Das Recht auf Vergessenwerden

Google soll vergessen

Google soll vergessen

In der Sowjetunion war es nicht ungewöhnlich, dass ehemalige Parteimitglieder, die in Ungnade gefallen waren, völlig aus der öffentlichen Erinnerung verschwanden. Man entfernte sie aus allen Bildern, löschte sie aus Dokumenten und erwähnte sie nicht mehr in Reden. Sie waren einfach verschwunden. Ähnliches wurde in dem Roman „1984“ beschrieben. Der allmächtige Staat löschte alle Dokumente und Erinnerungen an Personen, die zu Staatsfeinde geworden waren. Sie wurden „vaporisiert“.

Der Europäische Gerichtshof will nun das Vergessenwerden in der realen Welt zumindest ein Stück weit möglich machen. Ein Urteil soll es erlauben, dass Informationen, die veraltet oder irrelevant sind, nicht mehr bei den Suchergebnissen bei Google erscheinen dürfen. Nachdem Google ein Formular eingereicht hatte, gab am ersten Tag bereits mehr als 12.000 Anträge. Schon davor gab es über 1.000 Löschanträge, darunter waren

a suspended university lecturer, an actor who had an affair with a teenager, a politician irked by an article about his behavior while in office, and „a man who tried to kill his family.“

In den USA würde so ein Gesetz nicht durchgehen, da die Amerikaner eine romantische Beziehung zur Meinungsfreiheit haben. Europa ist da leider etwas anders. Hier geht so eine Form von Zensur als ein Recht durch, das „Recht auf Vergessenwerden“. Dabei kann man ja schon heute unliebsame Informationen aus Google löschen, indem man z.B. die Website löscht oder Google kontaktiert. Aber das geht vielen nicht weit genug, durch das neue Urteil wird es nun möglich, dass Personen vor Gericht ziehen, um Informationen zu entfernen.

Jeder Mensch hat in seinem Leben eine Situation durchgemacht, die ihm peinlich war und die er vergessen möchte. Der beste Weg, um damit umzugehen, ist nicht mehr daran zu denken. Wenn man darauf angesprochen wird, kann man höflich sagen, dass man nicht gerne darüber spricht und das Thema wechseln. Sollte ein anderer Fotos, Videos oder andere Dokumente über diesen Vorfall haben, bleibt nur die Möglichkeit, ihn darum bitten, diese Dokumente zu löschen oder zumindest vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Anstatt dieses Problem auf diese Art zu klären, soll der Staat nun in einigen Fällen mitentscheiden, welches Wissen für die Menschen wichtig ist oder nicht. Dabei stellt sich die Frage: Was ist veraltet und irrelevant? Wahrscheinlich 90% aller Informationen, die man bei Google bekommt. Manche Information dürfte für eine Person relevant sein, für eine andere nicht (vor allem, wenn es um frühere Straftaten geht). Außerdem bewirkt die Löschung von Anträgen wohl eher das Gegenteil von dem, was es eigentlich soll.

Der Streisand-Effekt besagt, dass „der Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken oder entfernen zu lassen, öffentliche Aufmerksamkeit nach sich zieht und dadurch das Gegenteil erreicht wird“. Ich weiß nichts über die Person Mario Costeja Gonzalez, aber aufgrund des Urteils des Europäischen Gerichtshofs weiß ich, dass er in den 1990ern Schulden hatte, weil er genau diese Information mit seinem Löschantrag verschwinden lassen will. Oder wie John Oliver es bei HBO sagte: „The only thing I know about him is the only thing he didn’t want me to know“.

Eine Antwort to “Das Recht auf Vergessenwerden”

  1. qwertzman Says:

    Sein angeknackster Ruf ist nun zwar bekannter, dafür hat er bewiesen eine Klage gegen Google durchzuziehen und zu gewinnen, er ist kein schlechter Anwalt, weshalb ich ihn für einen ähnlichen Fall engagieren oder empfehlen würde.
    Witzigerweise kann man per Googlesuche noch heute herausfinden, was genau passiert ist: https://www.google.de/search?q=Mario+Costeja+Gonzalez+embargos+de+propiedad (z.B. erster Eintrag)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: