Die acht Stufen von Völkermord

Überreste der Opfer des Völkermords in Ruanda

Nach einem Völkermord sind die Menschen oft ratlos und können sich nicht erklären, wie andere Menschen zu solchen Taten fähig sind. Aber Völkermorde sind in der Geschichte so oft vorgekommen, dass sie nicht unerklärlich sein können- und auch nicht unvorhersehbar wie z.B. Tornados oder Erdbeben. Der Genozidforscher Gregory Stanton, Präsident von „Genocidewatch“, beschäftigte sich mit dem Thema und verfasste einen Text, der sich mit der Dynamik von Völkermorden beschäftigte. Er stammt von 1998, die genauen Informationen sind daher etwas veraltet (so gibt es mittlerweile einen Internationalen Strafgerichtshof und ein Tribunal für den Völkermord der Roten Khmer in Kambodscha). Aber er hilft ungemein, um die Dynamik von Völkermorden zu verstehen und notfalls Präventivmaßnahmen vorzubereiten.

Laut Stanton gibt es 8 Phasen eines Völkermords, die vorhersehbar, aber nicht unaufhaltsam sind: Klassifizierung, Symbolisierung, Entmenschlichung, Organisierung, Polarisierung, Vorbereitung, Vernichtung und Leugnung- wobei es wichtig ist, anzumerken, dass die ersten beiden Stufen allein keine Gefahr darstellen, und auch in Demokratien gang und gäbe sind. Wenn es um das Verbot von Symbolen oder „Hate Speech“ geht, stimme ich Stanton nicht zu, da dies die Meinungsfreiheit untergräbt. Momentan stehen laut „Genocidewatch“ Südafrika und der Iran unter den Staaten, die das Potenzial zu einem Völkermord aufweisen, ganz oben auf der Liste. Beide befinden sich auf der sechsten Stufe: Vorbereitung.

Die acht Stufen von Völkermord

(in gekürzter, deutscher Fassung)

1. Klassifizierung: Alle Kulturen haben Kategorien, um Menschen in „sie und uns“ zu unterscheiden: Deutsche und Juden, Hutu und Tutsi. Bipolaren Gesellschaften, denen es an gemischten Kategorien mangelt, wie Ruanda und Burundi, sind die, in denen Völkermord am wahrscheinlichsten ist. Die wichtigste Präventivmaßnahme während dieser Stufe ist, Institutionen zu schaffen, die ethnische und rassische Grenzen überschreiten und aktiv Toleranz und Verständnis fördern. Die katholische Kirche hätte diese Rolle in Ruanda spielen können, wenn sie nicht durch dieselben ethnischen Spaltungen zerrissen gewesen wäre wie die ruandische Gesellschaft. In Ländern wie Tansania hat die Förderung einer Verkehrssprache geholfen, eine nationale Identität zu schaffen. Die Suche nach Gemeinsamkeiten ist für die frühe Prävention von Völkermord entscheidend.

2. Symbolisierung: Wir geben den Klassifizierungen Namen oder andere Symbole. Klassifizierung und Symbolisierung sind allgemein menschlich und resultieren nicht unweigerlich in Völkermord, es sei denn, sie führen in die nächste Stufe, Entmenschlichung. Wenn sie mit Hass kombiniert werden, können Symbole widerwilligen Paria-Gruppen mit Gewalt aufgezwungen werden: der gelbe Stern für die Juden unter der Nazi-Herrschaft, der blaue Schal für Menschen aus dem Osten im Kambodscha der Roten Khmer. Die Ablehnung von Symbolisierung kann, wenn sie weitgehend unterstützt wird, große Wirkung entfalten, wie in Bulgarien, wo die Regierung sich weigerte, genug gelbe Abzeichen bereitzustellen und mindestens 80% aller Juden sie nicht trugen, was diesem Symbol die Bedeutung raubte.

3. Entmenschlichung: Eine Gruppe leugnet die Menschlichkeit der anderen Gruppe. Mitglieder dieser Gruppe werden mit Tieren, Insekten oder Krankheiten gleichgesetzt. Die Entmenschlichung überwindet die normale menschliche Hemmung vor dem Morden. Während dieser Stufe wird die Opfergruppe durch Hasspropaganda in den Medien herabgewürdigt. Um gegen die Entmenschlichung vorzugehen, sollte man Anstiftung zu Völkermord nicht mit freier Rede verwechseln. Lokale und internationale Führer sollten Hassreden verurteilen und sie für kulturell inakzeptabel erklären. Führer, die zu Völkermord aufrufen, sollten internationale Einreiseverbote bekommen und ihre ausländischen Konten eingefroren werden.

