Linker und rechter Kulturalismus

Multikulti in New York: Little Itlay um 1900

Multikulti in New York: Little Italy um 1900

In dem 2008 erschienen Buch „Multikulturalismus – Ideologie oder Wirklichkeit“ setzten sich die beiden dänischen Autoren Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt mit einem Thema auseinander, der sowohl in der dänischen als auch in der europäischen Politik in den letzten Jahren eine zentrale Bedeutung gewonnen hat – den Kulturalismus. Dieser Befund trifft sowohl auf den linken als auch auf dem rechten Spektrum zu. Ein sehr lesenswerter Auszug aus dem Buch findet sich im Kulturmagazin Perlentaucher. Die von Eriksen und Stjernfelt angeführte Definition des Begriffs Kulturalismus lautet:

Kulturalismus nennen wir die Vorstellung, dass Individuen von ihrer Kultur determiniert sind, dass diese Kultur eine abgeschlossene, organische Ganzheit bildet und das Individuum nicht in der Lage ist, seine oder ihre Kultur zu verlassen, sich vielmehr nur innerhalb dieser verwirklichen kann. Zudem behauptet der Kulturalismus, Kulturen hätten Anspruch auf besondere Rechte und Schutzmaßnahmen – auch wenn sie selbst die Rechte des Einzelnen verletzen.

Der linke Kulturalismus

Eriksen und Stjernfelt analysieren, wie sich die Argumentation der Linken in den letzten dreißig Jahren verändert hat. In den 1960ern und 1970ern standen noch wirtschaftliche und soziale Verhältnisse im Vordergrund, die Kultur spielte praktisch keine Rolle. Kein Wunder, immerhin vertritt der Marxismus die Ansicht, dass die Kultur von sozioökonomischen Bedingungen abhängig ist. Die Transformation der Linken begann in den 1980ern und 1990ern. Nach dem Niedergang des Marxismus entstand ein ideologisches Vakuum, der schließlich von der ursprünglich konservativen Idee des Kulturalismus gefüllt wurde.

Die Kultur beanspruchte für die Linken nun weit mehr Aufmerksamkeit als die Wirtschaft oder Gesellschaft. Eriksen und Stjernfelt stellen fest, dass „die schrittweise Einbindung der Linken in das rigorose Konzept von Kultur sowohl in Dänemark als auch international (…) eine der wichtigsten, bislang kaum erhellten politischen Entwicklungen der letzten dreißig Jahre“ ist. Der Kulturalismus der Linken ist der Multikulturalismus, der die Gleichheit aller Kulturen, von Mekka bis New York, propagiert. In einer idealen multikulturellen Gesellschaft würden die kulturellen Bräuche aller Menschen respektiert, ganz egal, wie archaisch sie auch sein mögen.

Welche Folgen diese Ansichten haben, konnte man sehen, als viele westliche Intellektuelle während der Unruhen nach der Veröffentlichung der Mohamed-Karikaturen nicht für die Meinungsfreiheit einstanden, sondern „mehr Respekt“ für die religiösen Gefühle der Muslime forderten. Hinter der Forderung nach Respekt für andere Kulturen verbirgt sich die Forderung nach Einschränkung individueller Rechte. Die Kultur wird über alles gestellt, der Schutz der kulturellen Bräuche aller Menschen wird zur Aufgabe des Staates erklärt. Jede Forderung nach Integration und Assimilation wird abgelehnt.

Da die Multikulturalisten alle Kulturen als moralisch gleichwertig betrachten, leugnen oder verharmlosen sie auch extremen Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie bei Migranten. Sie behaupten, dass es Frauen in islamischen Gesellschaften nicht schlechter ergeht als im Westen, Ehrenmorde werden mit Familiendramen relativiert und für den islamistischen Terror wird dem Westen die Schuld gegeben. Als letzte Konsequenz sollen auch individuell verschiedene Rechtsprechungen zur Anwendung kommen dürfen, die Einführung von Scharia-Gerichten wird als progressive Maßnahme angesehen.

