Kulturstaaten unter sich

Die Traumfabrik produziert auch mal Blödsinn

Großartiges Kino ganz ohne Regulierung

In letzter Zeit haben Gegner des geplanten Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA (TTIP) vielfach vor den negativen Folgen von Freihandel gewarnt. So befürchteten die Grünen die Invasion von amerikanischen Chlorhühnern. Ein noch viel schlimmeres Horrorszenario malte Klaus Staeck, der Präsident der Berliner Akademie für Künste, an die Wand: Das Ende der Kultursubventionen. Wenn durch TTIP die Filmförderung, den öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Buchpreisbindung abgeschafft werden, würden die Amerikaner kommen und die gesamte europäische Kultur zerstören.

Der EU-Kommissar Karel de Gucht „beruhigte“ die Schwarzmaler und stellte klar, dass die Kulturförderung nicht Teil des Abkommens sein werde. Das ist in Europa offenbar Konsens, auch die Franzosen wollen ihre Kultur weiterhin „schützen“ lassen. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters meinte, es gehe dabei „um das große Ganze“, um die deutsche „Identität als Kulturnation“. Sie verweist auf die blühende deutsche Kulturlandschaft (?) und will das deutsche „Verständnis von Demokratie“ schützen. Zu diesem Verständnis gehört also die zwangsweise Finanzierung von Theatern und Filmen durch Steuergelder. Der Deutsche Kulturrat hat ähnliche Ansichten:

Die USA und die EU sowie ihre Mitgliedstaaten pflegen unterschiedliche Vorstellungen von Kultur, kultureller und medialer Vielfalt sowie deren Erhalt und Förderung. Länder wie Deutschland und Frankreich beispielsweise verstehen sich ausdrücklich als Kulturstaaten und leiten daraus ihre Maßnahmen zur Kulturförderung ab.

Diese Worte sind eine Bankrotterklärung. Es wird völlig zurecht festgestellt, dass Europa und die USA ein anderes Verständnis von Kulturerhalt und -förderung haben (beim Rest ist das Verständnis auf beiden Seiten eher gleich), aber es wird nicht dargelegt, warum das europäische Verständnis besser sein soll. Ein Grund, warum dies der Fall sein könnte, wäre die Qualität der Kulturproduktion. Für Politiker könnte das eine Rechtfertigung für Zwangsgebühren sein (für mich wäre es das nicht), aber nun kann man beim besten Willen nicht behaupten, dass die europäische Kulturproduktion besser wäre als die amerikanische.

Schauen wir uns mal die Fakten an: Es sind nicht deutsche Kino-Blockbuster, die Millionen Amerikaner ins Kino strömen lassen. Es sind nicht deutsche Serien, die im amerikanischen Fernsehen rauf und runter laufen. Nein, das ganze Produkt kommt aus Amerika nach Europa. In Deutschland hätte der öffentlich-rechtliche Rundfunk eigentlich gute Bedingungen, um qualitativ hochwertige Serien zu produzieren, aber: Nichts. Null Innovation, keine Meisterwerke, fast nur Schmarrn. Der amerikanische ZEIT-Kolumnist Eric Hansen hat dieses Problem angesprochen und dabei auch an die ruhmreiche deutsche Vergangenheit (in der Weimarer Republik) erinnert.

Aber es gibt auch Deutsche, die dieses Problem anerkennen. Vor einiger Zeit las ich diesen von einem Insider geschriebenen längeren Text über die Unterschiede zwischen amerikanischem und deutschem Fernsehen, der sehr erhellend war: „Die ausbleibende Revolution – Eine Analyse, was die Qualität der neuen US-Serien eigentlich ausmacht und warum genau diese Qualität im deutschen Fernsehen auf unbestimmte Zeit nicht zu sehen sein wird“. Das müssten sich viele Kulturschaffende durchlesen und daraus lernen, dann würde sich vielleicht was ändern. Europa, du kannst viel von Amerika lernen!

18 Antworten to “Kulturstaaten unter sich”

  1. Silem Says:

    Wer Kultur über Schweiger, Lanz und Ferres definiert hat sowieso einen an der Klatsche. Ich würde ja verstehen wenn es um Subventionen für Museen, Kunstausstellungen oder Ausgrabungen gibt und man dort auf die Barrikaden geht.

    Aber doch nicht bei der fünften Auflage von Kein-Hirn-Film oder Pseudodokus welche den politischen Alltag in Deutschland darstellen sollen.

    Aber was will man in Deutschland auch erwarten. Homeland? Wir müssen die ganzen Terrorbuben doch verstehen. Breaking Bad? Wir sind doch super modern und finanzieren jeden Scheiß mit Steuern. Game of Thrones? Wir ziehen uns lieber Hitlers Unterwäsche Teil 8 rein.

    Sowas darf sich dann Kulturnation nennen.
    Ach. Frankreich macht manchmal echt tolle Filme die wohl von oben bis unten quersubventioniert sind. Aber die muss man sich dann wenigstens nicht ständig reinziehen weil hinter jeder Ecke, beschissene, Werbung lauert. Den Film kann ich dann an einem Stück auf Arte oder ähnlichen Kultursendern konsumieren.

