Brot und Spiele?

Zu früh gefreut: Die Europameisterschaft 2012 brachte den Gastgebern keinen wirtschaftlichen Gewinn

Sport spielt für viele Menschen, mich eingerechnet, eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Immer wenn ein sportliches Großereignis stattfindet, empfinden Millionen Menschen wochenlang ein Glücksgefühl. Nun haben sich die Münchner trotzdem gegen Olympia 2022 entschieden. Für diese Entscheidung können jedoch durchaus rationale Begründungen angeführt werden, denn Sportveranstaltungen haben ein kleines, schmutziges Geheimnis: Sie sind meist ökonomischer Irrsinn.

Lange Zeit überwog der Glaube, dass Stadienbauten und Sportveranstaltungen wie die Olympischen Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften gut sind, um „die Wirtschaft anzukurbeln“, sozusagen als „Stimulationsprogramme“, gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Deswegen argumentierten Sportberater und Politiker in öffentlichen Anhörungen oft und gerne, dass die Steuerzahler für Stadien inklusive Parkplätze aufkommen sollten – nicht selten mit dreistelligen Millionensummen.

In dem Buch „Warum England immer verliert“ von Simon Kuper und Stefan Szymanski, das beste Fußballbuch, das ich bis jetzt gelesen habe, werden verschiedene Fußballphänomene erklärt und viele Fußballmythen entkräftet (der englische Originaltitel ist „Soccernomics“). Einer dieser Mythen ist die Behauptung, dass Sportveranstaltungen wie die Fußball-Weltmeisterschaft gut für die Volkswirtschaft eines Landes sind. In den allermeisten Fällen sind sie es nicht, und wenn sie in armen Ländern stattfinden, stellen sie eine himmelschreiende Ungerechtigkeit dar.

– Sportveranstaltungen kosten immer mehr, als sie einbringen:

Sportliche Großereignisse kosten Hunderte Millionen oder Milliarden. Jeder Dollar oder Euro, der ausgegeben wird, fehlt dem Steuerzahler woanders. Dazu kommt, dass die Kosten meistens um ein Vielfaches höher ausfallen als ursprünglich geplant. Es müssen ja auch Luxushotels für alle Mannschaften und Funktionäre gebaut werden. Praktisch alle Untersuchungen zeigen: Sportveranstaltungen schaffen keinen wirtschaftlichen Gewinn. Sie reduzieren nicht die Arbeitslosigkeit und bringen keinen Wachstum. Das war schon bei der Fußball-WM 1934 in Italien so. Mussolini führte sein Land in eine Wirtschaftskrise.

– Die Anzahl der Sport-Besucher wird überschätzt:

Für die EM 1996 prophezeite der englische Fußballverband 250.000 Besucher, es kamen gerademal 100.000. In Liverpool gaben die 30.000 EM-Besucher umgerechnet 1,56 Millionen Dollar aus und schufen damit genau 30 Arbeitsplätze. Laut einer Untersuchung der Universität Mainz waren mehr als die Hälfte der Besucher der WM 2006 Deutsche, nur etwa ein Fünftel waren Ausländer, die wegen der WM kamen. Die Mehrheit der Ausländer waren „Time Switcher“ und „Casuals“, d.h., sie wären während der WM sowieso in Deutschland gewesen. Eine Universität in Südafrika musste kurz vor Beginn der WM 2010 91.000 der 92.000 Betten zurückschicken, die sie für ausländische Besucher bereitgestellt hatte.

– Aufgrund des Großereignisses kommen weniger Touristen:

Während der Olympischen Spiele in Athen 2004 kamen 10% weniger Touristen nach Griechenland, weil sie dem Rummel entgehen wollten. Dasselbe Phänomen zeigte sich auch in anderen Gastgeberländern. Viele Touristen wollen z.B. – verständlicherweise – laute Fans, Autokorsos und Hooligans entgehen. Ein weiterer Grund ist, dass die Sicherheitsvorkehrungen während sportlicher Großveranstaltungen massiv erhöht werden. Mehr Polizisten, mehr Absperrungen, mehr Kontrollen. Das zieht keine Touristen an. Die Sportveranstaltung führt hier also zu weniger Einnahmen.

– Viele Stadien bleiben nach dem Großereignis ungenutzt:

In Japan und Südkorea blieb ein Großteil der Stadien nach der WM 2002 ungenutzt oder nur ungenügend ausgelastet, in Griechenland sind 21 der 22 für die Olympia 2004 gebauten Sportanlagen heute ungenutzt und verwaisen, in Südafrika droht den Stadien in Port Elizabeth, Polokwane und Mbombela dasselbe Schicksal, in Brasilien werden derzeit Stadien in Städten wie Brasilia, Manaus und Cuiaba gebaut, die keine Mannschaft in der 1. oder 2. Fußball-Liga haben (Brasilia wurde nur ausgewählt, weil es die Hauptstadt ist) und folglich nach der WM, wenn kein Wunder geschieht, ebenfalls verwaisen werden.

Kuiper und Szymanski zitieren in ihrem Buch den Sportjournalisten Dave Zirin wie folgt: „Das Bauen von öffentlich finanzierten Stadien ist ein Ersatz für alles geworden, was einer Stadtpolitik ähnelt“. Bessere Straßen, Häuser, Schwimmbäder kann man für viel geringere Kosten auch ohne Olympia oder WM bauen. In reichen Ländern wie Deutschland oder England überwiegt das Glücksgefühl vielleicht den wirtschaftlichen Schaden, aber in armen Ländern wie Südafrika oder Brasilien ganz sicher nicht. Hier ist die öffentlich finanzierte Ausrichtung von Sportveranstaltungen negativ für den Großteil der Bevölkerung. Brot ist wichtiger als Spiele.

Diese Ungerechtigkeit sollte der Vergangenheit angehören, die Kosten von Sportveranstaltungen können vollständig von privaten Unternehmen oder notfalls von spendenwilligen Fans übernommen werden. Ein gewinnorientiertes Unternehmen würde nicht auf die Idee kommen, Stadien in Städten zu errichten, die keine Verwendung dafür haben oder Flughäfen und Luxushotels in verschlafenen Städten zu bauen. Man muss die Sache richtig einschätzen: Die Stadien werden nur ein paar Stunden pro Woche benutzt und bringen eher geringe Einnahmen: Tickets, Bier und Hot Dogs sind keine Goldgrube.

4 Antworten to “Brot und Spiele?”

  1. besucher Says:

    Genau so sieht es aus. Die Oberbayern sind nicht dumm. Gute Entscheidung!

    • arprin Says:

      Wer weiß, ob die Entscheidung richtig war. Vielleicht erhöht die Absage die Chancen einer Olympia-Bewerbung von Berlin – für die Bayern dann zahlen muss. Hoffen wir, dass es nicht so kommt.

  2. Bohumil Řeřicha Says:

    Genau ! Das ist das! Sehr guter Artikel ! Dort wo die staatliche Subventionen sind das ist immer schlecht. Das Geld kann besser benutzen werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: