WM-Geschichte, Teil 7

Garrincha war der überragende Spieler bei der WM 1962

Garrincha war der überragende Spieler bei der WM 1962

Hier nun der siebte Teil der WM-Reihe, die im November 2012 startete und im Mai 2014 ihren Abschluss finden wird. Auf all die legendären Spiele, unglaublichen Tore und unvergessene Spieler, die das größte Sportereignis der Welt von 1930 bis 2010 hervorgebracht hat, sich tief in das Gedächtnis von Millionen Menschen eingebrannt haben und bisweilen zu nationalen Mythen avancierten, wird zurückgeblickt. Dieses Mal ist die WM 1962 dran. Im Entwicklungsland Chile findet eine von Defensivfußball und brutalen Fouls geprägte WM, in der Brasilien dank ihrem überragenden Akteur Garrincha zum zweiten Mal hintereinander den Titel holt.

Vor der WM

Im Jahr 1962 befand sich der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt, der Mauerbau und die Kuba-Krise hielten die Welt in Atem, und vom 30. Mai bis zum 17. Juni fand die 7. Fußball-Weltmeisterschaft in Chile statt. Nach zwei Weltmeisterschaften in Europa beschloss die FIFA, das Turnier wieder in Südamerika auszutragen. Argentinien galt als großer Favorit, doch völlig überraschend entschied sich das FIFA-Komitee für Chile, einem bitterarmen Entwicklungsland, das auch fußballerisch nicht gerade zur Spitzenklasse gehörte. Der chilenische Leiter des WM-Organisationskomitees, Carlos Dittborn, wurde mit dem wohl erfundenen Satz „Weil wir nichts haben, erschaffen wir alles“ zu einer Legende in Chile.

Nachdem Chile im Mai 1960 vom schlimmsten Erdbeben des 20. Jahrhunderts (9,6 auf der Richterskala) getroffen wurde, mehrten sich die Stimmen, die das Turnier in ein anderes Land, eventuell Europa, verlegen wollten. Die Chilenen mussten die Anzahl der Austragungsorte von ursprünglich 9 auf 4 reduzieren (Santiago, Rancagua, Viña del Mar und das nördlich gelegene, wegen des trockenen Wetters von den Gastmannschaften ungeliebte Arica). Einen Monat vor Beginn der WM starb Carlos Dittborn mit 41 Jahren an einem Herzschlag, in Gedenken an ihm trat die chilenische Mannschaft das ganze Turnier über mit einem Trauerflor.

In den meisten Kontinenten hatten sich mittlerweile eigene Fußballverbände geründet. Die Südamerikaner hatten bereits 1916 einen Fußballverband ins Leben gerufen (Conmebol), 1954 zogen Europa (UEFA) und Asien (AFC) nach, 1957 Afrika (CAF). Die neugegründeten Verbände begannen auch, Kontinentalmeisterschaften für Klubs und Nationalmannschaften auszutragen. Es bewarben sich 26 Mannschaften aus Europa (darunter die die Türkei, die 1962 in die UEFA aufgenommen wurde), 9 aus Südamerika, 7 aus Afrika, 7 aus Nord-, Mittelamerika und Karibik und 4 aus Asien (darunter Israel, das von 1956 bis 1974 AFC-Mitglied war, und Zypern, dass 1962 der UEFA beitrat).

Aus Südamerika waren Weltmeister Brasilien und Gastgeber Chile automatisch qualifiziert. Argentinien, bei dem Torwart Amadeo Carrizo ein frühes Aus befürchtete und aus Angst vor den Reaktionen der Fans die WM-Teilnahme absagte, Uruguay und die von der argentinischen Fußballlegende Pedernera trainierten Kolumbianer setzten sich gegen Ecuador, Bolivien und Peru durch. Kolumbien nahm zum ersten Mal überhaupt an einer WM teil. Venezuela trat nicht an. Paraguay wurde gegen zum Play-Off gegen Mexiko, den Sieger aus der Nord-, Mittelamerika und Karibikzone, zugelost. Die Mexikaner konnten sich überraschend durchsetzten.

