Netzneutralität – Für die Freiheit des Internets?

Google soll vergessen

Auch Google soll seine Dienste „neutralisieren“

Von Leuten, die im Internet geboren und aufgewachsen sind, hört man oft, ihnen würde die Freiheit besonders im Herzen liegen. Sie sind gegen Überwachung durch den Staat, gegen staatliche Zensurgesetze, selbst wenn diese mit „Kinderschutz“ begründet werden, und lehnen sich gegen strikte Urheberrechtsgesetze auf, mit denen die GEMA Youtube-Nutzer terrorisiert. Doch möglicherweise ist dieses Vorurteil falsch. Denn derzeit fordern viele Internet-Aktivisten staatliche Regulierungen, um die „Freiheit des Internets“ zu retten. Es geht um das Thema „Netzneutralität“. Diese Debatte schlug in den USA bereits hohe Wellen und schwappt auch nach Europa rüber.

Was bedeutet Netzneutralität überhaupt? Hier fängt das Problem schon an: Es gibt keine feste Definition, für was der Begriff „Netzneutralität“ überhaupt steht, von verschiedenen Seiten wird darunter anderes verstanden. Bei allen unterschiedlichen Definitionen gibt es einen Punkt, der immer wieder genannt wird: Alle Internet-Nutzer sollen einen „diskriminierungsfreien Zugang“ zu allen Internet-Inhalten, Diensten und Anwendungen haben. Diskriminierungsfrei bedeutet in dem Fall, dass jeder Datenverkehr bei der Übertragung gleich behandelt werden soll, egal ob es sich um WordPress-Blogs, den Online-Auftritt von Zeitungen, Youtube-Clips, Skype-Telefonaten, E-Mails oder Live-Streams handelt.

Würde es vollständige Netzneutralität geben, müssten tatsächlich alle Daten für alle Nutzer gleich behandelt werden. Doch auch die meisten Befürworter von Netzneutralität erkennen, dass dies zu schädlich für den Kunden wäre. Nicht, weil Innovationen abgebremst werden würden, wenn Anbieter jede Neuerung sofort für alle Kunden erschwinglich machen müssten, selbst wenn die Kunden sie sich in der Anfangszeit nicht leisten könnten (das fällt den Netzneutralität-Befürwortern nicht ein), sondern weil manche Datenpakete einfach anders behandelt werden müssen, um Datenstau zu verhindern. Deswegen gibt es weniger strikte Definitionen von Netzneutralität, die jedoch auch wenig Sinn ergeben.

Eine alternative Definition lautet, dass alle Dienste von den Anbietern gleichbehandelt werden sollen. Ein Anbieter müsste z.B. Filmportale und Musik-Portale gleich behandeln, eine „Diskriminierung“ von Inhalten wäre verboten. Und dann gibt es schließlich die Definition, wonach Anbieter zwar auch Inhalte diskriminieren dürfen, aber nicht innerhalb der Inhalte – das bedeutet, ein Anbieter dürfte Filmportale gegenüber Musik-Portalen favorisieren, aber er müsste dann alle Filmportale für seine Kunden gleich behandeln. Keiner dürfte z.B. ein schnelleres oder umfangreicheres Netflix haben, selbst wenn er bereit wäre, mehr dafür zu zahlen als andere Kunden.

Es ist schlicht unnötig, solche Regulierungen zu treffen. Kunden und Anbieter können selbst aushandeln, welche Dienste sie haben wollen und welche nicht, und wenn Kunden für mehr oder bessere Inhalte und Dienste mehr Geld ausgeben wollen, sollten sie das dürfen. Sind sie mit einem Angebot nicht zufrieden, können sie sich einen anderen Anbieter aussuchen. Fairerweise muss man sagen: Im Telekommunikationsmarkt herrschen in manchen Ländern teilweise noch immer monopolistische Strukturen, die die Wahlfreiheit für die Kunden einschränken. Das ist aber nicht die Folge des freien Marktes, sondern von zuviel Regulierung. Hier ist die Lösung, dem Staat das Monopol zu entreißen, anstatt es mit weiteren Regulierungen zu hüten.

Es ist für mich enttäuschend zu sehen, wie die ganzen Internet-Guerilleros, Snowden-Fans und Urheberrechtsbekämpfer plötzlich kein Problem mit staatlicher Regulierung haben, wenn es um Netzneutralität geht. Die Regierungen, die ihre Bürger überwachen zensieren, sollen auf einmal die „Freiheit des Internets“ retten. In der „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ hieß es 1996: „Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen.“ Tja, schön gesagt, liebe Internet-Aktivisten, aber es hat nur zwei Jahrzehnte gedauert, und ihr schreit nach sinnlosen staatlichen Regulierungen.

5 Antworten to “Netzneutralität – Für die Freiheit des Internets?”

  1. Martin Says:

    „Es ist schlicht nicht unnötig, solche Regulierungen zu treffen. “

    Da dürfte ein „nicht“ zuviel drin sein.

  2. Carsten Says:

    Die Argumente scheinen zum Teil recht wenig mit Netzneuitralität zu tun zu haben, sondern scheine eher Schreckgespenster zu sein.

    … Anbieter jede Neuerung sofort für alle Kunden erschwinglich machen müssten, selbst wenn die Kunden sie sich in der Anfangszeit nicht leisten könnten …

    Wie soll das aus der Netzneutralität folgen? Ein Google-Rechenzentrum hat sicherlich einen technologisch vollkommen anderen Anschluss ans Internet als ich zu Hause. Es fordert doch kein vernünftiger Vertreter der Netzneutralität, dass dies gleichgemacht werden soll.

    Keiner dürfte z.B. ein schnelleres oder umfangreicheres Netflix haben, selbst wenn er bereit wäre, mehr dafür zu zahlen als andere Kunden.

    Den Umfang des Netflix-Dienstes kann jeder Nutzer mit Netflix aushandeln (sofern Netfilx das anbietet), ein schnelleres Netflix erhält man einfach durch einen Internetanschluss mit höherer Bandbreite. Beides hat nichts mit Netzneutralität zu tun.

    • Martin Says:

      “ ein schnelleres Netflix erhält man einfach durch einen Internetanschluss mit höherer Bandbreite. Beides hat nichts mit Netzneutralität zu tun.“

      Bitte? Es geht um die Frage, wie die Pakete von netflix zu Dir geroutet werden. Dein Anschluß mit hoher Bandbreite hilft Dir da überhaupt nichts.

      • Carsten Says:

        Die Behauptung von arprin war das es wegen der Netzneutralität bei den Endkunden keine Möglichkeit mehr gibt eine höhere Geschwindigkeit für die Netflix-Übertragung zu erreichen. Das ist empirisch schlichtweg falsch.
        Der nächste Netflixserver steht wahrscheinlich noch im Netz desselben ISP. wenn dessen Kapazität nicht ausreichend ist um die vertraglichen Vereinbarungen mit denn Kunden zu erfüllen, ist das primär sein Problem. es ist dann die Frage, wie er die Diskriminierung der Kunden vornimmt. schnellere Anschlüssen wird wahrscheinlich immer noch eine höhere Datenrate zugeteilt als Kunden mit kleinerer Datenrate. Man hat also immer noch ein schnellere Netflixserver als der Nachbar. das ist zwar streng genommen eine Diskriminierung bezüglich des Empfängers im Netz des ISP, aber ein Strohmanns-Argument, denn kein vernünftiger Netzneutralitätsbefürworter fordert dessen Verbot.

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