Wie Naturvölker die Moderne meistern können

Können Naturvölker mit der Moderne in Einklang leben?

Die französische Politikerin Ségolène Royal sorgte kürzlich für Aufsehen, als sie im Fernsehen meinte, Nutella müsse boykottiert werden, da bei der Produktion von Nutella Palmöl verwendet wird, wofür wiederum Regenwälder in Südostasien gerodet und die dort lebenden Ureinwohner vertrieben werden. Doch der Geschmack von Nutella ist den Franzosen offenbar stark ans Herz gewachsen, Royal erntete nur Unverständnis und nahm ihre Aussage zurück. Es steht jedoch außer Frage, dass die Naturvölker in Südostasien, Zentralafrika und Südamerika durch die Abholzung des Regenwalds in ihrer Existenz bedroht werden, seitdem Konzerne angefangen haben, im Regenwald nach Rohstoffen zu suchen. Die Schuld für dieses Problem geben linke Aktivisten dem Kapitalismus.

Profitgierige Konzerne nehmen keine Rücksicht auf Menschen, auf die Natur und auf die zukünftigen Generationen, sie denken nur an ihre Gewinnmaximierung, und der einzige Weg, um die Zerstörung des Regenwalds zu verhindern, ist ein komplettes Verbot, im Regenwald Rohstoffe abzubauen. Warum das Problem der Zerstörung der Regenwälder aber nichts mit „zuviel freier Marktwirtschaft“ zu tun hat, sollte klar sein: Freie Marktwirtschaft bedeutet nicht „Konzerne dürfen machen, was sie wollen“ oder „Profit über alles“, sondern eine Rechtsordnung, indem das Eigentum geschützt ist und Vertragsfreiheit und Haftung gelten. Die Abholzung des Regenwaldes ohne die Zustimmung der dortigen Einwohner stellt ganz eindeutig eine Verletzung der Eigentumsrechte der Naturvölker dar.

Der peruanische Ökonom Hernando de Soto, der vielfach zu den Gründen für die Armut in der Dritten Welt geforscht hat, reiste im Jahr 2009 in den Amazonas, nachdem es kurz zuvor in Bagua ein Massaker mit mehr als 30 Toten gegeben hatte, bei dem es um Landnutzungsrechte ging. Er besuchte die Gemeinden der Indios und forschte nach ihren Problemen, dabei bestätigte er, dass fehlende Eigentumsrechte und nicht zuviel freie Marktwirtschaft das Hauptproblem der Naturvölker sind. Eine andere wichtige Feststellung seiner Reise dürfte gerade die linken Aktivisten im Westen überraschen, und zwar: Die Naturvölker lehnen die Moderne nicht grundsätzlich ab, sie begrüßen sie sogar. Er drückte es wie folgt aus: Der Amazonas ist nicht Avatar.

Warum die Naturvölker die Moderne nicht ablehnen

Der wichtigste Grund, warum die Naturvölker die Moderne nicht grundsätzlich ablehnen, ist einleuchtend: Das Leben in der Natur ist sehr hart. Die Indios im Amazonas sind die ärmsten Menschen in Peru. Ihre Lebenserwartung liegt um 20 Jahre unter dem nationalen Durchschnitt, die Säuglingssterblichkeit ist doppelt so hoch, viele Kinder leiden an Unterernährung, in den Städten verschwundene Krankheiten wie perniziöse Anämie, Malaria, Hepatitis B und D, Leishmaniose und andere sind weitverbreitet. Es gibt Aktivisten, die gegen den Kontakt der Indios mit der Moderne sind, weil sie meinen, arm sei besser als tot, aber dann gibt es auch die, die behaupten, das Leben in der Natur sei idyllisch. Dem ist klar zu widersprechen.

Wenn ein Leben im Einklang mit der Natur so toll wäre, müssten die ganzen Dschungel-Fans in den Amazonas umsiedeln und dort ihr Glück finden. Bis jetzt bevorzugten die meisten aber doch ein Leben in der Stadt. Die Vorteile der modernen Welt scheinen auch die Indios genießen zu wollen. Bei seiner Reise in den Amazonas fand de Soto in nahezu jeder Gemeinschaft der Indios moderne Technik: Motorboote, Radios, Telefone, Gewehre, sogar Internetverbindungen. Aber wird dadurch nicht die Kultur der Indios zerstört? Verschwinden so nicht auf Dauer ihre Traditionen, Riten, ihre Sprachen und Tänze? Das ist ein ziemlich sinnloses Argument, schließlich sollte es die freie Entscheidung der Indios sein, wie sie leben wollen.

