Die Manchester-Legende

Kinderarbeit- Eine Erfindung des Frühkapitalismus?

Kinderarbeit- Eine Erfindung des Frühkapitalismus?

Einer der großen Mythen über den Kapitalismus ist der, dass der Frühkapitalismus, also der „Manchesterliberalismus“, zur Verelendung der Arbeiter geführt und die Kinderarbeit erhöht hätte. Es handelt sich dabei um einen Geschichtsmythos, der von Historikern aus ideologischen Gründen erschaffen wurde. Roland Baader setzte sich in seinem 1999 erschienenen Buch „Die belogene Generation“ kritisch mit diesem Geschichtsmythos, den er die „Manchester-Legende“ nannte, auseinander, ohne das Elend dieser Zeit zu verharmlosen.

Aus “Die belogene Generation” (S.72-76)

Der spektakulärste Bericht darüber aus jener Zeit, der auch Friedrich Engels als Hauptstütze seiner Argumentation gedient hat, war eindeutig und absichtlich gefälscht. Gleichwohl dient dieser sogenannte “Sadler-Report” (Bericht des gewählten parlamentarischen Komitees zur Untersuchung der Fabrikkinderarbeit 1831 bis 32 in England) den Feinden des Marktes und der Freiheit als authentisches Zeugnis.

(…)

Eine weitaus objektivere Darstellung finden wir bei einem Autor, der von der einschlägig-einseitigen Geschichtsschreibung totgeschwiegen wird, obwohl er ein erklärter Gegner des (damals so genannten) “Fabriksystems” war, nämlich bei einem Arzt mit Namen Philipp Gaskell (“The Manufacturing Population of England”, London 1833). In seinem Werk, obwohl höchst kritisch, findet sich kein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Fabrikwesen und ökonomischer Verschlechterung der Lage der Arbeiter. In dieser Hinsicht, so Gaskell, sei eine wesentliche Verbesserung der Lebensumstände eingetreten (Wogegen er wetterte, war der- in seiner Sicht moralisch verwerfliche- Verlust der “Unabhängigkeit” der Arbeiter, wie immer auch die “Unabhängigkeit” seiner Meinung nach vorher ausgesehen haben mag). Was die Kinderarbeit angeht, werden die Verhältnisse jedoch in ein ganz anderes Licht gestellt als uns üblicherweise vorgegaukelt wird. Gaskell erregt sich nicht über die betrieblichen, sondern über die unmoralischen häuslichen Gegebenheiten-wie Schmutz, Alkoholismus und Schamlosigkeit der Eltern-, in denen die Kinder aufwachsen müssen. Die Beschäftigung von Kindern in Fabriken, schrieb er, könne so lange nicht als Übel betrachtet werden als die zeitgenössische Moral und die häuslichen Sitten der Bevölkerung sich nicht radikal ändern würden. Solange für die Kinder keine häusliche Erziehung in Sicht sei und sie einem Leben als Wilde überlassen blieben, sei es besser, sie blieben mit leichter Arbeit beschäftigt. Und- so Gaskell– im allgemeinen sei die ihnen zufallende Arbeit tatsächlich leichter Art.

Der moderne Mensch der Wohlstandsgesellschaft neigt dazu, die Zustände jener Tage von der Warte eines unendlich viel höheren Lebensstandards aus zu beurteilen (einen Standards allerdings, den ihm die Industrielle Revolution erst ermöglicht hat). Er sollte sich einer allzu hoffärtigen Moralarroganz enthalten und lieber versuchen, sich objektiv in die Zeitumstände hineinzuversetzen. Viele Unternehmer der industriellen Frühzeit hatten beispielsweise selbst als Kinder schwer gearbeitet und fanden in einer entsprechenden Beschäftigung, um welche die Eltern der Kinder sie meist händeringend gebeten werden, nichts außergewöhnliches.

Dennoch bleibt die Geschichte der Kinderarbeit in der Frühphase der Industrialisierung eine traurige. Das eigentlich Bedrückende liegt jedoch weniger in der unzutreffenden Behauptung, der Frühkapitalismus habe die Kinderarbeit “geschaffen”, als vielmehr in der Tatsache, dass sie überhaupt in jener Zeit- und noch mehr in den Jahrzehnten zuvor-  zu den Überlebensvoraussetzungen vieler Familien gehört hat. Niemand hat die viel traurigere Geschichte der Kinderarbeit vor der Industriellen Revolution (und während derselben, nur außerhalb der Fabriken) geschrieben: Die Geschichte über die schwere Schinderei der Heranwachsenden auf den Äckern und in den Familienwerkstätten, über den Hunger, die Krankheiten und den frühen Tod der Kinder, die keine Arbeit in den Webereien und Spinnereien gefunden haben.

Was die Kinderarbeit auch immer gewesen ist: sie war keine “Erfindung” der unternehmerischen “Ausbeuter” und kein “Ergebnis” des Fabriksystems. Die meisten seriösen Zeugnisse der Epoche deuten im Gegenteil darauf hin, dass die Unternehmer und Meister der frühen Betreibe meist mehr Sorge und Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen praktiziert haben als die jeweiligen Eltern und das übrige Umfeld ihrer beklagenswerten Jugendzeit. Vielfach finden wir Hinweise, dass die Fabrikarbeit für die Menschen jener Tage noch die beste Alternative war, die sie für sich und ihre Familien ergreifen konnten. Und authentisch sind auch die Berichte aus jener Zeit, die belegen, dass die Einführung reduzierter Arbeitszeiten in einzelnen Fabriken schnell rückgängig gemacht werden mussten, weil die Arbeiter massenweise davonliefen, um zu Betrieben mit längerer Arbeitszeit zu wechseln, und dass es für die Familien jeweils das größte Unglück bedeutete, wenn ein Fabrikbesitzer die Beschäftigung von Kindern- aus welchem Grund auch immer- ablehnte. Gaskell, der- um es zu wiederholen- ein entschiedener Gegner des Fabrikwesens war, schrieb jedenfalls nach Inkrafttreten des “Factories Regulation Act”, der Kinderarbeit wesentlich einschränkte, dass die Lebensumstände der Menschen mit diesem Gesetz nicht verbessert, sondern verschlechtert worden seien. Was schließlich zu einem raschen Ende der Kinderarbeit geführt hat, waren denn auch weniger die entsprechenden Gesetze als allmähliche Verbesserung der Einkommens- und Lebensverhältnisse der Menschen im weiteren Verlauf der Industrialisierung, sowie die Entwicklung zu immer größeren und modernen Unternehmen.

All jenen Siebengeschichten, die noch heute die Ansicht vertreten, erst gute Gesetze oder Gewerkschaften hätten zu einer Besserung der Lebensumstände der damaligen (und der heutigen) Zeit geführt hat, sollte man den Satz von Bertrand de Jouvenel entgegenhalten, man könne natürlich auch dem Glauben anhängen, Früchte würden durch das Schütteln von Bäumen produziert (Jouvenel 1954, S. 102). Ganz generell kann man sagen: Die Märchen über den Frühkapitalismus und den Manchester-Liberalismus sind ein Triumph der Lüge, ein Ergebnis des absichtlichen Verschweigens der Tatsachen, das Resultat der Ignoranz und Scheinheiligkeit späterer Kolumnisten. Seit 150 Jahren berichten die Schulbücher mit Abscheu und Entrüstung von der Kinderarbeit und dem Elend der Kinder im Frühkapitalismus, auch die ganz aktuellen, die heute oder morgen verlegt werden. In denselben neuen Schulbüchern wird man vergeblich nach Hinweisen auf das wirklich skandalöse Elend und den Hungertod der Kinder in Nordkorea suchen.

4 Antworten to “Die Manchester-Legende”

  1. Kalle Says:

    Schöne Apologie der Kinderarbeit! Sie dadurch zu rechtfertigen, dass daheim oder in der Vergangenheit ein vielleicht noch größeres Elend wartet, ist ein schöner Dreh. Mit diesem Argument dürfte Kinderarbeit auch wieder eine große Zukunft haben. Ich hoffe, Sie haben Kinder! LG

    • Martin Luerssen Says:

      In manchen Situationen bzw. Stadien einer Gesellschaft IST Kinderarbeit nun mal eben notwendig bzw. tatsächlich eine Verbesserung der Situation. Meinen sie erntshaft, das früher bei Hungersnöten oder halt auch nur bei normalen Bauern vor der industrialisierten Landwirtschaft Kinder besser nicht auf dem Feld mitgearbeitet hätten? Hungert oder gar verhungert man halt besser, gell?
      Ist halt schwierig sowas zu begreifen, wenn man den Kopf voller semireligiöser Linksgutmenschenideologie hat.

      • arprin Says:

        Zu diesem Thema und auch zum Thema Sweatshops wollte ich auch mal einen Artikel schreiben, mal sehen ob ich es mal schaffe.

        Es sollte den Menschen, die Kinderarbeit komplett verbieten wollen, zu denken geben, wenn sogar Kinderrechtsorganisationen sich gegen ein Verbot aussprechen:
        http://www.fluter.de/de/engagement/heft/8857/
        http://www.zeit.de/2005/26/Kinderarbeit/komplettansicht
        https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderarbeit#Gegenpositionen

        Die GEW Berlin meint z.B.:
        „Ein generelles Verbot der Kinderarbeit bedeutet für Kinder eher Nachteile als Vorteile. Es berücksichtigt nicht die spezifischen Lebensumstände der Kinder und ihrer Familien und kann dort, wo das Arbeitseinkommen der Kinder für das Überleben unverzichtbar ist, die Familien in noch größere Not stürzen. Weder berührt es die Gründe, die Kinder veranlassen zu arbeiten, noch respektiert es deren Willen, ihrer Familie beizustehen. Es versetzt die Kinder, die weiter einer Arbeit nachgehen müssen, in eine Situation der Illegalität und macht sie rechtloser und wehrloser.“

      • Kalle Says:

        Ich sag ja, schöner Dreh. Dass Kinderarbeit irgendwann notwendig war oder ist, bezweifelt doch niemand. Aber diese Notwendigkeit ist doch keine zu der Zeit oder heute irgendwo, sie ist nur eine durch die das Klassenverhältnis, nicht dadurch, dass die Menschen jede Hand brauchen, weil die Produktionsmittel so primitiv sind. Im Übrigen bezweifle ich, dass sie begreifen, was Ideologie ist. Ich habe auch keine Interesse an der politischen Identität „links“, die Sie mir unterstellen.

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