WM-Geschichte, Teil 13

Die argentinische Weltmeisterauswahl von 1986

Die argentinische Weltmeisterauswahl von 1986

Im Jahr 1986 versuchte Gorbachev, die Sowjetunion mit Reformen umzugestalten, tobten in Mittelamerika grausame Bürgerkriege, prägten Reagan und Thatcher eine Ära und fand vom 31. Mai bis zum 29. Juni die 13. Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko statt. Maradona schreibt mit der Hand Gottes und einem Jahrhundert-Sololauf Fußballgeschichte, Platini und Zico bleiben erneut ungekrönt, während Deutschland wieder im Finale scheitert.

Ursprünglich sollte Kolumbien die WM 1986 austragen, aber im November 1982 sagten die Kolumbianer ab, weil sie sich angesichts von Naturkatastrophen und einer Wirtschaftskrise der Herausforderung nicht gewachsen sahen. Mexiko, Brasilien und die USA bewarben sich als Ersatzausrichter. Die Wahl fiel auf Mexiko, mit dem man als WM-Ausrichter von 1970 gute Erfahrungen gemacht hatte. Mexiko wurde damit zum ersten Land, das zum zweiten Mal WM-Gastgeber wurde.

Qualifikation und Favoriten

Italien als Weltmeister und Mexiko als Gastgeber waren automatisch qualifiziert. Europa schickte Polen, Deutschland, Portugal, England, Nordirland, Frankreich, Bulgarien, Ungarn, WM-Neuling Dänemark, die Sowjetunion und Spanien direkt ins Rennen. Belgien setzte sich im Play-Off knapp gegen die Niederlande durch, die somit erneut das Weltturnier verpassten, Schottland besiegte im interkontinentalen Play-Off die Australier. Insgesamt waren also 13 europäische Mannschaften in Mexiko dabei. Eine historische Anekdote aus der Qualifikationsphase war die deutsche Heimniederlage gegen Portugal im vorletzten Gruppenspiel: Es war die erste deutsche Niederlage in einer WM-Qualifikation.

In Südamerika lösten Argentinien und Brasilien wie erwartet das WM-Ticket, außerdem kehrten Uruguay nach 12 und Paraguay nach 28 Jahren Abstinenz auf die WM-Bühne zurück. Die Concacaf-Zone erlebte eine Überraschung: Zum ersten und bis jetzt einzigen Mal schaffte es Kanada, das nicht mal eine eigene Fußballliga hatte, sich für die WM zu qualifizieren. In Afrika dominierten die nordafrikanischen Mannschaften, Algerien und Marokko vertraten den Kontinent. Die Asien-Qualifikation wurde in zwei Zonen aufgeteilt, eine für Westasien und eine für Ostasien. Die Iraner wurden disqualifiziert, weil sie sich weigerten, auf neutralem Boden zu spielen, stattdessen schaffte es der Irak, ebenfalls kriegsgebeutelt, erstmals die Endrunde zu erreichen. Südkorea setzte sich im Osten gegen Japan durch und feierte damit seine zweite WM-Teilnahme nach 1954. Die Ozeanien-Runde, bei der auch Israel und Taiwan teilnahmen, brachte nach dem Ausscheiden Australiens keinen WM-Teilnehmer hervor.

Argentinien war schon allein wegen eines Spielers ein WM-Favorit: Maradona. Er hatte sich zum besten Spieler der Welt entwickelt, nach einem Gastspiel in Barcelona brillierte er beim SSC Neapel. Brasilien hatte mit Zico, Socrates, Falcao und co. wieder ein grandioses Kollektiv aufzubieten, allerdings war die Mannschaft etwas veraltet. Der größte europäische Favorit war Frankreich. Die Mannschaft um Platini, Giresse, Tigana war 1984 im eigenen Land Europameister geworden. Deutschland war in der Gruppenphase ausgeschieden, der von Franz Beckenbauer trainierten Mannschaft wurde keine große Rolle zugetraut, ebenso wie Weltmeister Italien, das schon in der EM-Qualifikation gescheitert war. Der EM-Vize Spanien war nach der völlig verkorksten Heim-WM wieder erstarkt, auch mit England, der Sowjetunion und Polen rechnete man. Als Geheimfavoriten wurden Belgien und die EM-Halbfinalisten Portugal und Dänemark gehandelt.

