Kollektive, die nicht existieren

Kann man sein Land verraten?

Kann man sein Land verraten?

Im täglichen Sprachgebrauch werden oft Wörter benutzt, die Kollektive beschreiben. Dabei klingt es so, als würden diese Kollektive tatsächlich handelnde Akteure sein, egal ob es um „den Staat“, „der Gesellschaft“, „der Nation“ oder „dem Markt“ geht. Es gibt einen besseren Weg, um soziale Vorgänge zu beschreiben und zu erklären, und zwar: Man schaut sich die Handlungen der Individuen an, aus denen diese Kollektive bestehen. Diese Herangehensweise nennt sich methodologischer Individualismus.

Ludwig von Mises sagte dazu: „Es ist zwar möglich, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, aber nicht, den Baum vor lauter Wäldern“. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum zu leugnen, dass es diese Kollektive gibt, sondern darum, dass wir eine falsche Vorstellung von ihnen haben. Sie existieren nicht so, wie viele glauben. Wenn wir uns das klar gemacht haben, wissen wir, dass der Staat nicht „wir alle“ sind, „die Gesellschaft“ keine Interessen hat, man sein Land nicht „verraten“ kann und der Markt nichts „regelt“.

Der Staat

Wenn mal wieder ein Steuerhinterzieher erwischt wird, kommt eine Floskel der Empörung immer wieder hoch: „Er (der Steuerverweigerer) hat uns alle betrogen!“ Diese Aussage impliziert, wir alle seien der Staat, und die Einnahmen des Staates seien auch unsere Einnahmen. Aber ist es wirklich so, dass wir alle der Staat sind und seine Einnahmen unsere Einnahmen sind? Nun, eine Sache stimmt: Mit Steuern werden Schulen, Krankenhäuser und Straßen gebaut, die wir alle in Anspruch nehmen. Aber trotzdem ist die Aussage Unsinn.

Da Steuern nicht zweckgebunden sind, haben die Steuerzahler keine Möglichkeit, zu entscheiden, was mit ihrem Geld gemacht wird. Außerdem haben sie bei den mit Steuern finanzierten Behörden (Bahn, Post, GEZ) kein Mitspracherecht. Wie kann man angesichts dieser Tatsachen ernsthaft auf die Idee kommen, „wir alle“ seien der Staat und die Steuern gehören „der Gemeinschaft“? Einfach zusammengefasst ist der Staat eine Ansammlung von Institutionen, die mit Geld finanziert werden, die eben diese Institutionen unter Androhung von Gewalt eintreiben.

Wer behauptet, etwas befinde sich in Eigentum der Gemeinschaft, weil die Gemeinschaft gezwungen wird, dafür zu bezahlen, müsste auch behaupten, ein mit Mafia-Schutzgeld gebautes Casino befindet sich in Eigentum der Schutzgeldzahler. Die Menschen, die nicht beim Staat angestellt sind, sind nicht der Staat. Um es mal drastisch auszudrücken: Sie führen keine Kriege, spionieren nicht andere aus und retten keine Banken mit dem Geld anderer Leute. Ich will zwar den Staat nicht abschaffen – ein Minimalstaat mit Sezessionsrecht würde mir reichen – aber ich würde dennoch niemals auf die Idee kommen zu sagen, „wir alle“ seien der Staat.

Hoeneß hat nicht „uns alle bestohlen“. Er hat den deutschen Behörden sein Eigentum vorenthalten. Kein normaler deutscher Bürger wird mitentscheiden können, was jetzt mit Hoeneß’ Eigentum geschieht. Warum die Bürokraten ein Recht auf das Einkommen der Steuerzahler haben, wird oft gar nicht gefragt, sondern stillschweigend vorausgesetzt. Wenn man nachfragt, kommt meistens die Frage: Wer soll denn sonst die Schulen, Krankenhäuser und Straßen bauen? Solange der Staat das Monopol für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur hat, ist diese Frage jedoch recht sinnlos …

Die Gesellschaft

Einer der bekanntesten Sätze von Margaret Thatcher lautet: „Es gibt keine Gesellschaft. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und ihre Familien“. Dieser Satz wird von den Linken meist so interpretiert, als sei Thatcher gegen jede Form von Solidarität gewesen und hätte sich eine egoistische, kalte, nur auf Eigeninteressen achtende Gesellschaft gewünscht. Aber die wahre Bedeutung dieses Satzes ist ein ganz anderer. Es richtet sich nämlich gegen die Vorstellung, „die Gesellschaft“ sei ein handelnder Akteur mit eigenen Interessen.

Die Gesellschaft ist bloß die Bezeichnung für die Gesamtheit aller Individuen eines bestimmten Gebiets. Mit der „deutschen Gesellschaft“ sind also einfach nur die Menschen gemeint, die in Deutschland leben. Wenn man sich darauf beschränken würde, wäre der Gebrauch dieses Wortes kein Problem. Aber so ist es nicht. Viele fangen an, von „gesellschaftlichen Interessen“ zu sprechen, um politische Forderungen durchzusetzen. In Wirklichkeit ist es so: Es gibt keine gesellschaftlichen Interessen. Jede einzelne soziale Gruppe hat ihre eigenen Interessen.

Wenn Landwirte Subventionen oder Beamte höhere Pensionen fordern, wollen sie sich nur auf Kosten anderer Vorteile sichern. Es hat nichts mit „gesellschaftlichen Interessen“ zu tun, es ist einfach nur Klientelpolitik. Besonders albern ist das Gerede vom „Gesellschaftsvertrag“ oder „Solidargemeinschaft“. Ein Vertrag ist ungültig, wenn er auf Lasten Dritter geht oder unkündbar ist (beim Gesellschaftsvertrag kommt noch hinzu, dass niemand ihn unterschrieben hat, er ist quasi eine Erbsünde). Solidarität kann nur auf freiwilliger Basis erfolgen, und niemand sollte gezwungen werden, einer Gemeinschaft beizutreten.

Nun werden einige einwenden, dass man doch nicht so asozial sein kann um zu glauben, jeder Mensch könne allein für sich sorgen und es bräuchte keine Gemeinschaften oder Kooperation. Diese Menschen haben nicht verstanden, was mit individueller Freiheit gemeint ist. Jeder Mensch hat das Recht, einer Gemeinschaft beizutreten, ob nun Religions-, Sport- oder Arbeitsgemeinschaften. Es muss nur seine freie Entscheidung sein. Diese Forderung hat nichts mit Asozialität zu tun.

Die Nation

Immer, wenn Jugendliche in den Krieg ziehen und die Mütter weinen, heißt es auf Seiten der Politiker „Wir müssen unsere Nation verteidigen“. Wenn sie dann in Kisten aus der Front zurückkehren und die Mütter wieder weinen, sagen die Kriegstreiber „Er ist für sein Vaterland gestorben“. Das klingt natürlich für viele ehrenvoll. 1914 waren einige sogar ganz scharf darauf, für ihr Vaterland zu sterben. Es ist jedoch ein Mythos zu glauben, dass man bei Kriegen „seine Nation verteidigt“ oder „für das Vaterland stirbt“.

In den meisten Fällen ist unter „Vaterland“ eine korrupte, mafiöse Clique gemeint. Das Vaterland war nie in Gefahr und musste nicht verteidigt werden. Man stirbt für irgendein machtpolitisches Abenteuer, für das die beiden (oder mehr) kriegsführenden Regierungen später dann eine Vereinbarung finden, die natürlich ohne Krieg ausgekommen wäre. Wer sich weigert, an einem Krieg teilzunehmen, ist kein „Landesverräter“ – es ist gar nicht möglich, sein Land zu verraten – und er ist auch nicht „unpatriotisch“.

Patriotismus muss nichts Verwerfliches sein. Es bedeutet, dass man sich einem Land besonders zugehörig fühlt (Nationalismus ist die übersteigerte Form, die abzulehnen ist). Man mag die Landschaft, die Menschen, die Sprache, die Kultur. Das muss keinesfalls mit der Ethnie oder dem Geburtsland des Menschen zusammenhängen. Man kann als türkischstämmiger Migrant ein deutscher Patriot sein. Keinesfalls heißt Patriotismus, dass man alle Taten der Regierung seines Landes gutheißt.

Der Markt

„Der Markt soll das regeln“. Diesen Satz hört man von Liberalen oft. Der Staat soll sich zurückziehen, an seiner Stelle soll der Markt die Entscheidungen treffen. Er soll entscheiden, was produziert und zu welchem Preis es angeboten wird, wie hoch die Arbeiter entlohnt werden und wo neue Unternehmen entstehen. Dabei wird mit dieser Argumentation nur ein nicht existierendes Kollektiv durch ein anderes ausgetauscht. Denn der Markt entscheidet nichts, gar nichts. Nur Menschen treffen Entscheidungen.

Frederic Bastiat sagte: „Der Markt ist nichts weiter als die Abwesenheit von Zwang“. In einem freien Markt wird niemand unter Gewalt gezwungen, eine Interaktion vorzunehmen oder zu unterlassen. Er ist frei in seinen Entscheidungen, und muss auch die vollen Konsequenzen für sie treffen. Man kann den Markt also eher als ein moralisches Prinzip verstehen: Zwinge niemanden, eine Interaktion vorzunehmen oder zu unterlassen. Daraus lassen sich alle Forderungen der Liberalen ableiten.

