Die schöne Zeit der Beschränkung

Wir erinnern uns: So sah im Jahr 1986 ein Lebensmittelgeschäft in Moskau aus:

Als der sowjetische Fußballer Igor Belanov 1989 nach Mönchengladbach wechselte, kaufte seine Frau gleich 15 Kilo Fleisch, weil sie damit rechnete, dass am nächsten Tag kein Fleisch angeboten wird. Schlimme Zustände, an die sich keiner zurücksehnt, könnte man meinen. Leider ist dem nicht so. Die slowenische Philosophin Renata Salecl meint, dass die neue Zeit mit den neuen Konsummöglichkeiten nicht so schön ist wie die alte Zeit. Sie spricht gar von der „Tyrannei der falschen Freiheit“. Früher war alles sozialer, gerechter und fortschrittlicher:

Ich selbst blicke gerne zurück auf diese Beschränkungen. Als Kinder hatten wir dadurch eine ganz intensive Freude am Konsum. Die Grenzen waren klar gesteckt, und keiner überlegte, ob es an seinem eigenen Versagen liegen könnte, wenn er nichts hatte.

Mit der neuen Freiheit können die Menschen einfach nicht umgehen:

Im Postsozialismus hat sich das dann sehr schnell gedreht, hin zum Massenkonsum. Viele verschwenden ihr ganzes Geld und ihre Freizeit beim Shopping. Sie verschulden sich, können aber nicht mit dem Einkaufen aufhören.

Aber es gibt einen Ausweg aus dieser schlimmen Misere:

Wir dürfen Konsumentscheidungen nicht so ernst nehmen und sollten möglichst wenig Zeit mit ihnen verschwenden. Aber dafür müssen wir erst einmal aufhören, das Individuum als Meister seines Lebens zu sehen.

Das Interview wurde für ein Magazin namens „enorm – Wirtschaft für den Menschen“ geführt. Dass die Wirtschaft „für den Menschen da ist“, ist eine dieser nichtssagenden Floskeln, mit der Umverteilungspläne gerechtfertigt werden sollen. Das Magazin nennt überdies „nachhaltiges Wirtschaften“ und „ethischen Konsum“ seine Ziele. Auch diese Schlagwörter sind nicht wirklich mit Inhalt gefüllt, dienen aber regelmäßig für Regulierungen, Steuern und Verbote aller Art. Das dürfte auch bei diesem Magazin nicht anders sein.

Es wäre besser, wenn sich diese Nostalgiker klarer ausdrücken würden: Die schöne Zeit der Beschränkung, in der nicht das ganze Geld fürs Einkaufen draufging und indem nicht das Individuum, sondern das Kollektiv der Meister unser aller Leben war, soll zurückkehren. Die Empfehlung, eine eigene WG aufzumachen in der sie gemäß ihren eigenen Regeln leben können, dürfte hier fehlschlagen, da sie diese Wahlmöglichkeit als „falsche Freiheit“ empfinden. Erst wenn alle Menschen in ihren Konsumentscheidungen bevormundet werden, herrscht wirkliche Freiheit.

24 Antworten to “Die schöne Zeit der Beschränkung”

  1. Martin Says:

    Und der wahre Grund warum „Intellektuelle“ und „Philosophen“ wie Frau Salecl das so prima finden, ist natürlich, das sie als systemkonforme Sprichwortgeber in den Tyranneien der nutzlosen Funktionäre ein prima Leben haben.

    Aus dem Abschnitt hier kann man schließen, das nur vorhergehende negative Erfahrungen für besonders intensive freudige Erlebnisse sorgen.
    „Ich selbst blicke gerne zurück auf diese Beschränkungen. Als Kinder hatten wir dadurch eine ganz intensive Freude am Konsum.“

    Ich schlage daher vor, Frau Salecl entgegenzukommen und ihr in die Fresse zu schlagen, bis sie Blut kotzt. Das ist zwar nicht schön, aber dadurch erlebt sie dann eine ganz intensive Freude, wenn der Schmerz endlich nachläßt. Ist doch toll. Hat sie sonst ja nicht, dieses intensive Freudenerlebnis.

