Ehrenmord und Familiendrama

Hat der Islam nichts mit Ehrenmorden zu tun?

Hat der Islam nichts mit Ehrenmorden zu tun?

Einer der gängigsten Methoden, mit denen mittelalterliche Familienriten bei Teilen von muslimischen Migranten relativiert werden, ist die Gleichsetzung von Ehrenmord und Familiendrama. Wenn ein Deutscher seine Familie abschlachtet, dann nennen wir es “Familiendrama”, wenn ein Türke seine Schwester tötet, dann nennen wir es “Ehrenmord”, heißt es. Es wird außerdem geleugnet, dass Ehrenmorde etwas mit dem Islam zu tun hat. In seinem Buch „Kritik der reinen Toleranz“ merkte Henryk M. Broder an:

Nachdem der „Spiegel“ in einer Titelgeschichte über die schlechte Behandlung moslemischer Frauen durch ihre eigenen Väter, Männer und Brüder berichtet hatte, meldete ein Berliner Soziologe, der das Milieu aus den Studien anderer Soziologen genau kennt, Widerspruch an: „Zwangsheiraten, Brautpreise, Ehrentötungen und anderes …, das gibt es genauso wie es auf einheimischer Seite Zwangsentführungen von Kindern, Familientragödien, Bedrohung entfremdeter Ehepartner gibt.“

Broder stellt diese Aussage als Beispiel für Kulturrelativismus aus, erklärt aber selbst nicht, wo der Unterschied zwischen Ehrenmord und Familiendrama liegt, sondern setzt dieses Wissen beim Leser voraus. Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der “aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden”. Ein Ehrenmord findet also (meistens) mit Einwilligung der Familie statt und wird nicht aus Gründen wie Eifersucht begangen, sondern weil das Opfer gegen die “Familienehre” verstoßen hat, indem sie sich z.B. zu westlich kleidete oder mit einem Nicht-Moslem zusammen war.

Ehrenmord und Familiendrama dasselbe?

Ekrem Senol meint im Migazin, dass die Medien den Begriff „Ehrenmord“ geprägt haben:

Der Begriff „Ehrenmord“ ist (…) untrennbar mit der Herkunft des Täters verbunden. Stammt der Täter aus einem muslimischen Land, werden Fälle, die, wenn sie von einem Deutschen verübt worden wären, üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, fortwährend als Ehrenmorde tituliert.

Die Konzentration auf muslimische Täter wiederum führte bei der Mehrheitsgesellschaft zu der Annahme, Ehrenmorde seien tatsächlich muslimisch religiös bedingt (…) Gegen die Verbreitung dieses äußerst verzerrten Bildes wurde selbstverständlich mit Kritik begegnet. Selbst Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, räumte Mitte 2008 eine gewisse Doppelmoral in den Medien ein.

Dieser Vorwurf ist nicht zutreffend. Wenn ein Türke ein Familienmitglied tötet, dies aber nicht aus kulturellen Gründen geschieht, nennt man es in den Medien nicht Ehrenmord, sondern, genau wie bei Deutschen auch, “Familiendrama”.

Hier einige Beispiele:

-Im März 2004 tötete der Türke Ali Göbelek in Augsburg vier Mitglieder seiner Familie und einen ihrer Mitbewohner. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

– Im September 2007 tötete der 44-jährige Selahattin Y. seine Frau und seine Tochter in Augsburg. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

– Im Juni 2009 erschoss ein 38-jähriger in Adana acht Angehörige seiner Familie. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

– Im März 2011 tötete ein 24-jähriger in Adana vier Angehörige seiner Familie. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

In der WELT sagte Mehmet Daimagüler, dass Ehrenmorde bei Deutschen viel öfter vorkommen als bei Muslimen:

Ihr zeigt euch ganz besorgt über „Ehrenmorde“, aber ihr schweigt schamlos über eure eigenen Ehrenmorde. Ja, die gibt es bei euch auch, sogar viel öfter als bei uns! Ihr nennt eure „Ehrenmorde“ verniedlichend Familientragödie. Ein weiterer Unterschied: Eure Männer machen kurzen Prozess und knallen nicht nur die Frau, sondern gleich auch die Kinder ab.

Auch dies ist falsch. Allein in Deutschland hat es zwischen 1996 und 2005 109 Ehrenmorde gegeben (dabei waren 43,1% aller getöteten Personen Männer und nahezu immer waren die Täter im Ausland geboren). Wenn man bedenkt, dass die Muslime nur 5% der deutschen Bevölkerung ausmachen, dann müssten im gleichen Zeitraum 2.180 deutsche Familiendramen stattgefunden haben, um auch nur denselben prozentuellen Anteil zu haben. Ehrenmorde haben also eine völlig unterschiedliche Motivation und kommen durchschnittlich wesentlich öfter vor als Familiendramen. Deswegen sollte man auch nicht beides miteinander gleichsetzen, denn damit verharmlost man diese Vorfälle.

