Der beste Lebensschutz

"Rettet die ungeborenen Kinder"

Sind Abtreibungsgegner wirklich für das Leben?

Der konservative Schweizer Roger Köppel hat in der Weltwoche einen Editorial verfasst, indem er die Ansicht vertritt, Abtreibungen seien mit einem liberalen Menschenbild unvereinbar. Ohne es explizit auszusprechen, plädiert er damit wohl für ein Abtreibungsverbot. Um die Abtreibungsraten zu reduzieren, ist ein Abtreibungsverbot jedoch genauso erfolgreich wie ein Drogenverbot für die Reduzierung des Drogenkonsums. Wie es richtig geht, zeigen Länder mit einer liberalen Gesetzgebung für Verhütung und Abtreibung.

In den USA befinden sich die Abtreibungsraten auf einem 40-jährigen Tiefpunkt, sie haben sich seit 1981 fast halbiert. Die Gründe dafür sind laut den Studienergebnissen nicht in den Anti-Abtreibungsgesetzen und Kampagnen zu finden, sondern in besserer Aufklärung und besserer Zugang zu Verhütungsmitteln. Die TV-Serie „16 and pregnant“ soll mitgeholfen haben, die Geburtenrate bei Teenagern um 6% zu senken, und hat damit mehr Abtreibungen verhindert als alle „Pro-Life“-Kampagnen der Welt.

Israel ist eines der Länder mit den liberalsten Abtreibungsgesetzen. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Abtreibungsrate von 1990 bis 2012 um 21% sank. Osteuropa erlebte nach dem Ende des Kommunismus, der die Verhütungsmittelproduktion von der Planwirtschaft befreite, einen Rückgang von über 50%. In den Ländern, in denen die Bevölkerung einen leichten Zugang zu Verhütungsmitteln hat und Abtreibungen gefahrlos möglich sind, sinken die Abtreibungsraten meistens stark – der beste „Lebensschutz“.

Warum das so ist, ist ganz einfach: Frauen brechen Schwangerschaften ab, wenn sie nicht für ihr Kind sorgen können. Eine Frau könnte nun einfach auf Sex verzichten (der Vorschlag der Konservativen) – oder sie könnte, was realistischer ist, verhüten. Aber auch hier haben die Abtreibungsgegner Einwände, denn sie setzen die Pille danach mit Abtreibung bzw. mit Mord gleich. Der Slogan „Abtreibung ist Mord“ ist eine geschmacklose Verharmlosung von Morden und eine Beleidigung für schwangere Frauen.

In Deutschland werden etwa 97-98% aller Abbrüche vor der 12. Schwangerschaftswoche vorgenommen, der Rest wird so gut wie immer aus medizinischen Gründen vorgenommen. Wer sagt „Abtreibung ist Mord“, müsste behaupten, ein Mord an einer lebenden Person sei dasselbe wie ein Schwangerschaftsabbruch zu einem Zeitpunkt, in der die meisten Lebensfunktionen bei Embryonen nicht vorhanden sind. Und die Mordrate in Deutschland wäre um das 50-fache höher. Nicht 2.000 Morde pro Jahr, sondern 102.000.

Nach der Logik der Pro-Life-Aktivisten würde jede verpasste Gelegenheit zum Kinderproduzieren Mord darstellen. In den nächsten Jahren könnte eine neue Zukunftstechnologie diese Debatte verändern. Wissenschaftler forschen derzeit an künstlichen Gebärmuttern. Unerwünschte Embryonen könnten dann in künstliche Gebärmutter eingepflanzt werden. Aber natürlich wird es nicht ohne Kulturkampf gehen, denn: „Eingriff in Gottes Schöpfung“, „Man darf der Natur nicht ins Handwerk pfuschen“, „Wo soll das hinführen?“ – ich hör’s schon.

10 Antworten to “Der beste Lebensschutz”

  1. aron2201sperber Says:

    Sehr interessanter Beitrag!

    dass die Abtreibungszahlen in den aufgeklärten Industrieländern sinken, habe ich zum ersten Mal in Pinkers Buch gelesen.

    interessant, dass man diesem Phänomen bislang so wenig Beachtung gewürdigt hat

    • arprin Says:

      Ich habe es auch zuerst bei Pinker gelesen und mich dann genauer damit beschäftigt. Eine gute Entwicklung, und ich finde es auch merkwürdig dass das so wenig bekannt ist.

  2. Paul Says:

    Liebe(r) arprin,
    Sie schreiben:
    „Um die Abtreibungsraten zu reduzieren, ist ein Abtreibungsverbot jedoch genauso erfolgreich wie ein Drogenverbot für die Reduzierung des Drogenkonsums.“

    Diesen Gedanken greife ich mal auf und führe ihn weiter:
    Um die Mordrate zu reduzieren, ist ein Mordverbot genauso erfolgreich wie ein Vergewaltigungsverbot für die Reduzierung der Vergewaltigungen.

    Ich hoffe Sie merken jetzt selbst, welchen Unsinn Sie da geschrieben haben.

    Zur Bewertung der Abtreibungsstatistik empfehle ich diesen Artikel:
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article109226081/Der-Schutz-ungeborener-Kinder-ist-gescheitert.html

    Herzlich, Paul

    • arprin Says:

      Um die Mordrate zu reduzieren, ist ein Mordverbot genauso erfolgreich wie ein Vergewaltigungsverbot für die Reduzierung der Vergewaltigungen.

      Wenn man Mord straffrei stellt, wird die Mordrate sicher nicht sinken, sondern rasant steigen. Bei Vergewaltigung dürfte die Rate bei Straffreiheit auch steigen. Bei Abtreibung ist das nicht so gewesen.

      Zur Bewertung der Abtreibungsstatistik empfehle ich diesen Artikel:
      http://www.welt.de/debatte/kommentare/article109226081/Der-Schutz-ungeborener-Kinder-ist-gescheitert.html

      Wir haben vielleicht nicht hundertprozentig zuverlässige Zahlen, das stimmt, aber das war früher doch nicht anders. Ich denke nicht, dass sich der Rückgang nur durch falsche Statistiken erklären lässt.

    • Paul Says:

      Liebe(r) arprin,

      bevor ich den Artikel in der WELT gelesen hatte, wäre ich auch Ihrer Meinung gewesen.
      Jetzt bin ich der Meinung, auch nach den Eingeständnissen des Statistischen Bundesamtes, dass diese Erfolgszahlen „erzeugt“ wurden. (Ich will jetzt nicht Churchill zitieren.) Im Gegensatz zu Ihnen bin ich nicht der Meinung, dass dadurch, dass irgendetwas erlaubt wird, es nicht mehr so oft gemacht wird.
      Das „Rasenbetreten verboten“ ist für mich dabei das beste Beispiel.
      Der Drogenkonsum nimmt nicht ab, wenn er legalisiert wird. Auch Ladendiebstähle und Schwarzfahrer werden nicht weniger dadurch, dass es erlaubt wird. Ja, die Grünen haben es schon vorgeschlagen.

      Der Umkehrschluss ist übrigens auch richtig. Die Antiraucherkampagne hat keine Auswirkungen auf die Zahl der Raucher.
      Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Ende der 70ger Anfang der 80ger Jahre viele mit dem Rauchen aufgehört haben. Alleine die Angst vor dem Krebs hat uns, ja uns, denn ich gehörte auch dazu, bewogen, mit dem Rauchen aufzuhören. Wer weiter geraucht hat oder wer jetzt anfängt kennt das Risiko und ist resistent dagegen.

      Deshalb schenke ich all diesen Agitationen, besonders den „Erfolgsmeldungen“, keinen Glauben.

      Herzlich, Paul

      • arprin Says:

        Liebe(r) arprin

        Bei mir heißt es Lieber, ich bin männlich.

        Jetzt bin ich der Meinung, auch nach den Eingeständnissen des Statistischen Bundesamtes, dass diese Erfolgszahlen “erzeugt” wurden. (Ich will jetzt nicht Churchill zitieren.)

        Nun gut, die Statistiken sind sicher lückenhaft. Aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, in Israel und Osteuropa werden Rückgänge gemeldet. Für mich klingt das sehr zuverlässig.

        Im Gegensatz zu Ihnen bin ich nicht der Meinung, dass dadurch, dass irgendetwas erlaubt wird, es nicht mehr so oft gemacht wird.

        Das hängt meiner Meinung nach von der Sache ab. Bei Mord, Vergewaltigung, Körperverletzung und Diebstahl wird eine „Erlaubnis“ sicher nicht zur Abnahme führen. Mit einem besseren Zugang zu Verhütungsmitteln kommt es zu weniger unerwünschten Schwangerschaften und damit zu weniger Abtreibungen.

    • Carsten Says:

      @Paul,
      Den Weltartikel auch nicht besonders überzeugend, denn er bringt wie arprin schon geschirben hat, kein Argumuent dafür dass die Abtreibungsraten steigen würden.

      Allerdings finde ich in diesem Artikel auch kein argument dafür, dass ein liberales Abtreibungsrecht in der Tat die Abtreibungszahlen senken würde. Es gibt zwar eine Korrelation in den Staaten mit Möglichkeiten zur Abtzreibung, aber zur selben Zeit gibt es auch zunächst sehr viel überzeugende andere Gründe (Verbesserung der Verhütungsmethoden, steigende Religiosität, verbesserte Aufklärung), die hier auch genannt worden sind.

      Für den einfachen Zugang zu Verhütungsmitteln benötigt es ja zum Beispiel kein liberales Abtreibungsrecht.

  3. Anonym Says:

    Die Sache mit den Drogen ist doch folgende: Verbietet man sie, entsteht ein illegaler Markt – das wäre nichts neues. Hinzu kommt, dass die Qualität der konsumierten Rausch- und Genussmittel unter besagten Umständen unkontrollierbar ist und bleibt. Die Folgen dürften bekannt sein. Was als Argument für ein Verbot oftmals angeführt wird, ist, dass die Beschaffung riskanter Genussmittel erschwert wird – der Staat ist jedoch kein Kindergarten und sollte deshalb auch nicht als ein solcher verstanden werden. Theoretisch könnte man jedem Bäcker ein schlechtes Gewissen einreden, könnte ihn anfahren und fragen, was er den für ein gewissenloser Verbrecher sei, dass er es allen ernstes wagt, hier Brötchen zu backen! Schließlich gibt es auch Menschen, die trotz bekannter Diabetes so lange weiterfessen, bis ihnen die Gliedmaßen abfaulen! Soll man nun auch Bäcker kriminalisieren? Was natürlich Problematisch ist, dass uneingeschränkte Legalität auch zu uneingeschränktem Missbrauch führen wird, womit hier nicht verantwortungloser Konsum gemeint ist – wie wir ja gesehen haben, lässt das Resultat eines solchen Verhaltens ohnehin nicht lang auf sich warten. Wobei mir bange wird, ist die bewusste Schädigung durch dritte. (Speed im Bier, Excstasy in der Cola etc.) Natürlich kann solches auch im illegalen Rahmen passieren, nur würde es bei völlig uneingeschränkter Legalität warscheinlich schockierende Ausmaße annehmen und in einem solchen Fall können einem Betroffene bzw. Geschädigte wirklich leid tun! Ein leidiges Thema. Man müsste alle illegalen und legalen Rausch- und Genussmittel rigoros vernichten, wollte man die Angelegenheit wirklich in den Griff bekommen. Womit der letzte und schrecklichste aller Verbrecher immer noch nicht unschädlich gemacht worden wäre – der Bäcker! 😉

    • arprin Says:

      Wobei mir bange wird, ist die bewusste Schädigung durch dritte. (Speed im Bier, Excstasy in der Cola etc.) Natürlich kann solches auch im illegalen Rahmen passieren, nur würde es bei völlig uneingeschränkter Legalität warscheinlich schockierende Ausmaße annehmen

      Das sehe ich nicht unbedingt so. Schädigung durch Dritte ist schon heute illegal. Solche Fälle müssen nicht zwangsläufig zunehmen, wenn Drogenkonsum legal wird.

  4. Carsten Says:

    Das entscheidende Wort, das Köppel an einer Stelle verwendet, ist doch Seele. Und das ist der Punkt an dem sich Gegner und Befürworter eines Abtreibungsrechts unterschieden.
    Hat man – wie er – ein dualistisches Weltbild und verknüpft man die Seele mit dem Menschsein an sich, so ist Abtreibung – egal zu welchem Zeitpunkt die Tötung eines menschlichen Wesens.
    Der Dualismus zwischen Seele und Körper hat relativ wenig mit Liberalismus zu tun, aber man kann auch wenn man hieran glaubt zunächst auch noch ein Liberaler sein. Und mit einer Beleidigung von Schwangeren hat das auch nichts zu tun.

    Betrachtet man zusätzlich noch die Umstände einer Abtreibung, so kommt man – falls man Dualist ist – natürlich zur Feststellung, dass auch Mordmerkmale erfüllt sind.

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