Die Meinungsfreiheit lebt

Du weißt, dass deine Kunst andere Menschen erreicht hat, wenn du dafür umgebracht wirst. Die Zeichner der Charlie Hebdo-Karikaturen wäre diese Erfahrung sicher lieber erspart geblieben. Einige Karikaturen waren wirklich witzig:

Ich weiß, für viele Menschen ist dieser Terroranschlag jetzt sowas wie das „Ende der Meinungsfreiheit“. Niemand wird es mehr wagen, den Islam zu kritisieren oder Witze über ihn zu machen (für Islamisten besteht da ja kein Unterschied), wenn er dafür ermordet werden kann. Tatsächlich sehe ich diesen Punkt anders. Und zwar aufgrund der Reaktionen, die auf den Anschlag folgten. Vergleichen wir sie mal mit den Reaktionen auf die Mohamed-Karikaturen von Jyllands Posten im Jahr 2006. Damals wurden die Karikaturen fast genauso schlimm verdammt wie die Gewalt, die auf sie folgte. Jacques Chirac, Günter Grass und sogar Harald Schmidt verurteilten die Karikaturen und kaum eine Zeitung wagte es, sie zu zeigen.

Diesmal ist es anders. Keiner zeigt Verständnis für die Gewalt, fast keine öffentliche Person kritisierte die Karikaturen, keiner sagt, die Gewalt ist „eine fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat“ oder zog, wie Franz Kühn, Vergleiche zu Stürmer-Karikaturen, und vor allem: Viele europäische Zeitungen zeigten die Karikaturen. Es gab keine Selbstzensur. Natürlich gab es auch viele schlechte Reaktionen – gerade die „Jetzt müssen wir den Islam besonders in Schutz nehmen“-Fraktion – doch die einhellige Meinung in allen Kreisen war: Meinungsfreiheit ist wichtiger als der Schutz religiöser Gefühle. Diese Welle der Solidarität hätten sich die Herausgeber von Jyllands Posten vor 9 Jahren wohl auch gewünscht („Jeg er Jyllands!“ – „Ich bin Jyllands!“).

Die Meinungsfreiheit lebt. Charlie Hebdo will mit einer Auflage von 1 Million statt der üblichen 60.000 erscheinen, und viele haben ihre Unterstützung angekündigt. Wir wissen nicht, wie es in Zukunft weitergehen wird, aber die Reaktionen auf den Anschlag auf Charlie Hebdo geben mehr Anlass zur Hoffnung als die Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen. Vielleicht werden die Linken auch mal ihre Solidarität für die Meinungsfreiheit entdecken, wenn mal wieder eine Person, die nicht dem sozialdemokratischen Mainstream Konform geht, mit Gewalt von öffentlichen Debatten abgehalten wird oder Personenschutz beantragen muss. Je suis Sarrazin anyone?

Neben dieser Feststellung gibt es aber auch eine äußerst negative Nachricht: Die französischen Juden haben wohl eine schwere Zukunft vor sich, so wie auch die Juden in anderen europäischen Ländern. Der islamische Antisemitismus hat schon Tausende Juden zur Auswanderung nach Israel bewogen. Dieser Trend wird sich wohl nicht so schnell umkehren, wenn wir uns die Parolen ansehen, die in europäischen Großstädten von den islamischen Judenhassern bei Demonstrationen skandiert werden, ohne dass es einen Aufstand der Anständigen gibt oder die Polizei Herr der Lage bleibt. Wie es im alten Spruch von Mark Twain heißt: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

12 Antworten to “Die Meinungsfreiheit lebt”

  1. berndgast Says:

    Meinungsfreiheit Light – Nein Danke! http://goo.gl/Uf2p1Z
    „Die Freiheit der Rede gehört allumfänglich verteidigt,
    selbst, wenn‘s dazu führt, dass man auch mich mal beleidigt! …“

    Neues Gedicht zum hochaktuellen Thema!

  2. Eloman Says:

    Das Ordnungsamt der Stadt Leipzig hat den Veranstaltern der Legida-Demo das Zeigen von Mohammed-Karikaturen verboten. Soviel zur Meinungsfreiheit in Deutschland. Ich bin mir nur im Zweifel ob das Verbot nicht vom Verwaltungsgericht gekippt wird.

  3. qwerty248 Says:

    Jeg er Jyllands!

  4. shaze86 Says:

    Die Reaktionen sind deutlich besser. Auch wenn viele Zeitungen mit einen Aber-argumentieren haben oder gleich versucht haben Afd-Pegida die Schuld zu geben.

    Doch man sollte es nicht überbewerten. Der Terror wird weiter gehen. Der Islam bleibt unaufgeklärt. Die Islam-Gettobildung der Großstädte wird weiter gehen. Und Karikaturen über Mohammed wird es nur noch anonym geben.

    Ich habe da eher die Hoffnung auf eine Art Selbstheilung durch Leute wie „Raef Badawi“.

    • arprin Says:

      Ja, der Terror wird weitergehen. Das steht außer Frage. Dem Islam steht seine Aufklärung noch bevor.

      In Europa habe ich die Hoffnung, dass die Reaktionen auf den Anschlag zu einem Umdenken führen werden. Die Zukunft wird es zeigen.

      • Carl Eugen Says:

        Ich frage mich immer, woher dieser Optimismus stammt: „Dem Islam steht seine Aufklärung noch bevor“. Zaghafte Ansätze dazu sind bereits im 11. Jahrhundert gescheitert.

        Der Fehler, den viele begehen, ist m.E., daß sie voraussetzen, alle Religionen seinen im Prinzip gleich, und da könne der Islam einfach den gleichen Weg gehen, den das Christentum gegangen ist. Leider ist dies aber eben grundfalsch. Der Islam stellt einen Gegenentwurf zum Christentum dar, ist diesem diametral entgegengesetzt. Daher bringt das Christetum für Aufklärer auch völlig andere Voraussetzungen mit. Und während die europäische Aufklärung geistesgeschichtlich in vieler Hinsicht MIT dem Christetum stattfinden konnte, könnte eine Aufklärung im Orient nur GEGEN den Islam erfolgen. Das ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.

      • arprin Says:

        Der Fehler, den viele begehen, ist m.E., daß sie voraussetzen, alle Religionen seinen im Prinzip gleich, und da könne der Islam einfach den gleichen Weg gehen, den das Christentum gegangen ist. Leider ist dies aber eben grundfalsch. Der Islam stellt einen Gegenentwurf zum Christentum dar, ist diesem diametral entgegengesetzt.

        Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Aber selbst wenn, spielt der Inhalt der Religion kaum eine Rolle. Es geht ja darum, die Religion von der Politik zu trennen. Ob diese Trennung von Staat und Religion nun selbst mit dem Islam begründet wird oder nicht, ist egal. Ich würde auch nicht sagen, dass die europäische Aufklärung „mit dem Christentum“ erfolgt ist.

    • Freifunke Says:

      Man muss jetzt versuchen, die Balance zu halten. Auf der einen Seite darf man sich von solchen Taten nicht in die Arme von Pegide und Konsorten treiben lassen, aber man sollte trotzdem die absolut berchtigte Islamkritik weder aus Angst noch aus übertriebener political correctness fallen lassen. Momentan scheint das vergleichsweise gut zu funktionieren, aber ich befürchte, dass, wenn es so weiter geht mit der Gewalt, sich viele in eines dieser beiden Lager flüchten werden…

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