Der verbotene Völkermord

Armenier werden von osmanischen Soldaten deportiert, 1915

Armenier werden von osmanischen Soldaten deportiert, 1915

Im Theater der Stadt Konstanz wird seit dem 21. März der Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken“ aufgeführt. In dem Stück geht es um den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916, also vor fast genau 100 Jahren. Die türkische Regierung weigert sich bis heute, anzuerkennen, dass es einen Völkermord gab, und führt deshalb immer ihr eigenes Theater auf, wenn das Wort „Völkermord“ im Zusammenhang mit den Ereignissen aus dieser Zeit fällt. So auch dieses Mal.

Im Vorfeld wurde u.a. mit einem Plakat geworben, indem die Füße eines toten Mannes zu sehen sind, über dem ein weißes Tuch ausgebreitet ist, darüber weht die türkische Flagge und der türkische Ministerpräsident Erdogan wird mit dem Satz zitiert: „In unserer Geschichte wurde kein Völkermord begangen“. Das war natürlich genug Zündstoff für eine Kontroverse. Über 100 Türken demonstrierten in Konstanz gegen die Aufführung des Theaterstücks, weil ihre Gefühle dadurch verletzt würden, auch per E-Mail forderten empörte Türken die Absetzung des Stücks.

Es gab auch diplomatischen Protest: Das türkische Generalkonsulat in Karlsruhe forderte, dass die Theaterbesucher vorab in einem Brief darüber informiert werden, dass es rechtliche und akademische Diskussionen gibt, ob man die Ereignisse von 1915 als Völkermord bezeichnen kann. Dieser Eingriff in die künstlerische Freiheit wurde von den deutschen Politikern zum Glück auch als solcher bezeichnet und kritisiert. Trotzdem wurde der Brief in der Homepage des Theaters veröffentlicht, das Stück musste unter Polizeischutz aufgeführt werden.

Die Heuchelei der türkischen Politik spottet jeder Bezeichnung. Einerseits heißt es, man will „die Historiker beurteilen lassen“, andererseits muss jeder Historiker, der sich ein Urteil erlaubt, der die offizielle Linie der türkischen Politik verlässt, mit Strafverfolgung wegen „Beleidigung des Türkentums“ rechnen. Natürlich sollte auch die Leugnung des Völkermords an den Armeniern nicht unter Strafe gestellt werden (obwohl diese Position nachweislich falsch ist), aber auch die Anerkennung des Völkermords ist keine Straftat.

Der deutsche Schriftsteller Armin T. Wegner, der während des Ersten Weltkriegs als Sanitätsoffizier im Osmanischen Reich arbeitete, wurde Zeuge des Völkermords an den Armeniern. Seine Berichte sind eine wichtige historische Quelle für die Ereignisse aus dieser Zeit. Am 23. Februar 1919 verfasste er im Berliner Tageblatt einen offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, indem er „die Austreibung des armenischen Volkes in die mesopotamische Wüste“ beschrieb:

Aus ihren Wohnsitzen, die sie länger als zweitausende Jahre inne hatten, aus allen Teilen des Reiches, aus den steinernen Pässen des Hochgebirges bis an die Küsten der Marmara und den Palmenoasen des Südens, trieb man sie in den trostlosen Kesseln zusammen mit der Entschuldigung, die jedem menschlichen Empfinden Hohn spricht, nichts zu tun, als ihnen andere Wohnsitze anzuweisen; metzelte die Scharen ihrer Männer in Massen nieder, stürzte sie mit Ketten und Seilen aneinandergefesselt in den Fluss, rollte sie mit gebundenen Gliedern die Berge hinab, verkaufte ihre Frauen und Kinder auf den öffentlichen Märkten oder hetzte Greise und Knaben unter tödlichen Bastonaden auf die Straße zur Zwangsarbeit. Nicht genug damit, seine verbrecherischen Hände so für alle Zeiten beschmutzt zu haben, jagte man das Volk, seiner Häupter und Wortführer beraubt aus den Städten, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht halb nackt aus den Betten, plünderte seine Häuser, verbrannte die Dörfer, zerstörte die Kirchen oder verwandelte sie in Moscheen, raubte sein Vieh, nahm ihnen Esel und Wagen, riß ihnen das Brot aus den Händen, die Kleider von den Gliedern, das Gold aus den Haaren und aus dem Mund.

Immerhin gab es letztes Jahr kleine Anzeichen für eine Lockerung der türkischen Politik. Im April 2013 kam es zum ersten Mal zu größeren Gedenkfeiern in der Türkei. Etwa 1.000 Menschen nahmen im Taksim-Platz an einer Gedenkveranstaltung für die rund 1,5 Millionen Opfer des Völkermords statt. Die kurdische Partei BDP sprach als erste in der türkischen Geschichte von einem „Völkermord“. In einer Woche, am 24. April, werden die Armenier wieder an den Völkermord gedenken. Nächstes Jahr werden die grausamen Ereignisse 100 Jahre her sein.

Es könnte noch viel Zeit vergehen, bis die türkische Politik von ihrem revisionistischen Kurs abrückt. Für die heutige Zeit wäre eine formale Entschuldigung nur reine Symbolpolitik. Wichtiger ist die Lage der armenischen Gemeinschaft in der Türkei und Syrien. Die armenische Diaspora schreckte auf, als vor einigen Tagen Rebellen in Syrien das von Armeniern bewohnte Grenzdorf Kessab eroberten, die Berichte über Massaker an der Zivilbevölkerung haben sich aber nicht bestätigt. Aufgrund der Kriegsfolgen haben bereits Tausende Armenier das Land verlassen.

Eine Antwort to “Der verbotene Völkermord”

  1. Bohumil Rericha Says:

    Warum die Türke die Völkermord an Arnenien nie wollen erkennen ? Weil zwischen 3 Initiatoren Jungturken ehemaliger Gründer neue Türkei „Vater Kemal Atatürk“ war !!

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