WM-Geschichte, Teil 14

Das WM-Logo 1990

Das WM-Logo 1990

Im Jahr 1990 wuchs das zusammen, was zusammengehört, nahm die Pinochet-Diktatur in Chile ein Ende, wurde in Moskau das erste McDonalds eröffnet, besetzte Saddam den Kuwait, begann das Ende der Apartheid in Südafrika und fand vom 8. Juni bis zum 8. Juli die 14. Fußball-Weltmeisterschaft in Italien statt. Deutschland holt sich unspektakulär wie nie den Titel, Kamerun macht ganz Afrika stolz und ein vor und nach dem Turnier völlig Unbekannter wird Torschützenkönig.

Italien war nach Mexiko das zweite Land, das die WM zum zweiten Mal austragen durfte. Im Mutterland des Catenaccio wurde dann auch folgerichtig ein Defensivspektakel geboten, dass man zuletzt 1962 in Chile gesehen hatte. Der minimalistische Fußball setzte sich bis ins Finale fort. Kurz vor den politischen Umbrüchen (die Sowjetunion, Tschechoslowakei und Jugoslawien gaben ihre letzte Vorstellung ab) nutzten viele Spieler ihre Chance, sich für den Markt im Westen zu präsentieren.

Qualifikation und Favoriten

Es bewarben sich 112 Länder. 33 aus Europa, 10 aus Südamerika, 15 aus der Concacaf-Zone, 27 aus Asien (Israel und Taiwan spielten jedoch in der Ozeanien-Zone), 24 aus Afrika und 3 aus Ozeanien. Argentinien als Weltmeister und Italien als Gastgeber waren automatisch qualifiziert. Rumänien, Schweden, England, die Sowjetunion, Österreich, zum ersten Mal seit 1978 wieder die Niederlande, Deutschland, Jugoslawien, Schottland, Spanien, WM-Neuling Irland, Belgien und die Tschechoslowakei vertraten Europa. Die von Platini trainierten Franzosen scheiterten überraschend.

In Südamerika überstanden Uruguay, Kolumbien und Brasilien die Qualifikation. Kolumbien musste im Play-Off gegen Israel, dem Sieger aus der Ozeanien-Runde, ran. Chile wurde nach einem gigantischen Betrugsversuch seines Torwarts Rojas, der beim Spiel gegen Brasilien eine Schnittwunde vortäuschte, von der FIFA für die kommende WM gesperrt. In der Concacaf-Zone nahm Mexiko nicht teil, da sie bei der Qualifikation zur U-20-WM einige Geburtsdaten ihre Spieler gefälscht hatten und der Verband daraufhin für zwei Jahre von allen FIFA-Turnieren gesperrt wurde. Costa Rica und die USA lösten das WM-Ticket. Für beide war es Fußballgeschichte: Costa Rica war zum ersten Mal dabei, die USA, von der FIFA 1988 zum Gastgeber der WM 1994 auserkoren, hatte 40 Jahre warten müssen. In Asien schafften Südkorea und die Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) die Qualifikation. Wie schon Kuwait 1982 und Irak 1986 wurde die arabische Mannschaft wieder von einem Brasilianer, Carlos Alberto Parreira, trainiert. Afrika wurde von Ägypten, zum zweiten Mal dabei (und wie 1934 wieder in Italien), und Kamerun vertreten.

Zu den größten Favoriten zählten die wiedererstarkten Niederländer, Europameister 1988 und mit Weltstars wie Ronald Koeman vom FC Barcelona sowie Frank Rijkaard, Ruud Gullit und Marco van Basten vom AC Mailand gespickt. Gastgeber Italien und die ewige Turniermannschaft Deutschland zählte man traditionell auch zu den Favoriten. Der Weltmeister Argentinien wurde trotz Maradona nicht mehr so stark eingeschätzt. Brasilien hatte eine neue Generation, Careca, Muller und co. reichten aber nicht an die Klasse eines Zico heran. England, Spanien und die Sowjetunion, EM-Finalist von 1988 zählten ebenso zum erweiterten Favoritenkreis.

