WM-Geschichte, Teil 12

Die italienische Mannschaft vor dem Zwischenrundenspiel gegen Argentinien

Die italienische Mannschaft vor dem Zwischenrundenspiel gegen Argentinien

Im Jahr 1982 bekriegten sich der Iran und der Irak, die Mudschaheddin bekämpften die sowjetischen Besatzer in Afghanistan, in Deutschland gingen die Menschen gegen die atomare Aufrüstung auf die Straße und vom 13. Juni bis zum 11. Juli fand die 12. Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien statt. Deutschland und Österreich schmähen den Fußball mit einem Nichtangriffspakt, ein wütender Scheich sorgt für Furore und Italiens defensiver Fußball triumphiert über die Ballkünstler aus Brasilien.

Die Spanier hatten schon 1966 den Zuschlag für die WM bekommen, da in diesem Jahr die Austragungsorte für 1974, 1978 und 1982 vergeben wurden. Zu dieser Zeit herrschte noch Franco, nach dessen Tod im Jahr 1975 zog die Demokratie ein, die einen Putschversuch im Februar 1981 überstand. Schon in den 1960ern setzte ein Wirtschaftswunder ein, der Spanien in die Liste der 10 größten Volkswirtschaften der Welt katapultierte, noch nie genossen die Spanier einen höheren Lebensstandard. Das fußballverrückte Land hatte also alle guten Voraussetzungen, um eine tolle Weltmeisterschaft auszurichten.

Qualifikation und Favoriten

Für die Reise nach Spanien bewarben sich 107 Mannschaften, 34 aus Europa (Israel mitgezählt), 10 aus Südamerika, 28 aus Afrika, 17 aus Asien, 15 aus der Concacaf-Zone und 3 aus Ozeanien. Die Teilnehmerzahl wurde von 16 auf 24 aufgestockt, was die FIFA schon lange geplant hatte. Südamerika, Afrika, die Concacaf-Zone und Asien/Ozeanien bekamen jeweils einen festen Starter dazu, Europa dagegen gleich vier. Für die Endrunde waren also 14 Plätze für Europa, 4 für Südamerika, 2 für Afrika, 2 für die Concacaf-Zone und 2 für Asien/Ozeanien reserviert.

Argentinien als Weltmeister und Spanien als Gastgeber waren automatisch qualifiziert. Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, Ungarn, England, Jugoslawien, Italien, Schottland, Nordirland und Polen vollendeten das europäische Teilnehmerfeld, während der zweifache Vize-Weltmeister aus den Niederlanden sensationell ausschied. England und die Sowjetunion waren nach 12 Jahren wieder dabei. Brasilien, Peru und Chile setzten sich in Südamerika durch, Uruguay fehlte erneut. In der Concacaf-Zone scheiterte Mexiko an El Salvador und WM-Debütanten Honduras, dem Gastgeber der letzten Qualifikationsrunde. Afrika wurde von den Neulingen Kamerun und Algerien repräsentiert, zwei Mannschaften, die in Spanien für Furore sorgen sollten. In der Asien/Ozeanien-Runde war der Iran aus politischen Gründen nicht dabei, dafür löste Kuwait, die zuletzt knapp gescheitert waren, zum ersten Mal das WM-Ticket. Die Volksrepublik China, von 1958 bis 1979 kein FIFA-Mitglied, scheiterte im Entscheidungsspiel gegen Neuseeland, dem fünften WM-Neuling.