Spielstätten, Modus und Gruppenauslosung

Das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt wurde wie 1970 für das Endspiel ausgewählt. Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey beherbergten 2 WM-Stätten, auch in Puebla, Queretaro, Nezahualcoyotl, Toluca, Irapuato und Leon wurde gespielt. Der Modus wurde wieder geändert: Die Zwischenrunde wurde abgeschafft, stattdessen folgte nun nach der Gruppenphase das Achtelfinale, von da an ging es bis zum Finale im K.O.-Modus weiter. Die beiden Gruppenzweiten und die vier besten Gruppendritten qualifizierten sich für die K.O.-Phase, was bedeutete, dass 16 der 24 WM-Teilnehmer die Gruppenphase überstanden. Eine weitere Änderung war, dass die beiden letzten Gruppenspiele zeitgleich stattfinden mussten.

Die Auslosung ergab interessante Paarungen. Gruppe E wurde zur „Todesgruppe“ auserkoren.

Gruppe A: Italien, Argentinien, Südkorea, Bulgarien
Gruppe B: Mexiko, Paraguay, Irak, Belgien
Gruppe C: Frankreich, Sowjetunion, Kanada, Ungarn
Gruppe D: Brasilien, Spanien, Algerien, Nordirland
Gruppe E: Deutschland, Uruguay, Dänemark, Schottland
Gruppe F: Polen, England, Marokko, Portugal

Vorrunde

Gruppe A erlebte die vierte aufeinanderfolgende Partie zwischen Italien und Argentinien bei einer WM. Die Italiener gingen durch einen Elfmeter von Altobelli früh in Führung, Maradona glich mit einem sehenswerten Tor noch vor der Halbzeit aus. Italien blieb der Angstgegner der „Gauchos“: Nun standen 2 Siege und 2 Unentschieden zu Buche. Den Gruppensieg sicherte sich allerdings Argentinien, ohne bei den Siegen gegen Südkorea und Bulgarien zu glänzen. Dank Altobelli, der 4 der 5 italienischen Tore erzielte, rückte Italien als Zweiter ins Achtelfinale, während Bulgarien mit zwei Unentschieden die Gruppenphase überstand. Die Südkoreaner mit Bundesliga-Stürmer Bum-Kun Cha schlugen sich wacker und holten gegen die Bulgaren ihren ersten WM-Punkt.

Gastgeber Mexiko hatte sich mit seinem serbischen Trainer Milutinovic monatelang auf die WM vorbereitet, wobei der unumstrittene Star, Stürmer Hugo Sanchez, für Real Madrid auf Torejagd gehen musste. Die Vorbereitung zahlte sich aus, in Gruppe B sicherte man sich den 1. Platz. Einem Sieg gegen die stark eingeschätzten Belgier (2:1) folgte ein 1:1 gegen Paraguay, wobei Sanchez in der letzten Minute einen Elfmeter vergab, und im letzten Gruppenspiel ein ungefährdetes 1:0 gegen den Irak. Paraguay landete vor Belgien, das sich unerwartet schwer tat, auf den 2. Platz. Die von einem Brasilianer trainierten Iraker haderten mit Schiedsrichterentscheidungen und verloren alle drei Spiele mit einem Tor Unterschied.

Die erste Partie der Franzosen in Gruppe C wurde zu einem Geduldsspiel. Gegen Kanada war man überlegen, doch das entscheidende Tor von Papin fiel erst in der 79. Minute. Die Sowjetunion zerlegte Ungarn mit 6:0. Für Ungarn war 1986 der bis jetzt letzte WM-Auftritt. Am zweiten Spieltag trennten sich Frankreich und die Sowjetunion mit 1:1. Dank des besseren Torverhältnisses konnten die Sowjets so vor Frankreich den Gruppensieg feiern. Ungarn gelang gegen Kanada ein letzter Sieg, der jedoch nicht zum Weiterkommen reichte. Die punkt- und torlosen Kanadier hatten immerhin Erfahrung gesammelt.

Brasilien geizte in der Vorrunde mit „joga bonito“. Gegen Spanien (1:0), Algerien (1:0) und Nordirland (3:0) reichten in Gruppe D durchschnittliche Leistungen zu drei Siegen. Im Spiel gegen die Spanier hatte man Glück, als ein reguläres Tor der Spanier beim Stand von 0:0 nicht gegeben wurde. Die Gruppe war eine Zweiklassengesellschaft. Spanien besiegte Nordirland (2:1) und Algerien (3:0), die beide in der Vorrunde ausschieden und zog damit locker ins Achtelfinale ein. Ein positiver Dopingtest des Spaniers Caldere, der gegen Algerien 2-mal getroffen hatte, blieb ohne Folgen, da Caldere krankheitsbedingt eine unerlaubte Substanz zu sich genommen hatte.

Gruppe E wurde nicht von Deutschland, sondern von Dänemark dominiert. Die Dänen hatten bei der EM 1984 der Welt zum ersten Mal ihren „Danish Dynamite“ gezeigt, die offensive Spielweise, mit der sie 1992 Europameister werden sollten. Preben Elkjaer-Larsen, Michael Laudrup und Sören Lerby ragten heraus. Elkjaer-Larsen hatte gegen Schottland den 1:0-Sieg gesichert. Gegen Uruguay traf er gleich 3-mal, am Ende hieß es 6:1 – eine schlimme Demütigung für den zweifachen Weltmeister. Auch im letzten Spiel gegen Deutschland sprang für die Dänen ein Sieg (2:0) heraus.

Deutschland tat sich sehr schwer. Im ersten Spiel gegen die Defensivkünstler aus Uruguay geriet man nach 5 Minuten in Rückstand, nach langem Kampf verhinderte Allofs in der 85. Minute die Niederlage. Der anschließende 2:1-Sieg gegen Schottland reichte für den 2. Platz. Weil Ungarn ein noch schlechteres Torverhältnis hatte, zog Uruguay mit 2 Unentschieden und 2:7 Toren ins Achtelfinale ein. Die „Charruas“ war vor allem durch hartes Spiel aufgefallen. Jose Batista sah gegen Schottland nach 57 Sekunden die Rote Karte, der schnellste Platzverweis der WM-Geschichte. Mit Enzo Francescoli hatte man jedoch auch einen Weltklasse-Spieler aufzubieten.

Die Gruppe F war die kurioseste bei dieser WM. In den vier ersten Spielen fielen nur zwei Tore. Portugal schlug England mit 1:0, Polen schlug Portugal mit 1:0, Marokko spielte gegen Polen und England 0:0. Vor dem letzten Gruppenspiel meldete sich der marokkanische König Hassan persönlich zu Wort und forderte mehr Offensive, während die englische Presse über die eigene Mannschaft herfiel. Beides zeigte Wirkung. England besiegte Polen durch einen lupenreinen Hattrick von Gary Lineker mit 3:0, während Marokko mit dem 3:1 gegen Portugal Fußballgeschichte schrieb. Der Sieg reichte zum 1. Platz, zum ersten Mal hatte eine afrikanische Mannschaft die Gruppenphase überstanden. England wurde Zweiter, Polen kam glücklich weiter, Portugal schied überraschend aus.

Achtelfinale

Vor 114.000 Zuschauern boten die Mexikaner attraktiven Fußball und machten gegen Bulgarien mit Toren von Negrete und Servin den Viertelfinaleinzug perfekt. Im Land herrschte ein Freudentaumel, viele träumten nun vom Finale. Die in der Vorrunde enttäuschenden Belgier sorgten für einen der Höhepunkte dieser WM. Das Aufeinandertreffen gegen die Sowjetunion war an Dramatik nicht zu überbieten. Die Sowjets gingen in der regulären Spielzeit zweimal durch Igor Belanov (Europas Fußballer des Jahres) in Führung. Belgien schlug zurück, und in der Verlängerung ging man dann mit 4:2 in Führung. Belanov besorgte mit seinem dritten Tor in diesem unglaublichen Spiel den 4:3-Endstand.

Brasilien fand gegen Polen zu alter Form zurück. In der ersten Halbzeit ging die Selecao durch einen umstrittenen Elfmeter in Führung, in der zweiten Halbzeit erhöhten sie mit schönem Angriffsfußball auf 4:0. Das goldene Zeitalter des polnischen Fußballs (1972-86) war endgültig zu Ende. Argentinien und Uruguay trafen im Bruderduell aufeinander. Die Argentinier waren aufgrund der harten Spielweise Uruguays besorgt. Maradona zeigte ein starkes Spiel, aber das Abwehrbollwerk war schwer zu knacken. In der 42. Minute erlöste Pasculli nach einem Missverständnis in der uruguayischen Abwehr seine Mannschaft.

Der amtierende Weltmeister Italien musste gegen Frankreich ran. Es wurde einer der größten Demütigungen für die Italiener, sie hatten keine Chance und verloren mit 0:2. Platini hatte keine Probleme mit der italienischen Abwehr, die laut italienischen Medien wie Gespenster wirkten. Die Niederlage war ein Weckruf für den italienischen Fußball und bestärkte die Favoritenrolle der französischen Ballkünstler. Deutschland zeigte gegen die defensiv eingestellten Marokkaner wieder eine dürftige Leistung. In der 88. Minute erlöste Matthäus, der bis zu diesem Zeitpunkt nur durch Pannen aufgefallen war, per Freistoß die DFB-Elf.

England profitierte gegen Paraguay wie gegen Polen von Linekers Torjägerqualitäten, der beim 3:0 gegen die lange Zeit ebenbürtigen Paraguayer 2-mal traf. Spanien und Dänemark lieferten eine denkwürdige Partie ab. Jesper Olsen erzielte per Elfmeter das 1:0, doch nach einem üblen Patzer in der Abwehr glich Emilio Butragueño für die Spanier aus. In der zweiten Halbzeit sahen die Zuschauer dann überraschenderweise „Spanish Dynamite“: Butragueño traf nach einer verlängerten Ecke per Kopf zum 2:1, Goikoetxea verwandelte einen Elfmeter zum 3:1, das 4:1 entstand nach einer schönen Kombination, die Butragueño verwerten konnte, und in der 89. Minute erzielte Butragueño per Elfmeter sein viertes Tor zum 5:1. Dänemark ging unter, Spanien feierte seine Gewinner.

Viertelfinale

Mit Frankreich und Brasilien trafen die beiden Mannschaften aufeinander, die neben Argentinien als größte Favoriten galten. Es wurde zu einem Jahrhundertspiel. Careca brachte die Brasilianer in der 17. Minute in Front, es war sein fünftes WM-Tor. Kurz vor dem Halbzeitpfiff stand Platini nach einer Flanke von Rocheteau an der richtigen Stelle – 1:1. In der 72. Minute wurde Zico eingewechselt, nur drei Minuten später vergab er einen Elfmeter. Die Verlängerung bot weitere geniale Spielzüge auf, brachte aber keine Entscheidung. Im Elfmeterschießen setzte sich das Drama fort. Socrates, Platini und Julio Cesar verschossen, Fernandez verwandelte das entscheidende 4:3. Nach dem Spiel trat Brasiliens Trainer Santana und Spielmacher Zico zurück, eine ganze Generation trat titellos ab. Die Presse überschlug sich mit Superlativen für das Jahrhundertspiel.

Das Viertelfinale zwischen Argentinien und England ging ebenfalls in die Geschichte ein, und zwar aufgrund von zwei legendären Toren von Maradona. In dem aufgrund des Falklandkriegs politisch brisanten Duell drehte der Weltstar nach der Halbzeitpause auf. In der 50. Minute beförderte er den Ball im Strafraum mit seiner Faust ins Netz. Dieses Tor ging als die „Hand Gottes“ in die Geschichte ein. Fünf Minuten später zeigte er sein sportliches Genie, als er von der Mittellinie aus über sechs Engländer dribbelte und anschließend auch Torwart Shilton zum 2:0 umkurvte. Dieses Tor gilt für viele als das beste Tor aller Zeiten, die FIFA wählte es zum besten WM-Tor der Geschichte. Lineker erzielte noch sein sechstes WM-Tor, was zur Torjägerkrone reichte, aber nicht fürs Halbfinale.

Deutschland setzte sich nach 120 weitgehend ereignislosen Minuten gegen Mexiko im Elfmeterschießen durch. Die Gastgeber waren wie 1970 im Viertelfinale gescheitert, die DFB-Elf war erneut dank des stärkeren Kampfeswillen weiterkommen. Der Höhenflug der Spanier ging gegen Belgien schnell zu Ende. Nach dem Rückstand durch Ceulemans fand Spanien lange Zeit kein Mittel, konnte aber in der 85. Minute doch noch ausgleichen. Im Elfmeterschießen scheiterte Eloy an Pfaff, van der Elst war es dann, der das letzte Tor schoss. Torhüter Jean-Marie Pfaff, Spielmacher Enzo Scifo und Stürmer Jan Ceulemans waren die Stützen der belgischen Mannschaft. Für die Spanier begann damit der Viertelfinalfluch („maldicion de cuartos“), der sich 1994, 1996, 2000 und 2002 fortsetzte.

Halbfinale

Im Halbfinale musste Frankreich wie 1982 erneut gegen Deutschland ran. Ein Fehler des französischen Torwarts Bats nach einem Freistoß von Brehme brachte Deutschland in Führung. Danach sahen die Fans einen überraschenden Spielverlauf: Die deutsche Auswahl riss das Spiel an sich. Die französischen Spielmacher wurden ausgeschaltet, die deutsche Abwehr hielt stand, Deutschland spielte sich die besseren Chancen aus. Wahrscheinlich hatten die Franzosen im letzten Spiel zu viel Kraft liegen lassen. In der 89. Minute traf Völler nach einem Konter zum 2:0. Die Geschichte hatte sich wiederholt. Deutschland stand mal wieder ohne viel Zutun im Finale, und nach der Sowjetunion, Dänemark, Brasilien und Spanien war auch die letzte Mannschaft mit attraktivem Stil ausgeschieden.

Maradonas Argentinier mussten auf dem Weg zum Finale nur noch eine Hürde überspringen: Außenseiter Belgien. Die Belgier waren den Argentiniern ebenbürtig, aber ihnen fehlte einfach die Lichtgestalt der Fußballwelt. Mit zwei Toren, darunter einem Alleingang, dass an sein zweites Tor gegen England erinnerte, entschied er das Spiel allein. Es waren Maradonas Tore 4 und 5 bei dieser WM. Mit einer Mischung aus Bewunderung, Humor und Angst nahm die Fachwelt das Ergebnis zur Kenntnis: Maradona 2, Belgien 0. Noch nie zuvor war eine WM so sehr von einem Mann dominiert worden.

Spiel um Platz 3

Das Spiel um Platz 3 war für Frankreich das Ende einer Ära. Platini war bereits abgetreten, die junge Garde zeigte gegen die Stammformation der Belgier ihr ganzes Können und kam in einem munteren Spiel zu einem verdienten 4:2-Sieg nach Verlängerung. Der dritte Platz war Frankreichs größter WM-Triumph nach 1958. Trotzdem sollte die neue Generation weit von der alten herabfallen: Die Equipe Tricolore verabschiedete sich für die kommenden 12 Jahre von der WM-Bühne. Der vierte Platz war für Belgien der Höhepunkt der WM-Geschichte, und so überwog die Freude über den Erfolg die Trauer über die Niederlage.

Finale

Nach den spektakulären Auftritten gegen England und Belgien waren im Finale alle Augen auf Maradona gerichtet. Pelé hatte sich 1970 im Aztekenstadion gekrönt, nun war Maradona dran. Die Zweifel am Sieg Argentiniens waren klein. Die einzigen Argentinier, die nicht meilenweit dem Maradona-Niveau hinterherliefen, war Mittelfeldakteur Jorge Burruchaga und Stürmer Jorge Valdano, der 4-mal getroffen hatte. Die wichtige Frage in der deutschen Presse war daher: Wer sollte Maradona ausschalten? Genau das nutzten die Argentinier um ihren Trainer Carlos Bilardo zu ihrem Vorteil aus.

Ein Fehler von Toni Schumacher brachte Argentinien in Führung. Bei einem Freistoß von Burruchaga verschätzte er sich, Brown konnte in der 23. Minute ungehindert zum 1:0 einköpfen. Von Maradona war überraschenderweise nur wenig zu sehen, dafür zog er viele deutsche Spieler auf sich und machte so Raum frei. In der 56. Minute war es dann wieder Burruchaga, der sich auszeichnete und mit einem Steilpass zu Valdano das 2:0 vorbereitete. Das Glück schien Deutschland, wie 1982 auch, im Finale zu verlassen, eine demütigende Niederlage bahnte sich an. Aber die „Gauchos“ mussten noch leiden, denn Deutschland zeigte bärenstarken Kampfeswillen.

In der 74. Minute schlug Brehme einen Eckball, den Völler verlängerte, Rummenigge grätschte zum 2:1 herein. Das Schicksal schien sich zu wenden, und in der 82. Minute geschah dann das Unfassbare: Nach einer weiteren Ecke wurde der Ball wieder, diesmal von Berthold, verlängert, Völler köpfte zum 2:2-Ausgleich. Niemand hatte damit gerechnet. Jetzt wollten die Deutschen den Sieg in der regulären Spielzeit. Es folgte jedoch eine weitere für diese WM typische irrwitzige Wendung, als der unauffällige Maradona in der 85. Minute einen genialen Steilpass zu Burruchaga schickte, der Schumacher zum 3:2 tunnelte. Es war der pure Wahnsinn.

Die Gauchos brachten das dramatische 3:2 über diese Zeit. Nach dem umstrittenen WM-Sieg 1978 war dieser Titel auf rein sportlichem Weg geholt worden, und was viele sehr hoch einschätzten: Im Finale war Maradona nicht entscheidend gewesen, es war ein Sieg der Mannschaft. Dennoch war es unzweifelbar die WM des nach Pelé wohl besten Fußballers aller Zeiten. In Deutschland herrschte tiefe Enttäuschung: Zwar hatten die meisten nicht mit dem zweiten Platz gerechnet, allerdings hatte man zum zweiten Mal hintereinander ein Finale verloren. Das hatten zuvor nur die Niederländer geschafft.

Fazit

In 52 Spielen wurden 413 Spieler eingesetzt und 132 Tore geschossen (2,54 pro Spiel), der Zuschauerdurchschnitt lag bei 35-40.00. Die WM 1986 bot viele spektakuläre Spiele, viel Dramatik, einen unangefochtenen Superstar und mit Lineker einen verdienten Torschützenkönig. Der Zuschauerzuspruch war zwar hoch, doch die Stadien blieben meist nicht ausverkauft, weil es keine Einzeltickets für Spiele gab. Die FIFA nahm zum ersten Mal mehr durch Marketing als durch Ticketverkäufe ein.

Platzierungen

1. Argentinien
2. Deutschland
3. Belgien

WM-Torschützenkönig

Gary Lineker (6)

Titel-Ranking

Brasilien (3)
Italien (3)
Deutschland (2)
Argentinien (2)
Uruguay (2)
England (1)

4 Antworten to “WM-Geschichte, Teil 13”

  1. aron2201sperber Says:

    wie immer toll geschrieben – freue mich schon auf den nächsten Teil

  2. Kater Schnurr Says:

    Wirklich sehr gut geschrieben und entspricht in vielerlei Hinsicht auch meiner subjektiven „Erinnerungswahrnehmung“. Zwei Anmerkungen dennoch:
    1. Ich meine mich zu erinnern, dass auch Ungarn dank einer starken Qualifikation und v.a. überzeugender Testspiele als Geheimfavorit gehandelt wurde. Umso schmerzlicher war damals natürlich der Aufprall auf dem harten Boden der mexikanischen Realität.
    2. Wenigstens eine klitzekleine Anmerkung über das Qualifikationsabschneiden der DDR (ja, ja, ich weiß, wie (fast) immer gescheitert – aber mit einem trotzdem tollen, wenn auch letztlich erfolglosen Endspurt gegen starke Gegner und Siegen gegen Frankreich, Bulgarien und in Jugoslawien) würde mein kleines Ossiherz noch höher schlagen lassen. Wir sind ja schon mit so wenig zufrieden … 😉

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