Antisemitismus und die Suche nach Erklärungen

Die Lust am Boykottieren

Die American Studies Association (ASA) beschloss im Dezember, von nun an israelische Forscher und Universitäten zu boykottieren. Die Begründung dafür war, dass man gegen die israelische Politik protestieren wollte. Jetzt werden die Boykott-Unterstützer, die es leider reichlich gibt, den Boykott-Kritikern sagen: Israelkritik muss erlaubt sein, ohne dass man sich sofort den Vorwurf einhandelt, ein Antisemit zu sein. Aber Moment mal: Kritik an der Israelkritik muss auch erlaubt sein, ohne dass man sich sofort den Vorwurf einhandelt, die Antisemitismuskeule zu schwingen.

Sicherlich ist nicht jeder Israelkritiker ein Antisemit. Es fällt aber eines auf: Israelische Forscher und Universitäten werden von der ASA boykottiert, während chinesische, iranische und russische Forscher und Universitäten keinen Boykott befürchten müssen. Es handelt sich also um Doppelmoral, eine Ungleichbehandlung von Israel. Und kein anderes Land wird so oft mit doppelten Maßstäben behandelt wie Israel, ob im UN-Menschenrechtsrat, in den internationalen Medien oder von allen Boykott-Liebhabern. Da liegt es nah, den Grund für den Boykott der ASA auf ein altes Ressentiment zurückzuführen.

Aber warum ist die ASA diesem Ressentiment erlegen? Um Antisemitismus zu erklären, wird oft weit ausgeholt. Die Literatur über Antisemitismus ist umfangreicher als die antisemitische Literatur. Es werden allerlei soziologische Studien, Essays und Bücher verfasst, um das Phänomen zu erklären, was die Leute immer wieder in den Wahnsinn treibt, wenn sie an Juden denken. Dabei sind viele Erklärungsansätze entstanden, die mal mehr, mal weniger überzeugen. Aber gibt es überhaupt eine Erklärung?

Der geschmackloseste Erklärungsansatz ist die Theorie von der kollektiven Bestrafung der Juden für die Sünden der Menschheit. Die Juden seien das auserwählte Volk und müssen als solches die Verfehlungen der Menschheit besonders ausbaden. Wenn die Juden verfolgt werden, heißt das also, dass die Menschheit sich schlecht benommen hat und die Juden dafür bestraft werden. Mal abgesehen davon, dass ich als Atheist nicht an göttliche Interventionen glaube, ist diese Erklärung ein Zirkelschluss: Wer Juden verfolgt, tut was Böses, und die Juden werden dann für diese böse Tat bestraft? Antisemitismus als Folge von zu viel Antisemitismus?

Ein anderer gern genannter Grund sind die heiligen Bücher des Christentums und Islams. Die Bibel und der Koran sind voll von antisemitischen Stellen. Juden als Diebe, Verräter, Gottesmörder. Antisemitismus als Folge der antisemitischen heiligen Schriften. Aber auch diese Erklärung hat Schwächen: Denn nicht-religiöse Menschen sind oft genauso antisemitisch wie religiöse. Wenn jemand als Muslim aufgewachsen ist, hasst er Juden vielleicht, weil sie Ungläubige sind. Wenn er dann plötzlich Zweifel hegt und Atheist wird, hasst er die Juden, weil sie alle Banken und Medien kontrollieren und Palästina gestohlen haben.

Der vielleicht am intellektuellsten daherkommende Erklärungsansatz ist die Behauptung, dass die Juden aufgrund ihres wirtschaftlichen Erfolgs und ihrer kulturellen Leistungen viel Neid auf sich zogen. Götz Aly meint z.B., dass der Neid der Deutschen auf die Juden sie zu mörderischen Judenhassern machte. Man kann diese Erklärung natürlich für das Deutschland dieser Zeit akzeptieren. Aber wenn die Juden mal nicht reich sind, werden sie trotzdem gehasst, nur mit anderen Begründungen. Nun sind sie Schmarotzer. Oder anders gesagt: Auch der Neid auf die Erfolge der Juden zieht nicht als alleinige Erklärung.