Favoriten gab es viele. Brasilien bot mit Zico, Socrates, Falcao, Cerezo, Eder und co. eine Elf aus Zauberern auf. Weltmeister Argentinien hatte seine 78’er-Achse noch an Bord (Fillol, Passarella, Ardiles, Kempes), aber der „man to watch“ war ohne Frage Jungstar Diego Armando Maradona vom FC Barcelona. Die europäischen Top-Teams waren Deutschland, dass nach einem Umbruch 1980 den EM-Titel geholt hatte, Italien, dass kurz vor der WM den wegen eines Wettskandals gesperrten Torjäger Paolo Rossi begnadigte, und die Engländer, dessen Vereine den Landesmeisterpokal von 1977 bis 1982 unter sich ausmachten, aber in den ersten Spielen auf ihren verletzten Star Kevin Keegan verzichten mussten. Hoch eingeschätzt wurden auch Frankreich, Belgien, EM-Finalist 1980, Polen, die Sowjetunion sowie der Gastgeber Spanien. Die Spanier hatten zwar immer wieder starke Mannschaften mit Spitzenspielern und mit Real Madrid und FC Barcelona zwei der besten europäischen Vereinsmannschaften aufzubieten, aber eine desaströse WM-Bilanz: Zuletzt hatten sie 1950 die Vorrunde überstanden, bei den letzten sieben Turnieren hatten waren sie viermal nicht dabei und dreimal in der Vorrunde ausgeschieden. Aber nun hoffte man es, mit dem Heimvorteil besser zu machen, so wie man 1964 im eigenen Land Europameister geworden war.

Die WM wurde im Vorfeld von politischen Ereignissen überschattet. Der Falklandkrieg, der erst eine Woche nach Turnierstart (20. Juni) endete, belastete die Beziehungen zwischen Briten und Argentiniern, aber zu diesem Duell sollte es erst vier Jahre später kommen. In Polen hatten die Moskau-hörigen Kommunisten im Kampf gegen die Solidarnosc-Gewerkschaft das Kriegsrecht ausgerufen, polnische Fans reisten mit Solidarnosc-Plakaten an. Doch der Fußball zeigte auch seine versöhnliche Wirkung: In der nordirischen Mannschaft spielten Katholiken und Protestanten, in der von El Salvador Anhänger von Militärs und Rebellen gemeinsam.

Spielstätten, Modus und Gruppenauslosung

Noch nie gab es so viele Spielstätten für eine Weltmeisterschaft, nämlich gleich 17. Madrid, Barcelona und Sevilla waren mit zwei Stadien vertreten, die 14 anderen Spielstätten lagen in Alicante, Bilbao, La Coruña, Elche, Gijon, Malaga, Oviedo, Saragossa, Valencia, Valladolid und Vigo. Der Modus musste natürlich aufgrund der Erweiterung der Teilnehmerzahlen verändert werden. Nach der Vorrunde sollten die 12 Gruppenersten und -zweiten eine Zwischenrunde mit vier Gruppen zu je drei Mannschaften austragen, die vier Gruppensieger dann ins Halbfinale einziehen. Die von Betrugsvorwürfen begleitete Auslosung ergab folgende Gruppen:

Gruppe A: Italien, Peru, Kamerun, Polen
Gruppe B: Deutschland, Chile, Algerien, Österreich
Gruppe C: Argentinien, Belgien, El Salvador, Ungarn
Gruppe D: England, Frankreich, Kuwait, Tschechoslowakei
Gruppe E: Spanien, Nordirland, Honduras, Jugoslawien
Gruppe F: Brasilien, Schottland, Neuseeland, Sowjetunion

In der Gruppenphase sollten viele Überraschungen folgen.

Vorrunde

Die Italiener starteten in Gruppe 1 denkbar schlecht. Alle drei Vorrundenspiele gegen Polen (0:0), Peru (1:1) und Kamerun (1:1) endeten unentschieden. Die Medien zerrießen die Mannschaft. Es wurden Gerüchte verbreitet, wonach Paolo Rossi schwul wäre, dieser beschloss daraufhin ein Medienboykott. Auch die Kameruner spielten nur unentschieden, schieden aber wegen eines weniger geschossenen Tores aus. Immerhin reisten sie ungeschlagen in ihre Heimat zurück, den Rückstand beim Spiel gegen Italien hatten sie nur eine Minute später egalisiert. Den ersten Platz sicherten sich mit dem einzigen Sieg in dieser merkwürdigen Gruppe die Polen: Gegen die Peruaner reichten 21 Minuten in der zweiten Halbzeit, um gleich fünf (!) Tore zu schießen, am Ende hieß es 5:1. Es war Perus letzte WM-Teilnahme.

