WM-Geschichte, Teil 8

Englands Kapitän Bobby Moore nimmt den Jules Rimet-Pokal von der Queen entgegen

Englands Kapitän Bobby Moore nimmt den Jules Rimet-Pokal von der Queen entgegen

Hier nun der siebte Teil der WM-Reihe, die im November 2012 startete und im Mai 2014 ihren Abschluss finden wird. Auf all die legendären Spiele, unglaublichen Tore und unvergessene Spieler, die das größte Sportereignis der Welt von 1930 bis 2010 hervorgebracht hat, sich tief in das Gedächtnis von Millionen Menschen eingebrannt haben und bisweilen zu nationalen Mythen avancierten, wird zurückgeblickt. Dieses Mal ist die WM 1966 dran. Erstmals findet die WM in England, dem Mutterland des Fußballs, statt. Das stalinistische Nordkorea, ein schwarzer Panther und zwei irreguläre Tore im Finale sorgen für Aufsehen.

Vor der WM

Im Jahr 1966 herrschte zwischen den beiden Weltmächten die Zeit der Entspannungspolitik, die USA versuchten erfolglos den Kommunismus in Vietnam aufhalten, Mao rief die Kulturrevolution aus, Suharto ließ eine halbe Million Indonesier massakrieren und vom 11. bis zum 30. Juli fand in England die achte Fußball-Weltmeisterschaft statt. Der englische Fußballverband (FA) feierte im Jahr 1963 sein 100. Jubiläum und bekam den Vorzug vor Deutschland und Spanien. Es bewarben sich 71 Mannschaften, 31 aus der UEFA-Zone, erstmals alle 10 südamerikanischen Länder, 4 aus Asien (Israel und Syrien nahmen jedoch in der UEFA-Zone teil), 16 aus Afrika, 9 aus der CONCACAF-Zone und mit Australien eine Mannschaft aus Ozeanien. England als Gastgeber und Brasilien als Titelverteidiger waren automatisch qualifiziert.

In den 9 europäischen Gruppen setzten sich Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Portugal, die Schweiz, Ungarn, die Sowjetunion, Italien und Spanien durch. Mit der Tschechoslowakei, die an Portugal scheiterte, und Jugoslawien, die in ihrer Gruppe hinter Frankreich und Norwegen nur Dritte wurden, waren wie 1962 erneut die beiden besten europäischen Mannschaften der letzten Ausgabe nicht für die WM qualifiziert. Für Portugal war es die erste WM-Teilnahme überhaupt. Die DFB-Elf, seit 1963 von Helmut Schön trainiert, musste in ihrer Gruppe gegen die Schweden zittern, mit denen man nach dem skandalösen WM-Halbfinale von 1958 noch eine Rechnung offen hatte.

In Südamerika konnten Uruguay, Chile, der WM-Dritte von 1962, und Argentinien die Qualifikation überstehen und folgten damit Brasilien nach England. Bolivien hatte 1963 die Südamerikameisterschaft im eigenen Land gewonnen, aber in der WM-Qualifikation blieb man chancenlos. In Nord-, Mittelamerika und Karibik, wo 1961 der Kontinentalverband Concacaf gegründet worden war, überstanden Jamaika, Costa Rica und Mexiko die erste Runde, in der Finalrunde setzten sich die Mexikaner souverän durch und nahmen damit zum fünften Mal hintereinander an einer WM teil. Es sollte auch die fünfte WM für den Torwart Antonio Carbajal werden, das schaffte außer ihm nur noch Matthäus (1982-1998).

Aufgrund der Apartheid-Politik, die beim Sport nicht Halt machte, wurde Südafrika suspendiert. Nachdem die FIFA beschloss, dass es nur einen Endrundenplatz für Afrika und Asien geben würde, zogen alle übrigen 15 afrikanischen Vertreter sowie Südkorea ihre Bewerbung zurück. Übrig blieben mit Nordkorea nur noch ein asiatischer Vertreter sowie Australien. In zwei Spielen in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh setzte sich Nordkorea deutlich (6:1, 3:1) gegen die Australier durch und löste damit zum ersten Mal das WM-Ticket. Dort sollten die Kicker aus dem stalinistischen Land für Furore sorgen. Und die FIFA beschloss, dass Afrika und Asien für die nächste WM einen festen Startplatz bekommen.

