Freihandel und freie Einwanderung

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Händler aus früheren Zeiten

Die besten Nachrichten sind die, mit denen man nicht gerechnet hat. Die diesjährige Klimakonferenz in Warschau ist gescheitert, die WTO-Konferenz in Bali dagegen endete mit einem als historisch betitelten Abkommen, auf den sich fast 160 Länder geeinigt haben. Das Abkommen sieht den Abbau von Zöllen, die Verringerung von Agrarsubventionen und Handelserleichterungen für die Entwicklungsländer vor. Man sehe und staune: Die Politiker der Welt einigten sich tatsächlich beim Thema Freihandel, aber nicht beim Thema Klimaschutz. Sind sie vielleicht doch vernünftiger als wir denken?

In den deutschen Medien heißt es zum Abkommen, Deutschland würde als Exportnation besonders profitieren. Aber es sind nicht nur exportorientierte Länder, die vom Freihandel profitieren, sondern alle Länder auf der Welt. Die einzigen, die als Verlierer gelten dürften sind die, die sich mit Subventionen und hohen Zöllen dem Wettbewerb verweigerten, natürlich auf Kosten der Allgemeinheit, der man jedoch weismachte, es sei in ihrem „Interesse“. Das Freihandelsabkommen ist vor allem eine große Chance für die armen Entwicklungsländer, sie haben am meisten zu gewinnen.

Die Ursachen für die schlechte wirtschaftliche Lage in den Entwicklungsländern liegen nicht nur in den hohen bürokratischen Hürden und fehlenden Eigentumsrechten begründet, die Hernando de Soto ausführlich beschrieben hat (und die laut ihm der wichtigste Grund für den Ausbruch des Arabischen Frühlings war), sondern auch in der protektionistischen Politik der Industrieländer. Die europäischen Länder haben sich nicht nur jahrzehntelang gegen Waren aus Afrika abgeschottet, sie haben auch mit Exportsubventionen geholfen, einheimische afrikanische Hersteller zu zerstören.

Es ist ein einfacher Dreisatz: Die Afrikaner brauchen eine Produktivitätssteigerung, dafür brauchen sie Maschinen und Know-how, dafür brauchen sie Geld. An Geld können sie kommen, indem sie ihre eigene Volkswirtschaft deregulieren, so dass mehr investiert und produziert wird. Aber in einem nicht-industrialisierten Land sind nicht genug Maschinen und Know-how vorhanden, die für kräftige Produktivitätssteigerungen sorgen können, deswegen reichen Deregulierungen allein nicht aus. Das Know-how muss importiert werden. Das geht nur, indem man Waren an die Industrieländer verkauft und die Industrieländer in Afrika investieren lässt.

Die afrikanischen Länder hatten aufgrund des EU-Agrarprotektionismus nur wenig Möglichkeiten, ihre Waren in Europa abzusetzen. In den letzten Jahren hat die EU immerhin die Zölle gesenkt und die unsinnigen Exportsubventionen abgeschafft, außerdem sind die Investitionen in Afrika gestiegen. Das ist aber noch längst nicht genug, der Markt muss komplett geöffnet werden. Die europäischen Bauern müssen endlich von der Planwirtschaft weg zum Kapitalismus. Der „Kopenhagener Konsens“ stufte im Jahr 2008 die Abschaffung der Agrarsubventionen sogar als das zweitwichtigste Vorhaben der Menschheit ein.

Die Protektionisten in Afrika wie im Westen glauben, dass nur die reichen Länder vom Freihandel profitieren. Sie wollen den Freihandel unterbinden und auf Selbstversorgung setzen. Aber erstens wäre dieses „Bei einem Handel profitiert nur der Reiche“-Argument nicht nur ein Argument gegen den Freihandel, sondern gegen jede Form von Handel. Und zweitens ist es schlicht falsch. Nach über 200 Jahren sollte man wissen, was der komparative Vorteil ist, der erschreckend einfach erklärt, wie bei einem Handel zwischen zwei Akteuren auch dann beide profitieren, wenn einer beide Waren billiger herstellen kann (s. hier ein Beispiel). Der Zaubertrick nennt sich „Spezialisierung“.

Der Freihandel ist am besten geeignet, um die Produktivität eines Landes zu steigern. Wenn der Westen wirklich zu Afrikas Entwicklung beitragen will, sollte es die Entwicklungshilfe streichen, die letztlich nur korrupte Diktatoren stärkt, und alle protektionistischen Maßnahmen abschaffen. Damit kann auch verhindert werden, dass sich Flüchtlingskatastrophen wie in Lampedusa wiederholen. Eine weitere Maßnahme wäre, den Arbeitsmarkt (und nicht etwa den Sozialstaat) für Einwanderer zu öffnen. Auch hier würden beide Seiten profitieren: Die Einwanderer und ihre Familien sowie die Industrieländer.

