem rühmte; sondern was sie während ihres Laufes in diesen Staaten zu sehen bekommt.“

Wenn es überhaupt etwas gibt, dass aus dem Zeitalter von al-Andalus und der Reconquista für unsere heutige Zeit von Bedeutung ist, dann die Einsicht, dass Kulturen nicht unveränderlich sind, sondern sich ständig verändern und es immer wieder auf und ab gehen kann. Die islamische Welt ist folglich auch nicht für alle Zeiten unveränderlich, genauso wenig wie die westliche Welt. Allein in den letzten 40 Jahren hat die islamische Welt massive Veränderungen durchgemacht, leider nicht zum Guten hin. Wer glaubt, dass es kein „Goldenes Zeitalter“ gab, dass die islamische Welt 1400 Jahre lang keine Veränderungen durchgemacht hat und auch nicht zu Veränderungen imstande ist, betreibt ideologische Geschichtsklitterung.

22 Antworten to “Geschichtsstunde: al-Andalus und die Reconquista”

  1. besucher Says:

    Man kann diese Génération Identitaire in gewissen Punkten schon verstehen. Niemand weiß was passiert wäre wenn die Franken den Arabern unterlegen gewesen wären, wahrscheinlich wären sie bis zum Rhein durchmarschiert.
    Ein Blick auf Konstantinopel lohnt in dieser Hinsicht immer, wenn man davon ausgeht dass es sich wirklich damals um eine islamische Expansion handelte.
    Einige Forscher sind nämlich der Meinung dass dem nicht so war und die damaligen als Sarazenen bekannten Araber nur ein Machtvakuum füllten welches Byzanz und die Perser nach ihren blutigen Kriegen gegeneinander hinterließen.
    Die historische Problemstellung ergibt sich dadurch dass die Quellenlage über Mohammed und eine neue Religion aus dieser Zeit so gut wie gar nicht vorhanden ist. Alles was wir haben (angebliche Prophetenbiographien, die Hadithe und so weiter) sind spätere Abschriften und auch mystische Verklärungen die keiner historischen Prüfung standhalten.
    Deswegen waren diese Sarazenen (Araber) auch noch keine Moslems im heutigen Sinne. Es gab noch keine Rechtsschulen und keine islamische Orthodoxie.
    Und von Mohammed und dem Islam ist auch keine Rede.
    Ich empfehle diese Quelle hier (Arculf im heiligen Land ab 670):
    http://faculty.colostate-pueblo.edu/beatrice.spade/seminar97/arculf/arculfus.htm

    http://en.wikipedia.org/wiki/De_Locis_Sanctis

    Es ist schon merkwürdig wie wenig Arculf über die „glorreichen Mohammedaner“ zu berichten weiß:

    But in that renowned(6) place where once the Temple had been magnificently constructed, placed in the neighbourhood of the wall from the east, the Saracens now frequent a four-sided house of prayer, which they have built rudely, constructing it by raising boards and great beams on some remains of ruins: this house can, it is said, hold three thousand men at once.

    Es geht hierbei um den Felsendom.

    Ich vermute mal das diese Araber Arianer waren.
    In Nordafrika gab es auch viele Arianer (auch unter den Vandalen im heutigen Algerien und Tunesien) und wenn man sich ein bisschen näher mit dem Arianismus beschäftigt erscheinen doch viele Ähnlichkeiten mit dem Islam.

    • arprin Says:

      Man kann diese Génération Identitaire in gewissen Punkten schon verstehen.

      Ich kenne diese Organisation kaum. Das einzige, was ich von denen kenne, ist diese „Kriegserklärung“.

      Die Moscheebesatzung hatte jedoch nichts mit einer friedlichen Erinnerung an ein historisches Ereignis zu tun, sondern war einfach pure Randale.

      Niemand weiß was passiert wäre wenn die Franken den Arabern unterlegen gewesen wären

      Dieses „Was wäre, wenn …“ lässt sich endlos fortführen. Man kann auch sagen dass es gut gewesen wäre wenn die Römer die Germanen besiegt hätten. Aber vielleicht wäre die römische Zivilisation stagniert und am Ende würde Europa heute schlechter darstehen als heute. Wir wissen, dass die islamische Zivilisation später stehen geblieben ist, damals war die maurische Zivlisation der französischen jedoch überlegen. Was sich sagen lässt: Jede gewalttätige Eroberung ist ein Verbrechen, egal ob die germanische Eroberung Europas oder die islamische Expansion.

      Die historische Problemstellung ergibt sich dadurch dass die Quellenlage über Mohammed und eine neue Religion aus dieser Zeit so gut wie gar nicht vorhanden ist.

      Das ist bei vielen anderen Herrschern auch so. Alexander, Cäsar, Karl der Große usw.

  2. besucher Says:

    ahh,,,in meinem Kommentar sind wohl zuviele Links, bitte noch freischalten!

  3. besucher Says:

    Wurde denn bei der Moscheebesetzung irgendetwas zerstört dass den Begriff Randale rechtfertigen würde?
    Wenn man dieser Argumentation folgt dann kann man auch behaupten dass Pussy Riot Randale gemacht hätten.

    • arprin Says:

      Naja, wenn 70 Personen einen Neubau besetzen und das Dach erklimmen, ist das schon eher “Randale” als Protest. Sie hätten ja auch vor der Moschee protestieren können. Trotzdem muss man sie dafür nicht ins Gefängnis schicken, und schon gar nicht für 2 Jahre ins Straflager.

      • Besucher Says:

        Pussy Riot hätten auch vor der Kirche „auftreten“ können 😉 ich weiß allerdings nicht welche Strafen die Identitären erwartet. Hier in unseren tollen Medien wurde ja kaum etwas berichtet.

      • arprin Says:

        Pussy Riot und die Identitären waren beide Randalierer und hätten mit einer Abmahnung bestraft werden sollen. In Frankreich wurden 3 der Randalierer vorübergehend verhaftet, in Russland war die Strafe bekanntlich anders.

  4. aron2201sperber Says:

    Obwohl die Menschen zu früheren Zeiten wesentlich gläubiger waren als in der heutigen Zeit, war der Zugang zu den Quellen der Religion stark eingeschränkt.

    Nur ein winziger Bruchteil der christlichen Bevölkerung Europas konnte überhaupt lesen und die Messen wurden in lateinischer Sprache mit dem Rücken zur Gemeinde vorgetragen.

    Um ein guter gläubiger Christ zu sein, reichte es zu wissen, dass Jesus der Sohn Gottes ist und sich kreuzigen ließ, um das Leid der Menschheit auf sich zu nehmen.

    Zahlreiche Generationen von Christen haben brav Kirchen erbaut, Gottesdienste besucht, ohne sich tiefer mit den Quellen ihrer Religion zu beschäftigen.

    Ähnlich ist es wohl auch in der islamischen Welt zugegangen.

    Die Religion wurde als Ritual gelebt, das dazu diente den Zusammenhalt der Gesellschaft zu festigen. Diese Rituale ähneln sich in allen Gesellschaften.

    Die 3 Weltreligionen haben ähnliche Regeln und Rituale – sowohl Christentum als auch Islam berufen sich auf die Propheten des alten Testaments – und teilen eine gemeinsame Geschichte – mit gegenseitiger Beeinflussung.

    Um ein gläubiger Muslim zu sein, war es völlig ausreichend, die Grundsätze der 5 Säulen des Islams einzuhalten. Genauso wie ein gläubiger Christ keineswegs über tiefe Bibelkenntnisse zu verfügen brauchte.

    Es ist jener Islam, den Orientalisten und Islamwissenschaftler sich zu ihrem Forschungsgegenstand gemacht haben:

    Eine faszinierende Kultur, die zeitweise unserer christlichen Kultur sogar an Wissen und Entwicklung überlegen war.

    Eine Zivilisation, die bereit war, fremde Errungenschaften zu übernehmen und weiterzuentwickeln – eine Eigenschaft, die auch unsere Zivilsation groß gemacht hat.

    Der Islam, mit dem wir heute ein Problem haben, ist ein „neuer Islam“, der die „alten Quellen“ ernst nimmt.

    Zur Zeit der Reformation hat das Christentum ähnliche Entwicklungen durchgemacht.

    Auch Luther wollte zu einer puren Lehre zurückkehren.

    Insbesondere durch die Bibelübersetzung in die deutsche Sprache wurde die christliche Religion in ihrer puren Bedeutung erstmals einer Vielzahl von Menschen zugänglich gemacht.

    Islamisten folgen möglichst getreu dem Vorbild des Propheten und nicht, wie sich das Orientalisten (und wir alle) wünschen würden, dem herkömmlichen Volksislam, der Judentum, Christentum und letztlich jeder Religion ähnlich ist.

    Es ist leider genau dieser Islam, der starken Zulauf hat, und es ist dieser Islam, der mit der aufgeklärten Welt zusammenprallt.

    Daher sind die Einblicke, die uns Orientalisten und Islamwissenschaftler liefern leider wertlos.

    • arprin Says:

      Danke für deinen Kommentar. Ich stimme dir in allem zu.

      Daher sind die Einblicke, die uns Orientalisten und Islamwissenschaftler liefern leider wertlos.

      Genauso ist es. Todenhöfer z.B. betont in seinem Zaid-Buch, wie tolerant die Muslime damals waren, ohne dabei die heutige Situation zur Kenntnis zu nehmen. Für ihn ist der tolerante Islam einfach zu schön, um sich davon zu verabschieden.

  5. Thomas Holm Says:

    http://de.scribd.com/doc/95466627/Robert-Spencer-Muhammad-Prophet

    zum Einstieg; zur Vertiefung dann:

    http://www.thessalonikisymposium.org/pdf/Ansary_Destiny_Disrupted.pdf

    Von dort über das Ende der Umayyaden im Prophetenland, deren einziger Überlebender dann Al Andalus aufzog (also eher a-typisch für den Islam)

    Just as everyone was getting ready to tie into the meal,
    however, the waiters threw off their robes to reveal armor underneath. They weren’t waiters, it turned out, but executioners. The Umayyads jumped to their feet, but too late: the doors had all been locked. The soldiers proceeded to club the Umayyads to death. From that time on, Abbas went by a new title, al-Saffah, which means „the slaughterer.“ Apparently, he took some pride in what he had done. (s. 85/86)

    Sowie natürlich über Mo. Tom Holland !!

  6. Der neue alte Islam « Aron Sperber Says:

    […] alten faszinierenden Kultur, die zeitweise unserer christlichen Kultur an Wissen und Entwicklung überlegen war. Eine Zivilisation, die bereit war, fremde Errungenschaften zu übernehmen und […]

  7. shaze86 Says:

    Sehr interessanter Artikel.

    Wer nur Teile der Geschichte mit den „heutigen Maßstäben“ misst, ist ein Betrüger.

  8. besucher Says:

  9. Der neue alte Islam | Aron Sperber Says:

    […] alten faszinierenden Kultur, die zeitweise unserer christlichen Kultur an Wissen und Entwicklung überlegen war. Eine Zivilisation, die bereit war, fremde Errungenschaften zu übernehmen und […]

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