Spielstätten, Modus und Gruppenauslosung

Die Spiele fanden in 12 verschiedenen Städten statt: Rom, Mailand, Neapel, Turin, Bari, Florenz, Verona, Cagliari, Udine, Palermo, Bologna und Genua. Das Finale sollte in der Hauptstadt Rom im Stadio Olimpico stattfinden. Obwohl lange Zeit Zweifel herrschte, ob die Stadien rechtzeitig fertig werden würden, gab es schließlich keine Probleme. Die hochmodernen Arenen setzten damals neue Maßstäbe, allerdings wurden sie schon wenige Jahre nach der WM vernachlässigt und gelten heute als veraltet. Der Modus wurde gegenüber der letzten WM nicht geändert. Die Auslosung ergab folgende Gruppen:

Gruppe A: Italien, USA, Tschechoslowakei, Österreich
Gruppe B: Argentinien, Kamerun, Rumänien, Sowjetunion
Gruppe C: Brasilien, Costa Rica, Schweden, Schottland
Gruppe D: Deutschland, VAE, Kolumbien, Jugoslawien
Gruppe E: Belgien, Südkorea, Uruguay, Spanien
Gruppe F: England, Ägypten, Irland, Niederlande

Vorrunde

In Gruppe A zeigten die Italiener ihrem Publikum in Rom Magerkost. In den drei Spielen erzielten sie nur vier Tore, was aber dennoch zu drei Siegen gegen Österreich, den USA und der Tschechoslowakei reichte. Schillaci, der als Ersatzmann angereist war, gelangen zwei Treffer, er sollte für die Azzuri die Überraschung des Turniers werden. Den zweiten Gruppenplatz sicherten sich die Tschechoslowaken dank der Siege gegen die USA (5:1) und Österreich (1:0). Die Österreicher, mit Herzog und Polster an Bord, waren stärker eingeschätzt worden, es reichte nur für ein Sieg gegen die USA (2:1). Die Amerikaner sammelten in diesem Turnier vor allem Erfahrung für die kommende Heim-WM.

Die Fußballwelt erlebte in Gruppe B eine Riesen-Sensation. Im Eröffnungsspiel der WM unterlag Weltmeister Argentinien Kamerun mit 0:1. Das Tor des Tages hatte Omam-Biyik geköpft, Pumpido hatte den Ball nicht festhalten können. Im deutschen Fernsehen ließ Marcel Reif jede Neutralität vermissen und meinte: „Lauft, meine kleinen schwarzen Freunde, lauft!“. Das Ergebnis war die vielleicht größte Überraschung der WM-Geschichte und löste Schockwellen aus: der afrikanische Fußball wurde nun nicht mehr belächelt. Die Argentinier, die schon 1982 als amtierender Weltmeister das Eröffnungsspiel verloren hatten, waren nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Im zweiten Gruppenspiel sicherte der 38-jährige Roger Milla nach seiner Einwechslung mit zwei Toren in der letzten Viertelstunde Kamerun den Sieg über Rumänien (2:1). Das reichte für den Gruppensieg. Die anderen drei Mannschaften mussten noch bangen. Rumänien und Argentinien hatten beide die Sowjetunion mit demselben Ergebnis besiegt (2:0). Der Trainer der Kameruner, Nepomjaschtschi, war ein Russe, und so wurden Betrugsvorwürfe laut, als die sowjetische Auswahl ihr letztes Spiel gegen Kamerun mit 4:0 gewann. Trotzdem reichte es nicht zum Achtelfinale, da Rumänien und Argentinien 1:1 spielten. Die von Gheorghe Hagi angeführten Rumänen landeten aufgrund des besseren Torverhältnisses auf Platz 2, Argentinien

Die Brasilianer hielten sich in Gruppe C schadlos und gewannen alle ihre Partien gegen Schweden (2:1), Costa Rica (1:0) und Schottland (1:0). Viel mehr in Erinnerung aus dieser Gruppe blieb das Auftreten von Costa Rica. Die vom Serben Bora Milutinovic trainierten Mittelamerikaner setzten sich völlig überraschend gegen Schottland (1:0) und Schweden (2:1) durch und zogen ins Achtelfinale ein. Der Star des Teams war Hernan Medford, der in der 88. Minute das entscheidende Tor gegen die bei dieser WM sieg- und punktlosen Schweden schoss. Die Schotten wiederum schieden zum fünften Mal hintereinander in der Vorrunde aus.

Die deutsche Auswahl startete in Gruppe D mit einer Machtdemonstration. Den Jugoslawen ließ man keine Chance und fertigte sie mit 4:1 ab, das dritte Tor von Lothar Matthäus, ein Alleingang, gehörte zu den schönsten des gesamten Turniers. Es folgte ein 5:1 gegen die VAE. Erst im letzten Spiel gegen Kolumbien zeigte man Schwächen. Die Kolumbianer um Torhüter-Legende René Higuita und Kultkicker Carlos Valderrama brauchten mindestens einen Punkt, da sie zwar die VAE geschlagen hatten, aber gegen Jugoslawien unterlagen (0:1). Kolumbien war die bessere Mannschaft, doch in der 88. Minute erzielte Littbarski die Führung für Deutschland. In letzter Sekunde gelang Freddy Rincón nach einem genialen Pass von Valderrama der Ausgleich, es war das emotionalste Tor der kolumbianischen Fußballgeschichte.

In Gruppe E errang Spanien nicht zuletzt dank vier Toren von Michel den Gruppensieg. Nach einem 0:0 gegen Uruguay erzielte Michel beim 3:1 gegen Südkorea alle spanischen Tore. Beim letzten Spiel gegen Belgien, das gegen Südkorea und Uruguay gewonnen hatte, ging es um den Gruppensieg. Michel traf per Elfmeter zum1:0, während Belgiens Regisseur Scifo einen verschoss, am Ende hieß es in dem hochklassigen Spiel 2:1. Die Spanier nahmen mit dem Sieg auch Revanche für ihr Ausscheiden bei der WM 1986. Die Uruguayer schafften mit einem Tor in der 90. Minute gegen Südkorea noch den Sprung ins Achtelfinale, Südkorea reiste ohne Punkt nach Hause.

Den schlechtesten Fußball bekamen die Zuschauer in Gruppe F geboten. Fünf der sechs Spiele endeten unentschieden, es fielen nur sieben Tore. Die Engländer schafften gegen Ägypten den einzigen Sieg, was zum Gruppensieg reichte. Die englischen Hooligans hatten zuvor die italienische Staatsmacht in Angst versetzt. Da Irland und die Niederlande beide die gleiche Punktzahl und dasselbe Torverhältnis hatten, musste das Los entscheiden. So wurde Irland Zweiter und die Niederlande Dritter – sie mussten nun gegen Deutschland ran. Ägypten konnte immerhin die ersten zwei WM-Punkte verbuchen.

Achtelfinale

Die Kameruner schrieben im Achtelfinale gegen Kolumbien erneut Geschichte. Roger Milla stand dabei im Mittelpunkt. Er war in der zweiten Halbzeit ins Spiel gekommen und beendete mit seinem Führungstreffer 105 torlose Minuten. Nur drei Minuten später leistete sich Torwart Higuita einen unglaublichen Patzer, als er 20 Meter aus seinem Tor stürmte und den Ball verlor, den Milla eroberte und ins leere Tor einschob. Anschließend tanzte er mit der Eckfahne. Kolumbien kam noch zum Anschluss, aber für mehr reichte es nicht. Zum ersten Mal stand eine afrikanische Mannschaft im Viertelfinale.

Die Tschechoslowakei setzte sich deutlich gegen Costa Rica durch. Skuhravy traf 3-mal per Kopf, zum 1:0, 2:1, und 4:1. Er schraubte damit sein Torkonto auf 5 auf. In Turin kam es zum Shodown zwischen den zwei Giganten aus Südamerika. Brasilien dominierte das Spiel, konnte aber keine Chance nutzen. In der 80. Minute spielte Maradona einen genialen Pass an Caniggia, der den brasilianischen Torwart Taffarel umkurvte und zum 1:0 einnetzte. Das Spiel war auf den Kopf gestellt. Mehr passierte nicht. Für Brasilien war es das schlechteste Abschneiden seit 1966, während die Argentinier nun wieder auf ihre Elf hoffen konnten.

Beim Aufeinandertreffen zwischen Deutschland und der Niederlande kam es zur Neuauflage des EM-Halbfinals in München 1988, dass die Niederländer 2:1 gewonnen hatten. Es wurde ein schmutziges Spiel. Rijkaard erlebte in einer der unwürdigsten Szenen der WM-Geschichte einen „Lama-Anfall“ und spuckte Rudi Völler gleich zweimal an. In der 22. Minute wurden dann beide vom Platz verwiesen, auch der unschuldige Völler. Schließlich brachten Klinsmann nach einer Flanke von Buchwald und Brehme mit einem Kunstschuss aus 30 Metern Deutschland auf die Siegerstraße. Die Niederländer konnten nur durch einen Elfmeter zum Anschluss kommen. Sie hatten schon in der Vorrunde nicht überzeugt und fuhren nun völlig zurecht nach Hause.

Die Partie zwischen Irland und Rumänien sorgte für das erste Elfmeterschießen bei der WM. Der Rumäne Timofte scheiterte an Bonner, O’Leary traf zum entscheidenden 5:4. Irland hatte nun alle seine Begegnungen in regulärer Spielzeit Unentschieden gespielt, stand aber trotzdem im Viertelfinale. Die Gastgeber zeigten gegen Uruguay erneut eine mäßige Leistung, doch es reichte, um wieder ohne Gegentor zu gewinnen. Schillaci zum Dritten und Serena sorgten für Italiens Weiterkommen. Die defensive Spielweise der Italiener dominierte dieses Turnier – es war eine ziemlich italienische WM.

Ziemlich bitter endete das Achtelfinale für die Spanier. Stürmer Butragueño ließ gegen Jugoslawien gleich mehrere Chancen aus, und als Dragan Stojkovic das 1:0 erzielte, wurde er ausgewechselt. Salinas glich kurz darauf aus, doch in der Verlängerung war es erneut Stojkovic, der Spaniens Träume zerstörte. Die Jugoslawen hatten zwar eine individuell starke Mannschaft aufzubieten – der Kroate Prosinecki, der Montenegriner Savicevic und der Mazedonier Pancev gewannen mit Roter Stern Belgrad 1991 den europäischen Landesmeisterpokal – doch die ethnischen Konflikte im Heimatland gingen auch in der jugoslawischen Fußballmannschaft nicht spurlos vorbei.

Belgien ereilte dasselbe Schicksal wie die Spanier. Sie waren gegen England die bessere Mannschaft, versäumten es aber, ein Tor zu erzielen. Das Spiel ging in die Verlängerung, wo ebenfalls keine Mannschaft das Spiel für sich entschieden zu können schien. Als alle mit dem Elfmeterschießen rechneten, traf David Platt in der 119. Minute nach einem Freistoß zum 1:0. Nachdem schon in der Vorrunde torarmer Defensivfußball geboten worden war, setzte sich dieser Trend zum Leidwesen der Fans und der Experten auch in der K.O.-Runde fort.

Viertelfinale

Maradona konnte Argentinien im Viertelfinale gegen Jugoslawien nicht helfen, aber sie brauchten ihn auch nicht. In der regulären Spielzeit waren die Balkankicker die bessere Mannschaft, obwohl sie 90 Minuten lang mit einem Mann weniger spielten. Es fielen keine Tore. Beim Elfmeterschießen verschoss zuerst Stojkovic, Jugoslawiens bester Akteur bei der WM, aber auch Maradona – die Stars beider Mannschaften versagten vorm Punkt. Hadzibegic verschoss den entscheidenden Elfmeter, so hieß es 3:2 für Argentinien. Die Südamerikaner hatten erneut nicht gut gespielt, aber gewonnen.