Ehrenmord- Eine unislamische Tat?

Die oft gestellte Frage, ob Ehrenmorde etwas mit dem Islam zu tun haben, hängt davon ab, was man unter dem Wort „Islam“ versteht. Neben den Islam als Religion gibt es auch den islamischen Kulturkreis, der alle Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit umfasst. Die Kultur der islamischen Länder ist sehr stark von der Religion geprägt, aber sie enthält natürlich auch nicht-religiöse Einflüsse. Ein Ehrenmord kann vielleicht nicht mit der islamischen Religion begründet werden, aber mit der islamischen Kultur, die noch immer von patriarchalischen Familienstrukturen geprägt ist.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte stellt fest:

Fest steht, dass der Ehrenmord nicht mit dem Islam begründet werden kann und weder im Koran noch der islamischen Überlieferung Rückhalt oder Begründung findet. Auch von Muhammad ist kein derartiger Ausspruch bekannt. Daher finden Ehrenmorde in der Theologie des Islam keine Grundlage, zumal die Tradition der Ehrenmorde wesentlich älter ist als der Islam.

Allerdings ist unübersehbar, dass Ehrenmorde heute, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vorwiegend in islamischen Gesellschaften vorkommen. Dort sind vor allem im ländlichen Bereich viele Gesellschaften bis heute von halbfeudalen, tribalen Strukturen geprägt, in denen sehr eindeutig und streng definierte Verhaltensnormen für Mann und Frau weithin unhinterfragt gelten und die Frau de facto häufig als eine Art „Besitz“ des Mannes behandelt wird. Diese Verhaltensnormen werden größtenteils mit dem Islam begründet, im Kollektiv überwacht und Grenzüberschreitungen vor allem Frauen Schuld zuschreibend zur Last gelegt.

In der türkischen Gesellschaft werden Ehrenmorde von Teilen der Bevölkerung befürwortet. Bis zu 30% der jungen Türken halten Ehrenmorde für legitim. Einer Umfrage von Todays Zaman aus dem Jahr 2009 nach befürworten 26,2% der Eltern und 25,9% der Studenten in der Türkei solche Morde. Auch in Deutschland haben Lehrer festgestellt, dass einige muslimische Schüler an Ehrenmorden nichts auszusetzen hatten. In Duisburg rechtfertigten sogar 6- bis 10-jährige Kinder in Schulhöfen Ehrenmorde.

Aber natürlich sind Ehrenmorde kein rein muslimisches Phänomen. In Deutschland kommen Ehrenmorde bei Jesiden im Durchschnitt häufiger vor als bei Muslimen. In Jordanien, so berichtet Robert Fisk im Independent, werden Ehrenmorde durchschnittlich häufiger von Angehörigen der christlichen Minderheit begangen, die nicht damit einverstanden sind, dass ihre Tochter oder Schwester eine Beziehung mit einem Muslim eingeht:

In Jordan, women’s organisations say that per capita, the Christian minority in this country of just over five million people are involved in more „honour“ killings than Muslims – often because Christian women want to marry Muslim men.

Auch bei Hindus und Christen in Lateinamerika gibt es Ehrenmorde. Die Ehrenmordraten in den islamischen Ländern variieren stark voneinander, in einigen Ländern sind Ehrenmorde kaum verbreitet, in Ländern wie Jordanien, Palästina, Türkei und besonders Pakistan ist die Rate sehr hoch. In einigen islamischen Ländern wie Irak oder Jordanien gibt es sogar Gesetze, die es Männern ermöglichen, nur geringfügig oder gar nicht bestraft zu werden, wenn sie ein Verbrechen zur Aufrichtung der Familienehre begangen haben.

3 Antworten to “Ehrenmord und Familiendrama”

  1. aron2201sperber Says:

    tolle Arbeit!

    nicht ist wichtiger, als sich Klarheit darüber zu verschaffen, worüber man eigentlich spricht.

  2. aron2201sperber Says:

    einen Satz im letzten Absatz musst du etwas überarbeiten:

    Die Ehrenmordraten in den islamischen Ländern variieren stark voneinander, in einigen Ländern sind Ehrenmorde kaum verbreitet, in Ländern wie Jordanien, Palästina, Türkei und besonders Pakistan.

    • arprin Says:

      Danke für den Hinweis. Ist berichtigt: „… in Ländern wie Jordanien, Palästina, Türkei und besonders Pakistan ist die Rate sehr hoch.“

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