Dank der Globalen Erwärmung: Grönland erwacht

Die Flagge Grönlands

Die Flagge Grönlands

In Al Gores Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ gibt es eine Stelle, die mir Hoffnung für die Zukunft machte: Gore warnte uns davor, dass das grönländische Eisschild, der eine Ausdehnung von 1,8 Millionen Quadratkilometern hat, durch die Globale Erwärmung schmelzen könnte, was dazu führen würde, dass der Golfstrom versiegt und in Nordamerika und Europa die Eiszeit ausbricht. Für mich war diese Vorstellung faszinierend – also nicht eine drohende Eiszeit in Nordamerika und Europa, dieses Problem interessierte mich nicht, da ich mir sicher war, man würde dafür eine Lösung finden – sondern ein eisfreies Grönland. Aber später entpuppte sich diese Hoffnung als Luftschloss: Gore hatte maßlos übertrieben, Grönlands Eis ist wohl leider vorerst in Sicherheit.

Neuere Untersuchungen aus den letzten Jahren zeigen jedoch: Auch wenn Grönlands Eis nicht völlig abschmelzen wird – ein großer Teil könnte tatsächlich schmelzen. Eine sehr gute Nachricht für Grönland. Denn auf der zu Dänemark gehörenden Insel ist derzeit sehr wenig los, um es höflich auszudrücken. Bei einer Fläche von 2,1 Millionen Quadratkilometern hat sie gerademal 56.000 Einwohner, also 0,027 Einwohner pro km². Das ist mit großem Abstand die niedrigste Bevölkerungsdichte der Welt. Die größte Stadt, Nuuk, zugleich Hauptstadt, hat 17.000 Einwohner. Die meisten Einwohner sind Nachfahren von Inuit, sie leben von der Jagd, Fischerei und Tourismus. Das Land ist so klein, dass es keine Straßen zwischen den Dörfern gibt. Außer Eis gibt es in Grönland nicht viel zu sehen.

Die Liste der Probleme dagegen ist groß. Grönland hat die höchste Selbstmordrate der Welt, mit 103 per 100.000 Einwohner (auf Platz 2 folgt Litauen mit 31 per 100.000). Neben der Tatsache, dass sie über 100 verschiedene Wörter für Schnee haben, ist ihr „Selbstmordkult“ einer der bekanntesten Klischees über Inuit. Auch Alkoholismus, sexueller Missbrauch und mangelnde Bildung werden immer wieder benannt. Gute Nachrichten sind selten. Ja, es gibt nichtmal eine grönländische Fußballnationalmannschaft in der FIFA. Was könnte das schmelzende Eis daran ändern? Nun, unter dem Eis befinden sich Rohstoffe. Ein Haufen Rohstoffe. Ihre Ausbeutung könnte der Insel ein explosives Wirtschaftswachstum verleihen – und nicht zuletzt in die Unabhängigkeit führen.

Die Dänen hatten die Insel ab 1721 kolonisiert. Seit 1953 hat Grönland nicht mehr den Status einer Kolonie, 1979 bekam man weitgehende Autonomie geschenkt. Die meisten Grönländer schienen nicht unbedingt von Unabhängigkeit zu träumen, immerhin müssten sie sich diese dann auch leisten. Derzeit bekommt Grönland jedes Jahr mehr als 400 Millionen Euro Subventionen von Dänemark, um sich über Wasser zu halten. Seitdem das Eis immer weiter auftaut, werden die Stimmen, die sich für eine größere Selbstbestimmung einsetzen, immer größer. Unter dem Eis der Insel befinden sich Öl und viele Seltene Erden, die für die High-Tech-Industrie wichtig sind, unter den Gewässern lagern Erdgas und Erdöl.

Ein Referendum im November 2008 ergab große Zustimmung (75%) für die fast vollständige Unabhängigkeit von Dänemark. Alle Belange des Landes werden nun vom grönländischen Parlament bestimmt, Grönländisch wurde zur offiziellen Amtssprache, die dänische Regierung hat nur noch die Hoheit für Außenpolitik und Verteidigung und stellt den Staatsoberhaupt, Königin Margrethe. Dänemark hat versprochen, dem Land die Unabhängigkeit zu gewähren, wenn sie es schaffen, gänzlich ohne Subventionen auskommen. Dieser Zeitpunkt scheint weit weg zu sein, aber wenn der Rohstoffabbau vorangetrieben wird, könnte er schneller kommen als gedacht. Die Grönländer sehen ihrer Zukunft aber auch etwas skeptisch gegenüber.