4. Organisierung: Völkermord ist immer organisiert, gewöhnlich vom Staat, der oft Milizen benutzt, um die staatliche Verantwortung zu leugnen (die Janjaweed in Darfur). Manchmal ist die Organisation informell (von lokalen RSS-Militanten angeführte Hindu-Mobs) oder dezentralisiert (terroristische Gruppen). Spezielle Armeeeinheiten oder Milizen werden oft trainiert und bewaffnet. Um diese Stufe zu bekämpfen, muss die Mitgliedschaft in diesen Milizen verboten werden. Ihren Anführern sollte Visa für Auslandsreisen verweigert werden. Die UNO sollte Waffenembargos für Regierungen und Bürger von Ländern verhängen, die in genozidale Massaker verwickelt sind, und Kommissionen schaffen um Verstöße zu untersuchen, so wie es in Ruanda nach dem Völkermord geschehen ist.

5. Polarisierung: Extremisten treiben die Gruppen auseinander. Hassgruppen strahlen polarisierende Propaganda aus. Möglicherweise verbieten Gesetze Mischehen oder soziale Interaktion. Extremistischer Terrorismus zielt auf Moderate, um sie einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Die Moderaten auf der Täterseite sind am ehesten in der Lage, Völkermord zu verhindern, aber auch die ersten, die verhaftet und ermordet werden. Der Schutz von moderaten Führern oder die Unterstützung von Menschenrechtsgruppen kann präventiv wirken. Das Vermögen von Extremisten kann beschlagnahmt und Visa für internationale Reisen verweigert werden. Staatsstreiche von Extremisten sollten durch internationale Sanktionen bekämpft werden.

6. Vorbereitung: Todeslisten werden aufgestellt. Angehörige von Opfergruppen werden gezwungen, kennzeichnende Symbole zu tragen. Ihr Eigentum wird konfisziert. Sie werden oft in Ghettos gezwungen, in Konzentrationslager deportiert oder in eine von Hunger geplagte Region eingesperrt und ausgehungert. An dieser Stelle muss eine Völkermordgefahr ausgerufen werden. Wenn der politische Willen der Großmächte, der regionalen Bündnisse oder des UN-Sicherheitsrats mobilisiert werden kann, sollte eine internationale Militärintervention vorbereitet oder massive Unterstützung für die Opfergruppe bereitgestellt werden, um ihre Selbstverteidigung zu gewährleisten. Andernfalls sollte zumindest humanitäre Unterstützung von der UNO und privaten Hilfsgruppen organisiert werden, um die unvermeidliche Flut von Flüchtlingen zu bewältigen.

7. Vernichtung beginnt, und entwickelt sich schnell zu dem, was man rechtlich „Völkermord“ nennt. Für die Mörder ist dies eine „Vernichtung“, weil sie nicht glauben, dass ihre Opfer vollwertige Menschen sind. Wenn es vom Staat unterstützt wird, arbeitet das Militär oft mit Milizen zusammen, um die Morde durchzuführen. Während dieser Stufe kann nur eine schnelle und umfassende Militärintervention den Völkermord stoppen. Wirkliche Sicherheitszonen oder Flüchtlingskorridore sollten mit internationalem Schutz geschaffen werden (eine unsichere „sichere“ Zone ist letztlich besser als gar keine). Wenn die UNO paralysiert ist, müssen regionale Bündnisse handeln. Wenn Großmächte keine Truppen für eine Intervention bereitstellen wollen, sollten sie die regionalen Staaten mit Luftbrücken, Ausrüstung und finanziellen Mitteln unterstützen.

8. Leugnung ist die achte Stufe, die immer nach einem Völkermord folgt. Sie ist eine der sichersten Anzeichen von umfassenden genozidalen Massakern. Die Täter verscharren die Massengräber, verbrennen die Leichen, versuchen die Beweise zu verbergen und schüchtern die Zeugen ein. Sie leugnen alle Verbrechen die sie begangen haben und geben oft den Opfern die Schuld für das, was passiert ist. Sie verhindern Ermittlungen zu den Verbrechen und bleiben an der Regierung, bis sie mit Gewalt von der Macht entfernt werden, um dann ins Exil zu gehen. Die Antwort auf Leugnung ist Bestrafung durch ein internationales Tribunal oder durch nationale Gerichte. Dort können die Beweise gehört und die Täter verurteilt werden.

(s. auch: 12 Wege, um einen Völkermord zu leugnen)

12 Antworten to “Die acht Stufen von Völkermord”

  1. Olaf Says:

    Der Völkermord an den Deutschen am Ende des zweiten Weltkrieges wird gerne vergessen.
    Ideologen sind keine guten Historiker.

    • arprin Says:

      Der Völkermord an den Deutschen am Ende des zweiten Weltkrieges wird gerne vergessen.

      Ich würde sagen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kriegsverbrechen der Allierten würde ich nicht als Völkermord einstufen, die systematische Vertreibung und Ermordung von Millionen Deutschen in den Ostgebieten dagegen erfüllt die Definition.

