Shop around the clock!

Die Junge Union wirbt 1995 für die Aufhebung der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten (Bild: Archiv für Christlich-Demokratische Politik)

Die Junge Union wirbt 1995 für die Aufhebung des Ladenschlussgesetzes (Bild: Archiv für Christlich-Demokratische Politik)

Heute ist der 1. Mai. Wir wissen, was das bedeutet: Es ist Feiertag. Niemand darf einkaufen, arbeiten oder Handel treiben, der Tag steht still. Nur wenige Ausnahmen werden gemacht, weil sie dem „öffentlichen Interesse“ dienen, da ja niemand selbst entscheidet, wann er einen Herzinfarkt bekommt, sein Haus brennt oder auf der Straße ausgeraubt wird. Neben allen Sonntagen und all den Feiertagen, die per Gesetz vorgeschrieben sind, gibt es auch an gewöhnlichen Werktagen Zeiten, in denen es aufgrund der im Ladenschlussgesetz vorgeschriebenen Ladenöffnungszeiten für Verkaufsstellen für viele verboten ist, zu arbeiten, auch wenn auch hier Ausnahmen gemacht werden.

Für die meisten Menschen sind gesetzliche Feiertage und Ladenöffnungszeiten selbstverständlich. Sie sehen in ihnen eine zivilisatorische Errungenschaft, die von den Arbeitern in der dunklen Zeit des Frühkapitalismus blutig erkämpft werden musste. Eine Umfrage vom Dezember 2014 zeigte, dass nur 27,7% der Deutschen einer kompletten Aufhebung der Verkaufsverbote an Sonntagen zustimmen würde. Was würde passieren, wenn es keine gesetzlichen Feiertage und Ladenöffnungszeiten gäbe? Dann würden wir in einer Konzern-Diktatur leben. Alle Unternehmen könnten ihre Arbeiter zwingen, an allen Tagen 20 Stunden zu arbeiten. Wir hätten keine Freizeit, keine Freiheit, wir wären alle Sklaven der Konzerne.

Oder auch nicht. Was haben Irland, Schweden, Tschechien und Serbien miteinander gemeinsam? In all diesen Ländern gibt es keine Ladenschlussgesetze. Jeder kann an allen Tagen zu allen Stunden arbeiten, auch an Sonn- und Feiertagen. Dennoch ist keine Konzern-Diktatur ausgebrochen. Wie ist das möglich? Wahrscheinlich sind die Ängste schlicht unbegründet. Unternehmen können sich eben nicht alles erlauben. Sie müssen sich um die Arbeiter bemühen: Wenn andere Unternehmen bessere Bedingungen anbieten, sei es bezüglich des Lohns, der Arbeitszeiten oder der Urlaubstage, sind sie für die Arbeiter attraktiver und sie wandern ab. Außerdem haben die Arbeiter ja auch selbst Druckmittel, um ihre Interessen durchzusetzen.

Sicher bedeutet das nicht, dass alle Arbeiter völlig glücklich sind und unter perfekten Bedingungen arbeiten. Aber es heißt, dass die Interessenkonflikte zwischen Unternehmern und Arbeitern sehr wohl auch ohne den Staat geklärt werden können. Unternehmen, die ihren Arbeitern eine 140-Stunden-Woche anbieten, würden keine Arbeiter bekommen, und Gewerkschaften, die für eine 10-Stunden-Woche kämpfen, würde niemand ernst nehmen, also trifft man sich in der Mitte – und das funktioniert ganz gut. Es gibt keinen Anlass zu glauben, nur vom Staat vorgeschriebene Feiertage und Ladenöffnungszeiten würden die Arbeiter vor einer Konzern-Diktatur schützen. Dagegen gibt es viele Gründe, die dafür sprechen, das Ladenschlussgesetz abzuschaffen.

Nehmen wir an, Peter hat vergessen, am Samstag Brötchen einkaufen zu gehen. Deswegen geht er zu Edeka und will sich sein Frühstück abholen. Dann merkt er: Stimmt ja! Ist Sonntag. Pech gehabt, heute kein Frühstück. Wenn aber ein Laden an dem Tag aufhaben möchte, warum sollte es das nicht dürfen und den armen Peter bedienen? Es ist ja nicht so, dass alle Läden aufmachen müssen. Die Unternehmer werden selbst einschätzen, wann es sich lohnt und wann nicht. Sonntags um 3:00 Uhr werden sicher weniger Läden geöffnet sein als mittwochs um 15:00. Auch werden die Arbeiter nicht jeden Tag arbeiten müssen. Ärzte, Feuerwehrmänner und Polizisten arbeiten ja auch nicht sieben Tage die Woche.

Ein schlimmes Relikt ist auch das religiös begründete Tanzverbot am Karfreitag. Man stelle sich vor: Nicht im Iran, nicht in Saudi-Arabien, nein, in Deutschland ist es verboten, am Karfreitag zu tanzen – weil es religiöse Gefühle verletzen könnte! Erstens denke ich nicht, dass wirklich religiöse Gefühle verletzt werden. Der Tod von Jesus ist, falls er überhaupt existiert hat, 2000 Jahre her, und kein heute lebender Mensch hat ihn persönlich gekannt. Sie hatten genug Zeit, um darüber hinwegzukommen (das sehen wohl auch christliche Hochburgen wie Spanien, Portugal, Italien und Texas so, die keine Tanzverbote erlassen haben). Und zweitens gibt es natürlich kein Recht, seine Trauer allen anderen aufzwingen. Auch am Holocaust-Gedenktag gibt es keine Vergnügungsverbote.

Ja, ich weiß, es gibt wichtigere Probleme als das Ladenschlussgesetz oder das Tanzverbot am Karfreitag. Aber dennoch sind es Probleme, und es gibt keinen Grund, sich auch mit kleineren Problemen auseinanderzusetzen. Kleine Fortschritte sind auch wichtig. Seit 2003 ist es den Bundesländern selbst überlassen, ob sie an Werktagen Ladenöffnungszeiten für Verkaufsstellen haben oder nicht, acht Bundesländer haben ihre Regelungen aufgehoben. Hoffentlich setzt sich dieser Trend fort, und weitet sich eines Tages auf die Sonn- und Feiertage aus. Man stelle sich vor: Jeden Sonntag verkaufsoffener Sonntag! Ich würde mich freuen. Auch wenn es „nur“ eine Kleinigkeit wäre.

2 Antworten to “Shop around the clock!”

  1. Eloman Says:

    Außerdem sind die Maximalarbeitszeiten für Tag, Woche und Monat im Arbeitszeitgesetz genau geregelt, d.h. kein Mitarbeiter müsste länger arbeiten, nur halt eben an anderen Tagen wie eine Menge anderer Leute auch (z. B. alles was der Unterhaltung dient, öffentlicher Nahverkehr, Pflege und die ober erwähnten Beispiele Poizei, Feuerwehr usw.)

    • arprin Says:

      Genau. Die Arbeitszeiten würden sich kaum ändern, notfalls würde man das durch das Gesetz verbieten. Es gibt wirklich keinen Grund, 52 verkaufsoffene Sonntage und einen verkaufsoffenen 1. Mai zu fürchten.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: