Selbstbestimmung bis zum Ende

Eine Euthanasie-Maschine in Australien

Eine Euthanasie-Maschine in Australien

Jakob Augstein – muss man eigentlich mehr sagen? Okay, ein bisschen schon, damit man weiß, worum es geht. In seinem letzten Text spricht er sich für ein Verbot von Sterbehilfe aus. Seiner Ansicht nach ist Sterbehilfe eine Idee, die auf „Optimierung und Effizienz“ aus ist, und dies würde „dem Leben die Würde nehmen“. Außerdem meint er, Sterbehilfe sei eine Frage, über die die Gesellschaft zu entscheiden habe. Keinesfalls sollte ein Individuum alleine entscheiden dürfen, wann er sterben will. Aus seinem Text spricht die unverhohlene Verachtung der individuellen Entscheidungsfreiheit und die Anbetung des „natürlichen Lebens“. Hier einige Auszüge:

Das Leben ist nicht beherrschbar, der Tod sollte es auch nicht sein.

Ärzte und Konzerne helfen uns mit chirurgischen und kosmetischen Mitteln dabei, das Altern zu verlernen. Nun sollen wir uns von Schmerz und Leid abwenden.

Die Debatte über die Sterbehilfe zeigt: Es kann für die Gesellschaft falsch sein, was für den Einzelnen richtig sein mag.

Wir sollten nicht das Altern aufhalten, wir sollten uns nicht von Schmerzen abwenden, wir sollten unseren Tod nicht beherrschen – das alles ist Augsteins Meinung. Als positives Beispiel zieht Augstein den Tod von Johannes Paul II. heran. Er hat wochenlang gelitten und ließ allen Menschen an seiner Krankheit und seinen Verfall teilhaben, das habe dem Leben die Würde gegeben. Wenn er will, kann er danach leben. Aber das reicht ihm nicht. Er will diese Meinung allen aufzwingen. Wenn ich meinen Tod nicht beherrschen oder mich von Schmerzen abwenden will, soll es niemand tun, und wenn doch, sollen sie dafür strafrechtlich belangt werden.

Eine grauenhafte Vorstellung. Es ist schon absurd, Selbstmordversuche von gesunden Menschen unter Strafe zu stellen. Diese Probleme können nur durch persönliche Beratung gelöst werden (und mehr Menschen würden in Beratung gehen, wenn Selbstmord nicht unter Strafe stehen und gesellschaftlich tabuisiert wäre). Ein Verbot von Sterbehilfe bedeutet, dass auch jemand, der an Schmerzen leidet und psychisch am Ende ist, gegen seinen Willen gezwungen werden soll, am Leben zu bleiben. Und das nur, weil es andererseits „gegen die Natur“ wäre. Im Grunde handelt es sich hier um Folter: Man setzt jemandem physischen oder psychischen Schmerzen aus.

Der englische Sci-Fi-Autor Terry Pratchett, der selbst an Alzheimer erkrankt ist und sich wünscht, eines Tages selbst über sein Ende entscheiden zu dürfen, vergleicht dieses Szenario mit einem Menschen, der von einem Monster angegriffen wird, und anstatt seiner Bitte nachzugehen, sein Leid zu beenden, setzt man ihn gegen seinen Willen in ein Bett mit diesem Monster. Auch bei den Simpsons wird die Kritik an Sterbehilfe gekonnt parodiert. In einer Folge wünscht sich der Großvater Abe Simpsons, Sterbehilfe zu beantragen, daraufhin sagt Marge Simpson: „Gott will, dass wir natürlich sterben, im hohen Alter, nach Jahren voller Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit“.

Sowie man niemandem Leid aufzwingen sollte, sollte man auch nicht die Leidenden herabwürdigen. Sterbehilfe hat nichts mit Verachtung von Leidenden bzw. den Wunsch, sie zu „beseitigen“, zu tun. Jeder Fortschritt in der Medizin, der das Leid von schwerkranken Menschen lindert (und überhaupt jede Form von Leid, jede „Optimierung des Körpers“), ist zu begrüßen, und die meisten Patienten, die Sterbehilfe beantragen, tun dies gar nicht wegen körperlichen Schmerzen, sondern psychischen Leiden. Es geht einzig und allein um die individuelle Entscheidungsfreiheit. Dein Körper, dein Leben gehört dir. Und für jede Entscheidung muss man selbst die Verantwortung tragen.

