Gibt es echte Schotten?

Die Kaaba- Das größte Heiligtum der islamischen Welt

Gibt es den echten Islam?

Es gibt einen Satz, den man immer wieder hört, wenn islamistische Terroristen mal wieder auf Menschenjagd gehen. Es ist der Satz: „Das sind keine echten Muslime“. Dieses Phänomen, die Exkommunizierung von Muslimen, nennt man „Takfir“. Eigentlich ist Takfir etwas, was man von religiösen Fundamentalisten erwartet, die ihren Glauben so rein auslegen, dass nur eine kleine Minderheit als „wahre Gläubige“ gelten kann. Aber Takfir wird nicht nur von Fundamentalisten praktiziert, sondern auch von säkularen Muslimen und sogar von nicht-muslimischen, selbsternannten Islam-Experten. Täglich wird Takfir in aller Welt fleißig praktiziert. Schauen wir uns nur mal die letzten Monate an:

Bei ihrem Terrorfeldzug richteten IS-Kämpfer Tausende Muslime hin, weil sie keine echten Muslime seien, und beriefen sich dabei auf Koran-Suren. Sunniten, die den IS feindlich gegenüberstehen, behaupteten wiederum, die IS-Kämpfer seien keine echten Muslime, und beriefen sich dabei ebenfalls auf Koran-Suren. Auch als schiitische Milizionäre von der IS kontrollierte Gegenden eroberten, meinten sie, die IS-Kämpfer seien keine echten Muslime. Währenddessen kommentierte Tahir Chaudhry, ein Muslim im Westen, die Lage im Irak und ist sich sicher: Kein Extremist kann ein echter Muslim sein. Um das zu erklären, berief er sich – wie nicht anders zu erwarten – auf Koran-Suren.

Takfir findet sich sogar bei Nicht-Muslimen. So behauptete Barack Obama, der IS sei unislamisch, während Rechtsextreme meinen, alle echten Muslime seien Terroristen. Das Argument, jemand, der sich selbst zu einer bestimmten Gruppe von Menschen zählt, sei kein „echtes“ Mitglied dieser Gruppe, wenn er Eigenschaften an den Tag legt, die man selbst für ungewöhnlich für diese Gruppe hält, trägt einen eigenen Namen: „Kein echter Schotte„. Der Name kommt von einem Dialog, den man ungefähr so wiedergeben kann: „Alle Schotten sind tapfer.“ – „Ich kenne einen Schotten, der ist feige.“ – „Dann ist er kein echter Schotte.“ (statt tapfer und feige kann man auch andere Eigenschaften einsetzen). Um es mal klarzustellen: So wie es echte Schotten gibt, gibt es echte Muslime.

Was ist der Islam, was ist ein Muslim, was ist „islamisch“? Auf diese drei Fragen gibt es verschiedene Antworten. Der Islam ist eine Religion: Der Glaube an Allah, den Propheten Mohamed und den Koran. Dieser Glaube wird natürlich von den Dutzenden Islam-Fraktionen anders ausgelegt, doch es gibt gemeinsame Grundzüge, die alle teilen. Dann gibt es den Begriff „Muslim“ als Identität. Dieser schließt die rund 1,5 Milliarden Menschen ein, die sich selbst als Muslime definieren, egal, wie religiös sie sind. Schließlich gibt es noch den Islam als Kultur. Gemeint sind damit im Großen und Ganzen die Gesellschaftsordnungen, die es in den Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit gibt, ganz gleich, ob sie religiös begründet sind oder nicht.

Der Begriff „islamische Kultur“ ist wohl am vielfältigsten, da er ja eigentlich alles einschließt, was in islamischen Ländern, von Marokko bis Indonesien, zur gängigen Kultur gehört. Kommen wir nun nochmal zur Frage, wer ein Muslim ist. Die einzige Definition ist: Ein Muslim ist jemand, der sich als Muslim definiert. Was für ein Sinn macht es da, einen Muslim zu exkommunizieren? Wer dies tut, behauptet im Grunde, es gäbe eine konkrete, allgemeingültige Definition von Muslim, die auf den Exkommunizierten nicht zutrifft, so wie auch niemand behaupten kann, er sei blond, wenn er schwarzhaarig ist. Das Problem ist: Eine konkrete, allgemeingültige Definition für den Begriff Muslim gibt es nicht.

Nun könnte man meinen, jemand könne nur dann ein Muslim sein, wenn er nach den Regeln des Islams lebt. Mit dieser Argumentation werden so gut wie alle Exkommunizierungen begründet: Der IS exkommuniziert Muslime, die nicht nach den Regeln des Islams leben, Tahir Chaudhry exkommuniziert die IS-Kämpfer, weil sie nicht nach den Regeln des Islams leben. Allerdings ist es so, dass der Koran sich oft selbst widerspricht und es deshalb möglich ist, sich bei wichtigen Fragen das herauszupicken, was einem gerade passt. Der Islamische Staat zitiert Stellen aus dem Koran, die ihr Islamverständnis wiedergeben, und Tahir Chaudhry zitiert Stellen aus dem Koran, die sein Islamverständnis wiedergeben. Wir wären also wieder am Anfang.

Ein weiteres Problem bei dem Versuch, den Begriff Muslim genau zu definieren, ergibt sich, wenn man bedenkt, dass in der real existierenden Welt ein großer Teil der 1,5 Milliarden Menschen, die sich selbst als Muslim definieren, nicht immer nach den Regeln des Islams lebt. Viele Muslime trinken Alkohol, obwohl Alkohol im Islam verboten ist (hier gibt es keinen Interpretationsspielraum, das Alkoholverbot ist absolut). Es gibt in Frankreich eine Moschee für Schwule, obwohl Homosexualität im Islam als Sünde gilt. Die Menschen, die sich selbst als Muslim definieren, obwohl sie elementare Gebote des Islams verletzen, mögen sich irrational verhalten, aber das heißt nicht, dass ihre Definition unecht ist – sondern lediglich, dass sie irrational ist.

Von dem so oft zitierten Gemüsehändler in Berlin bis zum Kalifen des Islamischen Staates: Jeder ist ein Muslim, der sich selbst als Muslim bezeichnet, ob es dem IS und Tahir Chaudhry gefällt oder nicht. Jede andere Definition ist reine Willkür, denn sie geht davon aus, man könne die Identität einer anderen Person besser bestimmen als sie selbst. Natürlich gibt es diese Identitätskonflikte nicht nur beim Islam. Man findet das Exkommunizieren von Menschen, die dieselbe Identität teilen, auch bei anderen Gruppen, ob religiösen, politischen oder sonstigen. Christen, Juden, Kommunisten, Nationalisten, Sozialdemokraten und Konservative finden ständig Leute, die keine echten Schotten sind.

Selbst unter Liberalen gibt es solche Konflikte. Für mich sind diese genauso unsinnig wie die bei anderen Gruppen. Obwohl ich mich oft über sie ärgere, muss ich die Tatsache akzeptieren, dass viele Liberale zum Teil Ansichten haben, die sich sehr von meinen unterscheiden (darunter die größte liberale Organisation in Deutschland, die FDP). Man findet sogar unter Atheisten das Phänomen, anderen Atheisten ihre Identität abzuerkennen. Stalin soll laut dem atheistischen Autor Christopher Hitchens kein „echter Atheist“ gewesen sein, weil er den Kommunismus wie eine Religion behandelte. Dabei ist der Atheismus nichts weiter als das Nicht-Glauben an Gott, und es ist eindeutig, dass Stalin an keinen Gott glaubte und der Kommunismus eine säkulare Ideologie war.

Der Grund, warum das „Kein echter Schotte“-Argument für so viele verlockend ist, liegt auf der Hand: Menschen identifizieren sich oft (irrationalerweise) mit den Taten von anderen Menschen, bloß weil sie die eigene Identität teilen. Ein Muslim, der so denkt und sieht, wie IS-Kämpfer Verbrechen begehen, müsste eine größere Verantwortung für diese Verbrechen fühlen, oder einfach sagen „Das ist kein echter Muslim!“. Das ist jedoch völlig unnötig. Jeder Mensch ist nur für seine eigenen Taten verantwortlich, nicht für die von anderen. Kein Muslim muss sich für die Taten des IS verantwortlich fühlen. Aber es ist genauso falsch, zu leugnen, dass die IS-Kämpfer Muslime sind. Ich bin ein liberaler Atheist und leugne nicht: Christian Lindner ist ein Liberaler, und Stalin war ein Atheist.

7 Antworten to “Gibt es echte Schotten?”

  1. Krischan Says:

    Etwas offtopic: Stalin als Atheist? Nunja. Hitchens‘ Argument geht ja in die Richtung, dass a) Stalin in einem sehr religiösen Elternhaus aufgewachsen ist, b) ein Priesterseminar besucht hat (wenn auch abgebrochen, wenn ich mich recht entsinne und c) seine Amtsführung, vor allem in den Jahren vor seinem Tod, typisch religiöse Züge hatte – der Glaube an einen Gott wurde ersetzt durch den Glauben an das Genie und die Besonderheit von Josef Stalin, der auf allen Gebieten, militärisch, politisch, aber auch wissenschaftlich und kulturell aus dem Stand unübertreffbare Meisterleistungen erreichte (so zumindest die Propaganda). Und die sozialistische/komunistische Ideologie hat etwas zutiefst Religiöses, zwar gibt es keinen Gott, sondern historische Gesetzmäßigkeiten, aber am Ende leben wir in einem Himmelreich auf Erden.
    Das ist, glaube ich, der Kern von Hitchens‘ Argument gegen den Atheismus Stalins. Nicht der Glaube an einen bestimmten Gott kennzeichnet den Religiösen, sondern das Verhalten.
    Kann man natürlich auch anders sehen, aber da ist schon etwas dran.

    • arprin Says:

      Atheismus bedeutet für mich, dass man nicht an Gott glaubt. Stalin hat nicht an Gott geglaubt.

      Es ist natürlich zutreffend, dass säkulare Ideologien wie der Kommunismus fanatische Züge aufweisen, die dem von Religionen ähneln. Das bedeutet aber nicht, dass jede fanatische Ideologie eine Religion ist, und es ist auch nicht jeder religiöse Mensch fanatisch.

      • Krischan Says:

        Lieber Arprin,
        an welchen Gott hat Stalin nicht geglaubt? Sicher nicht an Zeus, Allah, den christlichen Gott. Egal ob man das höhere Wesen nun Gott nennt oder „die historische Gesetzmäßigkeit“, man glaubt an etwas, was über einem selbst steht (und gerade bei Stalin würde ich davon ausgehen, dass er sehr stark nur an sich selbst geglaubt hat – ein Charakterzug, den viele „Führer“ teilen).
        Den Atheisten als solchen zeichnet ja aus, dass er die Unterwerfung unter einen übergeordneten göttlichen Willen ablehnt.
        Nur weil der Sozialismus / Kommunismus formal gegen „die Kirche“ war, war er, aus meiner Sicht und dem persönlichen Erleben, sehr religionsähnlich, er hat sich da eine Ersatzreligion geschaffen – mit heiligen Texten, die es auszulegen gilt, mit unhinterfragbaren Dogmen, mit obersten Verkündern ewiger Wahrheiten.
        Atheismus im engeren Sinne mag das sein, im weiteren Sinne ist das alles andere als atheistisch.

        Aber egal, zurück zu den Muslimen.

  2. Hausmann Says:

    „Atheismus“ leidet, wie so vieles, an einer gewissen Unschaerfe. Ich verstehe darunter die Leugnung eines personalen Gottes oder Bekaempfung von Religion. Insofern verweise ich gern auf die große Gruppe der schlicht Konfessionsfreien, denen Gott quasi wurscht ist. mfG

    • arprin Says:

      Bekämpfung von Religion würde ich nicht zum Atheismus dazuzählen. Und ein Konfessionsfreier kann religiös, agnostisch oder atheistisch sein.

  3. Hausmann Says:

    So verschieden sind die Begriffsbildungen.🙂

    Ich schreibe aus der Sicht eines älteren Ostdeutschen, erinnere mich z.B., daß Atheismus (im Sinne von kritischer Beschäftigung mit Religion, Kirche etc.) in der DDR ab den 60ern ganz klein geschrieben wurde (meine Bekanntschaft datiert erst nach der „Wende“ per Deschner, IBKA usw.) und es eher um politische Konkurrenz / Arrangements SED – Kirche ging.

    Als konfessionslos würde ich die Mehrheit der „gelernten Ossis“ bezeichnen, denen Religiosität / Glaube / Kirche bisher eher am Arsch vorbei geht, Entschuldigung: Ohne Bindung, ohne Interesse und ohne eine dezidiert weltanschauliche Position, weder „religiös, agnostisch oder atheistisch“.

    Beiläufig ein Dankeschön für diesen liberal orientierten Blog, der viel behandelt – außer den „wahren“ A. natürlich.😉

    Alles Gute!

  4. Hausmann Says:

    Kommando zurück, letzte Bemerkung bitte vergessen: Nach dem Rückwärtslesen bin ich erst jetzt auf den 10.03.2011 gestoßen – mea culpa & einen schönen Sonntag noch!

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