Im Vorfeld des Turniers sorgte ein Hund für Aufruhr, und zwar der schwarz-weiße Mischling Pickles. Diebe hatten den Jules Rimet-Pokal gestohlen, nachdem er in der Westminster Central Hall öffentlich ausgestellt worden war. Eine Woche später konnte die FIFA aufatmen: Pickles fand den Pokal, der in Zeitungspapier aufgeschlagen worden war, in einem Gebüsch im Süden Londons, und wurde so schlagartig zum berühmtesten Hund der Welt. Sein Halter bekam einen Finderlohn und Pickles durfte beim Eröffnungsbankett der WM die Teller ablecken. Pickles trat später noch in mehreren TV-Shows und einem Film auf.

Das Turnier wurde in acht Stadien ausgetragen, 2 in London (Wembley und das mittlerweile abgerissene White City Stadium) und je einen in Birmingham, Sheffield, Liverpool, Manchester, Sunderland und Middlesbrough. Es wurden keine Regeländerungen gegenüber 1962 vorgenommen. Der „World Cup Willie“ war das erste WM-Maskottchen. Die Gruppenauslosung wurde erstmals live im Fernsehen übertragen. In Topf 1 landeten die vier südamerikanischen Mannschaften, in Topf 2 landeten die „Lateineuropäer“ Frankreich, Italien, Portugal und Spanien, in Topf 3 England, Deutschland, die Sowjetunion und Ungarn und in Topf 4 die restlichen Mannschaften Bulgarien, Mexiko, Nordkorea und die Schweiz.

Der zweifach amtierende Weltmeister Brasilien, wieder vom 1958 erfolgreichen Trainer Vicente Feola trainiert, gehörte natürlich wieder zu den Favoriten. Mit Pelé hatte man den besten Spieler der Welt in seinen Reihen, doch der Rest der Mannschaft war überaltert: Garrincha war 32, Djalma Santos 37 und Kapitän Bellini 36. Argentinien und Uruguay zählten zwar in Südamerika zu den „Großen“, bei einer WM mussten sie aber ihre Klasse wieder unter Beweis stellen. Aus Europa rechnete man mit den üblichen Verdächtigen: Deutschland, Italien, Europameister Spanien, die Sowjetunion, Ungarn und natürlich Gastgeber England. Portugal galt vor allem seines in der ehemaligen Kolonie Mosambik geborenen Superstars Eusebio, der mit seinem Klub Benfica 1961 und 1962 den Landesmeisterpokal gewonnen hatte, als Geheimfavorit.

Vorrunde

Der Gastgeber traf in Gruppe A auf Uruguay, Mexiko und Frankreich. Die englische Mannschaft wurde seit 1963 von Alf Ramsey trainiert, der die völlig erfolglose 16-jährige Ära von Walter Winterbottom beendete. Die „Three Lions“ spielten im 4-3-3-System, die Schlüsselspieler waren Torwart Gordon Banks, Abwehrchef und Kapitän Bobby Moore, im Mittelfeld Bobby Charlton und im Sturm Jimmy Greaves und Roger Hunt. In Testspielen hatte man sich in blendender Form gezeigt, im Turnier litt man dann an den hohen Erwartungen der Anhänger. Im ersten Spiel gegen Uruguay reichte die totale Dominanz nur für ein torloses Unentschieden. England hatte seit 1945 im Wembley immer ein Tor geschossen.

Im zweiten Spiel gegen Mexiko erlöste Bobby Charlton die Three Lions mit einem Treffer aus 25 Metern,. Roger Hunt besorgte den 2:0-Endstand. Die Pfiffe der Fans verstummten jedoch nicht. Im letzten Gruppenspiel wurden die Franzosen dank zweier Tore von Hunt besiegt, so überstand England die Vorrunde ohne Gegentor und als Gruppenerster. Auch Uruguay, dass Frankreich besiegte (2:1) und sich im letzten Spiel torlos von Mexiko trennte, sicherte sich den Viertelfinaleinzug, der ihnen zuletzt 1954 gelungen war. Mexiko erreichte durch zwei Unentschieden immerhin vor Frankreich Platz 3. Rekordtorwart Carbajal blieb in seinem letzten WM-Spiel ohne Gegentor.

In Gruppe B wurden Argentinien, Spanien, Deutschland und die Schweiz zugelost. Gleich im ersten Spiel gegen die Schweiz untermauerte die DFB-Elf ihre Favoritenrolle. Siggi Held eröffnete den Torreigen, danach traf das Mittelfeld-Duo Franz Beckenbauer und Helmut Haller je 2-mal zum 5:0-Endstand. Vor allem das 4:0, ein Sololauf von Beckenbauer über das ganze Spielfeld, war sehenswert. Das Duell zwischen Argentinien und Spanien wurde durch zwei Gewaltschüsse von Torjäger Luis Artime entschieden. Die Spanier waren zwischenzeitlich durch ein Torwartfehler herangekommen. Nach dem Spiel jubelten die „Gauchos“ ekstatisch.

Die Spanier wahrten sich mit einem Sieg gegen die Schweiz ihre Viertelfinalchance, während die DFB-Elf gegen Argentinien nicht über ein 0:0 hinauskam. Es war ein sehr hart geführtes Spiel, nach dem Spiel bezeichnete der argentinische Trainer die Deutschen als „Schauspieler“, diesen Ruf behielten sie bis Ende des Turniers. Dank der Tore von Artime und Onega beim Spiel gegen die chancenlosen Schweizer qualifizierte sich Argentinien für das Viertelfinale. Deutschland musste gegen Spanien ran und bangte um das Weiterkommen. Die Spanier gingen dann auch noch in der 24. Minute in Führung, doch 14 Minuten später gelang Lothar Emmerich aus einem unmöglichen Winkel das Tor seines Lebens. Ein Unentschieden hätte gereicht, kurz vor Schluss machte Seeler dann alles klar. Der Europameister schied in der Vorrunde aus.

Der zweifache Weltmeister Brasilien musste in Gruppe C gegen Portugal, Ungarn und Bulgarien antreten. Für die Selecao lief es anfangs nach Plan: Im ersten Spiel der WM schlug man Bulgarien dank zwei Freistoßtoren von Pelé und Garrincha mit 2:0. Die Ungarn waren beim Spiel gegen die Portugiesen an ihrer mangelnden Effektivität und verloren mit 3:1, Jose Augusto traf 2-mal. Beim Aufeinandertreffen gegen Brasilien machten sie es dann aber besser. Garrincha war zwar an Bord, Pelé fehlte aber verletzt. Ungarn ging bereits in der 2. Minute durch Ferenc Bene in Führung, der schon gegen Portugal getroffen hatte. Pelé-Ersatz Tostão konnte zwar ausgleichen, doch in der zweiten Halbzeit behielt Ungarn die Oberhand, am Ende hieß es 3:1. Für Garrinchas war es die erste WM-Niederlage überhaupt, und es sollte gleichzeitig sein letztes Spiel für Brasilien sein.

Portugals Superstar Eusebio fand beim 3:0-Sieg gegen Bulgarien zum ersten Mal das Netz. Im letzten Gruppenspiel gegen die ehemalige Kolonie Brasilien legte er nach. Zwar war Pelé wieder dabei, aber er wurde von den portugiesischen Spielern so hart gefoult, dass der „Daily Mirror“ am nächsten Tag titelte: „Der König wurde abgeschlachtet!“. Pelé schwor, er würde nie wieder eine WM spielen. Schon nach 25 Minuten hatte es 2:0 für Portugal gestanden. Rildo konnte in der 73. Minute den Anschluss erzielen, bevor Eusebio fünf Minuten vor Schluss mit seinem zweiten Tor das Aus für den amtierenden Weltmeister besiegelte. Die Ungarn machten mit einem 3:1-Sieg gegen die schwachen Bulgaren Platz 2 perfekt.

In Gruppe D trafen Italien, die Sowjetunion, Chile und Nordkorea aufeinander. Den Sowjets gelang beim ersten Spiel gegen die große Unbekannte aus Nordkorea ein deutlicher 3:0-Sieg, während sich die Italiener im Spiel gegen Chile mit einem 2:0-Sieg für die „Schlacht von Santiago“ rächten. Die „Catenaccio“-Taktik war aufgegangen. Die WM-Chancen der Chilenen schrumpften erheblich, als sie gegen Nordkorea nach anfänglicher Führung 2 Minuten vor Schluss den Ausgleichstreffer kassierten. Für die Nordkoreaner sollte sich dieser Punkt noch als sehr wichtig erweisen, denn die Sowjets hatten auch ihr zweites Spiel gegen die favorisierten Italiener mit 1:0 gewonnen (und auch gegen Chile siegten die Sowjets).

