Das Argument mit der Natürlichkeit

Das Symbol der gleichgeschlechtlichen Ehe

Das Symbol der gleichgeschlechtlichen Ehe

Manchmal kann die Schludrigkeit von Funktionären Segen bewirken. Günter Schabowski las sich in den Endtagen der DDR die Regelungen zum neuen Reisegesetz nicht durch, die Folge war der Mauerfall. In Costa Rica geschah dieses Jahr etwas Ähnliches. Konservative Abgeordnete lasen sich eine Gesetzesvorlage nicht durch und unterschrieben sie. Die Folge war die Einführung der Homo-Ehe. Nachdem der Fauxpas bemerkt wurde, versuchten die Konservativen vergeblich, ihn rückgängig zu machen.

In Europa ist man da schon weiter. Die Niederlande waren 2001 das erste Land mit Homo-Ehe überhaupt, heute gibt es sie schon in 9 Ländern, und nächstes Jahr wird Großbritannien folgen. Mittlerweile befürworten auch Kirchenvertreter die Homo-Ehe, so z.B. Nick Holtam, derzeit amtierender Bischof von Salisbury. Allerdings stellt er eine Bedingung: Die Homo-Ehe ist nur dann akzeptabel, wenn man davon ausgeht, dass Homosexualität etwas Natürliches ist, also angeboren, ohne dass man eine Wahl hätte.

Das Argument mit der Natürlichkeit wird auch gerne von den Befürwortern der Homo-Ehe gerne gebracht. im Internet stößt man auf ein Meme, indem es heißt „Homosexualität findet sich bei über 450 Arten, Homophobie nur bei einer – was ist unnatürlich?“. Craig Fairnington meint jedoch, dass das „born this way“-Argument nicht das Beste ist, sondern eher kontraproduktiv. Kurz zusammengefasst: Es ist völlig egal, ob Homosexualität angeboren ist oder nicht. Ob etwas natürlich ist oder nicht, spielt keine Rolle bei der Frage, ob es erlaubt oder verboten sein sollte.

Karies ist natürlich, Zahnprothesen sind unnatürlich. Vince Ebert meinte: „Wer im Einklang mit der Natur leben will, kann gerne in den Dschungel gehen und sich mit einem Tiger schlafen legen“. Die einzig relevante Frage ist, ob die Rechte von Individuen verletzt werden. Das ist bei der Homo-Ehe natürlich nicht der Fall, und dabei spielt es keine Rolle, ob jemand homosexuell geboren wurde oder ob er seine sexuelle Ausrichtung später „gewählt“ hat (soll vorkommen).

Es gibt momentan in 17 Ländern die Homo-Ehe. Außerhalb Europas hat man sie in fünf lateinamerikanischen Ländern (Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Uruguay und Costa Rica) sowie in Kanada, Südafrika und Neuseeland eingeführt, in den USA und Mexiko ist sie in einigen Bundesstaaten eingeführt worden. Im Jahr 2013 wurde sie gleich in sechs Ländern eingeführt. Wenn es mit demselben Tempo weitergeht dürfte es nur noch ein paar Jahrzehnte dauern bis die Homo-Ehe in der ganzen Welt eingezogen ist.

14 Antworten to “Das Argument mit der Natürlichkeit”

  1. aron2201sperber Says:

    ich halte es für etwas hochmütig, wenn nicht gar größenwahnsinnig, gegen das „Born this way“-Argument zu sein.

    Homosexualität ist nun einmal keine Life-Style-Entscheidung, sondern angeboren.

    es war schwer genug, dass in die Köpfe der Allgemeinheit hineinzubekommen, man sollte diese Errungenschaft nicht leichtfertig aufgeben.

    mich erinnert das an den Glauben an Hexerei: heute ist es speziell in esoterischen Kreisen wieder „in“ an Hexerei zu glauben – man vergisst, dass man mit dem Glauben an Hexerei auch der Hexenverfolgung wieder die Türe öffnet.

    • arprin Says:

      Natürlich ist Homosexualität bei den allermeisten angeboren. Aber wenn man nur das als Grund anführt um Homosexuellen die gleichen Rechte zu geben impliziert man quasi, dass Diskriminierung in Ordnung wäre, wenn Homosexualität eine Lifestyle-Entscheidung wäre. Dem ist aber nicht so. Es spielt einfach keine Rolle, ob es angeboren ist oder nicht. In die Köpfe der Allgemeinheit sollte es eher kommen, dass niemand einem anderen Menschen vorschreiben sollte, wen er heiraten darf.

      Welche Blüten diese Rhetorik treibt, sieht man an dem Bischof von Salisbury: Er sagte dass die Homo-Ehe in Ordnung ist „unless we think that homosexuality is a choice rather than the given identity of a minority of people“. Das heißt, wenn jemand sich für Homosexualität „entschieden“ hat, wie z.B. die Schauspielerin Cynthia Nixon von sich behauptet, sollte er nicht gleichberechtigt werden. Das kann doch nicht der Sinn der Sache sein.