In Gruppe 2 wurde unrühmliche WM-Geschichte geschrieben. Deutschland startete mit einer sensationellen Niederlage gegen Algerien (1:2), bei dem Rabah Madjer herausragte. Es war die wohl größte WM-Überraschung seit dem Sieg der USA gegen England 1950. Im nächsten Spiel leistete die DFB-Elf jedoch Wiedergutmachung und fegte die bei dieser WM durchweg enttäuschenden Chilenen mit 4:1 vom Platz, Rummenigge traf 3-mal. Die Österreicher setzten sich nach zwei Siegen gegen Chile (1:0) und Algerien (2:0) ab. Der letzte Spieltag sollte, wie bei jeder Gruppe, an zwei verschiedenen Tagen ausgetragen werden. Die Algerier führten gegen Chile in der ersten Halbzeit mit 3:0, aber Chile zeigte Ehre und verkürzte auf 3:2.

Somit kam es am nächsten Tag zur folgenden Situation: Ein Sieg Deutschlands mit weniger als drei Toren Vorsprung würde beide Mannschaften in die nächste Runde befördern. In der 10. Minute erzielte Hrubesch das 1:0 – dann stellten beide Mannschaften das Spiel ein. Man „einigte“ sich auf das 1:0, keine Seite versuchte mehr, ein Tor zu schießen, stattdessen schob man sich den Ball hin und her. Das Stadion pfiff beide Mannschaften aus, algerische Fans wedelten in der Tribüne mit Geldscheinen, die Spanier holten in Stierkampf-Tradition weiße Taschentücher heraus. Die „Schande von Gijon“ erzürnte die weltweite Sportpresse. Die FIFA lehnte einen Protest des algerischen Verbands zwar ab, beschloss aber, ab der nächsten WM die letzten beiden Gruppenspiele zeitgleich auszutragen.

Die Gruppe 3 begann mit dem ersten Turnierspiel und der ersten Sensation. Das kleine Belgien besiegte das große Argentinien, ausgerechnet in Maradonas sportlicher Heimat Barcelona. Vandenbergh erzielte in der 62. Minute das goldene Tor. Im zweiten Spiel wurde ein bis heutiger gültige Rekord aufgestellt: Ungarn schlug El Salvador mit 10:1, der höchste WM-Sieg aller Zeiten. Das Spiel war nach 23 Minuten entschieden, als es 3:0 stand, damit ging es in die Halbzeit. Danach erhöhten die Ungarn bis zur 54. Minute auf 5:0, bevor Ramirez das einzige Tor der salvadorianischen WM-Geschichte erzielte – und sich freute, als hätte er das entscheidende Tor im Finale geschossen. Doch von der 69. bis zur 83. Minute verdoppelten die Ungarn ihre Torausbeute, Laszlos Kiss gelangen als Einwechselspieler drei Tore.

Wer aber glaubte, dass der Sieg den Ungarn Aufschwung gab, irrte sich. Im Spiel gegen Argentinien war man überfordert, mit zwei Treffern von Maradona gewannen die „Gauchos“ mit 4:1. El Salvador zeigte, dass das Desaster gegen Ungarn ein Ausrutscher war, und zeigte beim 0:1 gegen Belgien eine ansprechende Leistung. Überhaupt waren die Mittelamerikaner nicht so schlecht, wie das Spiel gegen Ungarn implizierte. Nach der WM wechselte Jorge „Magico“ Gonzalez in die spanische Liga und hatte dort viele Jahre Erfolg. Die Belgier sicherten sich beim letzten Spiel gegen Ungarn (1:1) den Gruppensieg, während Argentinien mit einem 2:0 gegen El Salvador auf Platz 2 kletterte.

Bei ihrer WM-Rückkehr gaben sich die Engländer in Gruppe 4 keine Blöße und blieben auch ohne Superstar Keegan ohne Punktverlust. Gegen Frankreich (3:1) brachte Bryan Robson die „Three Lions“ schon nach 27 Sekunden in Führung und nach dem Sieg gegen die Tschechoslowakei (2:0) schickte man gegen Kuwait (1:0) die B-Elf. Da die Tschechoslowakei gegen Kuwait nicht über ein 1:1 hinauskam, während Frankreich sie mit 4:1 schlug, reichte den Franzosen ein 1:1 gegen die Tschechoslowaken, um zum ersten Mal nach 1958 die Vorrunde zu überstehen. Eine der kuriosesten Kapitel der WM-Geschichte ereignete sich beim Spiel zwischen Frankreich und Kuwait, als der Chef des kuwaitischen Verbandes nach einem Tor Frankreichs das Feld stürmte und minutenlang mit dem Schiedsrichter Stupar diskutierte, bis dieser das Tor annullierte. Stupar wurde danach von der FIFA gesperrt.

Die Gastgeber aus Spanien schrammten in Gruppe 5 knapp an der Blamage vorbei. Im ersten Spiel gegen den großen Außenseiter Honduras lag man fast eine Stunde lang zurück, bevor Lopez-Ufarte mit einem zweifelhaften Elfmeter ausglich. Es folgte der einzige spanische Sieg bei der Heim-WM, ein 2:1 gegen die Jugoslawen. Jugoslawien wähnte sich man nach einem knappen Sieg (Elfmetertor in der 88. Minute) gegen die unglücklich ausgeschiedenen Honduraner in der zweiten Runde, weil die Nordiren im letzten Spiel gegen Spanien gewinnen mussten. Doch völlig überraschend schaffte Nordirland einen 1:0-Sieg und verwies damit die hochfavorisierten Gastgeber auf Platz 2. Mit Norman Whiteside boten die Nordiren übrigens den jüngsten WM-Spieler aller Zeiten: 17 Jahre und 42 Tage.

Brasilien machte es in Gruppe 6 wie die Engländer und hielt sich schadlos. Beim Auftakt gegen die Sowjetunion tat man sich noch schwer und erzielte erst zwei Minuten vor Schluss das 2.1, gegen Schottland (4:1) und Neuseeland (4:0) spielte man dann wie ein Weltmeister und erwarb sich die Favoritenrolle. Schottland scheiterte wie 1974 und 1978 am schlechteren Torverhältnis. Sowohl die Schotten (5:2) als auch die Sowjets (3:0) hatten Neuseeland mit drei Toren Vorsprung geschlagen, aber die hohe Niederlage gegen Brasilien wurde Schottland zum Verhängnis. Den Sowjets, bei dem Oleg Blokhin der bekannteste Name war, reichte im letzten Spiel ein hart umkämpftes 2:2 gegen Schottland zum Weiterkommen. Die Neuseeländer konnten immerhin nach der WM ihren Stürmer Wynton „Kiwi“ Rufer, wahrscheinlich Ozeaniens bester Fußballer aller Zeiten, nach Europa exportieren.

Zwischenrunde

In der Zwischenrunde waren 10 europäische und 2 südamerikanische Mannschaften übriggeblieben. Der Modus sah es vor, dass der Sieger des ersten Spiels danach spielfrei haben und erst im dritten Gruppenspiel wieder antreten sollte. In Gruppe A marschierte Polen in Richtung Halbfinale. Ein Hattrick von Zbigniew Boniek, schon 1978 dabei gewesen, bescherte den Polen einen 3:0-Siege gegen die enttäuschenden Belgier. Da die Sowjetunion anschließend Belgien „nur“ mit 1:0 schlug, reichte Polen im politisch brisanten Duell gegen die Sowjetunion ein torloses Unentschieden zum Halbfinaleinzug. Allerdings gab es einen harten Dämpfer: Boniek bekam eine Gelbe Karte und war damit im Halbfinale gesperrt.

In der Gruppe B rumpelte sich Deutschland ins Halbfinale. Gegen den großen Rivalen England lieferte man ein langweiliges 0:0 ab, es war das glanzloseste deutsch-englische Duell in einem großen Turnier. Aber gegen den Gastgeber Spanien folgte eine ansprechende Leistung, die mit einem 2:1-Sieg belohnt wurde. Die Spanier enttäuschten erneut und waren aufgrund der Niederlage ausgeschieden (bei der EM 1984 sollte sich Spanien rächen). Die DFB-Elf musste noch drei Tage warten, um den Halbfinaleinzug zu feiern, doch da die Spanier in ihrem Abschiedsspiel gegen England für ihre tapferen Fans kämpften, gelang England nur ein 0:0. Auch die Einwechslung Keegans 35 Minuten vor Schluss konnte nichts ändern, England war – ohne Niederlage – ausgeschieden.

Die vom Namen her stärkste Gruppe in der Zwischenrunde war Gruppe C mit Italien, Argentinien und Brasilien. Mit den schwach gestarteten Italienern hatten die wenigsten gerechnet, aber sie sollten alle überraschen. Tardelli und Cabrini besorgten die Führung gegen den amtierenden Weltmeister, Passarella traf per Freistoß zum Anschluss, mehr war nicht drin. Im zweiten Spiel gegen Brasilien ging Argentinien, das schon 1974 und 1978 gegen Italien und Brasilien nicht hatte gewinnen können, dann unter. Zico, Socrates per Kopf und Serginho ließen die Selecao jubeln, am Ende hieß es 3:1. Maradona, der sich bei dieser WM über ständige Fouls beschwerte, verabschiedete sich mit einem brutalen Tritt in den Bauch von Batista mit einer Roten Karte. Seine Zeit sollte noch kommen.

Das entscheidende Spiel zwischen Italien und Brasilien wurde ein echter Kracher. Paolo Rossi erzielte nach fünf Minuten per Kopf sein erstes WM-Tor, Socrates glich kurz später aus, aber nach einem Fehlpass von Cerezo stellte Rossi die Führung wieder her. In der zweiten Halbzeit traf Falcao mit einem Gewaltschuss, Brasilien hätte ein Unentschieden gereicht. Aber eine Viertelstunde vor Schluss machte sich Rossi mit seinem dritten Tor zur Legende. Für die Brasilianer war dies eine der bittersten Niederlagen ihrer Geschichte, in der Heimat hatte man fest mit dem Titel gerechnet. Die Italiener wiederum waren plötzlich ein WM-Favorit. Die brasilianische Mannschaft von 1982 war vielleicht die beste, die nicht Weltmeister wurde. Zico sagte später, dieses Spiel sei „das Ende einer Idee“ gewesen, der Defensivfußball hatte sich endgültig gegen den Offensivfußball durchgesetzt.

Gruppe D war mit Frankreich, Österreich und Nordirland wohl die schwächste Zwischenrundengruppe. Frankreich hatte in der Vorrunde nicht seine ganze Klasse gezeigt. Gegen die schwachen Österreicher und Nordiren war man überlegen. Ein Freistoß von Genghini brachte den Sieg gegen Österreich und nach einem 2:2 zwischen den beiden Außenseitern der Gruppe besiegelte Frankreich mit einem fulminanten 4:1 gegen Nordirland den Halbfinaleinzug. Die Fußball-Künstler Platini, Giresse, Tigana und co. machten Frankreich zu einem WM-Favoriten, und schon träumte man von einem Finale zwischen Brasilien und Frankreich. Aber die Brasilianer waren schnell weg, und Frankreich musste nun erst gegen Deutschland ran.

Halbfinale

Das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich wurde zu einem Jahrhundertspiel. Deutschland zeigte eine nicht für möglich gehaltene Leistung und ging dank Littbarski in der 17. Minute in Führung, aber Platini brachte die Seinen neun Minuten später mit einem Elfmeter zurück ins Spiel. In der 57. Minute schockierte Toni Schumacher mit einem brutalen Foul gegen Patrick Battiston, der eine Gehirnerschütterung und einen Wirbelbruch erlitt und zwei Zähne verlor. Schumacher reagierte gleichgültig und bekam nichtmal die Gelbe Karte. Das Foul ließ die Franzosen offenbar stärker werden, sie rießen nun das Spiel an sich. In einem an Höhepunkten sehr reichen Spiel hätten beide Mannschaften beinahe in letzter Sekunde das Spiel entscheiden können.

In der Verlängerung brachen dann alle Dämme. Tresor verwertete kurz nach Anpfiff eine Flanke von Giresse und sechs Minuten später machte Giresse es dann selbst. 3:1 für Frankreich, das Spiel war entschieden – dachten alle. Der eingewechselte Rummenigge machte die Partie mit seinem fünften Turniertor noch vor Abpfiff der ersten Halbzeit wieder spannend, und in der 108. Minute trifft Klaus Fischer im Strafraum per Fallrückzieher zum 3:3 – der Wahnsinn war perfekt. Es kam zum ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte. Stielike verschoss als Erster, aber wieder kam Deutschland zurück. Six und Bossis trafen nicht, und schließlich verwandelte Hrubesch das entscheidende 4:3. Frankreich war unverdient raus, und Deutschland stand, ohne so richtig zu wissen warum, im Finale.

Das Kapitel „Auferstanden aus Ruinen“ setzte sich für Italien auch gegen Polen fort. Die Polen konnten ohne Boniek der italienischen Defensive nicht gefährlich werden, der „Squadra Azzura“ reichte ein mittelmäßiges Spiel zum Finale. Nach den drei Toren gegen Brasilien war es erneut Rossi, der das Spiel im Alleingang entschied, diesmal traf er nach einem Freistoß und nach einer Flanke von Bruno Conti, der eine starke WM spielte, per Kopf. Die Vorrunde war vergessen, Italiens Fußballer avancierten zu Volkshelden. Und wie sich herausstellte, musste Boniek die Italiener nicht mehr überzeugen, nach der WM wechselte er gemeinsam mit Platini zu Juventus Turin.

Spiel um Platz 3

Die Polen entschieden das Spiel um Platz 3 für sich und egalisierten damit ihr bestes WM-Ergebnis von 1974. Sie spielten mit ihrer besten Elf, während die immer noch frustrierten Franzosen mit einer B-Elf ohne Platini und Giresse antraten. Dennoch waren die Franzosen überlegen und eröffneten den Torreigen. Kurz vor der Pause drehten die Polen das Spiel und nach wenigen Sekunden in der zweiten Halbzeit erhöhten sie auf 3:1. Frankreich kam nochmal zurück, aber die Polen hielten das 3:2 fest. Für die nach Spanien gereisten polnischen Fans war es angesichts der schweren Zeiten in der Heimat ein versöhnlicher Abschluss. Die Altstars Lato und Szarmach beendeten nach dem Spiel ihre Karriere.

Finale

Im Finale war kein Brasilien und kein Frankreich zu sehen, dafür zwei eher defensive Mannschaften, die schlecht gestartet waren. Doch die Herzen der neutralen Fans schlugen überwiegend für Italien, Deutschland war der Bösewicht: Das peinliche Spiel gegen Österreich, das brutale Foul gegen Battiston im Halbfinale gegen Frankreich, die unattraktive Spielweise und die Eliminierung des Gastgebers machten Deutschland zum unsympathischeren Finalisten. Die Mannschaft von 1982 repräsentierte das Bild vom „hässlichen Deutschen“ wie keine andere. Italien hatte sich zumindest gesteigert und war mit fairen Mitteln ins Finale gekommen.

Das Spiel begann schwach. Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich, niemand sah attraktiven Kombinationsfußball. Italien musste auf seinen verletzten Regisseur Antognoni verzichten. In der 23. Minute verschoss Cabrini auch noch einen Elfmeter, wieder schien das Glück Deutschland zu begünstigen. In der zweiten Halbzeit zog Italien das Tempo an, und nach knapp einer Stunde war natürlich Rossi zur Stelle, der nach einem schnell ausgeführten Freistoß sein drittes Kopfballtor bei dieser WM erzielte. Der Stürmer von Juventus Turin wurde damit zum Torschützenkönig.

Deutschland konnte Italien kaum gefährlich werden. Rummenigge war nicht fit, spielte aber trotzdem 70 Minuten. In der 69. Minute schoss Marco Tardelli dann einen Konter, der die deutsche Abwehr vorführte, famos ab. Sein überschwänglicher Jubel – langer Torschrei, weit ausgebreitete Arme – blieb in Erinnerung. Die deutsche Demütigung perfekt machte Alessandro Altobelli, nachdem Deutschlands Abwehr aufgerückt war, wieder nach einem Konter. Breitner erzielte noch das 3:1 (damit wurde er der dritte Spieler, der bei zwei WM-Endspielen traf), aber mehr war nicht drin. Italien war nach 44 Jahren wieder Weltmeister.

Die Fußballwelt war zufrieden mit dem Ergebnis. Italiener feierten gemeinsam mit Franzosen, Spaniern und Algeriern. Der Titel war wie ein Märchen: Solange hatte Italien nichts gerissen, und ausgerechnet diese Mannschaft, die man als zu alt und ausgebrannt betitelte und so schlecht gestartet war, schaffte dieses Husarenstück. Italien zog im ewigen Titel-Ranking mit Brasilien gleich. Torwart und Kapitän Dino Zoff war mit 40 der älteste Weltmeister, Verteidiger Giuseppe Bergomi mit 18 dagegen einer der jüngsten. Die italienische Auswahl hatte jedoch seinen Zenit überschritten und verpasste den Umbruch, wie sich in den nachfolgenden Jahren zeigen sollte.

Fazit

In 52 Spielen wurden Spieler eingesetzt und 146 Tore geschossen (2,81 pro Spiel), der Zuschauerdurchschnitt lag bei 35-40.00. Die WM 1982 bot viele Kuriositäten auf dem Feld. Man sah viele Überraschungen in der Vorrunde, den höchsten Sieg und den jüngsten Spieler der WM-Geschichte, einen wütenden Scheich sowie einen peinlichen Nichtangriffspakt. Vom Spielerischen her war es eine Steigerung zu 1978, die Zuschauer durften sogar zwei der besten Spiele aller Zeiten bestaunen. Und die kleinen Mannschaften wie Algerien, Kamerun und Honduras demonstrierten, dass der Fußball auch außerhalb Europas und Südamerikas ernst zu nehmen war.

Platzierungen

1. Italien
2. Deutschland
3. Polen

WM-Torschützenkönig

Paolo Rossi (6)

Titel-Ranking

Brasilien (3)
Italien (3)
Deutschland (2)
Uruguay (2)
England (1)
Argentinien (1)

Eine Antwort to “WM-Geschichte, Teil 12”

  1. aron2201sperber Says:

    die erste WM, die ich bewusst miterlebt habe.

    nach dem Ausscheiden der Ösis habe ich zu meiner zweiten Heimat Italien gehalten und viel Freude mit den Azzurri gehabt.

    besonders das Match gegen Brasilien war an Spannung nicht zu überbieten.

    war damals in Mailand, wo danach die ganze Nacht Hupkonzert war

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