9 Antworten to “Freihandel und freie Einwanderung”

  1. blub Says:

    Dafür wird vermutlich die Finanztransaktionssteuer eingeführt … Wobei das lustige ist, dass sie sehr wahrscheinlich genau das bringen wird, was damit verhindert werden soll: mehr Volatilität, mehr Bubbles. Und geringere Liquidität, höhere Kapitalkosten und damit geringere Produktivität.
    Auch hier wird indirekt das Argument „Bei einem Handel profitiert nur der Reiche“ verwendet.

    Teile der Einnahmen aus der FTT sollen nach dem Willen der Befürworter übrigens an sie selbst fließen. Beispielsweise Misereor spricht sich für die FTT aus. Das hattest du hier auch schon geschrieben: Der „Hilfsindustrie“ mag es darum gehen, den Menschen in der „dritten Welt“ zu helfen, aber was sie erreichen ist es die Menschen abhängig zu machen und sie am Aufbau eigenen Kapitals zu hindern.

    Im Zusammenhang Freihandel muss ich mich an einen Moment in der Schule erinnern, in der mein Politiklehrer in der Stunde lange über den komparativen Vorteil, die Vorteile von Freihandel etc. sprach und dann in der Pause zu einem Schüler dessen Eltern Bauern sind und der sagte, er fände Subventionen super, dass er Freihandel auch eigentlich garnicht so gut fände. Erschreckend, ich frage mich, wie jemand der hinter dem Stoff nicht steht, diesen ernsthaft unterrichten will. Leider war ich in dem Moment nicht schlagfertig genug, gerade das auszusprechen.

    • arprin Says:

      Die FTT ist ja einer der Projekte der Großen Koalition. Wir wissen noch nicht, wie schlimm die Große Koalition werden wird, aber sie hat das Potenzial, wirklich sehr schlimm zu werden.

  2. Molot Says:

    @blub
    Der “Hilfsindustrie” mag es darum gehen, den Menschen in der “dritten Welt” zu helfen, aber was….
    Der „Hilfsindustrie“ geht es einzig und allein darum, sich selbst zu helfen, bzw. sich helfen zu lassen!

  3. aron2201sperber Says:

    Eine weitere Maßnahme wäre, den Arbeitsmarkt (und nicht etwa den Sozialstaat) für Einwanderer zu öffnen. Auch hier würden beide Seiten profitieren: Die Einwanderer und ihre Familien sowie die Industrieländer.

    absolut richtiger Punkt, der jedoch von Linken (weil man doch gerade den armen Benachteiligten helfen müsse) und Rechten (weil man Zuwanderung grundsätzlich nicht wolle) abgelehnt wird:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2013/10/14/schulz-und-die-billige-polemik/

    weswegen das Sterben im Mittelmeer samt gegenseitigen Schuldzuweisungen weitergeht.

  4. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin bei arprin: Freihandel und freie Einwanderung […]

  5. Martin Says:

    @blub: „Erschreckend, ich frage mich, wie jemand der hinter dem Stoff nicht steht, diesen ernsthaft unterrichten will. “

    Die Annahme halte ich aber für grundsätzlich falsch. Ein Lehrer, insbesondere ein Politiklehrer sollte m.E. gar nicht „hinter dem Stoff stehen“ , den er unterrichten soll. Er soll Wissen vermitteln, keine Ideologie, Religion oder politische Richtung propagieren, egal welcher Art.

    • blub Says:

      ok, aber damit, dass er in der pause ohne begründung das gegenteil von dem was gelehrt wurde vertritt, verbreitet er einen meiner meinung nach seltsamen diskussionsstil. schließlich bieten sich doch gerade solche meinungsverschiedenheiten an, diskussionen zu führen. jetzt wenden sie vielleicht ein, dass diskussion nicht in den politikunterricht gehören. aber warum nicht? im deutschunterricht haben wir immer wieder diskussionen über aktuelle politische themen geführt, da sollte das doch im politikunterricht noch viel üblicher sein. und gehört das nicht auch irgendwie zum stoff? 🙂

  6. Verweise ohne Grenzen – 01 2014 | Offene-Grenzen.net Says:

    […] Arprin: Freihandel und freie Einwanderung, arprin, 8. Dezember […]

  7. Freihandel und freie Einwanderung - Koernerbroetchen Says:

    […] Freihandel und freie Einwanderung Die besten Nachrichten sind die, mit denen man nicht gerechnet hat. Die diesjährige Klimakonferenz in Warschau ist gescheitert, die WTO-Konferenz in Bali dagegen endete mit einem als historisch betitelten Abkommen, auf den sich fast 160 Länder geeinigt haben…. […]

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