    • besucher Says:

      Ich glaube eher dass es sich bei der Definition der Homosexualität um ein sehr fließendes Element handelt. Ich schätze mal dass mindestens die Hälfte aller Männer (und Frauen) schon einmal homosexuelle Phantasien hatte. Insgesamt haben wahrscheinlich 25% der Männer (und Frauen) schon einmal homosexuelle Erfahrungen gemacht. 20% leben es möglicherweise regelmäßig aus. Als sogenannten harten Kern definieren sich wahrscheinlich nur zwischen 5 und 10% der Bevölkerung (also diejenigen die auch wirklich ausschließlich homosexuell leben). Zwischen diesen einzelnen Trennlinien eine Grenze zu ziehen ist verdammt schwierig.

      • aron2201sperber Says:

        ich gebe dir recht, dass die Ausprägung unterschiedlich ist.

        natürlich ist es für einen Bisexuellen anders als für einen 100 % Homosexuellen.

        doch selbst wenn man nur 10 % schwul ist, so ist die Neigung angeboren und nicht umerziehbar.

        oder gebt ihr Putin und Konsorten recht, dass die Homosexualität durch schwule Propaganda anerzogen sei?

      • arprin Says:

        oder gebt ihr Putin und Konsorten recht, dass die Homosexualität durch schwule Propaganda anerzogen sei?

        Nein, natürlich nicht. Die Neigung dürfte in den allermeisten Fällen angeboren sein. Aber selbst wenn sie nicht angeboren wäre, wäre das doch kein Problem und kein Grund zur Diskriminierung.

      • aron2201sperber Says:

        für mich wäre es sowieso kein Problem (ich lebe in der freien Welt und bin außerdem ohnehin heterosexuell)

        für schwule Menschen, die in Ländern leben, wo Schwule verfolgt werden, wäre es sicher ein Nachteil, wenn nun auch aus dem Westen die Botschaft käme, es sei eine freie Entscheidung (was wohl lediglich für heterosexuell geprägte experimentierfreudige Männer – wie z.B. David Bowie in den 70ern – gilt)

    • Adrian Says:

      (Besser spät als nie)

      „Homosexualität ist nun einmal keine Life-Style-Entscheidung, sondern angeboren.“

      Oder möglicherweise ist es beides. Ob Homosexualität angeboren ist, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass ich

      a) mir nicht ausgesucht habe, auf Männer zu stehen
      b) mir sehr wohl ausgesucht habe, nach diesen Gefühlen zu leben.

      Insofern ist meine Entscheidung, im Einklang mit meinen homosexuellen Gefühlen zu leben, und diese auszuleben, sehr wohl eine „Life-Style-Entscheidung“.

  2. Martin Says:

    Problematisch ist das Natürlichkeitsargument auch im Hinblick auf Pädophilie. Man könnte argumentieren, dass Pädophilie ebenso eine natürliche sexuelle Neigung ist wie Homosexualität. Über diese Definitionsfrage können sich Sexualpsychologen und -mediziner den Kopf zerbrechen, rechtlich relevant ist hier zunächst nur die Tatsache, dass ausgelebte Pädophilie eine schwere verletzung der Rechte Minderjähriger darstellt und unter den Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs fällt.

    Diese Unterscheidung ist nicht zuletzt auch im Interesse von pädophilen Menschen, die alles daran setzen, ihre Neigungen nicht auszuleben und sich vielleicht auch in Therapie begeben. Diese Menschen sollten nicht unnötig kriminalisiert werden.

    • aron2201sperber Says:

      selbst wenn eine Neigung angeboren ist, kann sie trotzdem strafbar sein.

      selbst wenn man draufkommen sollte, dass es genetische Faktoren für Verbrechen gäbe, würde dies die Träger der Gene wohl nicht automatisch „schuldunfähig“ machen.

      • Martin Says:

        Vorsicht: Meines Erachtens sind Neigungen an sich noch nicht Strafbar, genauso wenig wie z.B. Meinungen. Nur konkrete Handlungen können Strafbar sein. Diese Unterscheidung ist der springende Punkt bei diesem Thema.

        Zumindest würde ich die Grundsätze unseres Rechtssystems so interpretieren (Ich bin aber kein Jurist).

      • aron2201sperber Says:

        du hast natürlich recht, dass nur eine Handlung strafbar ist.

        allerdings auch dann, wenn sie aufgrund einer angeborenen Neigung verübt wurde.

        der Maßstab für die Schuldunfähigkeit setzt viel höher an:

        tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen

      • Schlaubi Says:

        Natürlich sind inzwischen (manchenorts) auch Meinungen strafbar. In totalitären Diktaturen etwa. Der Unterschied zwischen autoritären und totalitären Diktaturen ist ja gerade die Strafbarkeit auch von Meinungen bei letzteren. Ein anderes Beispiel wäre die „Holocaust-Leugnung“ – hier wäre ja nicht einmal Anstiftung zu (strafbaren) Handlungen gegeben wie etwa bei ebenso strafbaren *verfassungsfeindlichen* Meinungen.

      • Martin Says:

        „du hast natürlich recht, dass nur eine Handlung strafbar ist.

        allerdings auch dann, wenn sie aufgrund einer angeborenen Neigung verübt wurde.

        der Maßstab für die Schuldunfähigkeit setzt viel höher an“

        Das möchte ich auch gar nicht in Frage stellen, im Gegenteil. Ich habe dieses Beispiel nur genannt, um die Irrelevanz des Natürlichkeitsarguments zu unterstreichen.

  3. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin bei arprin: Das Argument mit der Natürlichkeit […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: