Die Mitte zwischen Verbot und Zwang

Der klassische Rassismus: Eingang für Weiße und Schwarze getrennt

Die Jim Crow-Ära: Eingang für Schwarze und Weiße getrennt

Es kommt selten vor, dass sich mehrere Prominente über ein politisches Thema äußern und dabei weitgehend einig sind. Der im US-Bundesstaat Indiana verabschiedete „Religious Freedom Restoration Act“ fiel bei Hollywood weitgehend durch. Alle sind empört, schimpfen auf die Politiker und drohen mit Boykotten. Was besagt das neue Gesetz? Es erlaubt Unternehmern, ihre Religionsfreiheit auszuleben und sie notfalls vor Gericht zu verteidigen. Nicht ausdrücklich genannt wird das Recht, homosexuelle Kunden nicht zu bedienen oder nicht einzustellen, doch das Gesetz wird offenbar so ausgelegt, dass solche Maßnahmen erlaubt werden, da „religiöse Gefühle“ bekanntlich oft bedeutet, Homosexuelle zu hassen.

Das Gesetz ist natürlich unnötig. Es ist ein Beispiel für Überregulierung: Fragen der persönlichen Moral werden zu Fragen der Politik gemacht. Warum sollte man es ausdrücklich erlauben, aus „religiösen Gefühlen“ heraus zu diskriminieren? Reicht es nicht, wenn jeder Ladenbesitzer von seinem Hausrecht Gebrauch macht? Die Formulierung „religiöse Gefühle“ ist außerdem so vage, dass es beliebigen Interpretationen Tür und Tor öffnet. Das ist jedoch nicht das Problem, dass viele mit RFRA haben. Den meisten stört die Möglichkeit, als Ladenbesitzer Homosexuelle zu diskriminieren. Sie wähnen sich in die „Jim Crow“-Ära zurückversetzt, als es Schwarzen verboten war, in dieselben Schulen zu gehen oder dieselben öffentlichen Transportmittel und Toiletten benutzen wie Weiße.

Der Vergleich hinkt jedoch gewaltig. Denn die Jim Crow-Ära war eben nicht dadurch geprägt, dass Unternehmer von ihrem Hausrecht Gebrauch machten und Schwarze diskriminierten, sondern dadurch, dass sie vom Staat gezwungen wurden, Schwarze zu diskriminieren. Ein Eisenbahnunternehmen hatte 1896 gegen ein Gesetz in Louisiana geklagt, wonach es verboten war, 1. Klasse-Tickets an Schwarze zu verkaufen. Das Oberste Gerichtshof entschied sich für den Bundesstaat und ebnete den Weg für die Rassentrennung. 60 Jahre später haben Rosa Parks und Martin Luther King nicht im Kongress gegen die Praktiken von Zivilpersonen protestiert, sie haben als Zivilpersonen gegen staatliche Gesetze protestiert.

Natürlich wurde die Rassentrennung auch von vielen Zivilpersonen begrüßt und auch privat praktiziert. Aber es stand nicht jede Zivilperson und nicht jedes Unternehmen hinter der Rassentrennung. Kein Wunder, denn Diskriminierung zahlt sich nicht aus. Es bedeutet, dass man eine größere Gruppe (in dem Fall die Schwarzen) nicht als Kunden akzeptiert. Deswegen ist es nicht überraschend, dass Unternehmen, wie 1896 in Louisiana, gegen die Rassentrennung klagten. In unseren Zeiten ist es nicht nur so, dass Diskriminierung sich finanziell nicht lohnt, es ist auch sehr schlecht fürs Image. Kaum ein Unternehmen kann den Shitstorm überleben, der unweigerlich folgen würde, wenn diskriminierende Praktiken bekannt würden.

Ein extremes Beispiel dafür ist eine Pizzeria in Indiana, die wahrscheinlich zu machen muss, weil sie, nachdem sie sagten, sie hätten Bedenken, für die Hochzeit eines schwulen Paars zu backen, massiv angefeindet wurde. Wie die Geschichte zeigt, gab es viele erfolgreiche Unternehmer, die rassistische Einstellungen hatten, ohne sich davon ihr Geschäft kaputtmachen zu lassen. Henry Ford war ein Antisemit, trotzdem verkaufte er Autos an Juden, und heute wird das von ihm gegründete Unternehmen von einem Juden (Mark Fields) geführt. Donald Sterling ist, wie öffentlich gemachte private Telefonate zeigen, ein Rassist, besaß aber dennoch ein Basketball-Team (LA Clippers), dass fast ausschließlich aus schwarzen Spielern bestand, die Millionengehälter kassierten.

