Der peinliche Friedrich Naumann

Friedrich Naumann

Friedrich Naumann

Da wir schon bei Eugen Richter sind, können wir uns auch gleich mit der Frage beschäftigen, was mit dem klassischen Liberalismus geworden ist, nachdem Richter nicht mehr da war. Denn diese Tragödie verfolgt uns bis heute. Verbunden ist der Niedergang des deutschen Parteiliberalismus mit dem Namen Friedrich Naumann. Seit 1958 gibt es die FDP-nahe „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit„, der u.a. der Think Thank „Liberales Institut“ ansässig ist und das Magazin „liberal“ herausgibt. Dort werden durchaus liberale Ideen und Prinzipien vertreten, doch das kann kaum in Naumanns Sinne sein, denn Naumann war Nationalist, Sozialist und Imperialist.

Es ist bezeichnend, wie von heutigen Liberalen versucht wird, Naumanns Ansichten mit dem Liberalismus in Einklang zu bringen. Man sagt einfach, dass es eine andere Zeit war und man eben Kompromisse eingehen musste. Und hier liegt das Problem: Der Liberalismus ist eine universelle Lehre, unabhängig von Zeit oder Ort, und die liberalen Werte dürfen für nichts verraten werden. Dieser Beitrag in der Freisinnigen Zeitung, den ich mit freundlicher Genehmigung übernehme, beschreibt den Unterschied zwischen Eugen Richter und Friedrich Naumann ganz gut und zeigt außerdem, dass Richter trotz des damaligen Zeitgeistes seine Prinzipien niemals verriet.

Der peinliche Friedrich Naumann

Am 24. Januar 2011 veröffentlichte Götz Aly in der Frankfurter Rundschau eine Abrechnung mit Friedrich Naumann: “Die Leiche im Keller der FDP”. Er stellte dazu einige Zitate des Meisters zur Außenpolitik und zum Imperialismus zusammen, die einfach nur widerwärtig sind. Aly bezieht sich dann auf Friedrich von Hayeks Einschätzung, daß Friedrich Naumann einer der Wegbereiter des Nationalsozialismus war.

Am 5. Februar 2011 wies Wolfgang Gerhardt namens der Friedrich-Naumann-Stiftung der FDP den Vorwurf zurück. Allerdings waren seine Argumente kläglich. Irgendwie seien doch alle Imperialisten gewesen.

Das ist einfach falsch. Hier ist Eugen Richter in seiner Rede gegen die Flottenaufrüstung vom 14. Dezember 1899:

Meine Herren, obgleich es wohl manchem wunderbar erscheint, bin ich der Meinung, daß die Zeiten der Kolonialherrschaft nicht in erhöhtem Maße wiederkommen, sondern daß umgekehrt diese Zeiten mehr und mehr vorbei sind, daß die Kolonialherrschaft in der weiteren Entwicklung der Dinge eine Einschränkung erleiden wird. Der Herr Staatssekretär berief sich auf Frankreich und dessen Erwerbungen in diesem Jahrhundert. Ja, meine Herren, wenn man sich vergegenwärtigt, was Frankreich an Geld und Blut in Tonkin u. s. w. eingebüßt, und was das alles gekostet hat, so weiß ich nicht, ob es noch einmal solche Erwerbungen zu machen geneigt sein kann. Er spricht von Rußland. Ja, Rußland ist ein zusammenhängendes Land, das sich über zwei Welttheile erstreckt, und uns könnte es meines Erachtens ganz recht sein, wenn es seinen Schwerpunkt nach Asien rückt; denn dann wird es seinen Blick um so weniger nach Westen richten und um so weniger in die Lage kommen, in Europa auf Konstantinopel und das goldene Horn seinen Blick zu richten.

(Sehr richtig! links.)

Wie ist denn der spanisch-amerikanische Krieg entstanden? Doch dadurch, daß die Völkerschaften ihrer Kolonialherren müde geworden sind und Aufstände dort entstanden. Cuba hört nun auf, Kolonie zu sein; nach seiner Lage wird es sich naturgemäß den Vereinigten Staaten angliedern. Und was die Philippinen anbetrifft — nun, die Amerikaner haben jetzt wahrlich solche Schwierigkeiten mit den Tagalen und Filipinos, daß es mir, wenn es nicht ein Ehrenpunkt für sie geworden wäre, sehr zweifelhaft sein würde, ob sie noch auf diese Kolonialerwerbung Werth legen würden. Wie ist es Italien im Kriege mit Abessynien ergangen? Es ist natürlich, daß in dem Maße, wie Völkerschaften, auch solche, die nicht der weißen Rasse angehören, zivilisirter werden, in dem Maße, wie die Kultur eindringt, auch das Selbstgefühl lebendiger wird, ihr Freiheitsbewußtsein sich stärkt — sie werden widerstandsfähiger. Und — darüber dürfen Sie sich nicht täuschen — gerade die Entwicklung des modernen Waffenwesens erleichtert es auch solchen Völkerschaften, die nicht mehr mit Pfeil und Bogen kämpfen wie früher, ihren Kolonialherren Widerstand zu leisten.

