Das alte Deutschland?

Akif Pirinccis neues Buch „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ ist auf dem Weg zum Bestseller. Auch dem ZDF ist das nicht entgangen. Wie wir sehen, kann Pirincci auch im Fernsehen nicht von seiner Fäkalsprache ablassen.

Ich habe das Buch nicht gelesen, aber dass einen „irren Kult“ um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer gibt, sehe ich nicht. Klar, es gibt viele Schieflagen. Die Forderungen nach Frauenquoten oder „gleichen Lohn“ für Frauen sind absurd. Homosexuelle sind zwar nicht gleichberechtigt, allerdings gibt es tatsächlich einige Auswüchse in der Szene, die man kritisieren kann, auch wenn es sich dabei nicht um politische Forderungen handelt. Migranten genießen in einigen Fällen einen ungerechtfertigten Bonus, der manchmal verstörende Züge annimmt, wie z.B. bei dem Fall, indem ein Afghane nach einem Ehrenmord eine mildere Strafe bekam, weil er Muslim war.

Dennoch scheint es Pirincci um viel mehr zu gehen als solche Fälle zu benennen. Beim ZDF sagt er, sein Anliegen sei „Ich möchte mein altes Deutschland wiederhaben“. Welches Deutschland meint Pirincci damit? Das Deutschland der 1960er? Oder das der 1980er, eine Zeit, in der die einzige Zukunftsangst die Angst vor totaler atomarer Vernichtung war? Er nennt keinen Zeitraum. Den einzigen Hinweis gibt er, als er sagt, es soll in Deutschland nicht so aussehen „wie im Orient oder im Iran“. Das lässt vieles offen. Und es wirft eine Frage auf: Ist die Moderne wirklich so schlecht, wie es bei Pirincci klingt?

Bei all der Kritik an unsere heutige Zeit muss man doch feststellen: Wir leben in guten Zeiten. Die Sitcom „Modern Family“ handelt von drei Familien: Ein älterer Mann (Ed O’Neill, bekannt für seine Rolle als „Al Bundy“) der in zweiter Ehe mit einer Latina verheiratet ist, seinem schwulen Sohn, der mit seinem Partner ein vietnamesisches Baby adoptiert hat, und seiner Tochter, die eine „traditionelle Familie“ führt: Mann, Frau und drei Kinder. Als O’Neill in einer Szene von den guten, alten Zeiten schwärmt, meint seine Latina-Frau, diese Zeiten waren gut, wenn man nicht weiblich, Latino oder schwul war. Sarkastisch, aber wahr.

Anders ausgedrückt: Die Politische Korrektheit mag zwar nervig sein, aber die Rassentrennung, die Elektroschocktherapien für Homosexuelle und die Arbeitsverbote für Frauen waren dann doch ein paar Ecken härter. Deswegen wird wohl kaum einer ernsthaft die alten Zeiten wiederhaben wollen. Ich würde lieber mein altes SEGA wiederhaben wollen als das alte Deutschland. Oder geht es Pirincci primär um andere Themen? Meint er die hohe Steuerlast, die Überregulierung, die Energiewende? Nun, das könnte man noch verstehen. Wenn es um ökonomische Fragen geht, bin ich mit Pirincci auf einer Linie.

Seine ersten Texte, also die Zeit vor dem „Das Schlachten hat begonnen“-Artikel, fand ich sehr lesenswert. Er argumentierte gegen jede Form von staatlicher Bevormundung und entwarf sogar einen kühnen Plan, wie man den „idealen Staat“ errichten könnte. Ein Steuerstreik, bei dem 300.000 Menschen und 15.000 Betriebe mitmachen, würde ausreichen. Tatsächlich sind mir Menschen, die privat konservativ denken, aber politisch liberal sind, wesentlich lieber als Linke, die zwar meinen, der Staat solle sich aus den Schlafzimmern heraushalten, aber gleichzeitig bei jedem Arbeitsvertrag einmischen.

Ob Pirincci sich nun denkt „Die Homo-Ehe ist Unsinn, aber sollen die doch machen was sie wollen“, oder ob er sich eine staatlich regulierte Moral wünscht, ist mir nicht ganz klar. Falls Ersteres zutreffen sollte, macht ihn das zwar etwas verträglicher, aber noch immer nicht verträglich. Er ist kein Nazi und kein Rechtsextremer (wie einige seiner Gegner ganz ungeniert behaupten), aber er hat offensichtlich eine Aversion gegen Homosexuelle, und nichts liegt mir mehr zuwider als jemandem bei seinem literarischen Feldzug gegen vermeintlich „falsche Lebensstile“ zu unterstützen.

Was völlig unnötig ist, ist seine Fäkalsprache. Vor allem die Grünen meint er damit überhäufen zu müssen. Es spricht ja nichts dagegen, die Grünen auch mit harten Worten zu kritisieren, und auch Zynismus ist völlig in Ordnung („Hängt die Grünen solange es noch Bäume gibt“ ist ein toller Spruch). Aber die Bezeichnung „Kindersexpartei“, und das wegen eines Beschlusses aus den 1980ern, ist ziemlich niveaulos. Genauso wäre es falsch, die CDU als „Vergewaltigerpartei“ zu brandmarken, weil sie bis 1997 Vergewaltigung in der Ehe nicht als Straftatbestand anerkennen wollte. Dies ist übrigens ein weiteres Beispiel, dass die alte Zeit doch nicht so gut war, wie viele meinen.

20 Antworten to “Das alte Deutschland?”

  1. Silem Says:

    Dieser Mann leidet unter dem Stockholm-Syndrom. Und zwar an der heftigen Auswirkung.

    Fall er es vergessen hat, erinnere ich ihn noch einmal daran: „Werter Akif Pirinicci, auch wenn sie es sich vielleicht nicht eingestehen wollen. Auch sie sind nur ein Zuwanderer.“

    • arprin Says:

      Das sehe ich nicht so. Man kann ja auch als Migrationshintergründiger ein Patriot sein.

      • Silem Says:

        Das politische Spektrum das er anspricht wird ihn aber sicherlich nicht als Patrioten und guten Deutschen anerkennen. Wenn man gegen Homos, Roma, Frauen, Grüne, Linke und Liberale hetzt dann kann man nicht so tun als würden Türken anders behandelt werden.

        Der Stammtischler der die Roma rausschmeißen will und die EU verteufelt wird die Türken nicht viel besser finden. Was der Mann macht ist Realitätsverweigerung.

      • arprin Says:

        Naja, auch ein Mann wie Pirincci kann nichts für „Applaus von der falschen Seite“. Er wird sicher nicht mit Nazis zusammenarbeiten, also muss er sich auch nicht darum kümmern ob die ihn als Türken „aufnehmen“ oder nicht.

      • Silem Says:

        Man muss kein Nazi sein um Türken nicht zu mögen.

    • Martin Says:

      Unter dem Stockholm-Syndrom leidet tatsächlich natürlich eher der gesamte rotgrüne Mainstream. Ist doch wirklich einfach zu sehen.

      Wenn SPD-Bürgermeister als Reaktion auf den Mord von einem Türken auf einen Deutschen als erste Reaktion einen „runden Tisch gegen rechts“ ins Leben rufen, dann ist das nichts Anderes als die Gemeinmachung mit den Tätern. Aus schierer Angst wird auf ein selbstgebautes Phantom eingedroschen.

      Wenn tausende „Linke“ bei jeder Kasperveranstaltung von 10 NPD-Deppen auflaufen und zeigen wie toll sie „gegen rechts“ sind, aber bei islamistischen Veranstaltungen weder irgendeine Gegenrede noch gar Demo zu sehen ist, dann ist das nichts anderes.

      Pirinci hat halt ein paar Vorlieben und Abneigungen, die er sehr deutlich zur Sprache bringt. Das hat mit „Gemeinmachung“ mit der Rechten nichts, mit seiner Empfindung von Mißständen sehr viel zu tun. Und vor allem mit dem, wie diese behandelt -bzw. eben nicht- bzw. wie mit Leuten, die diese ansprechen argumentativ umgegangen wird.
      Ich denke, das Pirinccis Fäkalsprache im Wesentlichen auch eine Reaktion auf das andauernde hysterische „…Phobie“ Gekreische der Gegenseite ist. Obs nun Islamis oder Homosexuelle sind, die typische Reaktion auf Kritik oder die Äußerung möglicher Standpunkte ist oft einfach nur der Ad-Hominem Angriff.

      Ein schönes Beispiel ist ja auch dieser Kommentar.

  2. Almalexia Says:

    Lieber Arprin,

    lesen Sie doch einfach sein Buch, dort bekommen Sie die Antworten auf Ihre Fragen

    Grüße

    Almalexia

  3. Timo Ollech Says:

    Grundsätzlich volle Zustimmung, außer: was ist an der Forderung nach gleichem Lohn für Frauen absurd? Für die gleiche Arbeit? Absurd ist da doch vielmehr, dass das erst noch gefordert werden muss.

  4. aron2201sperber Says:

    Ich bin zwar grundsätzlich gegen die Strafbarkeit von Meinungen, egal ob es sich dabei um rassistische Äußerungen oder sogar die Holocaust-Leugnung handelt.

    Fäkalsprache hat jedoch in einer zivilisierten politischen Kultur nichts verloren.

    An politischer Korrektheit ist nicht das Verbot von rassistischen Äußerungen das Problem, sondern das Verbot, die Wahrheit zu sagen.

  5. Widder Says:

    Die derbe Ausdrucksweise, die Fäkalsprache Pirinccis ist gerade das provokative und einmalige an dem Buch und nicht der Inhalt. Hätte er das Buch in der üblichen Ausdrucksweise geschrieben, bliebe es unbeachtet, weil redundant. So ist Pirincci aber ein toller Coup gelungen. Respekt!

    • arprin Says:

      Ich habe kein Problem mit zynischer und polemischer Ausdrucksweise. Aber ich finde, dass Pirincci oft übertreibt und damit das Niveau seiner Texte senkt. Das ist nicht notwendig, Sarrazins Buch hat ja auch ohne diese derbe Ausdrucksweise viel Beachtung bekommen.

      • Widder Says:

        Vollkommen richtig. Aber gerade weil es schon bspw. das Sarrazin-Buch gibt, hätten nicht viele Leser ein ähnliches Buch gekauft, wäre es nicht in einem besonderen Stil geschrieben. Und meines Erachtens erzeugt AP deswegen so viel Aufmerksamkeit, weil er diesen derben Ausdrucksstil pflegt und nicht aufgrund der Thesen, die er präsentiert.

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