Die traditionelle Lebensart der Inuit mit Jagd und Fischfang wird durch den Rohstoffboom bedroht. Als das Parlament im Oktober 2013 für die Aufhebung des Verbots stimmte, Bodenschätze zu gewinnen, gab es viele kritische Stimmen. Die Grönländer fürchten nicht nur Umweltverschmutzung und Abhängigkeit von ausländischen Regierungen und Konzernen, sondern vor allem, zu einer Minderheit im eigenen Land zu werden. Denn für den Abbau wird eine ganze Menge an Gastarbeiter ins Land geholt werden müssen. Man schätzt, dass mindestens 300.000 Menschen notwendig sind, um die Bodenschätze gewinnbringend abzubauen – sechsmal soviel, wie es Grönländer gibt. Ein Politiker schlug deshalb vor, chinesische Gastarbeiter in Lagern vom Rest der Bevölkerung zu trennen.

So ein Apartheid-System sollte unbedingt vermieden werden. Wenn man die niedrige Bevölkerungsanzahl Grönlands mit den riesigen Rohstoffen des Landes kombiniert, ist es zwar kaum zu verhindern, dass die Grönländer tatsächlich zu einer Minderheit im eigenen Land werden. Menschen werden immer von den Gegenden angezogen werden, wo es die besten Lebensbedingungen gibt. Aber die massive Einwanderung ins Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert oder die Einwanderung nach Hongkong während der britischen Herrschaft hat diesen Gegenden nicht geschadet. Man mag einwenden, dass diese Einwanderer damals aus einem aufgeklärten oder aus demselben Kulturkreis stammten wie die Einheimischen, die sie „verdrängten“. Doch das wird bei Grönland wohl ähnlich sein.

Man stelle sich vor: Grönland baut gigantische Mengen an für die ganze Welt wichtigen Rohstoffen ab, erlangt seine Unabhängigkeit, die Bevölkerungszahl steigt auf 500.000 Einwohner. Neue Städte mit Einkaufszentren, Restaurants, Kinos und all dem anderen, was die moderne Zivilisation hervorbringt, prägen die Insel, statt ewigem Eis. Und wenn Gibraltar eine Fußballnationalmannschaft hat, kann auch Grönland eine haben. Eine schöne Vorstellung. Es wäre auch cool, wenn man einen Weg finden könnte, die Insel künstlich aufzutauen, denn wie Al Gores falsche Katastrophenszenarien uns bewiesen haben: Man kann sich nicht immer auf die Globale Erwärmung verlassen. Und niemand braucht einen 1,8 Millionen Quadratkilometer großen Eisschild.

3 Antworten to “Dank der Globalen Erwärmung: Grönland erwacht”

  1. bevanite Says:

    Im Prinzip ist es vorerst nur ein Gedankenspiel. In einem solchen Szenario würde es vermutlich neue Verhandlungen über den Autonomie-Status geben: Die dänische Zentralregierung hätte Interesse, die Leine wieder etwas fester zu zurren, während die Grönländer lieber ihr eigenes Ding drehen würden. Und auch letztere wären untereinander uneins (den Punkt mit der Umwelt hast Du ja erwähnt).

    Allerdings würde es m. E. selbst bei einem riesigen Rohstoff-Boom nicht zu einer riesigen Einwanderungswelle kommen, denn dafür wären die klimatischen Bedingungen und die Polarnacht weiterhin zu unattraktiv. Auch Island ist kein Einwanderungsmagnet, trotz liberaler Gesellschaft und kultureller Szene. Es würde bei einem grönländischen „oil rush“ allenfalls zu einer hohen Zahl an Gastarbeitern kommen, die für ein Jahr dort bleiben – eine Art Dubai des Nordens.

    • arprin Says:

      Die dänische Regierung hat bereits die Unabhängigkeit versprochen, falls sich Grönland selbst, ohne Subventionen vom „Mutterland“, versorgen kann.

      Ich denke, viele Gastarbeiter würden bleiben, dadurch würde sich die Bevölkerungszahl deutlich steigern. Die wirtschaftliche Situation ist den meisten wichtiger als das Wetter.

  2. Yadgar Says:

    Es gibt in Grönland durchaus auch jetzt schon erheblich mehr zu sehen als bloß Inlandeis – an der Westküste (und sogar im Norden!) sind die eisfreien Regionen teilweise 150 km breit, dort gibt es eine vergleichsweise artenreiche Fauna (Robben, Seevögel, Eisbären, Polarfüchse, Moschusochsen), ein im Sommer farbenfrohe Tundravegetation, Seen, Flüsse, Wasserfälle… das hat alles auch ohne hindurch führende Autobahnen seinen Reiz!

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