Fassen wir zusammen:
– Es lohnt sich finanziell nicht, Kunden aufgrund ihrer äußerlichen Merkmale zu diskriminieren.
– Es lohnt sich nicht fürs Image, Kunden aufgrund ihrer äußerlichen Merkmale zu diskriminieren.
– Unternehmen, die Kunden aufgrund ihrer äußerlichen Merkmale diskriminieren, schießen sich ans eigene Bein.

Warum soll es dann ein Gesetz geben, dass es verbietet, als Unternehmer Kunden zu diskriminieren? Der Grund ist wohl der, dass viele Menschen zu glauben scheinen, man müsste jedes Verhalten, dass man ablehnt, allen verbieten und jedes Verhalten, dass man befürwortet, allen aufzwingen wollen. Es gibt jedoch auch eine Mitte zwischen Verbot und Zwang: Freiwilligkeit. Weder sollte der Staat die Bürger zu Diskriminierung zwingen, noch sollte er sie verbieten. Jeder Eigentümer sollte ganz einfach von seinem Hausrecht Gebrauch machen, ohne Gesetze die ihm dies erschweren oder ausdrücklich erlauben – der Staat sollte sich da komplett raushalten. Wenn ein Eigentümer Raucher, Schalke-Fans oder Grüne nicht bedienen will, ist das seine Sache.

Wenn Rassisten und Homophobe ihre Einstellungen über Bord werfen, um Gewinn zu machen, leidet niemand wirklich unter Rassismus und Homophobie und das Problem ist verschwunden (so war der Rassismus eines Donald Sterling für die schwarzen Basketballer ein Nicht-Problem). Wenn sie ihre Einstellungen nicht über Bord werfen, kann man sie mit anderen Mitteln bekämpfen (wobei ich ein rabiater Gegner von Shitstorms bin). Falsch ist es, Bäcker zu zwingen, Kuchen für eine Schwulen-Hochzeit zu backen oder, wie es in New Mexico geschah, Fotografen zu zwingen, Fotos eines verheirateten Paars zu schießen. Wie gesagt: Es war nicht der Staat, der die Rassentrennung bekämpft hat, das ist ein übler Geschichtsrevisionismus. Es war das, was man „Zivilgesellschaft“ nennt.

4 Antworten to “Die Mitte zwischen Verbot und Zwang”

  1. Carsten Says:

    Diskriminierung kann sich auch für Unternehmen lohnen. Nämlich dann wenn man sich von den Rassisten dann bessere Einnahmen versprechen kann. Außerdem kann die Furcht vor dem mob dazu führen, dass man besser diskriminiert. Es sind zwar beides Punkte die in der westlichen Welt heute hoffentlich so nicht mehr zutreffen, aber vor 50 Jahren als der civil rights Act Diskriminierung auch durch Private verbot, sah es im amerikanischen Süden anders aus.

  2. Carsten Says:

    60 Jahre später haben Rosa Parks und Martin Luther King nicht im Kongress gegen die Praktiken von Zivilpersonen protestiert, sie haben als Zivilpersonen gegen staatliche Gesetze protestiert.

    das Ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Parks hat gegen kein Rassegesetz verstoßen. Sie wurde festgenommen weil sie den Anweisungen des Busfahrers nicht folgen wollte. Auch King und die anderen Organisatoren stellten im anschließenden boykottiert keine Forderungen, die im Widerspruch zu Gesetzen oder Verordnungen standen.

    • arprin Says:

      Es gab sehr wohl viele Gesetze, die zur Diskriminierung zwangen und die von den schwarzen Bürgerrechtlern bekämpft wurden.

      • Carsten Says:

        Natürlich. Ich wollte nur sagen, dass sich der Kampf der Bürgerrechtler nicht nur gegen die staatlichen Gesetze richtete, sondern auch gegen die Praktiken privater Unternehmen. Die Frage ob Sie sich gegen das eine oder andere richteten ist eine falsche Dichotomie.

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