  2. Thomas Holm Says:

    Un-einsortiert ist noch das Phänomen des (wirklich) sogenannten:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Schmutziger_Krieg

    Völlige Ratlosigkeit befällt jedwede Ethik, wenn die Opposition im Kampf um die Macht auch nicht besser ist, als das Regime, was im Kontext des sog. Arabischen Frühlings und namentlich in Syrien der Fall ist.

    • arprin Says:

      Es handelt sich dabei per Definition nicht um Genozid. Rummel nannte es „Demozid“, oder genauer „Politizid“:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Demozid

      Im 20.Jahrhundert dürften mehr Menschen durch Politizd umgebracht worden sein als durch Genozid.

    • Alfons Says:

      Da stimme ich zu und das ist der Punkt der mich an Stantons genocidewatch stört. So haben sie für Syrien bereits den genocide emergency (also einen momentan ablaufenden Genozid) ausgerufen. Diese Vermengung finde ich kontraproduktiv.

      Es lässt Assad zwar kaum besser dastehen, aber er und sein Regime sind „nur“ Massenmörder, keine Völkermörder. Er gehört zwar auch vor ein Gericht, der Unterschied liegt aber meines Erachtens der Verpflichtung und Möglichkeit eine Eingreifens von aussen. Assad und seine Gefolgsleute kämpfen mit den Rücken zur Wand. In dieser Situation scheint mir ein Eingreifen, dass tatsächlich das Töten beendet nur schwer möglich.

      • arprin Says:

        Es lässt Assad zwar kaum besser dastehen, aber er und sein Regime sind “nur” Massenmörder, keine Völkermörder.

        In Syrien gibt es schon einige Fälle von „ethnischen Säuberungen“, aber ich würde auch nicht von Völkermord sprechen.

        Wobei es eine willkürliche Festsetzung ist, dass ein Völkermord ein Eingreifen verpflichtet, ein Massenmord aber nicht.

  3. arprin Says:

    Momentan haben laut „Genocidewatch“ auch die D.R. Kongo und Burma Völkermordgefahr erreicht. In Burma werden die muslimischen Rohingaya brutal verfolgt:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/ethnische-unruhen-tausende-menschen-in-burma-auf-der-flucht-a-863765.html

    Auch in Syrien könnte es durch die zunehmende Ethnisierung des Konflikts zu Massakern genozidalen Ausmaßes kommen.

  4. | bullenscheisse Says:

    […] Es waren Menschen. Kurz bevor ich gegangen bin, wies mich ein Herr noch auf die 8 Phasen der Völkermords hin. Danach habe ich mir den Wikipedia-Artikel zum Völkermord in Ruanda […]

  5. Gerhard Adam Says:

    Sehr geehrter Verfasser von „Die acht Stufen von Völkermord“!
    Wir würden Ihren Artikel gerne in einem unserer Unterrichtsmaterialien verwenden.
    Dafür benötigen wir Ihre Emailadresse um eine konkrete Copyrightanfrage an Sie zu richten.
    Sollten wir innerhalb von zwei Wochen keine Antwort erhalten, so müssen wir dies als Zustimmung zur Verwendung Ihres Artikels werten.
    Mit besten Grüßen,
    Gerhard Adam
    Südwind Steiermark

  6. Joerg Says:

    Danach habe ich gesucht. Vielen Dank dafür!

    Kann man dieses direkt auf die Flüchtlingsdebatte
    in Deutschland ummünzen? Entsteht ein Völkermord
    nur durch die Regierung bzw einem kleinen Teil der
    sogenannten Elite oder muss es innerhalb der
    Bevölkerung „keimen“?
    Ich habe momentan die Bedenken, dass durch die
    Flüchtlingsdebatte in Deutschland bereits damit
    begonnen wird diese Menschen zu „entmenschlichen“.
    Schaut man sich einige Kommentare bei Facebook und
    Co an, dann sieht das doch schon arg danach aus.
    Und schaut man dann auf die Profile der Verfasser,
    sieht man meistens noch 1-2 Kinder dabei, wo man
    sich schon sicher sein kann, dass diese von Ihren
    Eltern indoktriniert werden. Die Gefahr eines
    Völkermords in Deutschland ist ja nun sicherlich
    nicht gegeben, aber weicht diese ganze Debatte
    nicht „langsam“ auf und 2-3 Generationen weiter
    kann man dann nicht mehr „sicher“ sein das es nicht
    nochmal geschieht?
    Deswegen sollte man doch jeden dummen Kommentar
    bzgl Flüchtlinge und klauen unser Geld und unsere
    Arbeit und Schmarotzen usw doch rigoros bekämpfen und
    für Aufklärung sorgen?
    Ist wohl sehr weit hergeholt aber beginnt es nicht immer
    so?

    • arprin Says:

      Es gibt zwar Hass gegen Flüchtlinge, aber ich würde das nicht mit genozidalem Hass gleichsetzen, und wenn doch, dann ist das nur bei einer winzigen Minderheit so. In Deutschland droht bei den derzeitigen Bedingungen auch in Zukunft kein neuer Völkermord.

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