Und noch einmal Eugen Richter in seiner Rede gegen die Hunnenrede des Kaisers vom 20. November 1900:

Ich meine aber auch, daß die Erfahrungen des letzten Jahres gerade geeignet sind, diejenigen, welche noch Phantasien nachgegangen sind über Weltreich und Weltherrschaft, zu ernüchtern. Was haben denn die Engländer mit ihrem Imperialismus für Erfahrungen gemacht? Zwei Milliarden hat ihnen der südafrikanische Krieg gekostet und 40 000 ihrer besten Truppen! Und was haben sie erreicht? Sie haben sich nur ein neues Irland da unten geschaffen, noch schwieriger zu behandeln als das europäische Irland! Und was haben die Amerikaner auf den Philippinen erreicht? Trotz einer ständigen großen Armee, trotz großer finanzieller Aufwendungen können sie dort keinen dauernden Friedenszustand schaffen.

Und er faßt seine Position zusammen:

Darum, meine Herren, die Zukunft Deutschlands liegt wahrhaftig nicht auf dem Wasser, die Zukunft Deutschlands liegt im Lande selbst (sehr richtig! links) und da bieten sich so viel schwierige und große Ausgaben für die Regierungen dar, deren Lösung weit fruchtbringender ist und viel dankbarer empfunden wird als alle überseeischen Probleme in Ostasien oder sonst wo. (Lebhafter Beifall links.)

Geht doch. Wir würden auch Ludwig Bamberger als entschiedenen Gegner des Imperialismus in Deutschland anführen. Mal ganz abgesehen von den großen Manchesterliberalen und Antiimperialisten Richard Cobden oder Frédéric Bastiat. Friedrich Naumann war hier keineswegs alternativlos.

Wolfgang Gerhard weist dann darauf hin, daß die Naumann-Fans doch von den Nationalsozialisten kaltgestellt wurden. Ja, richtig. Aber kann man nicht auch Vorbereiter für Leute sein, die einen dann nicht mehr brauchen? Die Nationalsozialisten haben sehr viele andere ebenfalls aufs Abstellgleis geschoben, die ihnen geistig und politisch den Boden bereitet haben: den Germanenorden und diverse völkische Grüppchen, die Bündische Jugend, die Kämpfer für die Frakturschrift, Martin Heidegger, Gottfried Benn, die DNVP, den Stahlhelm, usw.

Götz Aly und Friedrich von Hayek haben völlig recht: Friedrich Naumanns großes Projekt war es, den Liberalismus in Deutschland, der nach dem Tod von Heinrich Rickert 1902 und Eugen Richter 1906 hauptsächlich nur aus Schwundliberalen bestand, zu kapern und in eine Klassenpartei des “Mittelstandes” (ein Lieblingsschlagwort der Antisemiten, das von Eugen Richter abgelehnt wurde!) mit den Modethemen du jour — Imperialismus in und außerhalb Europas, Nationalismus, Sozialismus — umzufunktionieren. Leider ist ihm das gelungen, und damit hat er auch den Boden für die Nationalsozialisten bereitet.

Wie die “Autonome Brigade Eugen Richter” (nicht mit uns assoziiert, aber uns natürlich allein wegen des Bezugs nicht unsympathisch) bei antibuerokratieteam in dem Artikel “Einflussreiche Minorität” klarstellt, war auch Naumanns Position zum Antisemitismus mindestens dubios. Das sollte nicht verwundern, seine “Nationalsoziale Partei” ging aus dem Jugendverband der Christlichsozialen Partei des Antisemiten Adolf Stöcker hervor.

Doch dann finden wir das alles ja auch irgendwie passend. Ideologisch hat die FDP sich natürlich wieder an neue Zeitgeister angeschmiegt und alte hinter sich gelassen. Solange sie der Vorstellung Naumanns von der Klassenpartei des Mittelstandes huldigt, hat sie ja genau den Richtigen für sich entdeckt.

