Handel kennt keine Grenzen

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Sind zu viele Importe schädlich?

Man stelle sich folgenden Tagesablauf vor: Eine in Deutschland lebende Person mit deutscher Staatsbürgerschaft geht morgens zu einer Samsung-Filiale, um ein neues Handy zu kaufen, mittags kauft er Bananen aus Ecuador und nachts schaut er sich bei Netflix fünf neue Folgen der neuen Staffel von Game of Thrones an. Auf den ersten Blick wirkt das unspektakulär. Niemand würde etwas Besonderes dahinter vermuten. Und doch hat dieser Bürger gemäß einer weitverbreiteten ökonomischen Theorie seinem Land geschadet. Er hat als Deutscher bei Anbietern aus Südkorea, Ecuador und den USA sein Geld ausgegeben. Er hat seinem Land Geld entzogen und dem „außenwirtschaftlichen Gleichgewicht“ geschadet.

Die Theorie des „außenwirtschaftlichen Gleichgewichts“ geht davon aus, es sei für ein Land wichtig, nicht mehr Waren zu importieren als man selbst exportiert. Obwohl sie schon zu Zeiten von Adam Smith massiv kritisiert wurde, lebt die Theorie noch heute weiter. Politiker in aller Welt machen sich Sorgen um Leistungsbilanzdefizite. Mit protektionistischen Maßnahmen werden einheimische vor ausländischen Unternehmen geschützt. In der Eurokrise werfen viele Deutschland vor, mit seinen hohen Exporten Griechenland ruiniert zu haben. Macht das alles Sinn? Nein. Tatsächlich gibt es keinen Anlass, sich zu sehr über außenwirtschaftliche Gleichgewichte zu kümmern.

Nehmen wir an, ein Mann lässt sich alle drei Monate für 10 Euro beim selben Friseur die Haare schneiden. Das macht er 10 Jahre lang. So häuft er ein Leistungsbilanzdefizit von 400 Euro gegenüber dem Friseur an. Ist das ein Problem? Natürlich nicht. Denn der Mann, der sich die Haare schneiden lässt, hat noch andere Handelspartner, nicht nur den Friseur. Dasselbe gilt nicht nur für Individuen, sondern für alle Personengruppen. Niemand muss sich darüber sorgen, dass Friseure ein Defizit gegenüber Fußballern aufweisen, da Friseure mehr für ihren Fußballkonsum ausgeben als Fußballer für ihre Frisuren. Es wäre auch kein Problem, wenn Köln ein Defizit gegenüber München oder Berlin-Neukölln ein Defizit gegenüber Berlin-Charlottenburg aufweisen würde.

Man erinnere sich daran, wenn jemand das nächste Mal behauptet, Deutschland hätte mit seinen hohen Exporten Griechenland in den Bankrott getrieben. Wäre das der Fall, hätte Deutschland auch Großbritannien in den Ruin treiben müssen – Großbritannien weist ein größeres Handelsdefizit gegenüber Deutschland auf. In Wirklichkeit spielt die Herkunft der Unternehmer keine Rolle. Ein ausländisches Unternehmen investiert in Deutschland. Wer profitiert davon? Die Unternehmer, die Profite machen, die Arbeiter, die Löhne bekommen und die Kunden, die Waren kaufen. Ein deutsches Unternehmen investiert in Deutschland. Wer profitiert davon? Wieder die Unternehmer, die Arbeiter und die Kunden. Was ist nun so wichtig daran, aus welchem Land das Unternehmen kommt?

Einige werden nun einwenden: Bei einheimischen Unternehmen bleiben die Profite zumindest im Inland. Aber warum ist das wichtig? Für wen? Ist es für einen Münchner wichtig, ob ein Unternehmen sein Geld nun in München oder in Sydney ausgibt? In beiden Fällen hat er doch nichts davon. Er hätte auch nichts davon, wenn der Unternehmer sein Geld in Berlin ausgeben würde oder in München, ohne dass er was abbekommen würde. Die meisten dürften bei genauer Überlegung anerkennen, dass Leistungsbilanzdefizite zwischen einzelnen Ländern, Städten und Personengruppen nicht von so großer Bedeutung sind. Aber was ist mit Defiziten in der Gesamtrechnung eines Landes? Wenn also ein Land ein Defizit gegenüber dem Rest der Welt aufweist? Ist das ein Problem?

Die Antwort lautet auch hier: Nein. Handel findet nicht zwischen Staaten statt, sondern zwischen Individuen und Unternehmen. Wenn nun Millionen Haushalte und Unternehmen unter „Inland“ und „Ausland“ zusammengefasst werden, macht das nicht wirklich Sinn. Handel kennt keine Grenzen, er umfasst die ganze Welt. Nun heißt das nicht, dass ein großes Leistungsbilanzdefizit niemals ein schlechtes Zeichen ist. Wenn einzelne Individuen oder Unternehmen (oder Staaten) sich verschulden, weil sie dauerhaft mehr ausgeben als sie einnehmen, ist das natürlich ein Problem. Aber ein hohes Defizit muss nicht immer auf Verschuldung hinweisen. Vielleicht hat eine Person zuvor viel gespart und kann sich das hohe Defizit leisten (kommt bei Staaten seltener vor).

Griechenlands Problem ist nicht sein großes Handelsdefizit, sondern dass es zu wenig Produktivität hat, d.h., es gibt zu viel Geld für Dinge aus, für die es keine Nachfrage gibt (z.B. Beamte) und gibt zu wenig für Dinge aus, für die es eine Nachfrage gibt (z.B. Infrastruktur). Das Defizit ist nur ein Symptom. Griechenland könnte theoretisch mit Reformen seine Produktivität vervierfachen, ohne auch nur einen einzigen Cent an Waren und Dienstleistungen ans Ausland zu verkaufen. Es ist im Übrigen nicht nur so, dass hohe Defizite nicht automatisch etwas Schlechtes sein müssen, hohe Überschüsse müssen auch nicht automatisch etwas Gutes sein. Deutschland steht zwar jetzt gut da, aber man war auch schon Exportweltmeister, als es unter Schröder 5 Millionen Arbeitslose gab.

So klar die Analyse ist, so unbekannt ist diese den meisten Politikern, die sich um Leistungsbilanzdefizite sorgen. Das „außenwirtschaftliche Gleichgewicht“ ist sogar im Grundgesetz festgeschrieben. Es ist also ein „Verfassungsziel“! Man kann es kaum glauben. Glücklicherweise scheren sich die deutschen Unternehmen nicht dafür und brechen jedes Jahr die Verfassung. In anderen Ländern treibt der Glaube ans Gleichgewicht äußert seltsame Blüten: Argentiniens Präsidentin Kirchner ordnete an, dass Unternehmen genauso viele Produkte aus Argentinien exportieren müssen, wie sie importieren. Deswegen verkauft BMW heute Reis, Hyundai Erdnüsse und Porsche Olivenöl aus Argentinien. Argentiniens Wirtschaft beschreitet gerade den „venezolanischen Weg“.

Viele dürften sich um das außenwirtschaftliche Gleichgewicht kümmern, weil sie noch immer glauben, die Wirtschaft sei ein Nullsummenspiel. Sie gehen davon aus, bei jedem Handel würde eine Person „gewinnen“ und eine andere „verlieren“ – somit glauben sie auch, ein bei einem Handelsdefizit würde eine Seite verlieren und eine andere gewinnen. In Wahrheit können durchaus beide Seiten von einem Handel profitieren. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er bei einem ausländischen Unternehmen einkauft, oder bei einem Unternehmen aus einer anderen Stadt oder aus einem anderen Viertel. Jede Sorge um Leistungsbilanzdefizite oder Überschüsse ist unberechtigt. Jede protektionistische Maßnahme ist unnötig und gehört abgeschafft. Lasst den Handel erblühen.

5 Antworten to “Handel kennt keine Grenzen”

  1. qwerty248 Says:

    „Griechenland könnte theoretisch mit Reformen seine Produktivität vervierfachen, ohne auch nur einen einzigen Cent an Waren und Dienstleistungen ans Ausland zu verkaufen.“
    Gibt’s da mehr zu?

    • arprin Says:

      In unserer globalisierten Wirtschaft wird Wirtschaftswachstum oft von erhöhten Exporten begleitet, aber Exporte sind nicht unbedingt notwendig für Wirtschaftswachstum.

  2. Julian Dörmann Says:

    Die meisten Menschen gehen zum Frisör um sich die Haare schneiden zu lassen. Zum Schneider eher selten.

  3. Gutartiges Geschwulst Says:

    @Arprin: „Einige werden nun einwenden: Bei einheimischen Unternehmen bleiben die Profite zumindest im Inland.“

    Wer die Entwicklung der amerikanischen Autoindustrie verfolgt hat, wird freudigen Herzens jeden erschießen, der dazu auffordert einheimische Produkte zu bevorzugen.
    Jahrzehntelang hieß es „BUY AMERICAN“, was die US-Autohersteller, einem scheinbar unerschöpflichen Binnenmarkt vertrauend, davon abhielt technische Entwicklungen voranzutreiben, mit dem Ergebnis, dass Amikutschen ihre Nachfrage einbüßten, und die Japsen das Rennen machten.
    Wer einheimische Unternehmen fördern will, sollte diese zur Innovation zwingen, indem er nur Produkte kauft, von denen er selbst überzeugt ist, egal wo diese produziert wurden.
    Das schafft Wettbewerb und Erfolg.

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