Es war nicht alles schlecht!

Frei, sozial, antifaschistisch: Wie die DDR den Mauerbau feierte

Am 3. Oktober feiert Deutschland mal wieder den Tag der Wiedervereinigung bzw. der Auflösung der sozialistischen Diktatur im Osten, und das politische Establishment hat dafür eine ordentliche Portion Ironie aufzubieten: Bernd Lucke lobt die innere Sicherheit in der DDR, die Bundesregierung führt die Mietpreisbremse ein und Gregor Gysi meint, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Leider kann man davon ausgehen, dass sowohl Lucke und Gysi damit im Osten Wähler gewinnen können, denn viele Ostdeutsche haben ein ziemlich lockeres Verhältnis zur DDR.

Umfragen, die DDR-Nostalgie im Osten belegen, kennt man ja schon. Aber es ist ein weitverbreitetes Phänomen, nach dem Ende einer Diktatur zu rufen „Es war nicht alles schlecht!“ Eine Umfrage der amerikanischen Militärverwaltung ergab 1948, dass 55% der Deutschen den Nationalsozialismus für eine „gute Idee“ hielten, die nur „schlecht ausgeführt“ worden sei. In Moldawien bewerteten 2011 52% den Untergang der Sowjetunion negativ und nur 29% würden bei einem Referendum gegen eine Rückkehr in die UdSSR stimmen. In vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion herrschen ähnliche Ansichten, auch in Russland.

Nun kann man sagen, dass diese Menschen nur ihre persönliche Situation wiedergeben. 1948 herrschte in Deutschland Chaos, in Russland herrschten nach dem Ende der UdSSR geradezu Raubritterverhältnisse, und in Ostdeutschland verloren durch die Auflösung der Volkseigenen Betriebe 1 Million Menschen ihren Arbeitsplatz. Aber das ist nicht die einzige Erklärung. Denn erstens sind die Missstände nach dem Ende einer Diktatur nicht selten die Trümmer eben dieser Diktatur. Und zweitens ist die Lage dennoch meistens besser als zu Zeiten der Diktatur: Den Ostdeutschen geht es besser als zu DDR-Zeiten, den Russen geht es besser als zu Sowjetzeiten.

Der Grund, warum so viele Menschen die Vorzüge einer untergangenen Diktatur hervorheben, ist wohl der, dass eine jahrzehntelange Diktatur mentale Spuren hinterlässt. Man möchte nicht all die Zeit über, ob unter Zwang oder nicht, für eine Mission (den real existierenden Sozialismus) gearbeitet haben, die dann einfach abgeblasen wurde. Man möchte sich auch nicht fragen lassen, warum man keinen Widerstand geleistet hat. Lieber sagt man: Es gab auch gute Dinge, nicht alles war schlecht! Und im Grunde hat man ja Recht: Egal, wie totalitär ein Land regiert wird, es findet sich immer auch was Gutes.

In Nazi-Deutschland gab es Menschen, die sowohl im Staatsdienst als auch privat gute Arbeit leisteten, in der DDR gab es anständige Arbeiter und Lehrer, in der Sowjetunion gab es erfolgreiche wissenschaftliche Projekte. Es ist jedoch töricht zu glauben, dass dies einzig und allein der Regierung zu verdanken sei und es ohne ihr nicht möglich wäre. Wenn eine totalitäre Regierung, ob nun Nazis, Kommunisten, Islamisten etc., in einem Gebiet die Macht an sich reißt, übernimmt sie alle Oberposten in allen wichtigen Organisationen und beseitigt jede Konkurrenz. Es ist gar nicht möglich, irgendwas Größeres zu machen, ohne die Regierung zu fragen.

Die Verwaltung würde aber auch ohne das herrschende Regime funktionieren. Die guten Lehrer, die es gibt, würden nicht aufhören zu lehren, wenn die Diktatur vorbei wäre. Das Gute, dass es in einer Diktatur gibt, ist nicht der Diktatur zuzuschreiben und wäre problemlos ohne sie möglich. Man möchte den DDR-Nostalgikern zurufen: „Ja, natürlich gab es auch Gutes in der DDR! Ihr habt ja alles verstaatlicht, sogar das Gute!“ Was man der Diktatur zuschreiben kann, sind die Ergebnisse, die es ohne die Verstaatlichung nicht gegeben hätte: Mangelwirtschaft in allen Bereichen, Überwachung der Bürger und Folter.

8 Antworten to “Es war nicht alles schlecht!”

  1. Silem Says:

    Es hat wohl auch etwas damit zu tun das man das eigene Gewissen beruhigt. Man muss sich ja irgendwie selbst erklären können das man 10, 30 oder 50 Jahre lang die Klappe gehalten hat und das Regime so stabilisiert hat. Also beschönigt man alles.

  2. Paul Says:

    Lieber arprin,
    gute und kluge Gedanken hast Du niedergeschrieben. Dafür herzlichen Dank.

    In der DDR habe ich in einer besonderen Situation gelebt und gehöre deshalb nicht zu denen, die jetzt sagen: „Na alles war ja auch nicht schlecht in der DDR.“

    In der DDR war ich tagsüber Staatenlos und abends saß ich in der „Ersten Reihe“ und war Bundesbürger. 🙂

    Übrigens, eine Zeit lang hielt ich diese innere Emigration für Widerstand. 😦

    Herzlich, Paul

  3. Tobias Says:

    „…Man möchte sich auch nicht fragen lassen, warum man keinen Widerstand geleistet hat…“
    Ist meiner Meinung nach ein allgemeines Problem im Staaten-System – die Menschen erheben sich erst wenn eine gewisse Schwelle der Unerträglichkeit überschritten ist.

    Wenn die politischen Ereignisse sich weiterhin so einseitig entwickeln (innerhalb der EU /USA usw.) wie bisher und nicht mehr Menschen dagegen auf die
    Strasse gehen (z.B. Montagsdemo`s) müssen wir uns den oben entnommenen Satz eines Tages selbst gefallen lassen

    • arprin Says:

      Es gibt meiner Meinung nach keine Pflicht, sich zu erheben. Es besteht die Gefahr, dass man eingesperrt wird, oder auf andere Art zu Schaden kommt. Die, die sich erheben, sind mutig und verdienen Respekt, aber es ist keine Pflicht. Wenn Menschen lieber die Flucht wählen, ist das auch in Ordnung. Was verwerflich ist, ist die mangelnde Bereitschaft zum Widerstand nicht mit Angst vor der Staatsmacht zu erklären, sondern damit dass „nicht alles schlecht war“.

      Zu den Montagsdemos: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen in den Montagsdemos die EU und die USA zum Besseren hin ändern können, sie würden die Lage eher verschlimmern. Mehr als sinnlose Friedensrhetorik und Verschwörungstheorien zur FED findet man dort nicht.

  4. aron2201sperber Says:

    Ausgerechnet Deutschlands größter Fan der sozialistischen Utopie hält Angela Merkel vor, im ostdeutschen realen Sozialismus aufgewachsen zu sein und danach über das Wesen der westlichen Demokratie das Falsche gelernt zu haben.

    Dass der reale Sozialismus nicht nur in der DDR, sondern auch in sämtlichen anderen Staaten, die (wie Augstein es fordert) den Kapitalismus abgeschafft hatten, nur in Form einer repressiven Diktatur ohne bürgerliche Grundrechte aufrecht erhalten werden konnte, hält Augstein nicht davon ab, an seiner linken Utopie festzuhalten.

    Rechtsradikale müssen sich die Taten eines Hitlers oder Mussolinis vorhalten lassen, Linksradikale schaffen es hingegen, sich vom realen Sozialismus erfolgreich abzugrenzen und ihre Utopie als etwas völlig Anderes als alle bisher verwirklichten sozialistischen Experimente zu verkaufen.

    Traditionell spielen sich die Anhänger des Linksstaates gerne als große Hüter des Rechtsstaates auf, zumindest solange ihre Utopie nicht in die Realität umgesetzt wird.

  5. Robert Ziehm Says:

    Ich halte es darüber hinaus noch für einen Faktor, dass der Mensch nunmal dazu tendiert seine früheren Jahre sehnsüchtig zu vermissen. Kindheit und Jugend sind nunmal schöner als das hohe Alter. Wer die besten Jahre seines Lebens mit der DDR (oder der HJ) assoziiert; der wird nun mal eine solche Ostalgie entwickeln (bzw. das dritte Reich verklären)

    Früher war alles besser, das wussten sogar schon die Römer. Und bei manchen Leuten war das bessere früher halt die DDR. Das Gefühl kommt ja auch nicht von irgendwo, für die meisten menschen trifft es sicherlich zu, dass ihr persönliches leben vor 20 oder 30 Jahren besser war, auch wenn es der Gesellschaft heutzutage sicherlich „Besser“ geht als damals.

    • arprin Says:

      Guter Punkt. Viel DDR-Nostagie dürfte eigentlich normale Nostalgie sein. Das ist ein Unterschied zu denen, die das politische System verharmlosen oder rechtfertigen.

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