WM-Geschichte, Teil 10

Johan Cruyff und Roberto Perfumo vor dem Zwischenrundenspiel zwischen den Niederlanden und Argentinien

Johan Cruyff und Roberto Perfumo vor dem Zwischenrundenspiel zwischen den Niederlanden und Argentinien

Im Jahr 1974 besetzten die Türken Zypern, in Portugal und Griechenland stürzten die Juntas, während in Chile die Pinochet-Diktatur begann, Nixon und Willy Brandt stürzten über Skandale und vom 13. Juni bis zum 17. Juli fand die 10. Fußballweltmeisterschaft in Deutschland statt. Die goldene Generation der Niederländer dominiert das Turnier, scheitert aber am Gastgeber und seiner eigenen Überheblichkeit, die DDR siegt im Bruderduell und ein Lückenbüßer wird zum Torschützenkönig.

Beim FIFA-Kongress im Jahr 1966 hatte Deutschland den Zuschlag bekommen, während den Argentiniern und Spaniern die darauffolgenden Ausgaben zugesprochen wurden. In München wurden 1972 als Generalprobe die Olympischen Spiele ausgetragen. Die Geiselnahme israelischer Sportler sorgte für eine verstärkte Polizeipräsenz bei der WM, zumal die RAF damals ihr Unwesen trieb. Es wurde ein reibungsloses Fußballfest, das die Bedeutung des Turniers in der zunehmend globalisierten Welt weiter steigen ließ.

Qualifikation und Favoriten

Es bewarben sich 99 Mannschaften: 33 aus Europa, 10 aus Südamerika, 14 aus der Concacaf-Zone, 24 aus Afrika, 16 aus Asien und 2 aus Ozeanien. Deutschland als Gastgeber und Brasilien als Weltmeister waren automatisch qualifiziert. Schweden, Italien, die Niederlande, erstmals die DDR, Polen, Bulgarien, Jugoslawien und Schottland komplettierten das europäische Teilnehmerfeld. Die größte Überraschung war das Ausscheiden Englands, das an Polen, dem Olympiasieger von 1972, scheiterte. Die Daily Mail titelte: „Das ist das Ende der Welt“. Auch die Spanier waren wie vier Jahre zuvor nicht dabei, obwohl ihre Klubmannschaften zu den Besten in Europa gehörten. Die Sowjetunion musste zum Play-Off gegen Chile ran. Nach dem 0:0 in Moskau weigerten sich die Sowjets, in Chile anzutreten, weil im Stadion von Santiago politische Gegner der Pinochet-Diktatur gefoltert worden waren. Die FIFA disqualifizierte die Sowjetunion, Chile kam kampflos weiter. Neben Chile lösten in Südamerika Uruguay und Argentinien ihr WM-Ticket.

In der Concacaf-Zone setzte sich Haiti durch und nahm damit zum einzigen Mal an einer WM teil. Die karibische Auswahl profitierte davon, dass die letzte Qualifikationsrunde, die gleichzeitig die Kontinentalmeisterschaft war, im eigenen Land ausgetragen wurde. Zaire (die heutige Dem. Rep. Kongo) wurde zum ersten schwarzafrikanischen WM-Teilnehmer. Australien konnte in der Asien-Ozeanien-Runde die asiatischen Schwergewichte Südkorea, Israel und Iran hinter sich lassen und wurde damit zum vierten WM-Neuling.

Der Favorit auf den WM-Titel war Deutschland. Im Jahr 1972 wurde die Mannschaft um Beckenbauer, Müller, Maier, Breitner, Netzer und Heynckes Europameister. Sporthistoriker sehen diese Auswahl als die beste, die Deutschland je hervorbrachte. Nach dem Triumph ließen die Ergebnisse jedoch zu wünschen übrig. Als weitere Schwergewichte galten Brasilien, Italien, Argentinien und Uruguay. Der Geheimfavorit war die Niederlande. Mit ihrem „totaal voetbal„, einer radikalen Angriffstaktik, hatten die Oranje-Kicker, lange Zeit ein Fußball-Nobody, für eine Revolution in der Fußballwelt gesorgt. Ajax gewann von 1971 bis 1973 dreimal hintereinander den Landesmeisterpokal. Der Superstar war Johan Cruyff, der 1973 für eine damalige Rekordsumme zum FC Barcelona gewechselt war. Zum Starensemble von Trainer Rinus Michels gehörten auch Johan Neeskens, Rob Rensenbrink, Johnny Rep und der Kapitän und Abwehrchef Ruud Krol.

Spielstätten, Modus und Gruppenauslosung

Das Finale der WM sollte im Münchner Olympiastadion stattfinden. Die anderen Stadien, die für die WM alle umgebaut wurden, lagen in Berlin, Stuttgart, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Hamburg, Frankfurt, Hannover und Dortmund. Für das Turnier wurde ein neuer Modus eingeführt: Nach der Vorrunde sollte es nicht mehr mit K.O.-Spielen, sondern mit einer Zwischenrunde weitergehen. Die beiden Gruppenzweiten der Zwischenrunde bestritten das Spiel um Platz 3, die beiden Gruppensieger das Finale. Neu war auch der von Silvio Gazzaniga geschnitzte WM-Pokal.

Die vier Gruppenköpfe waren die Halbfinalisten von 1970: Brasilien, Italien, Deutschland und Uruguay. Die Auslosung ergab vor allem eine brisante Paarung: Deutschland gegen die DDR.

Gruppe A: Deutschland, Chile, DDR, Australien
Gruppe B: Brasilien, Schottland, Jugoslawien, Zaire
Gruppe C: Uruguay, Niederlande, Bulgarien, Schweden
Gruppe D: Italien, Argentinien, Polen, Haiti

Vorrunde

In der Gruppe 1 zeigte sich die DFB-Elf nicht von ihrer besten Seite. Gegen die defensiven Chilenen mühte sich die Mannschaft dank eines Fernschuss von Breitner zu einem 1:0-Sieg. Die Australier wurden immerhin mit 3:0 vom Platz geschickt, Publikum und Medien waren jedoch mit den Auftritten nicht zufrieden, und der Tiefpunkt des Turniers kam beim letzten Gruppenspiel gegen die DDR. Die DDR hatte sich zuvor gegen Australien trotz eines 2:0-Sieges schwergetan und gegen Chile nur 1:1 gespielt. Jürgen Sparwasser wurde zum Helden, als er in Hamburg das entscheidende Tor schoss. Somit wurde Deutschland völlig enttäuschend hinter der DDR nur Zweiter.

Gruppe 2 wurde eine enge Angelegenheit. Die Spiele zwischen Jugoslawien, Brasilien und Schottland brachten keine Sieger hervor, so dass am Ende die Höhe des Sieges über Zaire entscheidend wurde. Die Jugoslawen sicherten mit einem 9:0 – dem zweithöchsten WM-Sieg der Geschichte – den ersten Platz, Brasilien reichte ein 3:0 knapp für den zweiten Platz. Der amtierende Weltmeister hatte trotz null Gegentoren kaum etwas von seinem Glanz von 1970 gezeigt. Schottland hatte nur 2:0 gewonnen und schied damit aus, ohne ein Spiel verloren zu haben (eine Serie von unglücklichen Ausscheiden in der Vorrunde nahm ihren Lauf). Die Zairer mussten sich nach der bitteren Klatsche gegen Jugoslawien aufraffen, um zum letzten Spiel gegen Brasilien anzutreten.

Die Niederländer wurden in Gruppe 3 ihrer Geheimfavoritenrolle ohne große Mühe gerecht. Mit Siegen gegen Uruguay (2:0, Rep erzielte beide Tore) und Bulgarien (4:1, Neeskens traf 2-mal per Elfmeter, außerdem Rep und de Jong) stürmte man an die Spitze, nur beim zweiten Spiel gegen die Schweden (0:0) musste man einen Punkt lassen. Bei den Skandinaviern überzeugte vor allem Torwart Ronnie Hellström, der eine große Verantwortung dafür trug, dass die beiden ersten Spiele seiner Mannschaft torlos endeten. Im letzten Spiel gegen den enttäuschenden Gruppenkopf Uruguay hieß es dann 3:0. Die Bulgaren, die gegen Uruguay beinahe ihren ersten WM-Sieg gefeiert hätten, schieden zum vierten Mal hintereinander in der Vorrunde aus.

In Gruppe 4 sorgten die Polen und die Karibik-Exoten aus Haiti für Aufruhr. Emmanuel Sanon, der Star der Haitianer, beendete kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit die 2 Jahre währende gegentorlose Serie des italienischen Torhüters Dino Zoff. Die Azzuri wendeten das Spiel noch zu einem 3:1-Sieg. Danach wurde mit Ernst Jean-Joseph zum ersten Mal in der WM-Geschichte ein Spieler des Dopings überführt. In den Spielen gegen Polen (0:7) und Argentinien (1:4) ging man völlig unter, doch Sanon gelang gegen die Argentinier wieder ein sehenswertes Tor, als er einen Ball aus 20 Metern in den Winkel knallte.