    „keiner überlegte, ob es an seinem eigenen Versagen liegen könnte, wenn er nichts hatte.“

    Im Klartext: Frau Salecl muß nicht an sich zweifeln, weil sie erfolglos ist.

    • besucher Says:

      Aus dem Abschnitt hier kann man schließen, das nur vorhergehende negative Erfahrungen für besonders intensive freudige Erlebnisse sorgen.
      “Ich selbst blicke gerne zurück auf diese Beschränkungen. Als Kinder hatten wir dadurch eine ganz intensive Freude am Konsum.”

      Ist doch so offensichtlich dass es schon eine Binsenweisheit ist.

      • Martin Says:

        Sicher. Das eigentlich perfide daran ist, das sie eine eigentlich negative Tatsache (nicht genug zu essen, viele, viele Beschränkungen) in etwas positiv scheinendes umdefinieren will.
        Auf die Art kann man halt auch das verhungern als etwas positives definieren. Oder das gefangen halten der Opfer von Herrn Fritzl und anderen. Denn ohne das sie vorher >10 Jahre als Sklavin gefangengehalten wurden, hätten die Opfer ja kein so intensives Glücksgefühl der Befreiung erleben dürfen.
        Das ist so banal, wie es dummdreist bauernschlau und hinterlistig ist.

        Ich bin mir ziemlich sicher, das die Dame, die die oben zitierten Sätze von sich gegeben hat, ein äußerst widerlicher Mensch ist.

  2. besucher Says:

    Salecl: Das Problem ist, dass wir in allen Bereichen als Konsumenten angesprochen werden: Wohnen, Urlaub, Lifestyle, unser Körper, unsere Launen. Das ganze Leben ist zu einem Produkt geworden, das wir angeblich optimieren können, wenn wir uns nur richtig entscheiden. Werden wir Eltern, melden wir unsere Kinder zu unzähligen Aktivitäten an, in der Hoffnung, als Resultat das perfekte Kind zu bekommen. Das uns dann hoffentlich glücklich und zufrieden macht. Der Gipfel dieser Idee, alles bestimmen zu können, ist die Theorie des positiven Denkens. Sie besagt, dass glücklich wird, wer richtig denkt. Im Umkehrschluss heißt das: Unglück begründet sich in falschen Gedanken. So bringt man Menschen dazu, ständig in sich hineinzublicken, anstatt sich sozial und kritisch in die Gesellschaft einzubringen.

    Bis auf den letzten Satz ist das korrekt analysiert. Zum Optimierungswahn hat auch Schirrmacher aus konservativer Sicht ein interessantes Buch im letzten Jahr herausgegeben.

    • Martin Says:

      Das Grundproblem an dem ganzen Quatsch ist, das das ein reiner Strohmann ist. Das sind medial herbeigefaselte Problemchen vermeintlich Intellektueller, die es im echten Leben bei kaum jemand gibt.

      • besucher Says:

        Diese Probleme gibt es sehr wohl wenn man einige Leute aus den urbanen Mittelschichten kennt (diese Leute müssen nicht mal besonders vermögend sein). Bei den Leuten in Hinterwummelsdorf gibt es diese Probleme wohl nicht, richtig.
        Ein Hoch auf das konservative Landleben!

      • Martin Says:

        Pfeifendeckel. Die gibt es bei manchen ansatzweise. Als gesamtgesellschaftliche Beschreibung ist es kompletter, völliger Bullshit.
        Ich kenne nicht nur Leute aus den urbanen Mittelschichten, ich bin selbst ein Leut daraus.
        Zudem auch noch jemand aus vermutlich genau dem zerrblidlich gemeinten Klischee, der seine Tochter auch noch auf eine Privatschule (phorms, Hamburg) schickt.

        Da faseln sich halt wieder irgendwelche Pseudointellektuellen ihre Strohmännchen zurecht um das Loblied des Verzichts daherschwurbeln zu können. Das alte Spielchen halt.