Die Italiener setzten ihre spektakulär unspektakuläre Reise fort. Gegen Irland traf Schillaci zum vierten Mal, es reichte zum Sieg – mal wieder ohne Gegentor. Die Iren waren erhobenen Hauptes ausgeschieden, mussten aber bis 1994 auf ihren ersten WM-Sieg warten. Deutschland traf auf die Tschechoslowakei. Die DFB-Elf dominierte das Spiel, konnte aber nur durch einen Elfmeter von Matthäus in der 25. Minute die fällige Führung erzielen. Der Sieg geriet in der Schlussphase jedoch trotz eines Platzverweis für die Osteuropäer in Gefahr, was für schlechte Stimmung bei Trainer Beckenbauer führte.

Die Begegnung zwischen England und Kamerun wurde hochdramatisch. Die Führung der Engländer drehten die taktisch disziplinierten Kameruner innerhalb von vier Minuten, Kunde per Elfmeter und Ekeke trafen. Es fehlten nur sieben Minuten zum Halbfinaleinzug. Die Kameruner vergaben wertvolle Chancen, dann schlug das Schicksal zu. Lineker glich per Elfmeter aus und traf in der Verlängerung erneut per Elfmeter – 3:2 für England. Die Reise des nach dem Spiel gefeierten Publikumslieblings war zu Ende. Ohne wirklich überzeugt zu haben, stand England zum zweiten Mal nach der Heim-WM 1966 wieder im Halbfinale.

Halbfinale

Im Halbfinale traf Italien auf Argentinien, und zwar ausgerechnet in Neapel, Maradonas sportlicher Heimat. Die Italiener galten als Favoriten, und als Schillaci sein fünftes Turniertor erzielte, schien dem Heimfinale nichts mehr im Weg im zu stehen. Doch die Gastgeber verloren den Faden und der Weltmeister lieferte seine beste Leistung ab. In der 67. Minute glich Caniggia per Kopf aus. Es kam zum höchsten Gericht des Fußballs. Die Argentinier behielten die Nerven: Goycochea hielt zwei Schüsse, Maradona schob schon unverschämt lässig ein. Argentinien stand erneut im Finale. Ganz Italien verfiel in Schockstarre, viele gaben (zu Unrecht) dem Publikum in Neapel eine Mitschuld.

Die prestigeträchtige Partie zwischen Deutschland und England begründete einen Mythos. Ein abgefälschter Freistoß von Brehme und Lineker nach einem Missverständnis in der deutschen Abwehr sorgten für ein 1:1 in der regulären Spielzeit. In der Verlängerung trafen Waddle und Buchwald den Pfosten, aber es fiel keine Entscheidung. Es musste das vierte Elfmeterschießen her. Und hier zeigte die deutsche Auswahl dann ihre Kaltblütigkeit. Bei den Engländern verschoss Pearce und Waddle beförderte den Ball weit über den Querbalken. Nach der Niederlage sagte Lineker seinen berühmten Satz: „Am Ende gewinnen immer die Deutschen“. Die dritte Finalteilnahme in Folge war unerreicht, und diesmal hatte die Mannschaft sich den Einzug auch wirklich verdient.

Spiel um Platz 3

In ihrer Abschiedsvorstellung boten die Italiener gegen England eine ansprechende Leistung ab. Es dauerte bis zur 71. Minute, bevor Roberto Baggio einen Patzer von Shilton nutzte, zehn Minuten später glich Platt aus. In der 86. Minute erzielte Schillaci per Elfmeter sein sechstes Turniertor und sicherte damit Italien den dritten Platz und sich die Torjägerkrone. Aber er blieb ein One-Hit-Wonder, nach der WM bestritt er kaum noch ein Länderspiel für Italien, ganz im Gegensatz zu Baggio. Für die „Three Lions“ stellte der vierte Platz das zweitbeste Ergebnis bei einer WM dar. Torwart Shilton und Trainer Robson traten aus der englischen Nationalmannschaft zurück.

Finale

Zum ersten Mal in der WM-Geschichte wiederholte sich das Endspiel: Der Weltmeister Argentinien traf im Finale auf Deutschland. Dieses Mal waren die Rollen aber ganz anders verteilt als 1986. Deutschland war beim Publikum beliebter und galt auch als Favorit, da bei den Argentiniern gleich vier Mann gesperrt fehlten, u.a. Stürmer Caniggia. Einer der beiden Mannschaften würde zum dritten Mal Weltmeister werden und damit zu Brasilien und Italien aufschließen.

Es wurde, zur WM passend, ein schlechtes Spiel. Die Argentinier versuchten nur, das deutsche Spiel zu zerstören, und konnten keine Akzente setzen. Deutschland dominierte das ganze Spiel lang und war offenbar von einem unerschütterlichen Glauben an den Sieg angetrieben, auch wenn kein Tor fallen wollte. Nach einem harten Foul sah Monzon die Rote Karte – es war der erste Platzverweis in einem Finale. Einen berechtigten Strafstoß nach einem Foul an Augenthaler pfiff der mexikanische Schiedsrichter Codesal Mendez nicht.

Als dann Rudi Völler im Strafraum ohne Einwirkung des Gegners fiel, pfiff Codisal Mendez dann doch. Eine Schwalbe bereitete den Weg zum Titel. Eigentlich sollte Matthäus schießen, aber sein Aberglauben war stärker: Er hatte in der Halbzeitpause seine Schuhe gewechselt und war sich nicht sicher genug. Andreas Brehme trat an und überwand mit einem platzierten Schuss den Elfmeterkiller Goycochea. Argentinien hatte der Niederlage nichts entgegenzusetzen, stattdessen sah Dezotti nach einem Würgeangriff gegen Kohler die zweite Rote Karte.

Es war vollbracht, Deutschland war zum dritten Mal Weltmeister. Ein verdienter Sieg, da waren sich alle Seiten einig, noch nie war ein Finale so einseitig abgelaufen. Im ganze Land feierten die Menschen den Triumph. Das Jahr 1990 ging für viele als das „Jahr der Deutschen“, man hatte nicht nur den WM-Titel geholt, sondern auch die beiden deutschen Staaten wiedervereinigt. Beckenbauer, der nach dem Spiel scheinbar gedankenverloren über den Rasen wanderte, verkündete vollmundig, Deutschland werde „auf Jahre hinaus unschlagbar sein“. Das war aber genauso voreilig wie Kohls blühende Landschaften.

Fazit

In 52 Spielen wurden 414 Spieler eingesetzt und 115 Tore geschossen (2,21 pro Spiel – der niedrigste Wert in der Geschichte). Der Zuschauerschnitt lag bei 48.077. Sportlich gesehen war es die vielleicht schwächste WM überhaupt. Es gab zu viel Defensivfußball, zu wenige Tore, zu viele Elfmeter und keine „Jahrhundertspiele“. In Erinnerung blieb die WM deshalb nur in den erfolgreichen Ländern wie Deutschland oder in Kamerun, Kolumbien und Costa Rica, wo 1990 für den Höhepunkt der Fußballgeschichte steht.

Platzierungen

1. Deutschland
2. Argentinien
3. Italien

WM-Torschützenkönig

Salvatore Schillaci (6)

Titel-Ranking

Brasilien (3)
Italien (3)
Deutschland (3)
Argentinien (2)
Uruguay (2)
England (1)

6 Antworten to “WM-Geschichte, Teil 14”

  1. Klimax Says:

    Schöne Erinnerung an meine Studentenzeit. 1974 war aber besser. Kleine Beckmesserei: Brehme überwindete nicht, sondern er überwand – starker Schuß und starkes Verb.

  2. besucher Says:

    Marcel Reif, selten hielt sich solch ein überheblicher, oftmals einfach nur gehässiger Kommentator so lange als Sportkommentator. Ich hoffe er geht bald in Rente und nervt bei Sky nicht weiterhin mit seiner Voreingenommenheit.

  3. Kater Schnurr Says:

    Ebenfalls sehr schön geschrieben. Kleiner Hinweis: Das 1:0 gegen die Niederlande erzielte Klinsmann nicht mit dem Kopf, sondern volley mit dem Fuß. Siehe hier:

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