Das wahre Interview

Die Flagge des kommunistischen Korea

Das tollste Land der Welt

Seit zwei Tagen ist es soweit: Am 5. Februar kam „The Interview“ in die deutschen Kinos. Das tollste Land der Welt wird im Kino verarscht. In Sachen Sony-Hack gehörte ich von Anfang an zu den Verschwörungstheoretikern, die die Drohung an Sony für einen Inside-Job hielten. Auch wenn es keine eindeutigen Beweise gibt, scheine ich Recht gehabt zu haben. Aber die False Flag-Operation hat letztlich niemanden geschadet, von daher ziehe ich meinen Hut und sage: Es war ein toller PR-Coup. Ich habe mir den Film schon angesehen und kann sagen: Der Film ist so, wie man ihn erwartet. Kein großes Oscar-Kino, aber viele Lacher, die bei den Freunden des Vulgär-Humors von James Franco und Seth Rogen für viele Schenkelklopfer sorgen werden.

Ohne viel spoilern zu wollen: Dem TV-Moderator Dave Skylark (gespielt von James Franco) gelingt es tatsächlich, Kim Jong-Un vor aller Welt bloßzustellen. Dabei hatte Kim zuerst alles unter Kontrolle und konnte sogar die Sympathie von Skylark gewinnen (u.a. mit einem Fake-Lebensmittelladen und der gemeinsamen Vorliebe für Katy Perry-Lieder), der sogar anfängt zu zweifeln, ob die ganzen Berichte über die Todeslager echt sind („Ich hab‘ keine gesehen, seitdem wir hier sind“). Die Geschichte ist natürlich unrealistisch. Diktatoren haben meist eine hohe Medienkompetenz, was sich bei ihren Auftritten zeigt: Vladimir Putin beim NDR, Mahmud Achmedinedschad beim ZDF oder Bashar al-Assad mit Jürgen Todenhöfer.

Das heißt jedoch nicht, dass Diktaturen mit Interviews nicht dennoch oft schwer auf die Nase gefallen sind. Ein legendäres Beispiel dafür war ein Interview, das von nordkoreanischen Reportern im Jahr 1990 geführt wurde. Dieses Interview hatte eine Vorgeschichte: Im Jahr 1989 fanden die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Pjöngjang statt, ein Jahr nachdem Seoul die Olympischen Spiele ausgetragen hatte. Damals versuchte der Norden noch mit dem Süden mitzuhalten. Eine mit Nordkorea sympathisierende südkoreanische Studentin, Lim Su-Kyung, wollte ein Zeichen für den Frieden setzen und reiste illegal nach Pjöngjang. Für das nordkoreanische Regime war dies ein spektakulärer Propagandaerfolg, den man ausschlachten wollte.

Nachdem die „Blume der Wiedervereinigung“ viele Interviews geführt und von Tausenden Nordkoreanern gefeiert worden war, beschloss sie, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Südkorea war erst 1988 demokratisch geworden (1980 gab es noch ein Massaker an Studenten mit 200 Toten) und es war aufgrund des 1948 erlassenen „Nationalen Sicherheitsgesetz“ weiterhin verboten, nach Nordkorea zu reisen oder Propaganda für das Land zu machen. Beides konnte zu hohen Haftstrafen führen (dieses Gesetz gilt leider noch immer). Bei ihrer Überquerung der Grenze, live vom nordkoreanischen Fernsehen übertragen, wurde sie sofort festgenommen. Später wurde sie vor Gericht gestellt und zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Das nordkoreanische Regime wollte Lim Su-Kyung als Märtyrerin stilisieren. Die meisten Nordkoreaner hatten absolut keinen Zugang zu ausländischen Medien, sogar das Radio war verboten. Sie wurden ausschließlich von der offiziellen Staatspropaganda informiert. Diese stellte Südkorea als kapitalistische Hölle dar, in der die Menschen die Schuhe der Amerikaner putzen mussten und in Slums hungerten – das war das vorherrschende Bild, das die Nordkoreaner vom Nachbarn hatten. Tatsächlich erlebte Südkorea damals eine Zeit des Wachstums, die das Land in den Kreis der wohlhabenden Industrieländer katapultierte. Trotzdem beschloss das nordkoreanische Regime, Reporter nach Seoul zu schicken, die die Familie von Lim Su-Kyung interviewen sollten.

Dieses Interview war für die meisten Nordkoreaner geradezu schockierend. Nicht nur, dass 1.) die Familie einer Dissidentin nicht mit ins Todeslager geschickt wurde, wie es in Nordkorea üblich ist, nein, 2.) der Vater der Dissidentin konnte sogar einer Arbeit nachgehen, und zwar bei der staatlichen Bahngesellschaft, und 3.) es war der Familie auch noch erlaubt, mit Reportern des Feindstaates zu reden, was in Nordkorea undenkbar wäre. All die Legenden über Südkorea brachen zusammen, dank eines Interviews. Das hatte Folgen: In den nächsten Jahren begannen die Flüchtlingszahlen zu steigen, und viele Nordkoreaner nannten das Schicksal von Lim Su-Kyung als Grund, warum sie ihre Meinung über Südkorea änderten.

Während Südkoreas Wohlstand nach 1989 weiter wuchs, erlebte Nordkorea in den 1990ern einen brutalen Zusammenbruch, einer Hungersnot fielen zwischen 600.000 – 2 Millionen Menschen zum Opfer. Lim Su-Kyung wurde frühzeitig freigelassen und später auch noch vom Präsidenten begnadigt. Sie zog sich lange zurück, ist aber heute politisch aktiv. Was man aus ihrer Geschichte lernen kann ist, dass Kontakt zwischen zwei „Feindvölkern“ ungemein wichtig ist. Auch wenn sie, wie im Fall der nordkoreanischen Reporter, für Propaganda geplant wurden, können sie wichtige Wahrheiten „filtern“ und so den Bürgern zugänglich machen. Und manchmal reicht tatsächlich ein Interview aus, um die Welt zu verändern.

Eine Antwort to “Das wahre Interview”

  1. qwerty248 Says:

    ‚Stand Your Cyberground‘ Law: A Novel Proposal for Digital Security http://www.theatlantic.com/technology/archive/2012/04/stand-your-cyberground-law-a-novel-proposal-for-digital-security/256532/

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