Das Spiel zwischen Nordkorea und Italien sollte in die Geschichte eingehen. Italien hatte in seinem Kader sechs Spieler von Inter Mailand im Aufgebot, die 1964 und 1965 den Landesmeisterpokal und den Weltpokal gewonnen hatten, darunter Abwehrchef Giaccinto Facchetti und Stürmer Sandro Mazzola, außerdem zählte der offensive Mittelfeldspieler Gianni Rivera vom Lokalrivalen AC Mailand zu den Stars der „Squadra Azzura“. Diese Ausnahmekönner zählten zur absoluten Weltspitze. Doch ausgerechnet gegen Nordkorea sollten sie scheitern. Pak Doo-Ik gelang in der 41. Minute das euphorisch bejubelte Tor des Tages.

Für die Italiener war es nun das vierte Vorrundenaus in Folge. Die Zeitungen sprachen von einer „nationalen Schande“, nach ihrer Ankunft wurden die Spieler mit Tomaten beworfen. Nur die italienischen Kommunisten jubelten über den Sieg des „überlegenen Systems“. Bis heute gilt die Niederlage gegen Nordkorea als die schlimmste in der italienischen Fußballgeschichte (36 Jahre später erlitten die Italiener eine demütigende Niederlage gegen Südkorea). Die Nordkoreaner, die durch den sensationellen Sieg zu Publikumslieblingen avancierten, waren froh, ihrem Führer Kim Il-Sung einen Sieg bescheren zu dürfen. Sie hatten sich 18 Monate lang für die WM vorbereitet.

Viertelfinale

England traf im Viertelfinale auf Argentinien. In einem mäßigen Spiel sorgte das unsportliche Verhalten des argentinischen Kapitäns Rattin zu einem Skandal. Nach seinem Platzverweis weigerte er sich acht Minuten lang zu gehen und musste dann vom Feld gebracht werden. Gegen die defensiv auftretenden Argentinier reichte in der 78. Minute ein Treffer von Geoff Hurst, der neu in die Mannschaft gekommen war, für das Weiterkommen. Aufgrund des unsportlichen Spiels wurden der argentinische Verband eine Geldstrafe aufgebrummt, Englands Trainer Ramsey, der die argentinischen Spieler als „Irre“ und „Tiere“ bezeichnete und nach Schlusspfiff ein Trikottausch verhinderte, kam mit einer Verwarnung davon. Um in Zukunft solche Skandalspiele zu verhindern, führte die FIFA in der nächsten WM die Gelben und Roten Karten ein.

Deutschland musste gegen Uruguay antreten. In den ersten 10 Minuten belagerten die „Urus“ den deutschen Strafraum, In der 6. Minute konnte Schnellinger nur durch ein Handspiel den Rückstand abwehren. In der 11. Minute erzielte dann Siggi Held mit dem ersten deutschen Konter gleich die Führung. Das brachte die Uruguayer aus der Fassung, und in der zweiten Hälfte verloren sie endgültig die Nerven, so dass Troche und Silva des Platzes verwiesen wurden und die Polizei eingreifen musste, um eine Prügelei zu verhindern. In den letzten 20 Minuten legten Beckenbauer, Seeler und Haller gegen die dezimierten Uruguayer nach und besorgten den 4:0-Endstand.

Ein legendäres Duell lieferten sich Portugal und Nordkorea in Liverpool. Schon in der 1. Minute ging Nordkorea in Führung, und zum großen Erstaunen der Zuschauer machten die Asiaten weiter mit dem Tore schießen. Nach 24 Minuten stand es 3:0 für Nordkorea! Doch dann nahm Eusebio das Spiel in die Hand: In der 27. Minute traf er nach einem Alleingang, in der 43. Minute per Elfmeter, in der 56. Minute umkurvte er nach einem Pass von Simoes den gegnerischen Torwart und besorgte den Ausgleich und in der 59. Minute traf er erneut per Elfmeter. Eusebio hatte mit vier Toren das Spiel gedreht. In der 79. Minute erzielte Jose Augusto nach einer Ecke von Eusebio dann den 5:3-Endstand. Nordkorea war ausgeschieden, aber sie hatten sich mehr als tapfer geschlagen.

Zum rein osteuropäischen Duell kam es in der Begegnung zwischen der Sowjetunion und Ungarn. Dank eines Patzers des ungarischen Torwarts Gelei erzielte Tschislenko in der 5. Minute die Führung, und die erste Halbzeit gehörte den Sowjets. Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit erzielte Porjukan das 2:0, doch dann waren die Ungarn die dominante Mannschaft. Der sowjetische Schlussmann Yashin, der als bester Torwart der Welt galt, musste aber nur einmal hinter sich greifen, als Bene in der 57. Minute traf. Die Sowjetunion stand erstmals in einem WM-Halbfinale. Für die Ungarn war es der letzte große Auftritt bei einer WM. Erst 1978 konnten sie sich wieder qualifizieren, doch sie überstanden nie wieder die Vorrunde.

Halbfinale

Die DFB-Elf musste sich nun mit der Sowjetunion messen. Kurz vor Halbzeitpause traf Haller mit einem Drehschuss, und eine Minute darauf wurde Tschislenko vom Platz gestellt – bereits der vierte Platzverweis für eine Mannschaft, die gegen Deutschland spielte (das nährte den Ruf der Deutschen als „Schauspielertruppe“). Da Szabo sich bereits in der 8. Minute verletzt hatte, war es nun quasi eine Partie von elf gegen neuen Mann (Auswechslungen waren damals nicht erlaubt). In der 67. Minute erhöhte Beckenbauer mit einem Gewaltschuss auf 2:0, es war sein vierter Turniertreffer. Die Sowjets kamen in der 88. Minute nach einem Patzer von Tilkowski, der von Porkujan ausgenutzt wurde, noch auf 2:1 heran.

England musste auf dem Weg zum Heimfinale nur noch eine Hürde überspringen: Portugal. Der englischen Mannschaft gelang es, Eusebio weitgehend kaltzustellen, während Bobby Charlton, der in diesem Turnier noch nicht sonderlich aufgefallen war, einer seiner besten Spiele ablieferte. In der 30. und 80. Minute gelangen ihm die beiden entscheidenden Tore. Einmal traf Eusebio aber doch noch, und zwar in der 82. Minute nach einem Handelfmeter. Es war das erste Gegentor für England bei dieser WM. Aber es reichte nicht mehr. Die Portugiesen hatten zwar mehr fürs Offensivspiel getan, die englische Abwehr konnten sie aber nicht knacken.

Spiel um Platz 3

Das Spiel um Platz 3 wurde, wie schon 1962, zu einem langweiligen Pflichttermin. Eusebio konnte mit seinem vierten Elfmetertor die Führung erzielen, Malafeyev glich kurz vor der Pause aus, aber Jose Torres ersparte zwei Minuten vor Schluss beiden Mannschaften die Verlängerung. Es war sowohl für Portugal als auch für die Sowjetunion, die von 1956 bis 1972 ihre goldene Ära hatten (1-mal Olympiasieger, 1-mal Europameister, 2-mal Vizeeuropameister, 1-mal WM-Halbfinale und 3-mal WM-Viertelfinale) das beste WM-Ergebnis in ihrer Geschichte. Eusebio sicherte sich mit seinem neunten Turniertor die Torjägerkrone. Dennoch wurden Stimmen laut, das Spiel um Platz 3 abzuschaffen.

Finale

Im Finale vor fast 100.000 Zuschauern trafen mit England und Deutschland zwei alte Rivalen aufeinander. Deutschland hatte bis dahin kein einziges Mal gegen England gewinnen können. Genauso wie beim Finale 1962, damals bei Garrincha, wurde eine Sperre aufgehoben, und zwar bei Beckenbauer, der im Halbfinale seine zweite Verwarnung bekommen hatte. Im Finale sollten die besten Spieler an Bord sein. Da es das Endspiel war, wurde eine Ausnahme gemacht und die Nationalhymnen der beiden Länder gespielt. Zuvor waren in keinem Spiel die Hymnen ertönt, da Großbritannien keine Beziehungen zu Nordkorea unterhielt und man sich diplomatische Verwerfungen ersparen wollte.