Eigentlich müsste dieser Wechsel von der Konzentration auf wirtschaftliche und soziale Verhältnisse hin zum (Multi-)Kulturalismus eine lange Konfrontation mit sich gezogen haben, in deren Verlauf das eine Modell durch das andere ersetzt wurde. Doch dies ist nicht der Fall, dieser Prozess vollzog sich mehr oder weniger schleichend und führte nicht zu hitzigen Debatten in den linken Parteien, es wurde einfach hingenommen. Eriksen und Stjernfelt haben hierzu eine Hypothese aufgestellt, die diesen Umstand erklären könnte – die Linken haben schlicht die „Arbeiterklasse“ durch die „unterdrückte Kultur“ ersetzt:

Vielleicht liegt dies daran, dass der Marxismus und der Kulturalismus ein noch einfacheres und tiefer liegendes Denkmuster miteinander teilen: über das Verhältnis einer unterdrückten Gruppe zu einer herrschenden Mehrheit. So ist es möglich, dass man sich politisch auf die Seite der Unterdrückten stellt, gemäß der linken Parole aus den siebziger Jahren: „Ein unterdrücktes Volk hat immer Recht.“ Dies wurde ganz wörtlich verstanden, mit Folgen, die weit darüber hinausgingen, dass ein unterdrücktes Volk das Recht habe, von seiner Unterdrückung befreit zu werden. Es hatte nun Recht auch mit all seinen kulturellen Dogmen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Dogmen gerecht oder richtig waren. Entscheident war, dass sie zur Kultur eines unterdrückten Volkes gehörten.

Die Linken hatten in früheren Zeiten zwei große Anliegen gehabt: Den Kampf gegen den Totalitarismus und gegen Imperialismus. Nach dem Erstarken des Islamismus wurde daraus ein Widerspruch, und sie mussten sich für ein Anliegen entscheiden – den antitotalitären oder den antiimperialistischen Kampf. Wer sich für den antiiimperialistischen Kampf entschied, „tendierte dazu, den Islamismus als legitime Herausforderung des westlichen Imperialismus zu unterstützen“, auch wenn diese kulturalistische Einstellung im Widerspruch zum Klassenkampf steht. Immerhin gab es auch Linke, die sich für den antitotalitären Kampf entschieden.

Der rechte Kulturalismus

Linke und rechte Kulturalisten sind sich darüber einig, dass alle Kulturen, ob nun der Westen und der Islam, unveränderlich sind und geschützt werden müssen. Die Rechten glauben aber im Gegensatz zu den Linken nicht, dass Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen friedlich miteinander koexistieren können. Aus diesem Grund wird gefordert, dass die verschiedenen Kulturkreise getrennt bleiben, und wenn doch Einwanderer kommen, müssen sie sich vollständig assimilieren, von der Religion bis zur Küche. Die eigene Kultur soll vor Fremden (in Europa sind damit überwiegend Muslime gemeint) geschützt werden.

Die Freiheit im Westen wird momentan durch den Islamismus am stärksten bedroht. Um den Islamismus aufzuhalten, wollen rechte Kulturalisten wie Geert Wilders oder seine deutschen Ableger Michael Mannheimer und Udo Ulfkotte den Koran verbieten und alle Moscheen schließen lassen – also die Freiheit des Individuums, in diesem Fall die Religionsfreiheit von 4 Millionen Muslimen, massiv einschränken. Die eigentliche Konfliktlinie liegt aber nicht zwischen den Kulturen, sondern zwischen Freiheit und Unterdrückung. Die liberalen Werte müssen gegen jede Form von Totalitarismus verteidigt werden, egal ob es sich um westliche oder nichtwestliche handelt.

Wenn sich rechte Kulturalisten auf „westliche“ oder angeblich „christlich-jüdische“ Werte wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Pressefreiheit berufen, meinen sie in Wirklichkeit liberale Werte, die in der Geschichte des Westens relativ neu sind. Der Westen hat auch andere Wertesysteme wie z.B. den Kommunismus, den Faschismus und den Nationalsozialismus hervorgebracht. Um den Islamismus aufzuhalten, müssen wir nicht die liberalen Werte opfern oder unsere Kultur vom Staat schützen lassen, sondern jeden Versuch von islamischer Seite, die Freiheit des Individuums einzuschränken, konsequent bekämpfen.

