Zeit für mehr Saudi-Bashing

Abdullah, König von Saudi-Arabien, dem wichtigsten Verbündeten der USA im Nahen Osten

Verrecke in der Hölle, Abdullah!

Der Tod von König Abdullah hat Reaktionen hervorgerufen, die zeigen, wie normal es für Politiker ist, zu lügen, heucheln und alle seine Werte lächerlich zu machen. Von Deutschland über Ägypten bis zu Russland, alle äußerten ihr Beileid. Man könnte meinen, ein Philanthrop wäre gestorben. Jeder weiß, Abdullah war der Herrscher eines Königreiches, indem Menschen öffentlich geköpft, gesteinigt, ausgepeitscht und die Hände abgehackt werden. Die Strafen unterscheiden sich kaum von denen des IS in Irak und Syrien, nur dass sie derzeit wohl weniger häufig ausgeführt werden. Sich Sorgen über Salafisten oder Pegida zu machen und dann Abdullahs Tod zu betrauern zeigt, wie viel kognitive Dissonanz hinter offiziellen Verlautbarungen steht.

Ein Grund, warum man Saudi-Arabien weniger scharf angeht, ist sicher ihre im Vergleich zu einigen Nachbarn weniger destruktive Außenpolitik. Die offizielle Linie der saudischen Regierung ist eher der Status Quo oder Restauration, während Staaten wie der Iran und Organisationen wie die Hisbollah und Hamas eine neue Ordnung etablieren wollen. Vor allem aber: Die Saudis wollen mit dem Westen kooperieren. Der Westen würde auch mit den Mullahs im Iran kooperieren, wenn sie ihre feindliche Politik einstellen würden. Diese Punkte mögen zwar erklären, warum der Westen in Saudi-Arabien trotz dessen Ideologie keinen Feind sieht, aber es ist keine Rechtfertigung für einige Aspekte in den Beziehungen des Westens zu Saudi-Arabien.

Waffenlieferungen an Saudi-Arabien sind ein Skandal. Das Potential für deren Missbrauch ist sehr groß. Mit saudischen Panzern wurde der Aufstand in Bahrain 2011 niedergeschlagen. Bei einem möglichen Aufstand gegen die saudische Königsfamilie könnten Panzer benutzt werden, um ganze Wohnviertel in Schutt und Asche zu legen. Oder es kommen neue Herrscher an die Macht, die gerne die Waffen der Kuffar gebrauchen. Man stelle sich vor: Deutsche Panzer in den Händen des „Islamischen Staates“. Neben diesem Punkt kommt ein weiterer hinzu, der noch skandalöser ist: Von Saudi-Arabien aus wird die salafistische Ideologie, die Basis für den Dschihad, weltweit verbreitet, und der Westen nimmt es einfach hin.

In den letzten drei Jahrzehnten sind die finanzkräftigen Saudis dazu übergegangen, nicht nur im ganzen Nahen Osten und Schwarzafrika, sondern auch in Europa Moscheen zu finanzieren und von ihnen ausgebildete Imame zu schicken, die die salafistische Lehre verbreiten sollen. Sie stellen eine kleine Minderheit dar, die aber umso gefährlicher ist. Die britische Dokumentation „Undercover Mosque“ enthüllte auf schockierende Art, wie extremistische Prediger, oft von Saudi-Arabien unterstützt, ihren radikalen Islam verbreiten. Man kann schon sagen: Hinter fast jedem Terroranschlag dürfte ein von Saudi-Arabien finanzierter Imam stehen. Als ob das nicht genug wäre, dürften einige Mitglieder der saudischen Königsfamilie direkt in terroristische Aktivitäten verwickelt sein.

Besonders brisant: Im Untersuchungsbericht zu 9/11 waren 28 Seiten geschwärzt worden, die nach einer Klage von zwei Abgeordneten Ende 2013 eingesehen wurden. Die New York Post berichtete: In den geschwärzten Seiten zum Untersuchungsbericht heißt es, dass nicht nur reiche saudische Geschäftsleute den Terrorismus gegen den Westen unterstützt haben, sondern auch Mitglieder der Königsfamilie und des saudischen Geheimdienstes. So soll auch u.a. die saudische Botschaft in Washington und das Konsulat in Los Angeles direkt in die Anschläge vom 11. September verwickelt gewesen sein. Die Anschläge seien deshalb nicht nur ein Akt des Terrorismus, sondern ein „Akt des Krieges“, meinte die NY Post.

Aber das ist nicht alles, was an den Beziehungen zwischen dem Westen und Saudi-Arabien faul ist. Allzu oft beugt man sich gegenüber den Saudis, obwohl es nicht sein müsste. Als amerikanische Soldaten in Saudi-Arabien stationiert wurden, durften sie nicht Weihnachten feiern. Weiblichen Amerikanern wird das Kopftuch aufgezwungen. Jüdische Amerikaner werden gleich ganz ferngehalten. Es findet sich auch kaum Kritik an der Apartheid, der alle Frauen, Homosexuellen, Christen, Schiiten und Atheisten im Land ausgesetzt sind. All dies ist eine Schande. Der Westen sollte sein Auftreten gegenüber Saudi-Arabien gründlich ändern. Die wichtigsten Punkte wären:

– Keine Waffenlieferungen an Saudi-Arabien
– Strafverfolgung für alle Diplomaten, die den Terrorismus unterstützen
– Härtere Kontrolle über den Import der extremistischen Ideologie in den Westen
– Kein Dhimmi-Verhalten bei öffentlichen Auftritten
– Mehr Kritik an der saudischen Staatsdoktrin

Eines Tages wird auch der letzte Sohn des saudischen Staatsgründers gestorben sein, und das Land wird eine neue Führung bekommen. Bis dahin sollte sich der neue König Salman lieber was einfallen lassen, um kein Chaos zu hinterlassen. Immerhin hat es in den letzten Jahren durchaus wichtige Reformen gegeben, mit denen u.a. den Frauen mehr Rechte eingeräumt wurden. Im Land scheint es viele Menschen zu geben, die modern orientiert sind. Aber noch immer werden Menschen wie Raif Badawi öffentlich ausgepeitscht, weil sie frei Meinungen äußern, die den Herrschenden nicht gefallen. Solange das der Fall ist, ist jedes Kondolenzschreiben für einen toten saudischen König fehl am Platz.

9 Antworten to “Zeit für mehr Saudi-Bashing”

  1. bevanite Says:

    Zum Glück stimmten nicht alle in diese Lobhudelei ein. Hier ein Artikel aus dem Guardian: „King Abdullah, a feminist? Don’t make me laugh“

    http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jan/23/king-abdullah-feminist-christine-lagarde-saudi-arabia-women?CMP=fb_gu

    Ich bin auch immer wieder erstaunt, wie sich sogar selbsternannte Israelfreunde oder „liberale Falken“ die Unterstützung des saudischen Königshauses schönreden, obwohl die Situation dort noch schlimmer ist als im Iran (und das will was heißen).

  2. Carl Eugen Says:

    Wie hier ein solch langer Artikel geschrieben werden kann, ohne ein bestimmtes Wort mit zwei Buchstaben zu verwenden, ist mir schleierhaft.

    • arprin Says:

      Ich glaube nicht, dass das Öl allein erklärt, warum man Saudi-Arabien nicht kritischer beäugt. Die USA haben auch umfassende Handelsbeziehungen zu China, und trotzdem ist es z.B. verboten, Waffen an China zu verkaufen, und über die Menschenrechtssituation wird nicht komplett geschwiegen.

      Auch ein Daniel Pipes hält nichts von der „Öl-Erklärung“:
      http://de.danielpipes.org/1021/die-beziehungen-zwischen-den-usa-und-saudi
      „Öl ist wahrscheinlich die bevorzugte, üblichste Erklärung, aber sie ist nicht stichhaltig. Erst einmal hat die US-Regierung nie vor einem der wichtigen Öllieferanten gekatzbuckelt, wie sie das gegenüber Saudi Arabien tut. Zweitens: Als 1945 ein sterbender Franklin D. Roosevelt einen alternden König Ibn Saud traf, ging dem ein dauerhaftes Geschäft voraus, durch das Riyadh Öl und Gas an die Vereinigten Staaten und die Welt liefert und Washington für die Sicherheit Saudi Arabiens sorgt. Weil dieses Geschäft für die Saudis bedeutender ist als für die Amerikaner – Überleben gegen Energieversorgung -, kann Öl nicht erklären, warum die US-Seite ständig als Bittsteller aufgetreten ist.“

      • bevanite Says:

        Ich dachte eigentlich, Carl Eugen meint mit den zwei Buchstaben „IS“, aber die werden ja erwähnt. Wobei hier zu betonen ist, dass das saudische Regime ISIS ursprünglich förderte und es da sehr große ideologische Gemeinsamkeiten gibt.

      • Carl Eugen Says:

        „Allein“ habe ich nicht geschrieben, sondern nur gemeint, daß das liebe Öl bei einer Erklärungssuche nicht fehlen darf. Saudi-Arabien unterstützt die USA dabei, Putin in Schwierigkeiten zu bringen, indem es den Ölhahn aufdreht, um den Preis zu drücken (sehr auch zu meinem Gefallen als Ölheizungsbesitzer). Wer indes solche Verbündete hat, der sieht über das ein oder andere hinweg. Absurd nur, daß wahrscheinlich 100% der Amerikaner lieber in Rußland lebten als in Saubi-Arabien. Nur ficht so etwas Politiker natürlich nicht an. Man hat noch stets mit jedem paktiert, der einem gegen seine selbsterklärten Feinde hilft, auch wenn er diese Feinde an Widerwärtigkeit weit überragt.

  3. besucher Says:

    Das Problem ist dass gewisse Eliten im UK und in den USA ohne Not weit über partnerschaftliche oder gemeinsame Interessenpolitik hinaus mit den Saudis wahrlich „ins Bett gegangen sind“.
    Dieser ganze Scheiß fällt uns und auch der islamisch geprägten Welt seit Jahrzehnten auf die Füße.

    • arprin Says:

      So ist es wohl. Die rationalen Interessen des Westens machen eine Kooperation mit Saudi-Arabien unumgänglich, aber einige Aspekte dieser Kooperation gehen weit über einer strategischen Partnerschaft hinaus und schaden den eigenen Interessen.

  4. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin bei arprin: Zeit für mehr Saudi-Bashing […]

  5. besucher Says:

    Sollten wir Waffen an den islamischen Staat liefern? Laut CDU-Vertretern ja. Fragt sich nur an welchen:

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