Entschädigung für die Kolonialzeit?

Wie viel schulden die Europäer den Indianern?

Im Jahr 1999 bezifferte eine ghanaische Organisation, die „African World Reparations and Repatriations Truth Commission“, die materiellen Schäden, die die Europäer und Amerikaner durch die Sklaverei und den Kolonialismus den Afrikanern verursacht haben, auf die Summe von 777 Billionen Dollar. Diese Summe sollte von den Schuldigen als Wiedergutmachung gezahlt werden. Diese Summe ist deutlich höher als das weltweite Bruttoinlandsprodukt, und zwar um das Zehnfache: Das weltweite BIP lag im Jahr 2014 bei 77 Billionen Dollar (1999 waren es noch etwa 30 Billionen), und dabei entfällt natürlich nicht alles auf Europa und Amerika, sondern „nur“ etwa 35 Billionen. Folglich müssten Europa und Amerika mehr als das Zwanzigfache ihres BIP als Reparationen zahlen.

Die kranke Zahl von 777 Billionen wird zwar sonst von niemandem genannt. Allerdings fordern Vertreter von afrikanischen Ländern, amerikanische Ureinwohner und europäische Ethnologen immer mal wieder Reparationszahlungen für die Verbrechen der europäischen Kolonialmächte. Sie berufen sich dabei z.B. auf Reparationszahlungen, die Deutschland an Juden und andere Zwangsarbeiter oder die USA an Indianer gezahlt haben (und immer noch zahlen). Im Jahr 2008 gab es eine Debatte im Bundestag, ob Deutschland Reparationen für den Völkermord an die Herero und Nama in Namibia von 1904 bis 1908 zahlen sollte. Gaddafi forderte im Jahr 2009 bei einer Rede in der UNO Reparationen von 7,77 Billionen Dollar für Afrika.

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Reparationen. Manchmal ist es völlig richtig, die Opfer zu entschädigen. So war es Gaddafi, der den Hinterbliebenen der 270 Opfer des von ihm geplanten Lockerbie-Attentats 1988 insgesamt 2,7 Milliarden Dollar als Wiedergutmachung zahlte. Und es wäre völlig in Ordnung, wenn man mit dem Vermögen der SED, sofern man es je findet, die Opfer der Verbrechen in der DDR entschädigen würde. Auch Amerika könnte für begangene Verbrechen (z.B. My Lai, Haditha, unschuldige Opfer von CIA-Folter) Reparationen zahlen. Aber es gibt viele gute Gründe, die meisten Forderungen nach Reparationen kritisch zu sehen.

1. Schuld kann nicht vererbt werden.

Eine Wiedergutmachungszahlung kann nur auf eine Weise gerechtfertigt sein: Wenn die direkt Verantwortlichen sie übernehmen und die tatsächlichen Opfer die Zahlung erhalten. Gaddafi war verantwortlich für Lockerbie, und er hat mit dem Vermögen des libyschen Staates die Hinterbliebenen der Opfer bezahlt. Hätte man die Sklaven entschädigen wollen, hätte man nach 1865 die Plantagen an die ehemaligen Sklaven übergeben müssen. Dies ist nicht geschehen, und die Plantagen sind heute verschwunden und ihr Wert in den letzten 15 Jahrzehnten auf Personen übergegangen, die mit der Sklaverei nichts zu tun hatten. Die Schuld der ehemaligen Sklavenhalter kann nicht vererbt werden, weder auf die direkten Nachfahren noch auf die, auf die ihr Vermögen übergegangen ist.

Es ist also nicht so, dass Forderungen nach Reparationszahlungen falsch sind, weil sie zu umständlich wären, da man dann aufgrund der vielen Verbrechen in der Geschichte zu viele Reparationen zahlen müsste. Wenn es möglich wäre, dass die Römer Wiedergutmachung für ihre Massaker an die Gallier und die Germanen zahlen, wäre diese Forderung legitim. Es ist jedoch so: Das Römische Reich ist verschwunden, und alles Eigentum, dass dieses Reich besaß, ist entweder mit verschwunden bzw. zerstört worden, oder ist auf Personen übergegangen, die mit den römischen Massakern nichts zu tun hatten. Reparationen wären hier nicht „zu umständlich“, sondern sind schlicht nicht möglich. Die Verantwortlichen sind nicht mehr am Leben, und ihre Nachfahren tragen keine Schuld mehr.

2. Die Probleme der Entwicklungsländer, der Urvölker und der Schwarzen in den USA werden nicht mehr von Europa und Amerika verursacht …

Die Armut in Afrika und die schlechte soziale Lage der Schwarzen, Indianer, Indios und Aborigenes sind Tatsachen. Dass die Europäer und Amerikaner in der Vergangenheit große Schuld am Elend dieser Völker hatten, ebenfalls. Aber heute sind die Sklaverei und alle diskriminierenden Gesetze gegen Schwarze abgeschafft, die Kolonien wurden alle in die Unabhängigkeit entlassen und die Ureinwohner werden nicht mehr von ihrem Land vertrieben und ermordet (und wenn doch, wie in Argentinien und Indonesien, sind die Europäer und Amerikaner nicht daran Schuld). In der Vergangenheit verfolgt worden zu sein ist keine ewige Ausrede für eigenes Scheitern.

Die Indianer in den USA und Kanada haben große Probleme mit Alkoholismus. Die Schwarzen haben mit Arbeitslosigkeit und hoher Kriminalität zu kämpfen. Wie könnten Ereignisse von vor mehr als 100 Jahren dafür verantwortlich sein? Natürlich sind sie auch nicht ganz allein dafür verantwortlich, in den USA verhindern z.B. viele staatliche Regulierungen den sozialen Aufstieg der Schwarzen (z.B. der Drogenkrieg, der Mindestlohn und das Schulsystem). Und für die Armut in Afrika hat der Westen mit seinen Agrarsubventionen auch eine Mitverantwortung. Doch es sind die korrupten, die eigene Bevölkerung unterdrückenden Regierungen, die für das immer noch herrschende Elend im schwarzen Kontinent die Hauptverantwortung tragen.

3. … und können durch Reparationszahlungen nicht gelöst werden.

In den letzten Jahrzehnten hat der Westen mehr als 2 Billion Dollar als Entwicklungshilfe an Afrika gezahlt. Eine ungeheure Summe, die jedoch weitgehend wirkungslos war. Wo es in Afrika aufwärts geht, liegt es an eigenem Engagement und nicht an westlicher Charity. Wenn eine Regierung Reparation an eine andere Regierung zahlt, gibt es keine Garantie, dass dieses Geld an die Opfer bzw. ihre Nachfahren geht. Afrikanische Regierungen sind nicht unbedingt für ihre große Transparenz bekannt. Das Geld, mit dem der amerikanische Staat den „Krieg gegen die Armut“ führt (etwa 15 Billionen in den letzten 50 Jahren), hat ebenfalls kaum etwas an der Lage der Schwarzen geändert. Wie sollte noch mehr Geld daran was ändern?

Es gibt zwei Formen von Reparationen, die auch nach mehr als 100 Jahren Gutes bewirken können: Erstens können gestohlene Gegenstände, wie z.B. Kunstschätze, Artefakte, die für die Nachfahren der Opfer eine große Bedeutung haben und sich in Staatsbesitz finden, wiedergegeben werden. Ein Beispiel dafür sind die Totenschädel von Herero und Nama, die Deutschland an Namibia zurückgegeben hat. Und zweitens: Entschuldigungen für Verbrechen der Vergangenheit sind angebracht, kosten nichts und können Versöhnung schaffen. So hat sich der australische Premierminister Rudd 2008 für die Verbrechen an den Aborigines entschuldigt. Es wäre kein Problem, wenn sich der deutsche Staat sich für den Völkermord an die Herero und Nama entschuldigt (was es bis jetzt verweigert).

Mit der Tatsache, dass die Verbrechen der Vergangenheit nicht wiedergutgemacht werden können, gehen die meisten verschieden um. Die einen hoffen auf himmlische Gerechtigkeit nach dem Tod. Die anderen auf Reparationen. Ich bin da realistischer. Menschen begehen die schlimmsten Verbrechen und kommen straffrei davon. Stalin, König Leopold II., Jack the Ripper. So ist es leider. Wenn wir zukünftige Verbrechen und damit einhergehende Reparationsforderungen verhindern wollen, sollten wir versuchen, eine freie Gesellschaft zu errichten, in der solche Verbrechen nicht stattfinden und jeder dieselben Chancen hat. Das wäre auf jeden Fall besser als auf universelle Gerechtigkeit durch Gott oder westliche Reparationszahlungen zu hoffen. Denn die wird nicht kommen.

4 Antworten to “Entschädigung für die Kolonialzeit?”

  1. Martin Says:

    Mir fehlt bei der ganzen Geschichte auch der Hinweis auf die Hauuptschuldigen an der ganzen Misere: Die Araber.

    Die kommerzielle Sklaverei in großem Maßstab wurde erst von muslimischen Arabern in Afrika eingeführt. Fand lange bevor Eruopäer und Amerikaner afrikanische Sklaven hielten statt und in größerem Maßstab. Natürlich auch mit signifikanter Mitwirkung vieler afrikanischer Stämme.
    Wobei man dann auch die Versklavung von Europäern durch Araber (und Türken) nicht, wie immer, außen vor lassen sollte.

    Nachzulesen u.a. in Tidiane N’Diaye’s „Der verschleierte Völkermord – Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika“.

    Besonders witzig ist es dann natürlich, wenn ausgerechnet ein Abkömmling von Arabern, wie Gadhafi (mal zitiert, der Mann stammte wohl von den „Guededfa (arabisch القذاذفـة, auch: al-Gaddadfa, Gaddafa oder Kadhafa)[1] sind ein libyscher Stamm von ursprünglich nomadisch lebenden Arabern“ Entschädigung für Sklaverei fordert.

  2. Martin Says:

    Noch vergessen: Wobei der spätere europäische und amerikanische Sklavenhandel auf der bereits von den Arabern geschaffenen Infrastruktur beruhten.
    Und sich die Afrikaner dann auch fragen lassen müssten, wieviel sie denn bereits wären, dafür zu zahlen, das die Europäer auch den arabischen, afrikanischen und türkischen Sklavenhandel mit Diplomatie, mit Gewaltandrohung und Gewaltanwendung abgeschafft haben? Ohne die gäb’s den nämlich wohl noch.

    • arprin Says:

      Und sich die Afrikaner dann auch fragen lassen müssten, wieviel sie denn bereits wären, dafür zu zahlen, das die Europäer auch den arabischen, afrikanischen und türkischen Sklavenhandel mit Diplomatie, mit Gewaltandrohung und Gewaltanwendung abgeschafft haben?

      Das war ja eine Wohltat. Für Wohltaten verlangt man verständlicherweise keine Entschädigungen, sondern nur für Unrecht.

      • Carl Eugen Says:

        Aber man könnte die Wohltat als die Entschädigung auffassen, und damit wäre die Sache dann erledigt.

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