Die Qualifikation in Europa überstanden die Schweiz, Bulgarien, Deutschland, Ungarn, die Sowjetunion, England, Italien, die Tschechoslowakei, Spanien und Jugoslawien. Die WM-Zweiten und Dritten von 1958, Schweden und Frankreich, scheiterten an den Leichtgewichten Schweiz und den zum ersten Mal qualifizierten Bulgaren. Im Jahr 1960 hatte sich die Sowjetunion in Frankreich zum ersten Europameister gekrönt, allerdings nahmen viele Top-Mannschaften (z.B. Deutschland, England, Italien) an diesem Turnier nicht teil. Der Klubfußball wurde von den iberischen Mannschaften dominiert: Real Madrid gewann von 1956 bis 1960 alle Landesmeisterpokale und 1961 und 1962 holte Benfica aus Lissabon, angeführt von Superstar Eusebio, den Titel.

Die FIFA sah erneut keinen direkten Startplatz für Asien oder Afrika vor. So kam es, dass sich in Play-Offs Spanien gegen den Afrika-Sieger Marokko, Jugoslawien gegen den Asien-Sieger Südkorea und Italien gegen Israel, dem Sieger aus einer Gruppe mit Zypern und Äthiopien, durchsetzten. Nach 1930, 1950 und 1958 war somit zum vierten (und letzten) Mal keine Mannschaft aus Asien oder Afrika bei der WM dabei. Der Modus wurde gegenüber 1958 leicht geändert: Das Entscheidungsspiel bei Punktgleichheit zwischen dem Zweit- und Drittplatzierten wurde abgeschafft, es zählte jetzt nur noch das Torverhältnis.

Als Gruppenköpfe waren Brasilien, Chile, Argentinien und Uruguay gesetzt, Bulgarien, die Schweiz, Kolumbien und Mexiko wurden in Topf 3 gepackt und der Rest kam in Topf 2. Der größte Favorit für den Titel war der amtierende Weltmeister Brasilien. Zum sehr erweiterten Favoritenkreis gehörten auch Argentinien, Uruguay und die „Großen“ aus Europa, namentlich Deutschland, England, Italien, Spanien (dass mit den eingebürgerten Stars Puskas, Santamaria und Di Stefano, der jedoch verletzungsbedingt kein Spiel bestritt, antrat), die Sowjetunion und die wiedererstarkten Ungarn.

Vorrunde

In der Gruppe A traf Uruguay auf die Sowjetunion, Jugoslawien und Kolumbien. Alle Partien wurden im ungeliebten Spielort Arica ausgetragen. Die Begegnungen wurden zum Vorgeschmack dessen, was im Laufe des Turniers noch folgen sollte: Das Stadion war kaum gefüllt, und die Spiele wurden mit übertriebener Härte geführt. Beim Spiel zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien musste ein sowjetischer Spieler ins Krankenhaus eingeliefert werden, ein anderer erlitt eine Risswunde an der Schläfe. Die Sowjets konnten das Spiel dennoch mit 2:0 gewinnen. Es zeigte sich auch die im Turnierverlauf noch deutlicher werdende Überlegenheit der osteuropäischen Mannschaften.

Gruppenkopf Uruguay hatte sein Auftaktspiel gegen Kolumbien gewonnen, doch gegen Jugoslawien unterlag man mit 1:3 (in diesem wurden zwei Spieler nach einer Prügelei vom Platz gestellt) und im letzten Spiel besiegelte die 1:2-Niederlage gegen die Sowjetunion das Vorrundenaus. Ein denkwürdiges Turnier spielte Kolumbien. Nachdem man gegen die Sowjetunion nach 15 Minuten mit 0:3 und knapp einer Stunde mit 1:4 im Rückstand lag, gelangen den „Cafeteros“ in 9 Minuten 3 Tore, darunter das bis heute einzige direkt nach einer Ecke verwandelte Tor in der WM-Geschichte. Dank dieser Aufholjagd, die die wenigen Zuschauer in helle Begeisterung versetzte, endete das Spiel 4:4. Anschließend verlor man aber gegen die offensiv auftretenden Jugoslawen mit 0:5.

In Gruppe B traf Gastgeber Chile in der Hauptstadt Santiago auf die Fußballgrößen Deutschland und Italien sowie auf die Schweiz. Es war die einzige Gruppe, in der alle Spiele fast komplett gefüllt waren. Die Chilenen hatten das Glück, ausgerechnet bei ihrer Heim-WM ihre bis dahin beste Fußballergeneration aufbieten zu können, die vom Stürmer Leonel Sanchez angeführt wurde. Im ersten Spiel gegen die Schweizer geriet man zwar in Rückstand, doch dank zweier Tore von Sanchez hieß es am Ende 3:1 für den Gastgeber. Deutschland, das überraschenderweise mit Wolfgang Fahrian als Nummer 1 antrat, trennte sich einem sehr defensiv geprägten Spiel torlos gegen Italien.

Die Italiener wurden in diesem Spiel gnadenlos ausgepfiffen worden, weil italienische Zeitungen sich abfällig über das Land geäußert hatten. Als es dann zum Aufeinandertreffen zwischen Chile und Italien kam, folgte die legendäre „Schlacht von Santiago“ – das brutalste WM-Spiel aller Zeiten. Schon nach 7 Minuten wurde der Italiener Ferrini vom Platz gestellt. Da er sich minutenlang weigerte, das Feld zu verlassen, musste er von der Polizei abgeführt werden. Kurz danach bekam Sanchez vom Italo-Argentinier Maschio einen Schlag ins Gesicht verpasst. Er rächte sich, indem er ihn das Nasenbein brach.

Diese Fouls bleiben genauso ungeahndet wie das Duell zwischen Sanchez und Mario David in der 40. Minute. David trat Sanchez nahe der Eckfahne, Sanchez stand auf streckte ihn mit einer Linken zu Boden. Eine Minute später wurde David nach einem erneuten üblen Foul vom Platz gestellt. Schiedsrichter Kenneth Aston war mit dem Spiel völlig überfordert und gab später an, als „Schlichter in militärischen Manövern“ agiert statt ein Fußballspiel gepfiffen zu haben. Fußball gespielt wurde auch: Chile gewann mit 2:0, die Tore fielen in der letzten Viertelstunde. Zwar hatte es schon 1954 und 1958 brutale WM-Spiele gegeben, doch keines reichte je wieder an die Brutalität der Schlacht von Santiago heran.

Die Highlights der „Schlacht von Santiago“ (ab 0:57):

Am letzten Spieltag traf Chile dann auf Deutschland. Die DFB-Elf hatte mit Glück den „Schweizer Riegel“ knacken können, hatte dabei aber nicht wirklich überzeugt. Im Hexenkessel von Santiago bestand man dann den Test gegen die Gastgeber, dank einer guten Defensivleistung und den Toren von Szymaniak (22., Elfmeter) und Seeler (82.). Herbergers Jungs verhinderten dadurch den Trip nach Arica und trafen nun zum dritten Mal hintereinander in einem WM-Viertelfinale auf Jugoslawien. Auch zum dritten Mal hintereinander nach 1950 und 1954 war Italien bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Der 3:0-Sieg gegen die Schweiz war immerhin ein versöhnlicher Abschluss.

In Gruppe C traf Weltmeister Brasilien in Viña del Mar auf Spanien, die Tschechoslowakei und Mexiko. Die Brasilianer traten mit einem neuen Trainer, Aimore Moreira, an, da Vicente Feola kurz vor der WM krankheitsbedingt absagen musste. Im ersten Spiel gegen Mexiko, die man 1950 (4:0) und 1954 (5:0) noch deutlich vom Platz gefegt hatte, tat man sich schwer, doch in der zweiten Halbzeit sorgten dann Zagalo und Pelé für den 2:0-Endstand. Für die Mexikaner fühlte sich das Ergebnis dennoch wie ein Sieg an. Überraschend verloren die favorisierten Spanier ihr erstes Spiel gegen die Tschechoslowakei. Mit Josef Masopust hatten die Tschechoslowaken einen Weltklassespieler im Kader, der im Turnier noch eine gute Rolle spielen sollte.

Am zweiten Spieltag verletzte sich Pelé beim torlosen Spiel gegen die Tschechoslowakei folgenschwer: Das Turnier war für ihn beendet. Die Spanier wahrten sich dank eines Tors in allerletzter Minute gegen Mexiko ihre Viertelfinalchance. Die vom Catenaccio-Meister Helenio Herrera trainierte Mannschaft trat im letzten Spiel gegen Brasilien, in dem die Stars Santamaria, del Sol und Suarez auf der Bank blieben, wie verändert an. Nach 34 Minuten gingen sie in Führung, doch in der zweiten Halbzeit drehte Brasilien auf und Pelé-Ersatz Amarildo erzielte ein Doppelpack, der zum Sieg reichte. Spanien war ausgeschieden. Mexiko krönte seine WM mit einem 3:1-Sieg gegen die Tschechoslowakei, der immerhin zum 3. Platz in der Gruppe reichte.

In der in Rancagua ausgespielten Gruppe D traf Argentinien auf England, Ungarn und Bulgarien. Der argentinische Trainer Juan Carlos Lorenzo, genannt „El Toto“ schwörte seine Mannschaft auf den WM-Titel ein, aber es kam dann doch anders. Schon im ersten Spiel gegen den Außenseiter Bulgarien konnte man die frühe Führung nur dank theatralischem Spiel über die Zeit retten, während die bulgarischen Spieler sich über die brutalen Fouls der „Gauchos“ beschwerten. Die Ungarn wiederum setzten sich mit 2:1 gegen England durch und bekräftigten damit ihren Status als Angstgegner der englischen Auswahl.

Im zweiten Spiel machten es die Engländer besser und schlugen Argentinien deutlich mit 3:1. Das Licht der Argentinier war schnell erloschen. Ungarn sorgte beim Spiel gegen Bulgarien für den höchsten Sieg bei dieser WM (6:1) und war damit quasi durch, Florian Albert traf 3-mal. Bulgarien blieb die einzige osteuropäische Mannschaft, die in der Vorrunde ausschied. Im letzten Spieltag reichte den Ungarn ein 0:0 gegen Argentinien für den Gruppensieg. Ein Tag danach trennten sich England und Bulgarien mit demselben Ergebnis – das Highlight dieses Spiels kam, als ein Hund den Platz stürmte. Dank des besseren Torverhältnisses gegenüber Argentinien zog England ins Viertelfinale ein.

Viertelfinale

Im Viertelfinale kam die Hälfte aller verbliebenen Mannschaften aus Osteuropa, außerdem waren noch Brasilien, Chile, Deutschland und England dabei. Die Chilenen trafen in Arica auf die Sowjetunion, die damit wie schon 1958 im Viertelfinale gegen den WM-Gastgeber ran mussten. Nach 10 Minuten traf Sanchez per Freistoß zum 1:0. Die Sowjets glichen eine Viertelstunde später aus, im Gegenzug traf dann Eladio Rojas aus 35 Metern zum spielentscheidenden 2:1, er profitierte dabei von einem Patzer des sowjetischen Torwarts Yashin. In der zweiten Halbzeit war die Sowjetunion überlegen, konnte aber nicht mehr ausgleichen. Im ganzen Land brachen Jubelstürme aus.

In Santiago musste Deutschland gegen Jugoslawien antreten. Die chilenischen Zuschauer im Stadion waren mit ihrer Konzentration ganz bei dem gleichzeitig in Arica stattfindenden Spiel ihrer Mannschaft. Die DFB-Elf bot erneut eine defensive Spielweise an. Diese Taktik ging jedoch nicht auf, und die Jugoslawen begannen das Spiel an sich zu reißen. In der zweiten Halbzeit erwies sich der linke Verteidiger Schnellinger als der beste deutsche Offensivakteur, doch es sprang auf beiden Seiten kein Tor heraus – bis zur 86. Minute, in der Radakovic nach Vorlage von Galic ungedeckt im Strafraum zum Schuss kam und den jugoslawischen Siegtreffer erzielte. Es war die letzte WM für Herberger, der noch bis November 1963 im Amt blieb.

Titelverteidiger Brasilien bekam es mit England zu tun. Der Mann, der das Spiel entscheiden sollte, war Garrincha. In der 32. Minute traf er nach einem Eckball per Kopf, es war seine erstes Tor bei dieser WM, aber nur vier Minuten später erzielte Hitchens den Ausgleichstreffer. Die Engländer konnten in der ersten Halbzeit noch mithalten, im zweiten Abschnitt jedoch dominierte Brasilien die Begegnung. In der 54. Minute bereitete Garrincha das Führungstor von Vavá vor, und fünf Minuten später beförderte er den Ball ins Lattenkreuz. Für den englischen Trainer Walter Winterbottom war es bereits die vierte erfolglose Weltmeisterschaft, noch im selben Jahr wurde er von Alf Ramsey ersetzt.

Beim rein osteuropäischen Duell zwischen der Ungarn und der Tschechoslowakei mauerten sich die Tschechoslowaken ins Halbfinale. Die Ungarn dominierten das Spiel, scheiterten aber an der kompakten Defensive des Gegners, bei der vor allem Torwart Villiam Schroif herausragte. In der 13. Minute spielte Masopust dann einen Steilpass auf den abseitsverdächtigen Adolf Scherer, der ins rechte Eck traf. Nach einer halben Stunde erzielte Tichy per Freistoß den Ausgleich, doch der Schiedsrichter hatte den Ball, der die Latte berührte und dann ins Feld zurücksprang, nicht über der Linie gesehen. So kam es, dass den Tschechoslowaken gerademal 3 Tore für den Halbfinaleinzug reichten.

Halbfinale

Im Halbfinale musste Chile gegen den denkbar stärksten Gegner antreten: Brasilien. Das Spiel wurde kurzfristig nach Santiago verlegt, es kamen 77.000 Zuschauer. Sie sahen die große Show des Garrincha. 9 Minuten waren gespielt, als der Ball an der Strafraumgrenze zu Garrincha kam, der den Ball ansatzlos ins linke Toreck beförderte – ein Traumtor. In der 32. Minute traf er dann nach einer Ecke mit dem Kopf. Toro konnte zwar vor der Pause mit einem sehenswerten Freistoß den Anschlusstreffer beisteuern, doch nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff erzielte Vavá nach einer Garrincha-Ecke das 3:1. Chile kam durch ein Elfmetertor von Sanchez nochmal heran, aber in der 77. Minute besorgte Vavá nach einer Zagalo-Flanke den 4:2-Endstand. Chiles WM-Traum war vorbei.

Im anderen Halbfinale ermittelten die Tschechoslowakei und Jugoslawien die Mannschaft, die Osteuropa im Finale vertreten sollte – die offensivstarken Jugoslawen oder die Maurermeister aus der Tschechoslowakei. Erneut war es Torwart Schroif, der die Tschechoslowaken im Spiel hielt, als er in der ersten Halbzeit mehrere Großchancen der Jugoslawen abwehrte. In der 49. Minute erzielte Kadraba dann die Führung für die Tschechoslowakei, die 20 Minuten später von Jerkovic egalisiert wurde. Doch kurz darauf verletzte sich der jugoslawische Verteidiger Jusufi und musste pausieren. Diese Überzahl nutzte Scherer, der mit zwei Toren (80., 84.) den Finaleinzug für seine Mannschaft klar machte.

Spiel um Platz 3

Beim Spiel um Platz 3 traf der Gastgeber Chile in seinem letzten Spiel bei der Heim-WM auf Jugoslawien. Es wurde mal wieder ein von Defensivfußball geprägtes, langweiliges Spiel. Kurz vor Abpfiff erzielte Rojas mit einem abgefälschten Schuss das 1:0 und sicherte seinem Land damit den 3. Platz, das beste chilenische WM-Ergebnis aller Zeiten. Die WM 1962 hat bis heute einen Platz im kollektiven Gedächtnis der Chilenen. Eine traurige Anekdote ist, dass nach Pinochets Putsch im Jahr 1973 viele politische Gefangene ins Estadio Nacional gebracht und dort gefoltert wurden, darunter sogar ein WM-Spieler von 1962: Hugo Lepe.

Finale

Beim Finale zwischen Brasilien und der Tschechoslowakei waren die Südamerikaner die großen Favoriten. Doch sie fürchteten, dass sie ohne ihre zwei besten Spieler antreten mussten: Pelé, der immer noch nicht fit geworden war, und Garrincha, der beim Halbfinale sieben Minuten vor Schluss nach einem rüden Foul vom Platz gestellt worden war. Zwar musste Pelé tatsächlich auf der Tribüne Platz nehmen, Garrincha konnte aber vom brasilianischen Verband mit bürokratischen Tricks ins Finale gerettet werden. Dort sollte er aber nicht mehr die tragende Rolle spielen, die er im Viertel- und Halbfinale innegehabt hatte.

Die tschechoslowakische Auswahl überraschte alle und begann mit offensivem Fußball. Das zahlte sich aus: Nach einer Viertelstunde erzielte Masopust nach einer schönen Kombination die 1:0-Führung für die Tschechoslowakei. Aber die Freude bei den Osteuropäern währte nur kurz, und das hatte einen völlig unerwarteten Grund: Torwart Schroif. Amarildo traf zwei Minuten nach der tschechoslowakischen Führung, nachdem Schroif bei einer Hereingabe zu früh aus seinem Tor gekommen war und den Ball so ins Netz flattern ließ. Anschließend entwickelte sich ein munteres Spiel, bei dem sich beide Seiten gute Chancen herausspielen konnten.

In der 69. Minute ging Brasilien erstmals in Führung – und wieder sah Schroif nicht gut aus. Er hatte sich bei einer Flanke von Amarildo, die Zito mit der Brust ins Tor brachte, verschätzt. Es war ein Drama, dass ausgerechnet er, der seine Mannschaft mit seinen Glanzparaden überhaupt erst ins Endspiel gebracht hatte, nun mit seinen Patzern das Finale entschied. Und der Tiefpunkt kam dann in der 78. Minute, als er einen Ball aus den Händen gleiten ließ und Vavá zum 3:1 abstaubte (er wurde damit zum ersten Spieler, der bei zwei WM-Endspielen traf). Das Spiel war entschieden. Schroif hatte dreimal gepatzt und Brasilien hatte dreimal getroffen.

Das WM-Endspiel 1962:

Nach Italien 1938 gelang es also wieder einer Mannschaft, den WM-Titel zu verteidigen. Aus der brasilianischen WM-Mannschaft von 1958 waren noch acht Spieler an Bord, Trainer Vicente Feola kehrte erst nach der WM zurück. Die Ankunft der brasilianischen Elf in Rio führte dazu, dass der Verkehr zum Erliegen kam. Die Niederlage von 1950 war zwar noch nicht vergessen, aber man hatte nun selbst zwei Trophäen vorzuweisen. Für die Tschechoslowakei war es nach 1934 die zweite Vize-Weltmeisterschaft, und auch sie wurden von Tausenden Anhängern in ihrer Heimat empfangen. Josef Masopust, der Regisseur der Mannschaft, wurde 1962 zu Europas Fußballer des Jahres gewählt.

Fazit

In 32 Spielen wurden 245 Spieler eingesetzt und 89 Tore geschossen – ein Durchschnitt von 2,78 und damit deutlich niedriger als 1958 (3,6). Der Übergang zum Defensivfußball zeigte sich auch u.a. darin, dass es keinen echten Torschützenkönig gab, sondern sechs verschiedene Spieler, die 4 Tore erzielt hatten und mit der Tschechoslowakei eine Mannschaft Zweite wurde, die gerademal 7 Tore erzielt hatte. Die Zuschauerzahlen waren bis auf die Ausnahme Santiago sehr niedrig, im vierstelligen Bereich. Sogar das Viertelfinalspiel zwischen Chile und der Sowjetunion in Arica war nur zu zwei Dritteln gefüllt. Es war außerdem mit Sicherheit die brutalste WM aller Zeiten.

Viele WM-Chronisten bringen die WM 1962 im Rückblick nur mit niedrigen Zuschauerzahlen, brutalen Fouls und hässlichem Mauerfußball in Einklang, doch man sollte es nicht so streng sehen. Die Zuschauerzahlen waren auch bei früheren Weltmeisterschaften gering, der niedrige Tordurchschnitt wurde 1966 noch unterboten, die Taktik hatte sich halt verändert, nur für die brutale Spielweise gibt es keine Ausreden (immerhin erkannte die FIFA in den nächsten Jahren das Problem und führte ab der WM 1970 die Gelben und Roten Karten ein).

Platzierungen

1. Brasilien
2. Tschechoslowakei
3. Chile

WM-Torschützenkönig

Garrincha (4) – per Losentscheid
Vava (4)
Leonel Sanchez (4)
Drazan Jerkovic (4)
Florian Albert (4)
Valentin Ivanov (4)

Titel-Ranking

Uruguay (2)
Italien (2)
Brasilien (2)
Deutschland (1)

2 Antworten to “WM-Geschichte, Teil 7”

  1. besucher Says:

    Naja, wahrscheinlich würde heutzutage nur noch die türkische Nationalmannschaft so foulen wenn sie vom Erdowahn persönlich heiß gemacht werden.

    • arprin Says:

      Es gibt ja heute Gelbe und Rote Karten, die Möglichkeit von nachträglichen Sperren und wenn eine Mannschaft weniger als 7 Spieler im Feld hat, wird das Spiel abgebrochen. Sowas wie die Schlacht von Santiago wäre heute unmöglich.

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