Einer der oft genannten Argumente gegen Sterbehilfe ist, dass es ein „Dammbruch“ wäre und zur massenhaften Tötung von körperlich oder geistig kranken Menschen und schließlich allen „belastenden“ Menschen führen würde (der Blogger „lindwurm“ bezeichnete Sterbehilfe als „Abstieg in die Barbarei„). Doch in den Ländern, in denen Sterbehilfe legalisiert wurde, ist nichts dergleichen passiert. Sterbehilfe wird nur von einer kleinen Minderheit von erkrankten Patienten in Anspruch genommen, und man sollte mit Hilfe juristischer Instanzen erkennen können, ob sich jemand aus freiem Willen oder durch äußeren Druck dazu entscheidet.

In jedem Land der Welt ist es legal, als Patient Behandlungen abzulehnen, die lebensrettend sein können, sowie lebenserhaltende Maßnahmen für Patienten abzuschalten, die nicht für sich selbst entscheiden können. Was nicht legal sein soll, ist eine Behandlung zu starten und diese dann aus freier Entscheidung zu beenden. Sinn macht das natürlich nicht. Der Tod ist sicher nicht eine Entscheidung wie jede andere, doch jeder sollte sie selbst treffen. Sofern Patient und Arzt zustimmen, sollte jede Form von Sterbehilfe legal sein, ob nun die vom Arzt vorgenommene „aktive“, „passive“ und „indirekte“ oder die „Beihilfe zur Selbsttötung“, bei der der Patient mit Hilfe des Arztes seinen Tod herbeiführt.

11 Antworten to “Selbstbestimmung bis zum Ende”

  1. marco Says:

    Schöner Beitrag!
    Augsteins Artikel macht wieder einmal deutlich, dass er den Wert von Individuum und Individualismus letztlich weder schätzt noch kennt. Er reduziert unsere, also die ihm verhasste Gesellschaft komplett auf den angeblichen Zwang zur Optimierung/Ökonomisierung; wer es nicht mehr ohne Schmerzen hinbekommt, wird dazu gedrängt, sich mit fremder Hilfe das Licht auszuknipsen, scheint seine Folgerung zu sein.
    Wahrscheinlich ist es deshalb auch kein Zufall, dass er zu den größten Relativierern der westlichen Werte zählt.
    Nur übersieht er eben, dass die Möglichkeit der Sterbehilfe den Menschen gerade nicht in Richtung Tod drängt, sondern ihm zusätzlich eine Wahlmöglichkeit eröffnet, die er sonst nicht hätte.
    Letztlich gibt es keine individuellere Entscheidung als die, selbst zu bestimmen, ob und wie man aus seinem Leben austritt, gerade wenn ein Weiterleben schmerzhaft ist.
    Dass Augstein auch in den sensibelsten aller Lebensbereiche eingreifen und seine Sicht der Dinge via Verbot durchgesetzt wissen will, spricht Bände.

  2. Paul Says:

    Lieber arprin!
    Augsteins Artikel werde ich nicht lesen.
    Es kann sein, dass ich eine ähnliche Meinung habe wie er. Das interessiert mich nicht. Es beirrt mich auch nicht und kann mich nicht veranlassen meine Meinung zu ändern.

    Der oberste Grundsatz ist für mich, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat und zwar von der Empfängnis bis zum Tod.

    Deshalb bin ich gegen die Abtreibung und gegen die organisierte Selbsttötung.

    So wie es vorkommt, dass werdende Mütter durch gesellschaftlichen Druck „gezwungen“ werden Leben zu töten, wird auch bei der assistierten Selbsttötung ein gesellschaftlicher Druck auf den alten Menschen nicht ausgeschlossen werden können.
    Aus der Selbsttötung auf Verlangen wird dann schon mal die Selbsttötung durch gesellschaftlichen Druck.
    Der Hinweis auf andere Länder hilft überhaupt nicht. Er beweist auch nichts.
    So wie die Abtreibung durch gesellschaftlichen Druck sich jeder Erfassung entzieht, kann auch die Selbsttötung durch gesellschaftlichen Druck nicht erfasst werden.