Es ist einfach so: Die Juden sind die Sündenböcke, egal für was. Wenn man wirklich einen Grund finden will, ist es bestenfalls die Geographie. Minderheiten werden immer gern zu Sündenböcken gemacht. Die Juden waren über fast ganz Europa und den Nahen Osten verstreut, also wurden sie auch besonders oft zu Sündenböcken. Viele andere Minderheiten haben dies erlebt – Sinti und Roma, Protestanten, Hugenotten, Schiiten, Baha’i, Chinesen in Südostasien usw. – die Juden reihen sich hier ein. Die Vorwürfe ändern sich – Gottesmörder, Ausbeuter, Schmarotzer – der Hass nicht.

Henryk M. Broder meinte dazu treffend:

Linke Antisemiten, die ihren Marx gelesen haben, können Juden nicht leiden, weil sie Kapitalisten, Ausbeuter und Unternehmer sind. Rechte Antisemiten, die sich auf Dühring, Stoecker oder Marr berufen, hassen Juden, weil sie Revolutionäre, Sozialisten und Skeptiker sind … Gläubige Menschen mögen Juden nicht, weil viele Juden Ketzer und überzeugte Atheisten sind. Freigeister nehmen es den Juden übel, dass sie immer noch an ihrem alten Glauben festhalten. … Internationalisten machen Juden den Vorwurf, dass sie einen eigenen Staat gegründet haben, und Nationalisten bemängeln, dass noch nicht alle Juden geschlossen hingezogen sind. So sucht sich ein jeder aus, was ihm gerade passt, um seine Leidenschaft zu befriedigen.

Es mag schwer zu verstehen sein, dass all dieses Leid keinen besonderen Grund hatte und so sinnlos war. In dem Film „Inside a Skinhead“ fragt Ryan Gosling, ein jüdischer Nazi, seine antisemitischen Freunde, warum sie Juden hassen.

„Soll ich euch den wahren Grund nennen?

Weil wir sie hassen. Weil sie existieren.“

Das ist alles.

Natürlich hat jedes Land und jede Epoche seine eigene antisemitische Kultur. So gesehen kann Antisemitismus viel über den Zustand einer Gesellschaft aussagen. Im Mittelalter war es einfacher, gegen die Juden zu hetzen, weil sie „Gottesmörder“ waren, heute ist es einfacher, sie zu kapitalistischen Ausbeutern oder Bolschewisten zu erklären. Der Antisemitismus in Ägypten unterscheidet sich von dem in Ungarn und der in Ungarn von dem in Deutschland. Aber bei all der Unterscheidung ist es doch immer dasselbe: Man legt bei Juden andere Maßstäbe an als bei anderen Menschen (die „Definition“ von Antisemitismus, wenn man will). Die Juden können Atheisten werden, sie können Kapitalisten oder Bolschewisten werden, das ändert nichts.

Das Problem, dass der Antisemit mit dem Juden hat, ist nicht seine Religion, seine politische Einstellung oder sein Charakter, sondern seine Existenz. Das heißt nicht, dass jeder Antisemit alle Juden tot sehen will. Da muss man schon unterscheiden zwischen Heinrich Himmler und Jakob Augstein. Es heißt, dass der Antisemit nicht mit rationalen Argumenten von seiner Einstellung abzubringen ist. Selbst wenn Israel alles tun würde, was die „Israelkritiker“ fordern, würde man irgendeinen anderen Grund finden, um Israel schlecht zu finden. Bei „Inside a Skinhead“ sagt Ryan Gosling: „Selbst wenn es einen Grund gäbe, würde irgendein Jude kommen und mir beweisen, dass ich falsch liege, worauf ich sie noch mehr hassen würde“.

Theodor Mommsen verneinte die Möglichkeit, mit Antisemiten zu diskutieren:

Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nutzt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich.

Es ist meiner Meinung nach Zeitverschwendung, eine besondere, mystische Erklärung für Antisemitismus zu suchen. Wichtig ist, dass sich Antisemitismus nicht in Gewalt, Mordaufrufen oder rechtlicher Diskriminierung entlädt. Da sind wir in Deutschland schon recht weit. Wenn es im Nahen Osten eines Tages auch so relativ sicher für Juden ist, ist schon vieles erreicht. Der „eliminatorische“ Antisemitismus wäre überwunden. Der latente „Judenknacks“ wird der Welt aber wohl noch länger erhalten bleiben.

