Homeschooling ist kein Verbrechen

Kinder brauchen gute Lehrer, ob in der Schule oder zuhause

Kinder brauchen gute Lehrer, ob in der Schule oder zuhause

Moritz Neubronner ist 16 Jahre alt und ist im Januar nach Deutschland zurückgekehrt. Zuvor war er mit seinen Eltern nach Spanien und später Frankreich ausgewandert, weil sie etwas getan hatten, was in Deutschland verboten ist. Die Neubronners hatten ihr Kind nicht zur Schule geschickt, sondern zuhause unterrichtet. Nun will er aber seinen Realabschluss machen und drückt freiwillig die Schulbank. Nach wenigen Monaten hat er den Lernstoff nachgeholt und bekommt ausgezeichnete Noten.

Ein Verbot von Homeschooling gibt es eigentlich nur in Diktaturen. In den meisten europäischen Ländern gibt es keine Schulpflicht, sondern Bildungspflicht. Das gilt z.B. für Großbritannien, Frankreich, Österreich und Dänemark. Auch in den USA gibt es keine Schulpflicht. Auf Grundlage des Reichsschulpflichtgesetz von 1938 besteht dagegen in Deutschland strikte Schulpflicht. Wer dagegen verstößt, muss mit der vollen Härte des Gesetzes rechnen – also mit hohen Geldbußen, Polizeiwagen, die die Kinder zur Schule fahren oder gar Sorgerechtsentzug!

Das Hauptargument gegen Homeschooling ist dasselbe, das für alle staatlichen Eingriffe herangezogen wird: Es besteht die Gefahr, dass die Privaten versagen, z.B. wenn es religiöse Fundamentalisten sind, die ihre Kinder indoktrinieren, also muss der Staat die Sache übernehmen. Für alle, ohne Ausnahmen. Nicht berücksichtigt wird, dass der Staat ebenso versagen kann, es säkulare Eltern gibt, die ihre Kinder verantwortungsvoll erziehen können und man für die Fälle, in denen die Privaten versagen, einfache Lösungen finden kann, die ohne Schulpflicht für alle auskommen.

Wenn die Eltern ihren Kindern physisches Leid zufügen oder zu Gewalt erziehen (z.B. Handabhacken für Diebe, Steinigung für Ehebrecher), muss der Staat eingreifen. Damit wäre ein gewichtiger Einwand gegen Homeschooling ausgeräumt. Ansonsten ist es kein Problem, wenn Kinder beim Schwimmunterricht oder Sexualkunde fehlen. Wünschenswert wäre eine Bildungspflicht, in der die Kinder in regelmäßigen Abständen geprüft werden, wobei diese Prüfer nicht unbedingt vom Staat bereitgestellt werden müssen.

Studien, die belegen, dass Homeschooling-Kinder schlechtere Leistungen zeigen als Kinder in öffentlichen Schulen, gibt es nicht. Es gibt Menschen, die öffentliche Schulen besucht haben und funktionale Analphabeten sind, kaum etwas über die Evolution oder höherer Mathematik wissen und fast kein Wort Englisch können, während viele Homeschooler nach ihrer „Wiedereingliederung“ in die Schule gute Noten bekamen. Außerdem kann Homeschooling für Kinder, die von Mitschülern gemobbt werden, so dass jeder Schulbesuch eine psychische Qual ist, eine gute Alternative sein.

Ich bin mir sicher, dass sich die meisten Eltern für die Schule entscheiden würden, aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass es keinen rationalen Grund gibt, Homeschooling komplett zu verbieten. Wenn Kinder von der Polizei in die Schule gefahren werden, obwohl ihre Eltern sie zuhause unterrichten könnten, ist man geneigt, Roland Baader zuzustimmen, der einmal sagte, die Schulpflicht sei eine Form von Kindesentführung (erstaunlich ist, dass die Schulpflicht umgangen werden kann, wenn man ein Diplomatenkind oder Mitglied einer Boygroup ist).

