Die Leugnung von Christenverfolgungen

Christliche Gemeinschaften im Nahen Osten leiden unter zunehmender Verfolgung

Man stelle sich vor, jemand hätte 1936 über die Situation der Juden in Deutschland gesagt: „Nicht „Juden“ werden im Deutschen Reich verfolgt, sondern all jene, die nicht nach der in diesem Staat herrschenden ideologischen Doktrinen leben. Dazu gehören auch Juden, aber die Verfolgung trifft insbesondere jene, die für die Rechte von Kommunisten, Sozialdemokraten und Liberalen aufstehen.“ Etwas Ähnliches konnte man vor einem Monat im Magazin „Wissenrockt“ lesen, nur handelte es sich nicht um Juden im nationalsozialistischen Deutschland, sondern um Christen in der islamischen Welt:

Nicht „Christen“ werden in zahlreichen islamischen Ländern verfolgt, sondern all jene, die nicht nach den in diesen Staaten herrschenden religiösen Doktrinen leben. Dazu gehören auch Christen, aber die Verfolgung trifft insbesondere jene, die für die Rechte von Frauen, Schulmädchen, Homosexuellen, Anders- oder Nichtgläubigen aufstehen.

(„Mythos Christenverfolgung“)

Es stimmt, dass in der islamischen Welt nicht nur Christen, sondern auch Frauen, Homosexuelle und andere Minderheiten diskriminiert und verfolgt werden. Und es stimmt auch, dass, wie der Artikel bei Wissenrockt anspricht, die Zahlen von Open Doors (100 Millionen verfolgte Christen weltweit) nicht als sehr seriös zu betrachten sind. Außerdem stimme ich damit überein, dass es bei der Aufnahme von verfolgten Minderheiten keine Bevorzugung von Christen aus islamischen Ländern geben sollte. Aber: Zu behaupten, dass Christenverfolgungen ein „Mythos“ sind, ist ein Amoklauf gegen die Realität.

In so gut wie keinem muslimischen Land, auch in eher säkularen Ländern wie Algerien oder Syrien, ist christliche Missionierung oder Abfall vom Islam erlaubt, in Saudi-Arabien, Afghanistan und den Malediven ist jede Religion außer dem Islam offiziell verboten. Im Irak sind nach dem Sturz Saddams Hunderttausende Christen vertrieben worden, Hunderte wurden getötet. In Nigeria gab es in den letzten Jahren ständig Massaker an Christen, die mehrere Hundert Todesopfer forderten. Wer das einfach damit kommentiert, dass die Diskriminierungen und Verfolgungen auch andere Minderheiten treffen, müsste eigentlich behaupten, dass es gar keine verfolgten Minderheiten gibt.

Dazu kommt, dass die Christen eben nicht nur dann unter Repressionen zu leiden haben, wenn sie sich für die Rechte von Anders- oder Ungläubigen einsetzen- was in der Tat nicht als „Christenverfolgung“ anzusehen wäre- sondern allein schon deshalb, weil sie Christen sind. Nicht, weil sie etwas tun, sondern weil sie etwas sind. „Christenverfolgung“ ist nicht, wenn Christen wegen Kritik an der Regierung verhaftet, christliche Familien bei Stammeskämpfen getötet oder christliche Soldaten bei Militäreinsätzen umkommen, sondern wenn Christen schon aufgrund ihrer Existenz zu einem Leben als Mensch zweiter Klasse verurteilt werden.

3 Antworten to “Die Leugnung von Christenverfolgungen”

  1. Thomas Holm Says:

    Einen Ansatz zu politischer Korrektheit hat es damals mit dem Begriff gegeben, „Nichtrarier“ seien das Ziel von Verfolgung. Die Vorgeschichte des modernen Respekt-Sprechs ist die einer ganz vorsichtigen Benutzung von Tätersprache.

    Wobei die damaligen Gründe das zu tun, natürlich in Nichts vergleichbar sind, mit heutigen Umständen.

  2. besucher Says:

    Das Kryptochristentum erlebt in diesen Ländern eine wahre Renaissance. Besonders im Iran.
    Wie langlebig das Christentum unter widrigsten Bedingungen sein kann sieht man hier:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Christentum_in_Japan#Kakure_Kirishitan

    • arprin Says:

      Angeblich gibt es auch weltweit mehr Muslime, die zum Christentum konvertieren als umgekehrt aber die Zahlen sind leider kaum überprüfbar.

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