Passend dazu meint de Soto: „Kulturen sind keine Ausstellungsstücke in Museen sondern entwickeln sich kontinuierlich weiter und passen sich Veränderungen an. Dabei nehmen sie häufig auch andere Einflüsse auf. Was ist das Besondere an der Einstellung der Ureinwohner des Amazonas, das sie daran hindert, nützliche Elemente anderer Kulturen zu übernehmen und von den positiven Effekten der Globalisierung zu profitieren?“. Wer unbedingt will, kann ja immer noch ein Museum errichten, indem die aktuelle Lebensweise der Amazonas-Indios für zukünftige Generationen konserviert ist. Die Indios müssen nicht gleich in die Stadt ziehen, Markenkleidung tragen und fünf Stunden täglich fernsehen, aber ein Leben ohne Hunger und Hepatitis wäre schon nicht schlecht.

Das Problem der fehlenden Eigentumsrechte

Kein Unternehmen kann mitten in einem Wohnblock in einer Stadt plötzlich anfangen, Gebäude niederzureißen, ohne vorher um Zustimmung gebeten zu haben. Im Amazonas ist dies zwar auch nicht einfach so erlaubt, doch die Durchsetzung der Eigentumsrechte ist sehr schwer. Stadtbewohner können Besitzdokumente vorweisen, die sie als Eigentümer von Wohnungen identifizieren, bei den Indios ist dies nicht immer der Fall. Die peruanische Regierung hat ein System zur Vergabe von Grundbesitz, doch dieses ist sehr ineffizient. Die Grenzen der Grundstücke sind nicht klar definiert, es ist sehr teuer und langwierig, an ein Anspruch zu kommen, die Behörden benutzen oft falsche Angaben über Besitzer und Grundstücke und erfassen nicht alle Dokumente.

Daraus ergeben sich nicht nur Konflikte zwischen den Indios und neuen Siedlern, sondern auch zwischen den Indios selbst. Die Gemeinschaften der Indios sind keineswegs, wie es mancher Amazonas-Aktivist vielleicht glauben mag, ein kommunistisches Paradies ohne Eigentum und damit einhergehende Konflikte. Sie leiden oft selbst unter blutigen Landnutzungskonflikten. Ein weiteres Problem sind die zu hohen Hürden für die Gründung von Unternehmen. Ohne sie könnten die Indios viel Geld damit verdienen, ihr Holz für die Herstellung von Möbel, Bleistifte, etc. ins Ausland zu verkaufen und dabei mit ausländischen Unternehmen kooperieren. Das ist für die meisten unmöglich. Viele Amazonas-Bewohner gründen illegale Unternehmen – die dann ohne jeglichen Rechtsschutz sind.

Tatsächlich sind die Indios gar nicht grundsätzlich gegen den Handel mit ihren Rohstoffen, sie wollen nur die Kontrolle darüber haben. Die Indio-Organisationen legten 2009 einen Nationalen Entwicklungsvorschlag für das Amazonas-Gebiet vor, indem steht: „Weder für die öffentlichen Institutionen noch NGOs sollten Modelle für einen gemeinschaftlichen Fischereibetrieb vorantreiben, die sich als unfähig erwiesen haben, das familienbasierte Produktionsmodell der Eingeborenen zu erhalten.“ Eine andere Organisation aus dem Nordosten Perus resümierte bei einem Treffen 2008: „Wir müssen Anreize für wirtschaftliche Entwicklungen auf familiärer, gemeinschaftlicher und individueller Ebene fördern und anbieten (kommunale Unternehmen funktionieren nicht).“

Das Beispiel der Kuna

Ein gutes Beispiel dafür, wie Naturvölker es schaffen können, mit der Moderne in Einklang zu leben, liefern die Kuna in Panama. Das Schicksal der Indio-Völker in Mittel- und Südamerika war meistens grausam: vertrieben, versklavt oder ganz ausgerottet. Den Kuna gelang es lange Zeit, Widerstand gegen die neuen Siedler zu leisten. Im Jahr 1925 wurde dann ein Abkommen geschlossen, indem die panamaische Regierung den Kuna Selbstverwaltungsrechte einräumte, im Gegenzug erkannten die Kuna die Oberhoheit Panamas an. Seit den 1950ern haben die Kuna eine eigene Verfassung und ein eigenes Parlament für ihr Territorium (Guna Yala), seit 1983 schicken sie Vertreter in das panamaische Parlament.

Die heute etwa 30.000 Menschen zählenden Kuna haben ihre Kultur bewahrt, die sich freilich in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat (besonders das Kunsthandwerk hat sich erneuert und ist heute in ganz Mittelamerika bekannt). Aber nicht nur das, sie haben auch ihre wirtschaftliche Selbständigkeit erhalten. Der Tourismus, der Handels mit Kunsthandwerk und Meeresprodukten generiert hohe Einnahmen. Die Kuna-Sprache bekam neue Wörter, wie z.B. „mani“ für Geld und, von deutschen Missionaren eingeschleppt, „arbeje“ für Arbeit. Das Beispiel der Kuna sollte den Naturvölkern in Südamerika, Zentralafrika und Südostasien Mut geben: Es ist möglich, mit der Moderne in Einklang zu leben, ohne Leben, Land und Kultur zu verlieren.

Die historischen Erfahrungen zeigen, dass so ein Szenario leider unwahrscheinlich ist. Das Schicksal der Yanomami, Pygmäen und Papua sieht derzeit sehr düster aus. So könnte man zu der Überzeugung kommen, der Weg der Isolation sei am Ende doch besser. Alle neuen Siedler sollten vertrieben werden und das alte Leben erhalten werden, lieber arm als tot. Aber dabei übersieht man zwei Punkte: Das Vordringen in den Regenwald ist praktisch unvermeidlich, und die Naturvölker wünschen sich ein besseres Leben. Dann sollte man ihnen auch helfen, die Segnungen der Moderne genießen zu können und ihren Wohlstand massiv zu erhöhen, anstatt sie weiterhin ihr grausames Leben „im Einklang mit der Natur“ führen zu lassen.

2 Antworten to “Wie Naturvölker die Moderne meistern können”

  1. Yadgar Says:

    Wenn der Haupttrend der Menschheitsgeschichte seit ihren Anfängen die fortschreitende Emanzipation des Menschen von der Natur ist (und es gibt meines Erachtens wenig Grund, daran zu zweifeln), dann sollte es für die Zukunft unser Hauptanliegen sein, diese Emanzipation zu vollenden! Das heißt: entweder wir Menschen werden vollends unabhängig von biologischen Ressourcen (nicht natürlichen Ressourcen schlechthin, denn auch eine vollständig virtuelle Matrix-Welt käme nicht ohne Elektrizität aus, die z. B. mittels Photovoltaik erzeugt werden könnte), indem wir Software-Charakter annehmen und so dauerhaft auf die zahlreichen Gefahren (Krankheiten, Alter, Unfälle, Naturkatastrophen) ausgesetzte und bislang nur sehr begrenzt haltbare kohlenstoffbasierte Bio-Hardware (vulgo Körper) verzichten könnten. Oder, die gemäßigtere Variante: wir bauen die Natur sowohl durch gezielte gentechnische Eingriffe, Ausrottung von für uns schädlichen Spezies sowie umfassendes Wetter- und Geologie-Management so um, dass sie nicht länger eine Gefahr für uns darstellt, aber trotzdem gleichzeitig ökologisch stabil bleibt. Wahrscheinlich würde man damit in autarken Weltraumhabitaten und auf der Oberfläche unbelebter terrestrischer Himmelskörper wie z. B. dem Mars beginnen (in letzterem Fall würde man von Terraforming spreichen) – auf Homo sapiens hin optimierte Ökosysteme nach Maß, ohne gefährliche Raubtiere, Bakterien- und Virenkrankheiten, bei konstant 24°C und mit künstlich erzeugtem Magnetfeldern zur Abschirmung von Sonnenwind und kosmischer Strahlung. Später, nach entsprechender Zunahme des Wissens über Ökologie, Genetik und Molekularbiologie könnte man schließlich darangehen, das ganze System Erde entsprechend umzubauen… und die Menschen des Jahres 3000, vielleicht auch schon 2500 werden mit wohligem Gruseln von den reaktionären Zurück-zur-Natur-Utopien der Öko- und Alternativbewegung Jahrhunderte zuvor lesen, wie wir heutzutage etwa den „Hexenhammer“ von Heinrich Institoris lesen…

    • arprin Says:

      Bis dahin ist es ja noch ziemlich weit. Aber ich würde zustimmen, dass wir uns noch mehr von der Natur unabhängig machen sollten, ganz gleich wie empörend die Grünen das finden. Transhumanismus und Terraforming wäre schon klasse.

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