Das Ende von Neurussland?

Der unangefochtene Herrscher im Kreml

Hat er den Zenit seiner Macht überschritten?

Die bisher geltende Doktrin benannte insbesondere Extremismus und Terrorismus als Gefahren für das Land, externe Bedrohungen spielten dagegen bisher keine große Rolle. Dies hat sich nun geändert, sie stehen nun an erster Stelle für Putin. Die größten externen Risiken seien der Ausbau der militärischen Fähigkeiten der Nato und die Destabilisierung in mehreren Regionen, berichtete die Nachrichtenagentur RIA mit Bezug auf die neue Doktrin.

(Spiegel)

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Kritiker des US-Imperialismus und des Westens mit völliger Selbstverständlichkeit den russischen Imperialismus schönreden. Da wird von „natürlichen Einflusszonen“ gesprochen, die Russland habe und die keiner verletzen dürfe, und mit Verständnis reagiert, wenn Russland als Reaktion aggressive Politik, von Sanktionen bis zur Annexion, betreibt. Gleichzeitig würden sie natürlich niemals solche Maßnahmen der Amerikaner gutheißen, wenn Kanada, Deutschland oder Japan sich vom westlichen Bündnis abwenden würden. Zurecht würde man hier auf die Souveränität der betroffenen Länder hinweisen. Die „Osterweiterung“ fällt jedoch plötzlich nicht unter der Souveränität der osteuropäischen Länder.

Dabei hätte Putin seinen Wunsch zur Errichtung von Neurussland auch mit anderen Mitteln durchsetzen können als Besatzung und Krieg, und zwar mit normalen Bündnissen. Doch er befürchtete wohl eine Abfuhr, deswegen wählte er den anderen Weg und berief sich auf Russlands „Einflusszone“ und später absurderweise auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Dabei ließ er in der Krim kein freies Referendum zu und führte in seinem Land für den „Aufruf zum Separatismus“ drakonische Strafen ein. Und es ist ihm auch egal, dass auch im Osten der Ukraine die Mehrheit gemäß Umfragen einen Beitritt zu Russland ablehnte. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker bedeutet ihm nichts, Putin ist einfach ein aggressiver, rechter Nationalist, der offenbar von einem neuen Reich träumt.

Doch Putins Erfolgszeit scheint mittlerweile dem Ende zuzugehen. Die Krim ist zwar fest in russischer Hand und in der Ostukraine können sich noch immer die „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk behaupten. Aber dies hat einen hohen Preis. Die russische Wirtschaft befindet sich in einer schweren Krise und könnte im nächsten Jahr in die Rezession abrutschen, die mit den schon lange bestehenden Problemen, dem sinkenden Ölpreis und den westlichen Sanktionen zu erklären sind. Der Traum von der „Eurasischen Union“ ist gefährdet: Weißrussland und Kasachstan nähern sich dem Westen an, eine riskante Entwicklung für Putin, immerhin sind diese beiden Länder die Hälfte der Mitgliedstaaten seiner Union.

Von niedriger Qualität ist auch die Propaganda, auch wenn sie von vielen im Westen geglaubt wurde und wird. Die neue ukrainische Regierung ist sicher nicht die humanste und toleranteste der Welt, und die westlichen Sanktionen gegen Russland sind falsch, aber von einer „Nazi-Junta“ und einer „faschistischen“, anti-russischen Verschwörung im Westen gegen Russland kann keine Rede sein. Bei der Frage, wer die Malaysian Airlines-Maschine MH17 abgeschossen hat, liegen zwar keine Beweise vor, doch die derzeitigen Indizien sprechen klar dafür, dass die Maschine von pro-russischen Separatisten abgeschossen wurde, und auch die Bellingcat-Analysen legen dies nahe.

Es sieht also so aus, als müsste Putin seinen Traum von einem neuen Reich erstmal eine Pause geben. Wenn man sich die Lage der russischen Wirtschaft ansieht, und was aus ehemals von Russland annektierten oder abhängigen Gebieten (wie z.B. Südossetien) geworden ist, wird einen Beitritt zu Russland oder der Eurasischen Union nunmal nicht unbedingt verlockend. Das könnte sich herumsprechen. Mit der Zeit werden wohl auch die Putin-Fans im Westen, die, warum auch immer – vielleicht sahen sie in Putin die letzte Alternative zu den (in der Tat kritikwürdigen) herrschenden Modellen im Westen – seine Politik verteidigt haben, einsehen: Sie haben das falsche Pferd geritten.

5 Antworten to “Das Ende von Neurussland?”

  1. Alexander Says:

    1. Putin hat gar keinen Wunsch zur Eingliederung Neurusslands, sondern wünscht sich eine föderale Ukraine.
    2. Gerüchte von „schwerer Krise“ in Russland sind Wunschvorstellungen der Sanktionäre. Das Zeiten schwerer ökonomischer Kriegsführung nicht unbedingt Zeiten von Wirtschaftsaufschwung sind, versteht sich von selbst.
    3. Die Einzigen, die heute noch auf Aufklärung von MH17 öffentlich bestehen, sind die Russen. Aus gutem Grund.
    4. Ich bezeichne als Faschisten Leute, die selbst offen Faschisten verehren (Bandera), den Tag der Gründung der bewaffneten faschistischen Armee zum Nationalfeiertag machen (Gründung der ukrainischen Aufstandsarmee) und den Gruß dieser Organisation verwenden (Slawa Ukraine – Slawa Heroyam). Und dies auch dann, wenn sie bei letzterem auf das damal dazugehörende Heben des rechten Armes zum römischen Gruß verzichten.
    Es geht also nicht um Verleumdung mit Faschismuskeule, sondern um Akzeptanz des offenen, demonstrativen Selbstbekenntnisses. Und danach ist die augenblickliche Regierung 100% faschistisch.

    • aron2201sperber Says:

      jeder Punkt falsch.

      1. Putin hat bereits die Krim eingegliedert und würde dies auch mit der restlichen Ost-Ukraine machen, wenn es keinen Widerstand seitens des Westens gäbe.

      2. selbst die russischen Staatsmedien sprechen von einer schweren Krise.

      3. Russland verbreitet in regelmäßigen Abständen Desinformation wie die Satellitenbilder oder jetzt einen anonymen Zeugen, den man im TV vorführt.

      4. wäre die Ukraine nicht gerade mit Russland im Konflikt, wären die ukrainischen Faschisten die typische Bewegung, die von Putin gefördert werden würde wie etwa die Jobbik in Ungarn oder die Rechtsradikalen in Bulgarien.

      • arprin Says:

        Danke fürs Antworten. 🙂

        Man sollte noch anmerken: Die ukrainischen Nazis, die jetzt Einfluss in der Regierung haben, stellen eben nicht, wie es die Bezeichnung „Nazi-Junta“ suggeriert, die alleinige Regierung dar. Und obwohl sie einige wichtige Posten bekommen haben, haben die rechtsradikalen Parteien Svoboda und der Rechte Sektor bei den Wahlen nichtmal die 5%-Hürde überwunden.

      • qwerty248 Says:

        Warum arbeitet der Westen mit einer Regierung mit Nazis auf wichtigen Posten zusammen? Vielleicht aus einem ähnlichen Grund wie bei Erdogan. Fallenlassen der Ukraine respektive der Türkei wäre einfach schmerzhafter, für einen selbst, aber auch für diejenigen die man damit vorgeben würde zu schützen.

      • besucher Says:

        Naja, einige Rechtsaußen sind auf der Liste der Vaterlandspartei von Jazenjuk angetreten und haben es geschafft. Oleh Ljaschko ist mit seiner Truppe auch drin. Also von einem rechten bis extremen Potential von um die 10-15% im derzeitigen Parlament würde ich schon ausgehen. Die russische Lügenpropaganda erzählt allerdings nur Märchen.

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