Bushido vs. Augstein

Die Palästinenser als die Juden von heute

Die Palästinenser als die Juden von heute

Das neue Jahr ist noch jung, und dennoch hat es uns bereits zwei Antisemitismusdebatten beschert. Die halbe Medienlandschaft solidarisiert sich mit Jakob Augstein, nachdem er bei einem Simon-Wiesenthal-Center in einem Ranking der schlimmsten antisemitischen Zitate auf Platz 9 landete. Und vor kurzem sorgte Bambi-Preisträger Bushido für Aufruhr, nachdem er auf seinem Twitter eine Landkarte ohne Israel mit der Aufschrift „Free Palestine“ als neues Profilbild auswählte. Die israelische Botschaft in Berlin reagierte wie gewohnt cool: „Erst Frauen, dann Schwule, nun Israel: Wir sind stolz darauf, zu den Opfern des Integrationspreisgewinners Bushido zu gehören.“

Was erstaunlich ist, ist dass diese beiden Fälle repräsentativ für zwei Erscheinungsformen von Antisemitismus sind: Der „Ich bin kein Antisemit“-Antisemitismus, der sich als (wohlmeinende, judenfreundliche) Israelkritik tarnt und den klassischen, offenen Antisemitismus, den man bei Islamisten und Rechtsextremen sieht. Der linke, auf Israelkritik bezogene Antisemitismus ist in Deutschland am stärksten verbreitet. Umfragen zeigen, dass etwa die Hälfte der Deutschen der Meinung ist, dass Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden ist und dass Israel einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser führt.

Für die Juden in Europa ist der offene Antisemitismus gefährlicher als der unter Israelkritik getarnte Antisemitismus. Es wäre falsch, Leuten wie Augstein eine Mitschuld an dem islamistischen Antisemitismus in Malmö oder dem rechtsextremen in Ungarn zu geben, genauso wie es falsch wäre, Noam Chomsky und Michael Moore mitverantwortlich für den al-Qaida-Terror zu machen, weil sie von Osama bin Laden in Videobotschaften zitiert wurden. Hier stimme ich nicht mit Broder überein, der, mit einem Zitat von Sartre, allen Antisemiten, von Augstein bis Achmedinedschad, das gleiche Ziel unterstellt: „Den Tod des Juden“.

In der Achse des Guten sagte Broder mal über Augstein: „Ja, wenn’s Judenblut wieder vom Messer spritzt, geht’s den Augsteins e.a. nochmal so gut.“ Auch wenn mir seine Kolumnen meistens gefallen, muss man feststellen, dass Broder hier danebenliegt. Antisemitismus beginnt nicht erst dann, wenn man alle Juden umbringen will. Es beginnt schon, wenn man an Juden andere Maßstäbe anlegt, weil sie Juden sind. Deswegen finde ich die Gleichsetzung von Augstein und Achmedinedschad, um es mit Merkels Worten zu sagen, „nicht hilfreich“. In der WELT entschuldigte er sich jüngst bei Augstein dafür, dass er ihn mit dem Stürmer-Redakteurs Julius Streicher verglich.

Der Sprachgebrauch bei Linken, wenn es um Israel geht, ähnelt oft stark dem von Rechtsextremen und Islamisten. In den öffentlichen Debatten gibt es noch Tabus, wie die Fälle Möllemann und Grass zeigen, doch viele klassische antisemitische Ressentiments sind längst wiederbelebt worden und finden sich auch bei Linken. Auch wenn sie selbst nicht die Vertreibung aller Juden oder die Vernichtung Israels fordern, agieren Antisemiten der Marke Augstein als Wegbereiter. Man kann es so formulieren: Die Linken erklären das „Problem“, die islamistisch-rechtsextreme Connection entwirft dann den „Lösungsvorschlag“.

11 Antworten to “Bushido vs. Augstein”

  1. aron2201sperber Says:

    Sowohl die europäischen Antisemiten als auch die Antisemiten in der islamischen Welt profitieren davon, dass harmlose “Israelkritiker” wie Augstein die Vorbereitung der Vernichtung von Juden wieder salonfähig machen.

    Vielleicht wird ihm jene Tatsache durch seine Nominierung endlich bewusst.