Es wurde ein ansehnliches Spiel. Mit der ersten großen Torchance erzielte Haller zum Leidwesen der im Stadion anwesenden Queen die Führung für Deutschland, aber die hielt nur sechs Minuten, Hurst glich in der 18. Minute aus. In der ersten Halbzeit blieb Deutschland überlegen und kam durch Seeler zu mehreren Chancen, doch sprang dabei nichts Zählbares heraus. In der zweiten Halbzeit riss England das Spiel an sich, und in der 78. Minute belohnte Peter seine Mannschaft mit der Führung. Als viele schon den Sieg der Engländer feierten, kam der Ball durch einen äußerst kuriosen Umweg zu Höttges, der in letzter Spielminute das 2:2 erzielte. Die Verlängerung musste her – und die hatte es in sich.

In der 100. Spielminute bekommt Geoff Hurst den Ball nach einer Hereingabe in den Strafraum, dreht sich und trifft die Unterkante der Latte, der Ball springt auf, ohne die Linie zu überqueren und wird dann von Weber ins Aus geköpft. Nach ein paar Sekunden Beratung mit dem Linienrichter Tofiq Bahramov gibt der Schiedsrichter Gottfried Dienst, der anfänglich auf Eckball entschieden hatte, das Tor für England. Eine Fehlentscheidung. In der 120. Minute trifft Hurst schließlich zum dritten Mal im Finale, doch auch dieses Tor war eindeutig regelwidrig, da sich bereits Fans auf dem Rasen befanden. Nach dem 4:2 wird das Spiel nicht mehr angepfiffen. England ist Weltmeister.

In der englischen Fußballgeschichte stellt der Triumph von 1966 der bis heute einzige wirkliche Höhepunkt. Und der war nur möglich, weil das Schiedsrichtergespann bei den zwei entscheidenden Toren komplett versagte. Bis heute dauern die Diskussionen an, und für jedes Tor, der von der Unterkante aufschlägt, wird das Wort „Wembley-Tor“ gebraucht. Die „Three Lions“ hatten mit Charlton, Moore und Banks ihre wahrscheinlich beste Mannschaft aller Zeiten aufzubieten, und obwohl man oft starke Mannschaften hatte, reichte es nur noch zu einem Halbfinaleinzug 1990. Deutschland dagegen wurde noch 2-mal Welt- und 3-mal Europameister.

Fazit

In 32 Spielen wurden 245 Spieler eingesetzt und 89 Tore geschossen – ein Durchschnitt von 2,78, genauso wie 1962, aber deutlich niedriger als 1958 (3,6). Die Stadien waren hochmodern für die damalige Zeit. Die Zuschauerzahlen ließen diesmal nicht zu wünschen übrig, ungewöhnlich für eine WM, in früheren Turnieren waren die Stadien meist nur zur Hälfte gefüllt gewesen. Auch organisatorisch lief alles reibungslos ab. Die Engländer erwiesen sich als gute Gastgeber. Die Fußball-WM eroberte immer neue Märkte, das Finale wurde sogar in den USA übertragen, wo Fußball damals ein absoluter Nischensport war.

Spielerisch war es definitiv eine Steigerung zu 1962, auch wenn der Tordurchschnitt gleich blieb. Die Mannschaften hatten gelernt, aus einer sicheren Abwehr heraus das Spiel zu gestalten. Das 4-3-3 und 4-2-4 waren die meist angewandten Spielsysteme. Es gab zwar auch hart geführte Spiele, doch eigentlich nur, wenn Argentinien und Uruguay beteiligt waren. Mit Eusebio, dem „schwarzen Panther“, hatte die WM einen herausragenden Torschützenkönig zu bieten, die Nordkoreaner sorgten für die Sensationen und das Finale hatte genug Stoff für Mythen produziert. Zusammengefasst kann man sagen, dass es die bis dahin beste Weltmeisterschaft war.

Platzierungen

1. England
2. Deutschland
3. Portugal

WM-Torschützenkönig

Eusebio (9)

Titel-Ranking

Uruguay (2)
Italien (2)
Brasilien (2)
Deutschland (1)
England (1)

Eine Antwort to “WM-Geschichte, Teil 8”

  1. Multioe@aol.com Says:

    Dass Schnellinger die Hand gegen die UdSSR einstzte war mir neu. Frage: Hat Schnellinger nicht auch beim legendaeren Halbfinalspiel 1970 gegen Italien den Ball mit der Hand ueber dem Kopf geklaert ?

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