Gewaltfreie Erziehung rettet Leben

Züchtigung von "unartigen Kindern" in früheren Zeiten

Züchtigung von „unartigen Kindern“ in früheren Zeiten

Vor einer Woche erschien in der österreichischen Zeitung „Die Presse“ ein Beitrag von Wolfgang Greber, in dem dieser Gewalt gegen Kinder rechtfertigte. Seiner Meinung nach erreicht man „mit guten Worten und etwas Gewalt stets mehr als nur mit guten Worten“. Verbote und Strafen wie „Kein Eis“ oder „Kein Fernsehen“ seien ja sowieso eine Form von Gewalt. Das Wichtige sei aber, die Strafen konsequent anzuwenden und sie nicht voreilig und unrealistisch zu verhängen. Als Ultima Ratio sei körperliche Gewalt angemessen: „Totale Gewaltfreiheit in der Erziehung ist ein infantil-romantischer, militant-pazifistischer Irrglaube wie die Idee der Gewaltfreiheit in der Welt, da ändert auch das gesetzliche Gewaltverbot nichts“.

In den Kommentaren hagelte es scharfe Kritik. Die Redaktion distanzierte sich von Grebers Artikel. Dieser Schritt sei eine „traurige Premiere“, die Kontrollmechanismen der Zeitung hätten versagt. Tatsächlich lässt sich kaum eine andere Erklärung finden für diesen Artikel. Die gewaltfreie Erziehung ist einer der, wenn nicht die wichtigste Errungenschaft, die eine Gesellschaft erreichen kann. Wenn Kinder Gewalt erfahren, kann sie das für den Rest ihres Lebens verstören. Später gehört Gewalt für sie zum Alltag – sie schlagen ihre Kinder, ihre Frauen, auch ihre Geschlechtsgenossen, und als Ergebnis haben wir eine durch und durch gewalttätige Gesellschaft.

In der Bibel heißt es: „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie„, und Martin Luther meinte sogar, ein toter Sohn sei besser als ein ungezogener. Dieses kranke Erziehungsmodell beherrschte Europa jahrhundertelang. Erst in jüngerer Zeit haben wir angefangen, Gewalt gegen Kinder in Frage zu stellen. Die heutige Generation ist die am friedlichsten erzogene der Geschichte. Dafür sollten wir dankbar sein, anstatt uns die alten Zeiten zurückzuwünschen. Das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder auf der Welt ist noch immer enorm. Im September dieses Jahres veröffentlichte UNICEF die weltweit größte Studie zu diesem Thema. Demnach sind mehr als die Hälfte aller Kinder von Gewalt betroffen, darunter viele auch von schwerer Gewalt.

Nur in 39 von 194 Ländern ist Gewalt gegen Kinder verboten (in Deutschland erst seit 2000). Vor allem in arabisch-islamischen und schwarzafrikanischen Ländern ist Gewalt gegen Kinder endemisch. In Ägypten z.B. sind 82% der Kinder von Gewalt betroffen, 42% von schwerer Gewalt. Ähnlich hohe Werte zeigen sich in Jemen, Palästina, Afghanistan, Nigeria oder der Demokratischen Republik Kongo. Nicht minder schwer verbreitet ist die psychische Gewalt. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass besonders die von blutigen Konflikten betroffenen Länder sehr hohe Raten von Gewalt an Kindern aufweisen. Von der Prügel des Vaters zur Prügel des Polizisten und der Folter des Soldaten ist es manchmal ein direkter Weg.

Hamed Abdel-Samad beschrieb in seiner Biografie „Mein Abschied vom Himmel“ eindrücklich, wie er während seiner Kindheit Gewalt erlebte. Die ägyptische Gesellschaft sei ein Kreislauf der Gewalt, am Ende würden die Kinder ihre Wut an hilflosen Tieren auslassen. Der Rechtsmediziner Michael Tsokos berichtet, wie ägyptische Gastärzte sich verwundert zeigen, wenn sie bei der Ausbildung hören, dass man in Deutschland seine Kinder nicht schlagen darf – immerhin seien es die eigenen Kinder, nicht die eines Nachbarn. Auch in anderen Ländern kommen Methoden der gewaltfreien Erziehung einem Kulturschock gleich. Die Waliserin Paula Zhou brachte die “Montessori-Pädagogik” nach China. Ihr chinesischer Schwiegervater fragte, wie das denn bitte gehen solle: Erziehung ohne Schläge?

Man kann es nicht deutlich genug sagen: Gewalt gegen Kinder ist immer falsch. Egal, wie sehr ein Kind reizt, Gewalt ist niemals die angemessene Lösung. Auch vermeintlich weniger schwere Formen von Gewalt wie Backpfeifen oder Ohrenziehen, oder Formen psychischer Gewalt wie Anschreien oder Beschimpfen (die für Kinder ebenso traumatisch sein können) sind zu verurteilen. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Natürlich müssen sie hin und wieder bestraft werden, um aus Fehlern zu lernen. Das bestreitet keiner. Dies gilt vor allem, wenn sie selbst Gewalt anwenden. Aber auch hier kommt man ohne Gewalt aus. Dazu muss man kein „militanter Pazifist“ sein, es reicht, Selbstbeherrschung und Vernunft zu besitzen.

Vor allem ist es falsch zu glauben, Kinder würden aus Gewalt lernen. Wenn Kinder von ihren Eltern geschlagen werden, bekommen sie vor ihnen keinen Respekt, wie viele Eltern oft behaupten, sondern Angst. Das Verhältnis zwischen dem Kind und seinen Eltern kann dadurch schwer gestört werden. Im schlimmsten Fall hat es Auswirkungen für alle Menschen, mit denen das Kind später zu tun hat. Wie Kinder in einer Gesellschaft erzogen werden, schlägt sich später auf die Art und Weise nieder, mit denen politische, religiöse oder soziale Konflikte geklärt werden. Mit brutaler Gewalt oder mit Worten? Man kann sich für die Zukunft nur wünschen: Mehr Montessori, weniger Luther.

7 Antworten to “Gewaltfreie Erziehung rettet Leben”

  1. Paul Says:

    „Wenn Kinder Gewalt erfahren, kann sie das für den Rest ihres Lebens verstören. Später gehört Gewalt für sie zum Alltag – sie schlagen ihre Kinder, ihre Frauen, auch ihre Geschlechtsgenossen, und als Ergebnis haben wir eine durch und durch gewalttätige Gesellschaft.“

    „Das Züchtigungsrecht der Eltern gegenüber ihren Kindern wurde

    in Österreich stufenweise zwischen 1975 und 1989 abgeschafft und
    in Deutschland im Jahr 2000 (durch eine Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB)) ersatzlos abgeschafft: “
    http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperstrafe

    Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, dass bei uns zunächst mal die Kinder sich nicht mehr schlagen.
    Österreich ist sicherlich schon weiter.
    Dort gehört sicherlich Gewalt nicht mehr zum Alltag der bis 30-jährigen. Die schlagen nicht mehr ihre Kinder, ihre Frauen (warum fehlen „ihre Männer“?) und haben als Ergebnis eine durch und durch gewaltlose Gesellschaft.

    Gerade im Sommer habe ich Kinder im Buddelkasten gesehen. Vielleicht 2 Jahre alt. Die keine elterliche Gewalt (die meinen Sie doch?) erfahren haben. Sie haben sich mit ihren Buddelschippen beharkt, dass es eine wahre Pracht war. Gutes zusprechen half nichts. Sie mussten mit Gewalt (schon wieder dieses hässliche Wort) getrennt werden.

    Kann es sein, lieber arprin, dass an Ihrer Theorie doch etwas nicht stimmt?

    Herzlich, Paul

    • arprin Says:

      Es kommt natürlich vor, dass Kinder untereinander Gewalt anwenden, selbst wenn sie gewaltfrei erzogen wurden.

      Aber man kann Kinder dafür bestrafen und dieses Verhalten abgewöhnen, ohne selbst Gewalt anzuwenden.

  2. aron2201sperber Says:

    Gewalt gegen Kinder ist immer noch ein wichtiges Thema, ich habe jedoch mit der Kinderrechtskonvention so meine Probleme.

    die wird dann wie die Menschenrechte von der ganzen Welt unterzeichnet, aber lediglich vom Westen eingehalten.

    die Kinderrechtskonvention wird auch jetzt schon dazu herangezogen, Dinge durchzusetzen, die nichts mit dem Kindeswohl zu tun haben, sondern oft sogar dem Kindeswohl schaden:

    https://aron2201sperber.wordpress.com/2014/11/22/die-kraft-die-stets-das-gute-will-2/

    • arprin Says:

      Das ist die Wahl zwischen zwei Übeln. Seine Kinder illegal aus Kriegsgebieten rauszubringen, kann aufgrund der Gefahren der Überfahrt dem Kindeswohl schaden, aber es schadet den Kindern auch, sie dort zu lassen.

  3. Krischan Says:

    Lieber Paul,

    danke für den Hinweis. Gewalt und „Gewalt“ sind schon zwei Paar Schuhe – das eine ist das körperliche Züchtigen von Kindern, der berühmte Gürtel, Schläge auf den Po, donnernde Ohrfeigen. Das andere ist „Gewalt“ – Fernsehentzug, Hausarrest, Aufräumenmüssen.
    Körperliche Gewalt von Eltern zum Kind halte ich für verwerflich und strafbar. Auch wenn es schwerfällt, sich zu beherrschen (und ich spreche aus Erfahrung, meine Goldtochter hat einen sehr starken Willen!). Erziehung durch Aufzeigen und konsequentes Durchsetzen von Konsequenzen ist geboten – auch das fällt schwer und ist nicht leicht. Hier wird das Kind aber nicht gedemütigt, wie es bei körperlicher Gewalt der Fall ist.

    Und, mit Verlaub, Sandkastenkinder kloppen sich – sind ja auch Kinder, keine erwachsenen, gereiften Wesen. Deswegen dürfen die auch noch nicht wählen oder Mobilfunkverträge abschließen. Das ist nunmal zutiefst „menschlich“. Das heisst aber nicht, dass wir Erwachsenen uns auch wie Kindergartenkinder aufführen dürfen – gerade weil wir Erwachsene sind bzw. sein sollten, haben wir kein Recht, unsere Kinder zu schlagen.

    Freundlichst,
    Krischan

    • Paul Says:

      Danke Krischan,
      für Deine Anmerkung.
      Deine Unterscheidung von Gewalt und „Gewalt“ ist wichtig.
      Gegen Gewalt bin ich. Habe bei meinen Kindern und Enkeln auch keine angewendet. Ist auch kontraproduktiv.
      Allerdings der kleine Klapps fällt bei mir unter „Gewalt“. Er ist die mildeste Form der Zurechtweisung. War mir in meiner Kindheit auch lieber, als die anderen Strafmaßnahmen.
      Er hat mir auch nicht geschadet. In meinem ganzen Leben bin ich in keine körperliche Auseinandersetzung geraten. Manchmal ist es schon schwer gefallen, wegen der im Menschen implementierten Gewaltbereitschaft. Das wollte ich mit den Buddelkastenkinderbeispiel in’s Gespräch bringen.

      Diese grundgelegte Gewaltbereitschaft muss man beherrschen lernen. Durch erlittene Gewalt wird das m.E. nicht behindert. Welchen Grund soll es geben, dass jemand eigene negative Erfahrungen weiter gibt? Ich jedenfalls vermeide Dinge anderen anzutun, von denen ich weiß, dass sie mir unangenehm sind.
      Es ist für mich logisch, aus den Fehlern zu lernen.

      Herzlich, Paul

      • arprin Says:

        Ich sage nicht, dass Gewalt notwendig weitergegeben muss. Es kann aber passieren, das zeigen viele Studien über die Folgen frühkindlicher Gewalt.

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