Natürlich gibt der Markt auch kein Ziel vor. Kritiker der freien Marktwirtschaft sagen oft, den Liberalen würde es „nur um den Profit“ gehen. Tatsächlich steht es jedem frei, ob er Profit machen will oder nicht, niemand wird dazu gezwungen. Liberale sind nichtmal immer für Konkurrenz, wenn ein Anbieter sich ohne Gewalt anzuwenden in eine monopolähnliche Stellung gebracht hat (was freilich so gut wie nie vorkommt), ist nichts dagegen einzuwenden. Der Markt regelt nichts, es sind die die Individuen in ihren freien Entscheidungen.

4 Antworten to “Kollektive, die nicht existieren”

  1. Nicolas Says:

    Du hast mit Hoeneß zwar nicht Unrecht, aber man darf als deutscher Bürger durchaus sauer auf ihn sein. Das System ist (leider (noch?)) nun mal so wie es ist. Wir sitzen da alle im selben Boot. Aber wenn man schon in diesem Boot sitzt, dann muss man auch mitrudern (also zahlen). Denn wenn dann einer nicht mitrudert (also zahlt), müssen ich und alle anderen nämlich umso mehr rudern (also zahlen). Da ist es mir Wurst ob das Boot an sich ungerecht ist, rudern oder raus.
    (Ganz abgesehen davon zeugt es auch von ziemlicher Gier wenn man so obszön viel Geld hat und dann auch noch hinterzieht. Mag sein, das der Spitzensteursatz zu hoch ist, aber es ist ja nicht so als das er nicht trotzdem mehr hatte als ein Mensch jemals ausgeben kann)

    Allgemein zu Steuern:
    Unser Steuersystem ist einfach falschherum – der Staat legt eine Steuermenge fest, treibt sie ein und gibt *dann* aus (manchmal auch mehr, als er eingetrieben hat). Eigentlich sollte es andersherum sein. Es sollte demokrotisch entschieden werden, was gebraucht wird, und es wird genau so viel Steuer erhoben, wie benötigt wird um die Kosten (welche bei einem Minimalstaat, wie auch ich ihn will, nicht viele wären) zu decken.

    Ansonsten gefällt mir der Artikel aber gut. So bin ich an die Sache noch nie herangegangen.

    • arprin Says:

      Natürlich sind in unserem real existierenden System Steuern notwendig, um bestimmte Aufgaben zu finanzieren. Aber ich glaube nicht, dass durch Hoeneß‘ Steuerhinterziehung andere Menschen mehr Steuern zahlen müssen. Das wird oft behauptet, ist aber nicht belegt.

      Eine Reform des Steuersystems, bei der der Ausgabenorgie Einhalt geboten würde, wäre natürlich wünschenswert.

      • Nicolas Says:

        Nun, durch Steuerhinterziehung müssen Andere zunächst wohl tatsächlich nicht mehr zahlen, einfach weil in unserem System der Steuersatz und damit die Einnahmen bekloppterweise ziemlich von den Ausgaben entkoppelt sind. Wenn weniger Geld reinkommt, wird nicht weniger ausgegeben, aber auch die Steuer bleibt gleich, um den Wähler glücklich zu machen. Das das auf Dauer nicht klappt ist klar. Worauf ich hinaus will ist, dass Steurhinterziehung sich zwar nicht direkt im Steuersatz niederschlägt, aber in den Schulden, die der Staat macht.

        Ich möchte an dieser Stelle mal ein wenig mit Zahlen jonglieren:
        Nach einer Schätzung aus der Wirtschaftswoche
        (http://www.wiwo.de/finanzen/steuern-recht/schaetzung-fuer-deutschland-jaehrlicher-steuerbetrug-von-13-milliarden-euro/9595294.html)
        werden jährlich 13 Milliarden € Steuern hinterzogen.

        Die geplante Neuverschuldung für 2014 beträgt 6,4 Mrd. €. Nur um das mal in Bezug zu setzen.

        Jetzt mal im größeren Maßstab: Seit 2000 ist die Verschuldung um ca. 900 Mrd. € gestiegen. 13 Jahre mal 13 Mrd. € macht 169 Mrd. €.
        18% der seit 2000 aufgenommenen Schulden sind also hinterzogene Steuern.

        Ich will damit nicht die Schuld der seit Jahren immer wieder total unfähigen Regierungen an der ganzen Misere leugnen. Aber das rückt die ganze Hinterziehung mal ins rechte, dunkle, Licht. Denn das ganze Geld werden die heute jungen Leute noch lange abtragen müssen.

        Lange Rede, kurzer Sinn: wer hinterzieht tut das auf kurz oder lang auf Kosten der Anderen.

  2. Martin Says:

    Aristoteles: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“

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