Liberalismus ist aber keine Klassenpartei. Und deshalb stehen wir zu Eugen Richter!

Zusammenfassung

Um den Vorwurf gegen Naumann zu präzisieren, weil dieser in der polemischen Kürze vielleicht unterschiedlich verstanden werden kann:

(1) Friedrich Naumann war in einem inhaltlichen Sinne kein Liberaler. Daß die heutige FDP das anders sehen kann, sagt etwas über die Partei, nicht Naumann.

(2) Naumann hat unter “Liberalismus” das verstanden, was dessen Gegner behauptet haben, nämlich daß dieser eine Klassenpartei des “Mittelstandes” sein soll. Dieser “Mittelstand” soll dann einen größeren Teil an der Beute des imperialistischen Staates gegen die herrschenden Schichten erkämpfen. Hier kommt ein antikonservativer Zug durch, wenn Naumann zu dem Zweck eine Front mit den Sozialisten machen will, die nur national eingenordet werden sollen.

Es ist kein Zufall, daß die Nationalsozialisten eine ganz ähnliche Selbstsicht hatten. “Antikonservativ” ist eben nicht per se liberal. Naumann war hier nicht mal originell: er hat das von den antikonservativen Antisemiten gelernt. Ernst Henrici, Hermann Ahlwardt oder Otto Böckel hatten schon vor ihm einen solchen Mix angerührt. Aber Friedrich Naumann hat ihn salonfähig gemacht und in breiten Kreisen propagiert.

(3) Naumanns Programm enthielt auch ein paar Forderungen, die Liberale vertreten haben (z. B. Erhaltung des gleichen Wahlrechtes im Reich und Ausdehnung auf die Bundesstaaten, vor allem Preußen), war aber ansonsten zusammengeklaubt aus konservativen, antisemitischen und sozialistischen Programmen. Sehr geschickt gemacht, um den Zeitgeist vor, während und nach dem 1. Weltkrieg abzugreifen, aber inhaltlich einfach kein Liberalismus. Naumann ließ dabei kein Modethema der Zeit aus, um sich selbst als “modern” zu inszenieren.

(4) Wir haben die Haltung Naumanns zum Antisemitismus als “dubios” bezeichnet. Er wie auch von Gerlach kam von den antisemitischen Christlich-Sozialen. Man kann den beiden durchaus bescheinigen, daß sie sich vom Antisemitismus wegbewegt haben. Wie das Zitat im Artikel der “Autonomen Brigade Eugen Richter” ABER allerdings zeigt, ist das alles nicht sehr beeindruckend, wenn man es sich genauer anschaut.

(5) Es geht nicht um eine “guilt by association” mit den Nationalsozialisten. Was wir Friedrich Naumann vorhalten: Er hat mit seiner Fusion von Nationalismus und Sozialismus und der Konzeption einer Klassenpartei des “Mittelstandes” unter dem Etikett “Liberalismus” den letzten Rest von Liberalismus in Deutschland getilgt. Die Weimarer Republik ging nicht an zu wenig Demokraten, sondern an keinen Liberalen zugrunde.

Im Übrigen hat Naumann auch viele der Leitthemen propagiert (Imperialismus in und außerhalb Europas, usw.), die die Nationalsozialisten nur übernehmen mußten. Die DDP war durchaus noch eine mäßig liberale Partei von den überkommenen Forderungen her (eher besser als die FDP) und stand parteipolitisch im Gegensatz zu den Nationalsozialisten, aber inhaltlich war sie durch die Vorarbeit Naumanns so ausgehöhlt, daß ihre Anhänger und dann auch die führenden Politiker Fallobst für die Nationalsozialisten waren.

2 Antworten to “Der peinliche Friedrich Naumann”

  1. bohu reri Says:

    Lieber „arprin“ ich danke vielmals und wünsche ich aus Tschechien alles Gute !

    Bohumil Rericha

  2. Horst Günther Says:

    Was für ein Schund! Naumann ein Antisemit? Er und die „jüngeren Christlich-Sozialen“ im ESK haben doch gerade mit Stoecker aufgrund dessen anitsemitischer Wendung gebrochen… und ein geistiger Wegbereiter des NS? Komisch nur, dass Heuß im Vorwort der ersten Auflage seiner Naumann-Biographie 1937 explizit versichern musste, dass die Nazis in keiner Kontinuität zu Naumann stehen.

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