Argentinien spielte wie Polen einen erfrischenden Offensivfußball, der sich gegenüber Italiens Catenaccio durchsetzte. Bei den Polen waren dafür überwiegend der Regisseur Kazimierz Deyna sowie die Stürmer Andrzej Szarmach und der eigentlich als Ersatz angereiste Grzegorz Lato. Mit diesen Ballkünstlern sprangen drei Siege in drei Spielen heraus, die Fußball-Großmächte Argentinien (3:2) und Italien (2:1) wurden hinter sich gelassen. Aufgrund des besseren Torverhältnisses rutschte Argentinien noch in die Zwischenrunde, während der Vizeweltmeister Italien in der Vorrunde ausschied (es war bereits das fünfte Mal in den letzten sechs Teilnahmen).

Zwischenrunde

Die Gruppe A in der Zwischenrunde war deutlich namhafter besetzt als die Gruppe B: Neben den Außenseitern aus der DDR mussten die Niederlande, Brasilien, Argentinien die Teilnehmer für das Finale und dem Spiel im Platz 3 ausspielen. Die DDR schlug sich besser als erwartet. Ein Freistoßtrick musste herhalten, um den Brasilianern den 1:0-Sieg zu bescheren (was in den westdeutschen Sportredaktionen zu vielen Mauerwitzen führte). Die Niederländer avancierten mit einem fulminanten 4:0 gegen Argentinien endgültig zum Titelfavoriten. Cruyff gelangen seine ersten beiden Turniertore.

Am zweiten Spieltag reichte den Niederländern gegen die DDR eine durchschnittliche Leistung, um als Sieger (2:0) vom Platz zu gehen. Die Brasilianer setzten sich in einem sehr offensiv geprägten Spiel mit 2:1 gegen Argentinien durch und machten damit ihr letztes Spiel gegen die Niederlande zum Halbfinale. Die äußerst hart geführte Begegnung in Dortmund hatte den Charakter einer Entthronung, dank der Tore von Neeskens und Cruyff in der zweiten Halbzeit zogen die Niederländer ins Finale ein. Quasi aus dem Nichts hatte sich das kleine Land an die Spitze des Weltfußballs katapultiert. Eine neue Fußball-Weltmacht war geboren. Und Cruyff, Neeskens, Rep und co. waren nun bereit, in München ihre Krönung vorzunehmen.

Deutschland erwischte in Gruppe B mit Jugoslawien, Schweden und Polen ein vermeintlich leichtes Los, was die Niederlage gegen die DDR im Nachhinein etwas verträglicher machte. Dennoch tat man sich weiter schwer. Erneut musste Breitner im ersten Gruppenspiel mit einem Fernschuss für die Führung sorgen, diesmal gegen Jugoslawien. Ein Tor von am Boden liegenden Müller brachte den 2:0-Endstand. Die Partie gegen die Schweden wurde zu einem Turnierhöhepunkt. Uli Hoeneß wurde beim 4:2 mit einem Tor und drei Vorlagen zum besten Mann. Deutschland war erst 12 Minuten vor Schluss gegangen. Nun stand man kurz vor dem ersehnten Finale.

Die Polen marschierten weiter durch: Gegen Schweden (1:0) und Jugoslawien (2:1) sprangen zwei weitere Siege heraus. Somit hatte Polen alle seine ersten fünf WM-Spiele gewonnen – allerdings hatte man nicht mehr so überzeugt wie in der Vorrunde. In Frankfurt sollte es nun zum entscheidenden Spiel gegen den großen Nachbarn Deutschland kommen. Aufgrund des starken Regens, der für diese WM typisch war, war das Spielfeld nicht wettkampftauglich. Trotzdem wurde die Begegnung mit 40 Minuten Verspätung angepfiffen. In der „Wasserschlacht“ spielten sich die Polen die besseren Chancen heraus, aber 15 Minuten vor Ende traf Müller im Strafraum und begrub die polnischen Titelträume. Bis heute halten sich in Polen Gerüchte, wonach die Partie von den Deutschen „gekauft“ wurde.

Spiel um Platz 3

Wie in den letzten drei Ausgaben wurde das Spiel um Platz 3 ein Langweiler. Polen gewann dank eines Tors von Lato in der 79. Minute gegen Brasilien und konnte sich so über Platz 3 freuen. Lato wurde außerdem Torschützenkönig. Die Zuschauer seien um ihr Geld betrogen worden, meinten einige Analysten, und man diskutierte, ob man das Spiel abschaffen oder attraktiver machen sollte, indem man z.B. die beiden Finalisten und den Drittplatzierten die automatische Qualifikation für die nächste WM sichert.