Rechte Kulturalisten, die für einen Islamverbot im Westen plädieren, unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamismus und ziehen gerne den Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Islam: Der Nationalsozialismus ist eine totalitäre Ideologie, der „reine“ Islam ist eine totalitäre Ideologie. Daraus zu schließen, dass es „moderate Muslime“ genauso wenig geben kann wie „moderate Nazis“, ist jedoch falsch. Es gab keine „moderaten Nazis“, aber es gab moderate Deutsche. Es gibt keine „moderaten Islamisten“, aber es gibt moderate Muslime. Wenn es keine moderaten Muslime gibt, würde sich Necla Kelek nicht selbst als muslimisch bezeichnen und gleichzeitig den islamischen Extremismus kritisieren.

Eriksen und Stjernfelt meinen, es gäbe „zwei Arten, den Islam zu kritisieren, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen“. Die eine kritisiert den Islam, weil er eine fremde Religion ist, die nicht zur „christlich-jüdischen“ Kultur passt, die andere – die liberale Islamkritik – kritisiert „ideologische, politische und gesellschaftliche Hindernisse, die es dem Einzelnen verwerfen, seine Rechte in Anspruch zu nehmen“. Dabei ist es belanglos, ob diese Hindernisse auf kulturelle, politische, religiöse oder anderen Dogmen beruhen.

(…) der eigentliche Konflikt besteht zwischen Aufklärung und Kulturalismus – zwischen der Demokratie, dem politischem Liberalismus, den Rechten des Individuums, dem Universalismus und der Aufklärung auf der einen Seite und der unaufgeklärten Bewahrung von Kultur, Tradition und Authentizität sowie dem konservativen Glauben, das Individuum sei schicksalhaft an eine bestimmte Kultur gebunden, auf der anderen Seite.

Sofern Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen freiwillig zusammenleben, ist nichts gegen Multikulti einzuwenden, genauso wie gegen freiwillige Assimilation. Wenn jedoch dem Staat die Entscheidung überlassen wird, endet dies damit, dass die Freiheit des Individuums eingeschränkt wird. Die Aufgabe des Staates muss es sein, die Freiheit, nicht die Kultur zu schützen. Letztlich stehen sowohl der linke und rechte Kulturalismus als auch der Islamismus im Kampf zwischen Freiheit und Unterdrückung auf der Seite der Unterdrückung.

2 Antworten to “Linker und rechter Kulturalismus”

  1. zionunicorn Says:

    Danke für diese Übersicht. Ich denke es wird Zeit für mich, meine Beschäftigung mit dem Thema zu intensivieren. Das angesprochene Buch scheint ein guter Ausgangspunkt zu sein.
    Ich schätze, ich werde da einiges aufzuarbeiten haben, denn ich muss einräumen, auch ich habe dem rechten Kulturalismus eine zeitlang angehangen, da ich ihn irrtümlich für eine liberale Abwehr gehalten habe.
    Lustigerweise kam mir die „Erleuchtung“ während eines Vortragsabends von Geert Wilders in Berlin, als mir auffiel, dass der Mann, egal wie lautstark er es behauptet, eben nicht für die Freiheit eintritt. Er sprach sich aus für die Einschränkung der Freiheit, für die Einschränkung der Freiheit von Muslimen. Wie kann man sich großspurig „Die Freiheit“ nennen, wenn man in Wahrheit nur eine Einschränkung der Freiheit durch eine andere ersetzen will?
    Der Weg zum freiheitlich denkenden Menschen hält eine ziemliche Anzahl Fallstricke bereit, und ich wage nicht mir einzureden, dass ich bis jetzt schon auf alle gestoßen bin oder alle erkannt habe. Aber ich bin froh, die Wilders-Klippe mit minimalem Schaden umschifft zu haben.

  2. Links des Jahres | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin auf seinem Blog: Linker und rechter Kulturalismus  […]

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