Der Teufel der Realpolitik

Amerikanische Realpolitik während des Zweiten Weltkriegs

Amerikanische Realpolitik während des Zweiten Weltkriegs

Es gibt viele deutsche Wörter, die ihren Weg in den Wortschatz anderer Länder gefunden haben. Einer dieser Wörter ist „Realpolitik“. Dieser Begriff steht für den Verrat an allen moralischen Werten, die man vertritt, wenn man dies gerade aus irgendeinem Grund als nützlich betrachtet. Beispiele für Realpolitik des Westens war die Unterstützung von Stalin während des Zweiten Weltkriegs, von antikommunistischen Diktatoren und Terroristen während des Kalten Kriegs, wie z.B. Pinochet, den Contras in Mittelamerika und den Mudschaheddin in Afghanistan, aber auch die strategische Partnerschaft mit Saddam Hussein während des Ersten Golfkriegs zwischen dem Irak und Iran.

Ein typisch konservativer Realpolitiker ist Daniel Pipes, der im letzten Monat dafür plädierte, Bashar al-Assad beim Kampf gegen die Rebellen zu unterstützen. Als Grund nannte er, dass bei der derzeitigen Lage Assad Gefahr läuft, den Krieg zu verlieren, was zu einer islamistischen Machtübernahme in Syrien führen würde. Lieber sollte der Westen versuchen, den Krieg solange wie möglich hinauszuzögern, indem er immer die Seite aufrüstet, die kurz vor der Niederlage steht. Wenn die Rebellen im Vormarsch sind, sollte man Assad aufrüsten, wenn Assad am Vormarsch ist, sollte man die Rebellen aufrüsten. Hauptsache, der Krieg geht weiter und keiner gewinnt.

Das Ganze rechtfertigt Pipes mit dem Satz „Üble Mächte bilden für uns weniger Gefahr, wenn sie Krieg gegeneinander führen“. Über moralische Fragen, also die Folgen eines jahrelangen Krieges für die syrische Zivilbevölkerung, kommt Pipes auch kurz zu sprechen, er fordert: „Westliche Regierungen sollten Mechanismen finden, die verfeindeten Parteien dazu zu zwingen die Kriegsregeln einzuhalten“, was natürlich utopisch ist. Pipes‘ Haltung ist typisch für die eines Realpolitikers. Er sieht einen Widerspruch zwischen der Maxime, immer moralisch zu handeln und der, immer eigene Interessen zu vertreten.

Moralpolitik statt Realpolitik

Es ist sehr wohl möglich, immer moralisch zu handeln und gleichzeitig eigene Interessen zu vertreten. Falls von Syrien aus die Sicherheit des Westens gefährdet wird, hat der Westen natürlich das Recht, sich zu verteidigen, was eigenen Interessen entspricht. Aber beim Bürgerkrieg in Syrien geht es in erster Linie um die Interessen der Syrer, nicht um die des Westens. Wenn es eine moralisch gerechte Intervention in Syrien gibt, die über bloße Selbstverteidigung hinausgeht, dann nur, um den Krieg zu beenden, nicht, um ihn – und damit das Leid der Syrer – hinauszuzögern. Ist so ein Ziel nicht umsetzbar, sollte der Westen sich gar nicht einmischen, um sich nicht auch noch mitschuldig zu machen.

Ein weiterer Realpolitiker mit einer ähnlichen Unmoral wie Pipes ist der Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer, der im letzten Jahr die deutschen Panzerlieferungen an Saudi-Arabien damit verteidigte, dass die Saud-Dynastie besser sei als die Islamisten („die Alternative zur Diktatur ist in der arabischen Welt … der islamistische Terrorstaat“). Es ist also in Ordnung, wenn mit deutschen Panzern ein Volksaufstand niedergeschlagen wird, da ja höchstens ein paar zukünftige Salafisten-Wähler umgebracht werden. So wie es in Ordnung war, Pinochet zu helfen, immerhin hat er ja nur Kommunisten foltern lassen.

Fleischhauer meinte weiter, dass die, die bei der Wahl ihrer Verbündeten zu pingelig sind, Gefahr laufen, bald keine Verbündeten mehr zu haben. Realpolitik sei also aus strategischen Gründen geboten. Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Realpolitiker bescherten dem Westen oft verheerende Katastrophen. Die Unterstützung der Mudschaheddin und für Saddam musste der Westen teuer bezahlen. Wer mit Leuten kooperiert, mit denen er keine moralischen Werte teilt, darf sich nicht wundern, wenn diese sich eines Tages ohne mit der Wimper zu zucken gegen einen wenden. Realpolitik ist also nicht nur unmoralisch, sondern hat auch meistens überhaupt keinen strategischen Nutzen.

Anstatt Realpolitik sollte man Moralpolitik betreiben. Das bedeutet nicht, dass man mit überhaupt nicht mehr mit Diktaturen kooperieren sollte. Aber die Kooperation sollte klare Grenzen haben. Gegen wirtschaftliche Zusammenarbeit (z.B. zwischen China und den USA) ist nichts einzuwenden, da die Bevölkerungen beider Länder davon profitieren können, aber Waffenlieferungen sind völlig inakzeptabel. Wer Tyrannen aufrüstet, trägt eine Mitverantwortung an die von ihnen begangenen Verbrechen. Und wenn die eigenen Interessen nur durch Verbrechen durchzusetzen sind, bedeutet das, dass die eigenen Interessen unmoralisch sind.

13 Antworten to “Der Teufel der Realpolitik”

  1. Thomas Holm Says:

    Der Langmut des Westens mit den politischen Macht-Anwandlungen großer und kleiner Muslim-Bosse hat zu einer Situation geführt, in der Putins realpolitik dabei ist, zum leitmotiv des zeitgeist im Westen zu werden. Je besser man es auf deutsch im Englischen sagen kann, desto verheerender wohl der moralisch Zustand der ganzen Chose.

    Bei der Siegesparade in Moskau haben sie eingeblendet: ‚China disputes Japanese sovereignty on Okinawa‘ – als die Iskander-Raketen kamen. Weil Assad die hat, bzw. kriegt: kriegt Erdogan S-300 FlaRak angeboten; denn die Patriots von der NATO sind zu lahm für die flotten Iskanders. So geht real spoiler-politics auf strategischem Level.

    Ich empfehle dringend die Betrachtung von Stratfor: „A Conversation on Realism“, wo Realpolitik (alias ‚realism‘) die Fortsetzung der Moralpolitik mit leider unumgänglich heuchlerischen Mitteln in nun mal vorkommenden schlechten Zeiten ist. Damit man diese auch überlebt, um dann später mal wieder etwas gutes tun zu können.

    Der Trick: man braucht „pride“, wenn man gutes tut – um den pride weglassen zu können, wenn es gerade mal nicht geht, gutes zu tun.

    Der Westen muss die Kunst der Hass-freien Verachtung erlernen …

    … um das Ressentiment zu vermeiden.

    Hier ein ‚Daniel Pipes‘ für die Innenpolitik; dieser Beitrag:

    „The shock waves of the religious war between the Sunnis and the Shias in Syria are being felt 14,000km away in the suburbs of Australia.“

    http://au.news.yahoo.com/today-tonight/lifestyle/article/-/17129164/troubled-suburbs/

    wurde vom uploadenden Sender von seinem youtube-Kanal entfernt, nachdem sich Australische Schiiten und Sunniten in der Kommentar-Sektion schon den Dritten Weltkrieg geliefert hatten. Interessant ist, dass die verschiedensten Aussies meinen, dass der Konfessionszoff bei ihnen nicht mehr aufzuhalten sei; das wäre halt so …

    Bei einem pro-Assad-Kanal ist das Stück noch auf yt; mit Original ‚Ya Kalb !‘ (Du Hund) und boing auf die Birne vom tumben Salafisten gegen den friedlichen Assad-Fan vor laufender westlicher Kamera ab Min. 8.20

    Daniel Pipes für die Innenpolitik: ‚Samstags frei für die Polizei‘ ?

  2. urpils666 Says:

    Reblogged this on The whole Truth – Die ganze Wahrheit.

  3. Thomas Holm Says:

    Stalin, Pinochet, Contras, Mudschaheddin, Saddam Hussein …

    Eine Narrativ-Katastrophe nach der anderen im Westen: z.B. Stalin:

    Bei der Siegesparade ließ der Kommentator heraus, dass man zwischen 1946 und 1964 nicht paradierte, weil man fürchtete, die Sowjet-Opfer-Völker könne die Leiden des Krieges der KPdSU-Führung mit-anlasten (Hitler-Stalin-Pakt, Sozialfaschismus-These, etc.)

    Pinochet, Contras: Der Kubanische Geheimdienst hat der LA-Linken so detaillierte „Gegen“-Putschpläne gebastelt, dass die Militärs Angst bekommen mussten, insbesondere, weil die Pläne auch sofort auf deren Schreibtischen landeten, noch bevor Trotzkisten und Stalinisten sie sich gegenseitig als Provokation vorwerfen konnten.

    Während des Ersten Golfkriegs zwischen dem Irak und Iran … hat Pakistans Zia: Stinger-Raketen auch an den Iran weitergegeben für Teherans Tanker-War im Golf, den wir alle an der Tankstelle bezahlen durften. Ja, auch an den Iran, nicht nur an die Krassesten von den Mudschaheddin. Immerhin wurde sein Tod nie aufgeklärt.

    Der Westen wurde hintergangen und verraten nach Strich und Faden und die Linke wurde verheizt, ebenso. Der Westen war naiv und die Linke unbelehrbar. Das ist die moralische Wahrheit der Realpolitik.

    Sämtliche Falschmünzer sind jedoch heute am Ende und können nicht mehr anders, als die Messer gegeneinander zu wetzen.

    Aus meinem live-Kommentar:

    Min.5.40 Okinawa; Min 8.00 Westen will Rolle der SU totschweigen

    Bis 1965 keine Siegesparade, weil die Bosse fürchteten, die Verluste des Krieges könnten Stalin angelastet werden. Min. 42.30

    Ob die Schützenpanzer Aircondition haben: Nur wenn sie nach Afrika verkauft werden, oder in den Nahen Osten Min. 44.30-44.50

    It’s not that we don’t fly – we don’t let the others fly. We have them and they want them: S-400 FlaRak mit Zielbekämpfung ab fünf Metern Höhe Min. 46.40

    Dann kommt die Kiste, die den Türkenflieger runtergeholt hat und bei

    Min 48.50 die Iskander-Raketen … (für Assad, wegen denen Erdogan eine bessere Flugabwehr als die NATO braucht) und bei

    ,,, “against NATO-expansion”

    Min 49.40 schließlich die Topol-M – für uns.

    Dann kommen noch die bewährten Jihadisten-vertilgenden Hubschrauber, die Obama weiter für Karzai kaufen muss, weil die Afghanen nichts andere fliegen können (oder wollen)

    “Can these take out American drones ? – Yes sure” So läuft das Spiel.

  4. Silem Says:

    Du hast mit deinem Artikel zum größten Teil recht. Der Westen handelt in seiner „Realpolitik“ höchst irrational. Die Unterstützung folgt irgendwie keinen klaren Zielen. Der Irak wird gegen den Iran unterstützt bis er in Kuwait einfällt. Diktatoren werden unterstützt nur um zu verhindern das die Kommis mitbestimmen.

    Trotzdem ist Realpolitik in gewissen Punkten einfach notwendig. Man hatte im Zweiten Weltkrieg keine Wahl zwischen Gut und Böse. Es war Schlecht und Schlecht. Man hatte 2 totalitäre Diktatoren die Millionen umgenietet haben und beide konnte man nicht vernichten. Ebenfalls ist es ja nicht so das die USA von Anfang an Ressourcen in die UdSSR reingepumpt haben oder die UdSSR länger als nötig unterstützt haben. Stalin bekam von Kriegsausbruch an Hilfe und er bekam sie bis der Krieg vorbei war. Sofort danach wurde die UdSSR wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Es war das einfache Prinzip: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Und dieses Prinzip war, ernsthaft, alternativlos.

  5. bohu reri Says:

    Lieber „arprin,“

    ich danke vielmals für alle Informationen.

    Herzliche Grüsse aus Tschechien

    Bohumil Rericha

  6. aron2201sperber Says:

    Der Westen hat es verpasst, die Situation in Syrien aktiv mitzugestalten.

    So ist es Putin gelungen, seinen Bastard als einzige Alternative gegen die islamistischen Dschihadisten zu verkaufen, auch wenn gerade Putins Unterstützung für Assad (der sonst längst ins Exil gegengen wäre) der Hauptgrund dafür ist, dass statt Demokratie ein Bürgerkrieg zwischen Assad und den Dschhadisten herrscht.

    in dieser Situation bleibt Israel und dem Westen realpolitisch nicht viel anderes übrig, als zu schauen, dass weder Assads Extremisten noch die dschihadistische Gegenseite in den Besitz von Assads Waffenarsenal kommen.

    • arprin Says:

      in dieser Situation bleibt Israel und dem Westen realpolitisch nicht viel anderes übrig, als zu schauen, dass weder Assads Extremisten noch die dschihadistische Gegenseite in den Besitz von Assads Waffenarsenal kommen.

      So sieht’s aus. Man kann noch hinzufügen, dass der Westen weiterhin die zivile Opposition unterstützen sollte. Die Nationale Koalition ist wohl die letzte Hoffnung für die Zeit nach Assad.

  7. besucher Says:

    Hmm, schwierige Geschichte: wenn man nach den von Dir aufgestellten moralischen, klar umrissenen Kriterien geht dann bleiben in der islamischen Welt nur noch drei mögliche Bündnispartner übrig: das relativ liberale Marokko, das eher säkular regierte Bangladesch und die 5-Religionen-Staatsideologie-Demokratie Indonesien. Allen anderen müsste man den kalten Krieg erklären.

    • arprin Says:

      Allen anderen müsste man den kalten Krieg erklären.

      Keine Waffenlieferungen oder sonstige Hilfe für Unterdrückung bedeutet nicht, dass man ihnen den Kalten Krieg erklären muss.

    • Thomas Holm Says:

      Stichwort Bangladesh; so sieht es aus, wenn eine Regierung, die mit Extremisten nichts mehr anfangen kann, denen einen Absage erteilt:

      http://chairmanbd.blogspot.co.uk/2013/05/mass-killing-on-protesters-in-dhaka-at.html

      Die Außenministerin erklärt, dass die herumliegenden Jihadisten alle wieder munter aufgesprungen* seien, wenn die Polizei sie angestubst hat. Wenn ca. die Hälfte vom Jugend-Überhang der Sunniten salafistisch angehaucht ist, dann gibt das von Bamako bis Bangla-Desch doch noch einige größere (Eigen-)Gemetzel. *min 2.20

  8. Alreech Says:

    War die Unterstützung für Saddam im Krieg Irak-Iran und die Unterstützung für den Afghanischen Widerstand wirklich eine Katastrophe für den Westen ?

    Katastrophale Folgen für den Westen hatte weder das Unentschieden am Golf, noch der Abzug der Russen aus Afghanistan.
    Selbst wenn man Saddams Einmarsch in Kuwait und die Anschläge der AlKaida als zwangsläufige Folge westlicher Realpolitik definiert.

    Katastrophale Folgen hatte hingegen der Sieg der Roten Armee an der Ostfront 1942-1945, der dafür gesorgt hat das ganz Osteuropa hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden ist, und der unzählige Stellvertreterkriege zur Folge hatte…

    • arprin Says:

      Katastrophale Folgen für den Westen hatte weder das Unentschieden am Golf, noch der Abzug der Russen aus Afghanistan.
      Selbst wenn man Saddams Einmarsch in Kuwait und die Anschläge der AlKaida als zwangsläufige Folge westlicher Realpolitik definiert.

      Das hängt davon ab, wie man Katastrophe definiert. Wenn man erst eine Invasion in westliche Länder als Katastrophe für den Westen ansieht, hätte wohl auch ein Sieg des Iran gegen den Irak oder ein Verbleib der Sowjets in Afghanistan keine katastrophalen Folgen für den Westen gehabt. Aber wenn man schon die Aufrüstung von späteren Todfeinden als Katastrophe betrachtet, war die Unterstützung für die Mudschaheddin und Saddam durchaus katastrophal (wobei man anmerken muss, dass Saddam zum Großteil von den Sowjets und die Taliban von Pakistan aufgerüstet wurden).

  9. Thomas Holm Says:

    Katastrophe hin, oder her …

    wir zahlen jedenfalls mit dem VT-Nervereien den Preis dafür, dass sich die Amis einfach haben zu simpel hintergehen lassen von ihren diversen zeitweilig pragmatisch Verbündeten – auch schon mangels Sprachkenntnissen.

    Römer und Briten hatten sich jedenfalls sorgfältiger und wenn man so will: „liebevoller“ für ihre barbarischen Nachbarn interessiert.

    Unter dem Stichwort „Respektlosigkeit“ wird das heute beanstandet.

    Unübertroffen über den exzentrischen Britischen Kolonialbeamten: „Mark Steyn on Multiculturalism“

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