    • arprin Says:

      In Dänemark und GB gibt es auch gute Produktionen, die von öffentlich-rechtlichen Sendern kommen. Deutschland ist in dieser Hinsicht echt rückständig.

    • stannisstannisstannis Says:

      Game of Thrones?

      Interessantes Beipsiel. Eigentlich eine US-Serie, bekommt aber Filmförderung von Northern Ireland Screen. Als Gegenleistung wird X% der Serie an nordirischen Lokalitäten gedreht und britische Schauspieler erhalten bevorzugt Rollen. Darum ist auch die ganze Hauptbesetzung bis auf Peter Dinklage und Nikolaj Coster-Waldau britisch.

      Zum Thema Filmföderung empfehle ich übrigens (egal wie man zu dem Mann steht) Interviews mit Uwe Boll zu schauen. Der hatte ja in Deutschland genug Probleme mit der Filmföderung und plaudert auch gerne aus dem Nähkästchen. Als Vergleich zieht er gerne die Zustände in Kanada heran. Da meldet er sein Projekt an und bekommt dafür Steuervergünstigungen, bessere Abschreibungsmöglichkeiten und ähnliches. In Deutschland hingegen darf man bei einem nach Parteiproporz besetzen Gremium um Gelder betteln. Und wenn man dann nicht die richtigen Leute kennt, den richtigen Namen hat oder gar ein ungewöhnliches Projekt verwirklichen will hat man halt die Arschkarte.

      • arprin Says:

        Das mit der britischen Förderung für Game of Thrones wusste ich gar nicht. Aber auch die ist sicher unnötig.

        Das deutsche Fördersystem ist dagegen nicht nur unnötig, sondern auch schädlich.

  2. shaze86 Says:

    Die Subventionsprämiengenießer haben zu recht Angst vor mehr Wettbewerb.

  3. qwertzman Says:

    Danke für den Link zum sehr interessanten Essay!

  4. Carsten Says:

    Die deutsche Kulturförderung ist in der Tat ein Käse und den Argumenten hier kann ich nur zustimmen.
    Auch wenn mir eine weitgehende Liberalisierung gefallen würde, finde ich den Weg über Frihandelsabkommen verkehrt. Wo bleibt denn da die Subsidarität. Diese Bereiche (und auch andere) sollten nicht in Hinterzimmern von Bürokraten bei der Aushandlung eines Abkommens entschieden werden, sondern auf transparentere Weise von den einzelnen Staaten.

  5. Martin Says:

    Dem kann ich nur zustimmen. Sehe inzwischen fast ausschließlich US-Serien im Original, schon eine ganze Weile.
    Wenn man sich als Abwechslung (es gibt ein paar Ausnahmen) dann mal eine deutsche Serie anschaut, packt einen das nackte Grauen an.

    • arprin Says:

      Ich sehe auch nur US-Serien, aber eher in Deutsch oder mit Untertiteln. Breaking Bad war für mich besser als jeder Film den ich gesehen habe. Deshalb bin ich auch aufgeschreckt, als ich gehört habe, dass es ein deutsches Remake geben wird …

  6. Falk Says:

    Der Essay ist wirklich klasse, ich habe ihn verschlungen.
    Leider hat er mich in meiner meinung über die deutsche Fernsehlandschaft bestätigt.
    Zum Glück kann man per Netz und DVD wunderbar ausweichen.
    Es ist schlichtweg egal, ob die das bei uns irgendwann auf die Reihe bekommen.
    Nur die Kröte mit der GEZ muss man halt schlucken.

  7. Asdrendeluxe Says:

    @Arprin

    Deshalb liebe ich deinen Blog so sehr. Pures Wissen was du uns verabreichst. Ich bin begeistert von den 2.ten link.

  8. aron2201sperber Says:

    habe jetzt im Urlaub die neue Gründgens-Biographie gelesen:

    http://www.amazon.de/Gustaf-Gr%C3%BCndgens-Biografie-Thomas-Blubacher/dp/3894877022

    sie bietet spannende Einblicke zum Film- Und Theaterbetrieb in der Weimarer Zeit, in der es sehr kapitalistisch und kreativ zuging

    • arprin Says:

      Eric T. Hansen sah es in seinem ZEIT-Artikel auch so:

      Die Weimarer Republik hat nur 15 Jahre gedauert, aber die Liste ihrer Film-Meisterwerke ist fast irreal lang: Der Blaue Engel, Faust, Der Golem, wie er in die Welt kam, Berlin – Die Sinfonie einer Großstadt, Die freudlose Gasse, Der letzte Mann und viele mehr.

      Damals haben die Deutschen fast eigenhändig alle Kinogenres erfunden, von denen Hollywood heute lebt: Den Sci-Fi- und Special-Effects-Film (Metropolis), den Serienmörder-Film (M – eine Stadt sucht einen Mörder), das Fantasyepos (Die Nibelungen), den Horrorfilm (Nosferatu), die romantische Komödie (Viktor und Viktoria) und mehr.

      Der Unterschied zu heute: Diese Meisterwerke waren kommerzielle Werke, die in Konkurrenz zueinander auf dem freien Markt entstanden, keine Auftragswerke eines Mäzenenstaates. Heute leben Deutschlands Kulturschaffende von der Gunst des Staates und machen, was der Staat will.

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