Besser Fahren

Wer soll die Straßen bauen, wenn nicht der Staat?

Sicherer und schneller – aber wie?

Normalerweise sollte jeder Eigentümer entscheiden, welche Regeln auf seinem Gebiet gelten. Wenn sich der Staat jedoch zum Eigentümer erklärt, wird aus den Regeln, die gelten sollen, eine gesellschaftliche Angelegenheit, über die in Parlamenten entschieden wird. Natürlich könnte der Staat auch in öffentlichen Plätzen bestimmen, dass die Leute vor Ort festlegen, welche Regeln gelten, aber das geschieht in den seltensten Fällen. Wenn über ein Burka-Verbot an Schulen diskutiert wird, kommt niemand auf die Idee, die Schulen selbst entscheiden zu lassen – entweder das Verbot gilt im ganzen Bundesland oder gar nicht. Somit ist auch die Regulierung von Straßen eine öffentliche Angelegenheit.

Immerhin hat das nicht nur Schlechtes zur Folge: Deutschland ist eines der wenigen Länder, die kein generelles Tempolimit auf Autobahnen haben. Das ist einer der bekannten Details über dieses Land, neben Bratwurst, Hitler und Fußball. Allerdings ist dennoch in keinem Land der Straßenverkehr so durchreguliert: Es gibt über 20 Millionen Schilder, das ist weltweit Spitze, und allein schon den Führerschein zu bekommen ist so schwer wie in kaum einem anderen Land. Nun werden Stimmen laut, noch mehr zu regulieren: Es soll ein Tempolimit auf den Autobahnen eingeführt werden, um damit mehr Sicherheit für die Fahrer zu schaffen und Tom Hanks einen Grund weniger zu geben, Deutschland zu besuchen.

Das Argument, ein Tempolimit würde zu mehr Sicherheit für die Fahrer führen, ist dabei empirisch widerlegbar. Länder mit Tempolimit haben nicht weniger Verkehrsopfer als Deutschland, das in der EU auf dem achten Platz liegt. Die Zahl der Verkehrsopfer ist auf Autobahnen sowieso niedriger als in anderen Straßen (und die Zahlen sind auf allen Straßen seit Jahren rückläufig). Die dumpfe Regulierungswut macht aber auf den Straßen keinen Halt, wie sich – trotz der Ausnahme auf den Autobahnen – im deutschen Schilderwald zeigt. Es geht aber auch anders, wie die Stadt Bohmte in Niedersachsen zeigt. Hier hat sich ein revolutionäres Konzept durchgesetzt: Shared Space. Alle Schilder sind weg, der Verkehr reguliert sich selbst.

Welche Erfahrungen hat die Stadt damit gemacht? Sehr positive. Zu allererst: Das Konzept von Shared Space stammt aus den Niederlanden und wurde von Hans Mondermann entwickelt. Mittlerweile wurde es in vielen europäischen Städten kopiert. Ziel ist es, den Straßenverkehr sicherer zu machen und den Verkehrsfluss zu verbessern. Dafür sollen Verkehrsschilder, Ampeln und Markierungen wie Zebrastreifen abgeschafft werden. Die Fahrer sollen dann, anstatt von den Schildern überflutet zu werden, tatsächlich auf den Verkehr achten. Die wachsende Unsicherheit macht das Fahren sicher. Wissenschaftler nennen das „Risikohomöostase“. Jeder wird wachsamer, die Folgen: Die Unfallzahlen sinken drastisch.

In der niederländischen Stadt Drachten wurde eine Shared Space-Zone eingeführt, und die Unfälle nahmen ab. In London wurden auf der viel befahrenen Kensington High Street 95% aller Schilder abmontiert, als Folge ging die Zahl der schweren Unfälle um 60% zurück. In Bohmte gilt der Shared Space auf der Hauptverkehrsstraße, die täglich von 12.000 Autos und Lastwagen befahren wird. Seit der Reform gab es keinen einzigen schweren Unfall. Ja gut, aber muss man dann nicht länger fahren, werden viele einwenden. Nein. Denn die Langsamkeit führt zu mehr Tempo. Der Verkehr staut sich nicht an Ampeln, er wird flüssiger. In Drachten brauchten die Fahrer 40% weniger Zeit, um eine Kreuzung zu passieren, nachdem die Ampeln durch Wasserfontänen ersetzt wurden.

Die Autohersteller planen in Zukunft, mit moderner Technologie die Straßen noch sicherer zu machen. Volvo plant für 2020 ein „unfallsicheres“ Auto, der gefährliche Objekte für den Fahrer im Voraus ausfindig machen soll. Die Zahl Verkehrstoten könnte um mehr als 1 Million pro Jahr sinken. Falls sie es nicht schaffen, arbeitet Google schon an fahrerlosen Autos, die Unfälle noch besser vermeiden könnten. Das heißt, falls die Regulierer es zu lassen, natürlich. In Deutschland haben moderne Technologien es in der Regel oft schwer. Man stelle sich mal vor: Wenn es irgendwann mal fliegende Autos gibt, könnte niemand mehr fragen: „Ohne Staat, wer würde dann die Straßen bauen?“ Das geht doch nicht!

Ein Tempolimit oder ein Schilderwald ist keine Einschränkung der Freiheit, wenn die Eigentümer der Straßen darüber entscheiden. Da dieser in Deutschland der Staat ist und voraussichtlich bleiben wird, wäre es begrüßenswert, wenn der Staat zumindest die bestmöglichen Regeln durchsetzt. Ein Tempolimit auf den Autobahnen ist unnötig, genauso wie die vielen Schilder. Die Verkehrsforscher sind sich sicher, dass viele Schilder unnötig sind und das Fahren unsicherer machen. Das freie Spiel der Kräfte funktioniert auch auf den Straßen. Und vergessen wir nicht: Tom Hanks ist nicht der einzige, der nach Deutschland kommt, um Autobahn zu fahren.

Eine Antwort to “Besser Fahren”

  1. Freifunke Says:

    Ich finde es wirklich faszienierend, wie gut vieles funktioniert, wenn der Staat einfach mal aufhört sich ständig einzumischen. Was den Straßenverkehr angeht, bin ich bisher einfach nie wirklich auf die Idee gekommen, die ganzen Ampeln und Schilder zu hinterfragen. Insofern danke, dass Du mal darauf hingewiesen hast!
    Der ganze Schilderwald kommt wohl daher, das es auf eine gewisse Weise entspannter ist, wenn das Vorfahrtsschild die Verantwortung übernimmt und man es nicht selber tun muss. Aber da man ja gerade nicht will, dass die Autofahrer sich entspannen, sondern das sie aufpassen, ist Shared Space wirklich vielversprechend.

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