Kapitalismus, Sozialismus und Christentum

Das Symbol des christlichen Kommunismus

Das Symbol des christlichen Kommunismus

War Jesus ein Kapitalist? Wenn es nach Robert Grözinger geht, der an Fronleichnam in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin eine Lesung zu seinem Buch „Jesus, der Kapitalist“ hielt, braucht und fordert das Christentum sogar den Kapitalismus. Anhand von Gleichnissen, Aussagen und Mahnungen von Jesus meint er, erkennen zu können, dass Jesus‘ Prinzipien „von einer wirklich freien Marktwirtschaft“ untermauert sind. Christentum und Sozialismus (in all seinen Formen, von der UdSSR bis zum modernen Wohlfahrtsstaat) hält Grözinger für unvereinbar.

Es gibt viele liberale und libertäre Autoren, die versuchten, das Christentum mit ihren Ansichten in Einklang zu bringen, so z.B. Roland Baader und Gerd Habermann, oder der „papsttreue Libertäre“ Felix Honekamp. Gleichzeitig spricht Papst Franziskus von der „Tyrannei des Marktes“, „selbstsüchtiger Steuerhinterziehung“ und fordert mehr staatliche Intervention und Umverteilung im Namen Gottes. Was stimmt denn nun? Kann man das Christentum mit dem Kapitalismus in Einklang bringen?

Wie sorgte Jesus für seinen Lebensstandard? Die Urchristen verachteten Besitz. Sie produzierten nichts und lebten nur von dem, das die Neubekehrten als Erlös mitbrachten, nachdem sie ihr Hab und Gut veräußert hatten. Es ist kein Wunder, dass es viele Theologen gibt, die sich anti-kapitalistisch äußern. Ludwig von Mises meinte in seinem Buch „Die Gemeinwirtschaft“, dass die christliche Lehre „extrem destruktionistisch wirken kann, sobald die Erwartung des unmittelbaren Bevorstehens des Gottesreiches wegfällt“.

Wenn das Reich Gottes nach weltlichen Gesetzen funktionieren würde, würden die Erwählten schon bald anfangen zu (ver-)hungern. Allerdings sind solche Gemeinschaften, solange sie freiwillig zustande kommen, mit einer liberalen Wirtschaftsordnung vereinbar. Das ist das, was Baader, Habermann und andere Christen mit liberalem Gedankengut sagen. Jesus forderte nie, allen Menschen mit Gewalt ihr Eigentum wegzunehmen. Das Christentum predigt das freiwillige Geben und verbietet das erzwungene Wegnehmen („Du sollst nicht stehlen!“).

Das ist aber eine zu einfache Argumentation. Ich könnte jetzt auf die Straße gehen und Menschen fragen: „Ist Diebstahl für Sie in Ordnung?“ Sie würden mit „Nein“ antworten. Wenn ich dann frage: „Sind Sie für Steuererhöhungen für Reiche?“ würden viele mit „Ja“ antworten. Hat Jesus jemals gesagt „Steuern sind Diebstahl“? Nein. Also kann man nicht behaupten, dass er die heutige Umverteilung ablehnen würde. Das Problem ist: Die Bibel ist kein VWL-Buch und das Reich, von dem Jesus spricht, ist kein weltliches. Er fordert weder Kapitalismus noch Sozialismus.

Man kann der Bibel keine politisch-ökonomische Botschaft andichten. Die meisten Christen kennen wohl Jesus‘ Ausspruch: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“. Die Formulierung „was dem Kaiser gehört“ könnte man so interpretieren, als würde Jesus für Gehorsam an den Staat plädieren (auf heute übertragen würde es heißen: „Gebt dem Finanzamt, was dem Finanzamt gehört“). Aber wahrscheinlich wollte Jesus mit diesem Ausspruch nur verdeutlichen, dass er keine politischen Ziele hatte. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.

Nun ist es aber so: Es mag keine „christliche Politik“ geben, aber es gibt Christen, die Politiker werden. Wie bringen es christliche Politiker fertig, ein mit dem Christentum vereinbares politisches Ziel zu formulieren, wo doch das Christentum keine politischen Ziele formuliert? Ganz einfach: Ihre persönlichen Ansichten, nach denen sich ihre Politik richtet, stellen sie als „christliche Werte“ dar, völlig egal, um welche es sich handelt. Sozialistische Christen glauben, Jesus würde den Sozialismus predigen, kapitalistische Christen glauben, Jesus würde den Kapitalismus predigen.

Ludwig von Mises äußerte sich dazu wie folgt:

Seit dem dritten Jahrhundert hat das Christentum immer zugleich denen gedient, die die jeweils herrschende Gesellschaftsordnung stützten, und jenen, die sie stürzen wollten. Beide Teile haben sich mit gleichem Unrecht auf das Evangelium berufen; beide glaubten zugunsten ihrer Auffassung Bibelstellen ins Treffen führen zu können. Auch heute ist es nicht anders. Das Christentum kämpft gegen den Sozialismus und mit ihm.

Vergessen wir aber nicht: Das Reich Gottes ist nicht für jeden. Jesus stellte bestimmte Verhaltensweisen „unter Strafe“, und zwar mit der schlimmsten denkbaren Strafe, die es geben kann: Die ewige Hölle. Zu den Verhaltensweisen, die einen Menschen in die Hölle bringen können, gehört auch der bloße Erwerb von Reichtum: „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!“ (Mk 10,23), „Eher geht ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Mk 10,25), „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6, 24).

Jesus sagte also nicht: Lasst die Reichen in Ruhe, denn Reichtum ist nichts Unmoralisches. Er sagte: Lasst die Reichen in Ruhe, sie werden später in die Hölle kommen. Nicht der weltliche Staat soll die Reichen bestrafen, sondern Gott. Marx will Reiche im Diesseits enteignen, Gott schickt sie in die Hölle. Somit können wir zusammenfassen: Das Christentum hat keine weltliche Politik, Sozialisten können sich nicht auf ihn berufen, er stellt jedoch klar, dass Reiche in die Hölle kommen werden, so dass sich Kapitalisten auch nicht auf ihn berufen können.

9 Antworten to “Kapitalismus, Sozialismus und Christentum”

  1. Thomas Holm Says:

    Enteigner könnten sich darauf berufen, die Kapitalisten vor der Hölle bewahren zu wollen. Raub und Nötigung aus Nächstenliebe, das muss wohl noch entdeckt werden. Schmeckt etwas nach „erretten durch Vollstreckung Göttlichen Gesetzes auf Erden“ vulgo: Scharia.

    Dieses Salafisten-Kult-Autorität war allerdings pro-kapitalistisch:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ibn_Taimiya

    „Auf wirtschaftlichen Gebiet forderte er unter anderem, dass sich der Staat weitgehend aus der Preisbildung herauszuhalten habe.“

    Der Katholizismus war zeitweilig auch mal auf dem Taliban-Tripp:
    Ab 9.00 Fromme Prekariats-Kinder auf innerem Askese-Kreuzzug:

    Zuvor: Savonarola – Der schwarze Prophet 2/4 hetzt den Medici die Franzosen auf den Hals: ab Min. 0.30; Panik in Florenz; zu den Roten Khmer des Herren der Heerscharen stoßen französische Eroberer; das Bürgertum erfleht von Mullah Savonarola dessen Fürsprache bei Franzosen-König Karl VIII.; Bruder Nr. 1 verhext bei min 3.50 den Napoleon-Vorläufer zu einem Feldzug gegen den Party-Papst Alexander VI. welcher die Franzmänner allerdings zu Orgien lädt, während er gegen sie intrigiert. Als diese abziehen, schickt Alex seinen Uday-mäßigen Sohnemann Cesare Borgia zur Killing-spree gegen die Sahaba des fanatischen Ober-Taliban ab Min. 7.20.

    Übrigens: Die Taliban verhandeln mit dem Iran …

  2. Christentum und Politik | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin hat wieder einen sehr lesenswerten Artikel auf seinem Blog: Kapitalismus, Sozialismus und Christentum. […]

  3. aron2201sperber Says:

    allein die Bandbreite von asketischen Franziskanern bis zu den geschäftstüchtigen Calvinisten zeigt, dass man Jesus sehr vielfältig interpretieren kann.

  4. Asdren02 Says:

    Hmm , man fragte mal einen Rabbi ob eigentlich das alte Moseische Recht eigentlich noch gelte, es stammte ja von Gott also muss es ja ewig gültig sein. Der Rabbi sagte klip und klar NEIN. Da es in seiner „Zeit“ bezogen war und deswegen nicht heute gültig ist.Genau so ist es mit den neuen Testament und seiner Lehren.
    Die einzige Religion die so ziemlich sturr isst ist der Islam. Im Kuran steht sogar wie man scheißen muss. Naja wenn es einer braucht.

  5. Felix Honekamp (Papsttreuer) Says:

    Lieber Bloggerkollege,

    wie ich gesehen habe, führen Sie mich als „papsttreuen Libertären“ oben in einer Reihe mit Roland Baader und Gerd Habermann auf – das ist sicher zu viel der Ehre! Als „Papsttreuer“ Blogger beschäftige ich mich eher am Rande und deutlich laienhafter als die genannten mit dem Thema Libertarismus. Trotzdem Danke für die Nennung in Ihrem Blog!

    Zwei Hinweise seien aber noch gestattet: die Aussagen Jesu zu den Reichen und dem Himmelreich sollten nicht so gelesen werden, dass die Reichen in die Hölle kommen „müssen“; es besteht, so die Einschätzung Jesu, für sie nur die deutliche Gefahr, dem Mammon zu dienen und nicht Gott, was sie in der Tat in die Nähe der ewigen Verdammnis bringt (was dazu die Gnade Gottes noch alles bewirken kann, steht noch mal auf einem anderen Blatt, es besteht da kein Automatismus, die Gerechtigkeit Gottes ist nicht die der Welt). Im Gegenteil kann es also auch so sein, dass das Vermögen eines Menschen von ihm gut eingesetzt wird. Reichtum um des Reichtums willen anzuhäufen wäre so ein „dem Mammon dienen“, zu sparen um zu investieren, Arbeitsplätze zu schaffen, auch in die Bildung der eigenen Kinder etc. ist dagegen durchaus rechtschaffen und wird von Jesus nicht beanstandet. Eher schon kann man die von Ihnen ausgewählte Textststelle (Markus 10, 23) als „Mitleidsbekundung“ Jesu sehen, die denen gilt, die reich sind und in Gefahr, ihre Seele dafür zu verkaufen.

    An anderer Stelle gebe ich Ihnen aber Recht: mit den Äußerungen der offiziellen katholischen Kirche liege ich auch oft – papsttreu hin oder her – quer. Wenn also Bischöfe Steuererhöhungen verlangen, so glaube ich liegen sie damit außerhalb ihres Kompetenzrahmens. Was sie verlangen müssen ist Gerechtigkeit (wohlverstanden nicht Gleichheit), aber das ist eine Forderung, die sich an jeden Einzelnen wie auch an Institutionen richtet; mithin hat dies aber nur apellativen Charakter, keine Bindungswirkung für Menschen, Organisationen und Regierungen. Auf diese Art mache ich als Katholik, für den der Glaube den obersten Primat darstellt, meinen Frieden mit dem Libertarismus, der mir vernünftig erscheint. Wenn stimmt, was Papst Benedikt gesagt hat (als Atheist wird man da sicher zu einer anderen Antwort kommen), dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen sondern komplementär befruchten, dann muss ein vernünftiges Ordnungssystem wie der Libertarismus auch mit dem katholischen Glauben vereinbar sein.

    Eine entsprechende „Annäherung“ habe ich auch hier versucht: http://papsttreuer.blog.de/2013/05/10/libertarismus-katholischer-glauben-versuch-annaeherung-15934066/

    Herzliche Grüße,
    Felix Honekamp

    • arprin Says:

      Danke für ihren Kommentar.

      Eher schon kann man die von Ihnen ausgewählte Textststelle (Markus 10, 23) als “Mitleidsbekundung” Jesu sehen, die denen gilt, die reich sind und in Gefahr, ihre Seele dafür zu verkaufen.

      Das liegt dann wohl in der Interpretation. Die Aussage mit dem Schiffstau und Nadelöhr klingt für mich ziemlich deutlich. Wenn Jesus sich an anderer Stelle anders geäußert hat frage ich mich welche Aussage man ernster nehmen soll.

      An anderer Stelle gebe ich Ihnen aber Recht: mit den Äußerungen der offiziellen katholischen Kirche liege ich auch oft – papsttreu hin oder her – quer.

      Das wusste ich ja schon. Libertäre sind nie für Steuererhöhungen. 😉

  6. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin auf seinem Blog: Kapitalismus, Sozialismus und Christentum […]

  7. hansiwurstli Says:

    Erste Empfehlung: Sätze, Absätze und Kapitel in der Bibel vollständig lesen.

    Und das mit dem Nadelöhr: Am Ende sagt Jesus dass für Gott alles Möglich sei.

    Man darf nur nicht Geld anbeten. Ob Mafia, oder Staat.

    Und der Bischof welcher für Steuererhöhungen spricht, nicht jeder Bischof auf der Welt ist auf der Seite der Kirche. Nicht jede Aussage eines Bischofs entspricht dem dessen aus Rom. Ist das so schwer zu verstehen? Das sind freie Menschen die auch dinge sagen die ihren Vorgesetzten nicht passen.

    Vor allem in Deutschland. Auch dort haben Kommunisten die Kirche unterwandert.

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