Es gibt auch viele gute Gründe, das öffentliche Schulsystem komplett infrage zu stellen. Der Professor Bryan Caplan ist der Ansicht, dass das meiste von dem, was Schüler und Studenten lernen, für die überwiegende Mehrzahl von Berufen unbrauchbar ist. Stattdessen würden gute Noten für die Arbeitgeber ein Signal dafür sein, dass diese Schüler auch gute Arbeiter sind. Was sie genau studiert haben, ist ein unwichtiges Detail. Aber es ist irrational zu glauben, dass Professoren die Eignungen von Schülern für Berufe verbessern könnten, die sie selbst nicht kennen.

So meint der Professor:

Mein Gewissen zwingt mich jedoch trotzdem dazu, das System an den Pranger zu stellen. Erziehung vollbringt keine Wunder. Professoren können Studenten nicht durch Gelerntes zu obskuren Themen ertüchtigen, egal welche Arbeit sie erwartet. Ich bin zufrieden, dass ich einen Traumjob fürs Leben gefunden habe. Aber die Gesellschaft wäre besser dran, würden die Steuerzahler ihr Geld sparen, Schüler/Studenten weniger Zeit in Schulen und Universitäten verbringen und abgeschirmte Akademiker wie ich, endlich in das wirkliche Leben eintreten und eine wirkliche Arbeit finden würden.

Die Lösung kann nur lauten, die Bildungsausgaben zu senken und mehr Schulen in private Trägerschaft kommen zu lassen. Und ich meine damit wirkliche Privatschulen und nicht die semi-staatlichen Privatschulen, die es heute gibt. Das öffentliche Bildungssystem bescherte uns nicht nur PISA-Ergebnisse, sondern führt bei höheren Bildungseinrichtungen auch dazu, dass reiche Familien von ärmeren subventioniert werden (das wusste sogar Karl Marx). Es wird also Zeit für eine grundlegende Reform.

2 Antworten to “Homeschooling ist kein Verbrechen”

  1. blub Says:

    Außerdem können Eltern ihre Kinder auch zu Hause trotz Schulunterricht indoktrinieren, sonst dürte es ja eigentlich keinen Rassismus mehr geben.
    Gleichzeitig ist Kalle aber auch für die „öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder“ im Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 (http://de.wikipedia.org/wiki/Manifest_der_Kommunistischen_Partei#Kapitel_2:_Proletarier_und_Kommunisten vorletzter Absatz) eingetreten. Wobei man sagen könnte, dass sich dies wohl auf die allgemeine Schulbildung bezog und nicht auf die von ihm kritisierte öffentliche Finanzierung höherer Bildunseinrichtungen. Man könnte vielleicht als Zusatz zur Förderung von Arbeiterkindern BAföG-Empfänger von den Studiengebühren freistellen oder das BAföG weiter erhöhen. Oder man führt eine ausreichende negative Einkommenssteuer ein und jeder finanziert sich selbst. Gibt es noch andere Möglichkeiten?
    „Aber einfach Gratis ist unfair, für all die die nicht studiert haben. Und besonders an denen die obwohl Sie kein Studium haben, gutes Geld verdienen. Jemand der sich den Ar*** aufreißt und 2 Dönerläden/ein Handwerksbetrieb hat, der 80.000 Euro im Jahr bringt, sollte weniger Steuern zahlen als ein angestellter Akademiker, der das gleiche verdient. Denn ersterer hat einen größeren Eigenanteil an seinem Verdienst, letzterer verdient auch soviel weil der Staat ihm teuer was beigebracht hat.“ (Tim Leuther, Kommentare TAZ-Artikel) Das war für mich eines der überzeugendsten Argumente. Aber fällt man hier nicht vielleicht in die Falle des Antiintellektualismus?

  2. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin bei arprin: Homeschooling ist kein Verbrechen […]

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