      • besucher Says:

        Du kannst mir wahrscheinlich auch erklären warum diese Leute dann das Loblied des Verzichts daherschwurbeln. Grundlos tun sie es wohl nicht.

      • qwertzman Says:

        Wenn alle verzichten, aber genauso arbeiten und Mehrwert produzieren, kann sich Madame Salecl diesen aneignen, indem sie Konsumverzichtsbücher verkauft, die sie gleichzeitig anklagt (inkonsistent, nicht zu verwechseln mit Inkontinenz. Hat was von der Montagsquerfront.) oder, wie sie vermutlich hofft, Funktionärin wird. Oder sie ist einfach heiß drauf andere Menschen kontrollieren zu können, vielleicht so eine D/s-(Dominance and submission)-Sache, wobei sich ihre Opfer gut fühlen sollen, was aber wohl nur bei ihr selbst geklappt hat. Nachwirkungen eines Stockholmsyndroms? 😀

      • Gutartiges Geschwulst Says:

        @besucher Says: „Du kannst mir wahrscheinlich auch erklären warum diese Leute … daherschwurbeln. Grundlos tun sie es wohl nicht.“

        Natürlich nicht! Sie profitieren eben davon.

      • qwertzman Says:

        Ich hab übrigens nichts gegen Spiele, warum ich dafür meine Individualität, (kapitalistisch beschränkte) Freiheit aufgeben und nichtmehr konsumieren und vor allem wahrscheinlich am besten ihr die Verantwortung über mein Leben geben soll, kapier ich nicht.

  3. besucher Says:

    arprin, Du hast aus dem Interview nur die Passagen mit den schlechtesten Schlussfolgerungen herausgefiltert.
    Das Interview hat definitiv sehr starke Momente, in Bezug auf die Analyse der Wahlmöglichkeiten und die Befreiung durch Freiheit.

    • qwertzman Says:

      Ich glaub das ist Rhetorik, sie lullt einen solange mit irgendwas halbgaren ein, um dann zu antiliberalem Schmock zu springen. Bei der Montagsquerfront kann man gut beobachten wie das funktioniert.

    • arprin Says:

      Selbst wenn die Frau hinter ihren Ansichten keine politische Agenda hätte, blieben diese für mich weltfremd. Wenn man etwas nicht konsumieren will, muss man es nicht. Ganz einfach. Was soll so toll daran sein, Konsumverzicht zu predigen und von der „Tyrannei der falschen Freiheit“ zu sprechen? Ich sehe in dem Interview keine starken Momente.

  4. Carl Says:

    Hier gehört es hin. Diesen Satz muß man einfach hervorheben: “Aber dafür müssen wir erst einmal aufhören, das Individuum als Meister seines Lebens zu sehen.” – Ein Satz, den ich mir notiert habe. So offen artikuliert habe ich noch nirgendwo gelesen, daß Freiheit falsch und das Grundprinzip des Humanismus abzulehnen ist.

  5. qwertzman Says:

    Ich zitiere den 2. Kommentar:
    „Die Vita sage es schon grundsätzlich aus ,die Dame ist nicht in der Lage dieses Thema wissenschaftlich zu bearbeiten,da subjektiv verstrahlt ! Ich empfehle für jeden der in Wohlstand und Kapitalismus leben möchte : Hayek – Die Verfassung der Freiheit,alle 10 Jahre wiederholen und es gibt keine Blicktrübung wie bei der Autorin,etwas K.Marx hilft über die letzten Gedankenhürden.“

  6. Eloman Says:

    Da fällt mir doch ein Buch von Roland Baader ein: „Totgedacht – Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören“. Da kann man alles nachlesen.

  7. aron2201sperber Says:

    hatte das Interview auch gelesen und ueberlegt darueber zu schreiben.

    dass in Jugoslawien einige Sachen gut waren, kann keine Rechtfertigung fuer eine Diktatur sein.

    ich hatte diese Diskussion schon oft mit meiner eigenen Familie (mein Stiefvater ist dort augewachsen).

    ich argumentiere dann gerne damit, dass es auch vielen unter Mussolini gut gefiel 😉

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