8 Antworten to “Antisemitismus und die Suche nach Erklärungen”

  1. Silem Says:

    >>>Es ist meiner Meinung nach Zeitverschwendung, eine besondere, mystische Erklärung für Antisemitismus zu suchen.<<<

    Ehrlich gesagt ist es sogar scheiß egal ob Kritik an Israel Antisemitismus ist oder nicht.

    Kritik an Israel ist einfach nur Feige und Geschichtsvergessen und zeigt umso öfters wie wenig Allgemeinwissen denn in der Gesellschaft vorhanden ist. Da ist vollkommen unbekannt das es vor 48 überhaupt Juden in Palästina gab und den Arabern wird fleißig eingetrichtert das alle Juden in Israel am Gründungtag aus dem Nichts erschienen sind.

    Es wird auch vergessen das Israel den Teilungsplan in Ordnung fand, das alle Kriege Israels Verteidigungskriege waren oder das man den "besetzten" Gazastreifen geräumt hat nur das man ihn als KZ bezeichnen kann.

    Am Ende ist Kritik an Israel die für unsere Demokratie so typische Verbrüderung mit einer Diktatur. Man verbrüdert sich mit Putin, mit China und auch mit Assad. Man findet es toll starken Männern zuzujubeln und weil bei uns alles besser ist versucht man krankhaft uns schlechter zu machen, uns die Moral abzusprechen und dem Westen alles Übel der Welt anzuhängen.

    Und alles kommt daher weil wir uns selbst so sehr hassen. Man kann es nicht ertragen das es uns gut geht und das wir es besser haben als die vielen Menschen in einer Diktatur. Und weil viele genau das nicht ertragen können erklären sie uns selbst zu einer Diktatur. Führen sie sich auf als wären sie selbst unterdrückt und verfolgt.

  2. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin bei arprin: Antisemitismus und die Suche nach Erklärungen […]

  3. aron2201sperber Says:

    Der Staat Israel ist ein demokratischer Rechtsstaat.

    Das hat Israel davon abgehalten, die im Krieg eroberten Gebiete mit stalinistischen Methoden ethnisch zu säubern

    Wäre Israel ein Mitglied des Ostblocks gewesen (wie es sich Stalin erwartet hatte und deswegen im Gegensatz zu England für die Existenz Israel gestimmt hatte), hätte Israel so eine Säuberung als “antiimperialistische Verteidigungsmaßnahme” deklarieren können und wäre wohl ein Liebling der Linken geblieben.

    Die Palästinenser wären wie die Sudetendeutschen bloß eine Randbemerkung der Geschichte, für die nur “Reaktionäre” Partei ergreifen würden.

  4. shaze86 Says:

    Wichtig ist, dass sich Antisemitismus nicht in Gewalt, Mordaufrufen oder rechtlicher Diskriminierung entlädt.

    Doch kann er.
    Ich vermute, dass Antisemitismus immer die Vernichtung aller Juden zum Ziel hat und sich bis dahin fast immer selbst täuscht, indem er behauptet „Falls ihr euch ändert, verschonen wir euch!“. Allerdings gibt es viele Mitläufer die aus x Gründen, so ähnlich argumentieren wie Antisemiten.

    • arprin Says:

      Ich meinte, dass es für den Staat wichtig ist, dass sich Antisemitismus nicht in Gewalt, Mordaufrufen oder rechtlicher Diskriminierung entlädt.

      Gegen die anderen Formen des Antisemitismus kann man nichts machen, da es sich um – wenn auch dumme – Meinungsäußerungen handelt.

  5. thomas geisler Says:

    Ich bin in enger Tuchfühlung mit jüdischer Kultur aufgewachsen, sie ist ein Teil von mir. Ich schäme mich mit für die Verlogenheit und Ungerechtigkeit des Bloggers und der Kommentatoren, mit der sie zionistisches Verhalten meiner Brüder bewerten. Dadurch helfen sie niemandem. Es ist eine Form von Hass.

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