    Im Fernsehen wurde ein seit 20 Jahren in der Palliativmedizin tätiger Arzt interviewt. Bei allen Sterbefällen, die er begleitet hat, es waren, wenn ich mich richtig erinnere, 5000, kam es zweimal vor, dass die Tötung auf Verlangen an ihn herangetragen wurde. In diesen beiden Fällen hat der Arzt eine für den Patienten befriedigende Lösung gefunden, die ihn nicht sein Arztzulassung gekostet hat.
    Daraus ergibt sich für mich die Frage: Ist es wirklich notwendig eine gesetzliche Regelung einzuführen?
    Eines hat der Arzt ganz deutlich gesagt. Vor Schmerzen und Atemnot muss niemand Angst haben. Beide Zustände lassen sich zufriedenstellend medikamentös beeinflussen.
    Das deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen im Familien- und Freundeskreis.

    Herzlich, Paul

    • arprin Says:

      Zu Augstein: Stimmt, man muss nicht eine Meinung verdammen, nur weil eine unliebsame Person sie hat. Manchmal stimme ich auch mit Personen überein, mit denen ich in 95% der Fälle nicht übereinstimme. Mir ging es nur darum, dass Augstein eben ein „Anti-Held“ ist, bei dem man sich fast immer sicher sein kann, dass man eine gegenteilige Meinung vertritt.

      Der Druck vom sozialen Umfeld einer Person ist sicher da. Aber er ist auch ohne Legalisierung da. Für viele Menschen, die psychisch am Ende sind oder schwere Schmerzen erleiden, ist es besser, wenn sie wissen, dass Sterbehilfe eine Möglichkeit ist. Sie können dann besser mit ihren Leiden klarkommen, selbst wenn sie sich nicht für den Freitod entscheiden.

      Dass nur wenige Menschen Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen, ist kein Grund, um nicht auch eine gesetzliche Regelung dafür zu haben. Die gibt es ja sowieso schon (§ 216 verbietet „Tötung auf Verlangen“, aktive Sterbehilfe wird dazu gezählt), und der Bundestag wird sich bald damit auseinandersetzen.

    • Martin Says:

      Lieber Paul,
      ihre Argumentation ist reine Glaubenssache. Damit ist sie m.E. für die Diskussion wertlos. Sie behaupten einen gesellschaftlichen Druck, der nach ihren Worten, weder erfaßt noch bewiesen werden kann, Gegenbeispiele in anderen Ländern gelten dann natürlich auch nicht. Diese Leugnung vorhandener Daten macht das Ganze dann zu einer reinen Glaubenssache.
      Damit ist Ihr Beitrag m.E. nicht diskussionswürdig.

      Weiter ist die Aussage des Arztes falsch, es gibt nicht sedierbare Schmerzen. Und es geht ja auch nicht nur um Schmerzen, sondern auch um aus anderen Gründen (wie kompletter Lähmung etc.) nicht mehr lebenswert empfundenem Leben.

  3. Krischan Says:

    Lieber Paul,

    Sie schreiben: „Der oberste Grundsatz ist für mich, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat und zwar von der Empfängnis bis zum Tod.“

    Richtig. Im Falle der Abtreibung stimme ich Ihnen da sogar mittlerweile teilweise zu, ich würde nicht die Empfängnis ansetzen, sondern ein paar Wochen später, aber sei es drum.

    Doch: Das Recht auf Leben, das ist dem jeweiligen Menschen eigen. Nicht der Gesellschaft. Und eine Pflicht auf Leben gibt es nicht. Mein Leben gehört mir, mir ganz allein. Deswegen darf es mir auch keiner sonst nehmen (daher bin ich gegen die Todesstrafe), nur ich selbst. Weil es eben mir gehört. Und ich bin auch die letzte Entscheidungsinstanz.

    Ergo: Wenn ich mir selbst das Leben nehmen möchte, wer hätte das Recht, mir dieses zu verbieten? Daher kommt doch die Diskussion! Schmerzen, Leid, Linderung – alles das ist sehr individuell. Wenn es die Möglichkeit gibt, mein Leben selbstbestimmt zu beenden, ohne andere in Mitleidenschaft zu ziehen, dann habe ich dieses Recht. Ohne Einschränkung, ohne Strafandrohung, ohne gesellschaftlichen Druck.

    Für alles andere gibt es Patientenverfügungen.

    Im übrigen, wie Sie auch schon schrieben: Jeder Palliativmediziner, jeder Onkologe kennt die Gratwanderung zwischen ausreichender und letaler Morphiumdosis. Praktisch ist hier eine Sterbehilfe nicht nachweisbar, wird trotzdem gemacht, und das im Sinne der Patienten.

    Freundlichst,
    Krischan

  4. Carl Eugen Says:

    @Krischan
    „Mein Leben gehört mir, mir ganz allein. Deswegen darf es mir auch keiner sonst nehmen …., nur ich selbst.“
    Aber es geht doch nicht um Suizid, sondern um Sterbehilfe, wenn ich das richtig verstehe. Und Dein Satz wäre mit dem Verbot der Sterbehilfe durchaus vereinbar.

    • Krischan Says:

      Lieber Carl Eugen,

      da bin ich wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen 🙂 Bei Sterbehilfe gibt es m.E. eine Grauzone – hilft mir jemand bei meinem Entschluss, zu sterben, liegt die Entscheidung noch bei mir, oder bin ich handlungs- und entscheidungsunfähig und jemand tötet mich aktiv oder passiv.
      Beim ersteren Fall sagt mein Moralgefühl: Das ist OK, warum nicht.
      Beim zweiten Fall sagt das gleiche Moralgefühl: Viel Gefahr für leichten Missbrauch, Regelungen sind vonnöten. Nur: Die gibt es schon, heißen Patientenverfügungen, sollte jeder haben. Da ist keine Regelung notwendig.

      Die Grauzone macht mir mehr Sorgen, alle diese Fälle, die nicht eindeutig A oder B sind. Im Zweifel plädiere ich hier auch für Selbstbestimmung, aber es ist nicht leicht, hier zu entscheiden, wo die Beeinflussung beginnt.

      Freundlichst,
      Krischan

  5. Arprins Irrtümer bei seiner Verteidigung der Sterbehilfe « L for Liberty Says:

    […] Jorge Arprin hält ein Plädoyer für die “Selbstbestimmung bis zum Ende“, womit er Sterbehilfe in all ihren Formen (aktive wie passive wie Beihilfe zum Suizid) […]

    • arprin Says:

      Danke für das Feedback. Bei dem ersten und zweiten Punkt stimme ich allem zu.

      Zum dritten Punkt: Ich finde es völlig falsch, Euthanasie bei Minderjährigen zu erlauben. Bei schwer Depressiven eher auch nicht, wobei ich mir hier nicht absolut sicher bin. Aber man kann diesen Fall nicht Minderjährigen vergleichen, denn Erwachsene sind in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen (bzw. ihre Schwere zu verstehen).

      Zum vierten Punkt: „Eine Behandlung (bspw. eine Chemotherapie gegen Krebs) kann von einem Erwachsenen jederzeit beendet werden.“
      Passive Sterbehilfe bedeutet ja, dass man eine lebenserhaltende Maßnahme abschaltet. Wenn das verboten ist, heißt das tatsächlich, dass man bestimmte Maßnahmen nicht abbrechen darf.

      Zum fünften Punkt: Bei Patienten, die nicht selbst in der Lage sind, sich z.B. eine Giftspritze zu verabreichen (kommt natürlich selten vor), während es einen Arzt gibt, der freiwillig dazu bereit ist, sollte aktive Sterbehilfe meiner Meinung nach schon erlaubt sein.

      • Carsten Says:

        Solange ein Mensch noch in der Lage ist seinen Willen zu bekunden wird er auch noch fast immer in der Lage sein, eine vorbereitete Maschine zu starten, die ihm das Leben nimmt. Wesentlich relevanter erscheint milde Frage, bis wann jemand ( Dement und voll mit Drogen) noch in der Lage ist, seine Zustimmung zu geben.

      • Carsten Says:

        Ergänzung:
        Natürlich gibt es auch den Fall, dass ein Patient vollkommen handlungsunfähig (komatös oÄ) ist und dies sich vorraussichtlich bis zu seinem Tod auch nicht mehr ändern wird. In diesem Fall gebe ich dann arprin Recht und sehe keinen Grund einer Patientenverfügung nicht Folge zu leisten.

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