    • arprin Says:

      Vielleicht wird ihm jene Tatsache durch seine Nominierung endlich bewusst.

      Das glaube ich nicht, Augstein hat ja schon den Antisemitismusvorwurf von sich gewiesen.

      • besucher Says:

        Ein bekennender Linker (auch im Zweifel) kann doch unmöglich ein Antisemit sein. So denkt Augstein.

  2. besucher Says:

    Broder hat ganz schön überzogen, aber das darf er als Polemiker. Mit den Zitaten hast Du ein gutes Beispiel gebracht, Broder wurde ja immerhin auch von Breivik zitiert und danach wurde es von diversen Pressefritzen aus dem linken Lager breitgetreten. War Augstein eigentlich auch dabei? Aber wer weiß, vielleicht wird er bald von Achmadinedschad zitiert und/oder in den Iran eingeladen.

  3. besucher Says:

    Nachtrag: bei TiN hab ich gelesen: Bushido macht den Soundtrack zu Augstein;-) das klingt gut und passt auch.

  4. Thomas Holm Says:

    Augsteins Werke sollten in Eritrea und dem Sudan verbreitet werden, damit nicht von dort so viele Menschen auf dem Weg nach Israel bei der Etappe Sinai in ihr Unglück stürzen.

  5. Entkugelung Says:

    Gäbe es solche, „von Neurosen besetzte Mobber“(so nennt ihn eines seiner Opfer, KenJebsen), wie Broder nicht, gäbe es auch keine „Antisemitismusdebatten“, sondern es würde die rein sachliche und notwendige Diskussion an einer Regimepolitik übrigbleiben, wie sie genausogut auch über andere Länder und deren Regierungen geführt werden könnte und wird. Gerade jene provokanten Elemente, wie Broder, sind notwenig, dass einer Problemddiskussion eine Scheindebatte übergestülpt wird, um das eigentliche Dilemma zu kaschieren bzw. an ihm vorbeizumanövrieren.

    Israelkritik=Antizionismus=Antisemitismus
    Diese PSYOP ist jedoch schon relativ alt und verwittert und funktioniert meist nur noch bei Mitmenschen, die sich nur sehr sehr oberflächlich informieren.

    • arprin Says:

      Israelkritik=Antizionismus=Antisemitismus
      Diese PSYOP ist jedoch schon relativ alt und verwittert und funktioniert meist nur noch bei Mitmenschen, die sich nur sehr sehr oberflächlich informieren.

      Da hast du wohl was falsch verstanden. Kritik an der Politik Israels ist völlig legitim und nicht antisemitisch, das habe weder ich noch Broder je behauptet. Broder kritisiert z.B. auch den Siedlungsbau in der Westbank. Der Unterschied zwischen Israelkritik und Antisemitismus ist, wenn man an Israel andere Maßstäbe anlegt als an andere Länder.

  6. Thomas Holm Says:

    Augsteins Pamphlete sollten im Sudan und in Eritrea verbreitet werden, damit sich nicht mehr von dort so viele Menschen auf den Weg nach Israel machen – und auf dem Sinai in ihr Unglück stürzen.

  7. Mudder Says:

    Ein echt schlechter Bericht. Isreal Kritik ist nicht Antisemitismus mich würde mal intressieren wie man Isreal Siedlungspolitik anprangern kann ohne sich dem Vorwurf auszusetzen. Ausser dem sind Juden die Isreal Kritik üben dann auch Antisemiten?

    • arprin Says:

      Isreal Kritik ist nicht Antisemitismus mich würde mal intressieren wie man Isreal Siedlungspolitik anprangern kann ohne sich dem Vorwurf auszusetzen.

      Da hast du wohl was falsch verstanden. Kritik an der Politik Israels ist völlig legitim und nicht antisemitisch, das habe weder ich noch Broder je behauptet. Broder kritisiert z.B. auch den Siedlungsbau in der Westbank. Der Unterschied zwischen Israelkritik und Antisemitismus ist, wenn man an Israel andere Maßstäbe anlegt als an andere Länder.

      Ausser dem sind Juden die Isreal Kritik üben dann auch Antisemiten?

      Juden, die Kritik an Israel üben sind keine Antisemiten, aber Juden, die an Israel andere Maßstäbe anlegen als an andere Länder schon.

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