Finale

Nicht nur aufgrund der sportlichen Dimension war die Stimmung vor dem Finale zwischen Deutschland und den Niederlanden angespannt. Die Medien hatten ihren Beitrag dazu geleistet. Die BILD behauptete, dass einige niederländische Spieler, darunter Cruyff, eine Orgie gefeiert hätten. Cruyff soll vor dem Finale die ganze Nacht über mit seiner Frau telefoniert haben. In den niederländischen Medien wiederum hörte man viel Arroganz gegenüber den Deutschen. Die „Elftal“ war trotz des Heimvorteils der Deutschen Favorit.

Gleich zu Anfang kam es für Deutschland knüppeldick. Die Niederländer kombinierten sich in den Strafraum, wo Cruyff regelwidrig von Hoeneß gestoppt wurde – Elfmeter in der ersten Minute. Neeskens knallte den Ball mit Vollspann in die Mitte, nach 80 Sekunden stand es 1:0 für die Niederlande. Als Maier den Ball vom Netz holte, war das der erste deutsche Ballkontakt. Es dauerte eine Viertelstunde, bis Deutschland ins Spiel kam. Dann kam es in der 25. Minute zum zweiten Elfmeter, nachdem Hölzenbein von Jansen gefoult worden war. Obwohl Müller als Schütze vorgesehen war, schnappte sich Breitner den Ball und verwandelte sicher. Der Gastgeber konnte wieder aufatmen.

Die nachfolgenden Minuten stellten die beste Phase Deutschlands dar, und in der 42. Minute fiel das entscheidende Tor. Bonhof lief über Außen und passte zu Müller, der sich um seine eigene Achse drehte und den Ball über Jongbloed ins Netz beförderte. Mit dem 2:1 ging es zur Halbzeit. Cruyff diskutierte in der Pause so lange mit dem englischen Schiedsrichter John Taylor, bis der ihm die Gelbe Karte zeigte. Die zweite Spielhälfte wurde ein Anrennen der Niederländer. Aber die deutsche Abwehr hielt stand, vor allem Maier hatte einen großen Verdienst daran. Am Ende hatte Deutschland den größeren Kampfeswillen und das nötige Glück an seiner Seite. Die Niederlande war unbestritten die beste Mannschaft des Turniers, aber nicht an diesem Tag.

Der WM-Titel stellte nach dem EM-Sieg den Höhepunkt für den deutschen Fußballs dar. Eine bayrische Weltauswahl hatte den Titel geholt, und mit Bayern München folgten weitere Triumphe im europäischen Landesmeisterpokal. Nach dem Sieg im Endspiel erklärten jedoch Gerd Müller und Overath ihren Rücktritt von der Nationalmannschaft. Für die Niederländer war es die bitterste Niederlage in ihrer Fußballgeschichte. Immerhin nahm man bei der EM1988 Revanche, wieder in München.

Fazit

In 38 Spielen wurden 267 Spieler eingesetzt und 97 Tore geschossen (2,55 pro Spiel). Während es 1970 keine Rote Karte gegeben hatte, waren es diesmal gleich fünf. Der überraschende Torschützenkönig war Grzegorz Lato mit 7 Treffern, aber Gerd Müller reichten 4 Tore, um sich mit insgesamt 14 Toren für die nächsten 32 Jahre an die Spitze der ewigen WM-Torschützenliste zu setzen. Die durchschnittliche Zuschauerzahl betrug 46.685, die Stadien waren damit nur zu etwa zwei Drittel gefüllt gewesen. Noch nie hatte eine WM so hohe Einnahmen eingespielt, das Marketing spielte dabei eine immer größere Rolle. Erstmals waren alle Spiele in Farbe übertragen worden.

Platzierungen

1. Deutschland
2. Niederlande
3. Polen

WM-Torschützenkönig

Grzegorz Lato (7)

Titel-Ranking

Brasilien (3)
Deutschland (2)
Italien (2)
Uruguay (2)
England (1)

2 Antworten to “WM-Geschichte, Teil 10”

  1. aron2201sperber Says:

    freue mich schon auf die nächste Folge mit Cordoba und Hansi Krankl

    der emotionalen Geburtsstunde der österreichischen Nation 😉

    • arprin Says:

      Kommt Ende des Monats, auch wenn ich Cordoba natürlich am liebsten verdrängen würde. Aber schön für Österreich, jede Nation braucht ihren Gründungsmythos. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: