Dann geh‘ doch rüber!

Der Vatikan, die letzte westeuropäische Diktatur

Wenn dir die Religionspolitik Saudi-Arabiens nicht gefällt, geh‘ doch in den Vatikan!

Reisefreiheit ist eine wunderschöne Sache. Man kann nicht nur die Welt bereisen, sondern in ein anderes Land ziehen, wenn es einem in seinem Wohnort nicht gefällt. Bekanntlich nennt man das „Mit den Füßen abstimmen“. Das hat bei politischen Diskussionen einem Argument zum Aufstieg verholfen: Dem Argument, man solle doch, wenn es einem an seinem Wohnort nicht gefällt, „rübergehen“. Während des Kalten Kriegs entgegnete man kommunistischen Studenten „Dann geh‘ doch in die DDR!“. Ausländern, die sich über Probleme in ihrem Gastland aufregen, entgegnet man „Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh‘ doch zurück in deine Heimat!“. Menschen, die zu hohe Steuern kritisieren, entgegnet man „Dann geh‘ doch nach Monaco, dort musst du keine Steuern zahlen!“.

Macht dieses Argument Sinn? Es gibt Fälle, bei denen man es so sehen kann. Wenn man eine Wohnung mietet, hat der Vermieter das Recht, gewisse Regeln festzulegen, immerhin ist das Haus nur gemietet. Diese Regeln können z.B. sein, dass keine Haustiere mitgebracht oder ab 22 Uhr keine laute Musik gehört werden darf. Als Mieter muss man sich daran halten (wenn der Vermieter sich durch Verhandlungen nicht umstimmen lässt), und wenn man nicht will, hat man die Freiheit, sich eine neue Wohnung zu suchen. Dasselbe gilt, wenn man bei jemandem zu Gast ist oder eine Disco besucht. Anders sieht die Lage aus, wenn eine Person oder eine Gruppe nicht Eigentümer des Gebiets ist, sich aber dennoch anmaßt, die dort lebenden Menschen zu bevormunden.

Nehmen wir an, ich habe ein Sky-Abo und will es kündigen. Dann kommt Sky und sagt: „Nein, sie müssen das Abo behalten, und wenn sie nicht wollen, haben sie die Freiheit, ihre Wohnung zu verlassen.“ Jeder würde sofort das Unrecht erkennen: Sky ist nicht der Eigentümer meiner Wohnung und kann mich deshalb nicht zwingen, ihr Abo zu behalten oder meine Wohnung zu verlassen. Würde sich Sky so verhalten, wäre das eine massive Freiheitseinschränkung, selbst wenn die Sky-Kunden alle Reisefreiheit genießen würden. Wenn wir diese Erkenntnis nun auf den Staat übertragen, erkennen wir, dass das „Dann geh‘ doch rüber“-Argument hier keinen Sinn macht.

Der Staat hat in der Theorie die Aufgabe, den Bürgern Rechtssicherheit, also den Schutz von Eigentum, zu bieten. Aber er ist nicht selbst der Eigentümer des gesamten Staatsgebiets mit allen Wohnungen. Wenn er Regeln festlegt, die über die Bereitstellung von Rechtsschutz hinausgehen und an die sich jeder Bürger halten muss, handelt es sich um eine Freiheitseinschränkung, ganz gleich, ob es Reisefreiheit gibt. Nehmen wir als Beispiel die Wehrpflicht. Ich will den Wehrdienst verweigern, aber der Staat sagt: „Nein, sie müssen den Wehrdienst leisten. Wenn sie das nicht wollen, haben sie die Freiheit, das Land zu verlassen.“ Warum sollte ich nicht die Möglichkeit haben, in meinem Wohnort zu bleiben und den Wehrdienst zu verweigern?

Nicht nur die Wehrpflicht, auch andere staatliche Regeln können massiv in die Freiheit der Bürger eingreifen. In der Vor-Thatcher-Ära gab es in Großbritannien eine 83%-Einkommenssteuer für die oberste Schicht, und dazu mussten sie noch eine Extra-Steuer von 15% zahlen, macht zusammen ein Steuersatz von 98% (kein Witz). Die Betroffenen wählten verschiedene Wege, um damit fertig zu werden. Die Beatles stimmten das Lied „Taxman“ an, Keith Richards und Freddie Mercury verließen zeitweise das Land. Waren sie frei? Gemäß der „Dann geh‘ doch rüber“-Logik waren sie es. In Wahrheit waren sie es nicht. Der Staat war nicht Eigentümer ihrer Häuser, doch er stellte sie vor die „Wahl“: Entweder ihr zieht um oder wir rauben euch 98% eures Einkommens.

Es gibt sicher Beschwerden, die nicht gerechtfertigt sind. Kommunistische Studenten haben kein Recht auf eine kommunistische Diktatur, und mancher Ausländer jammert aus reiner Nostalgie über seine alte Heimat. Aber auch sie sollten jammern dürfen, ohne deshalb das Land verlassen zu müssen. Wir sollten auch beachten: Die Kritik einer Person hat meistens nicht das Ziel, andere niederzumachen, sondern einen Missstand anzusprechen, um ihn zu verbessern. Kritiker wollen ihre Heimat verbessern und sie nicht verlassen. Der Verweis auf die Reisefreiheit ist jedenfalls ein dummes Totschlagargument. Jeder sollte das Recht haben, den Wehrdienst zu verweigern und mehr als 2% seines Einkommens zu behalten, ohne „rüberzugehen“.

31 Antworten to “Dann geh‘ doch rüber!”

  1. Wendelin Albert Says:

    Wenn Sie in einem Land leben wollen, dass eine 98% Einkommenssteuer hat, dann haben sie sich auch daran zu halten. Ob die Höhe der Steuer clever ist, ist eine andere Frage. Aber mit welchem Recht wählen sie denn aus, welches Recht ihnen passt und welches nicht. Dann auch noch von Raub zu sprechen macht es auch nicht besser, es zeigt nur worum es ihnen meist wirklich geht. Sie wollen parasitär partizipieren, nichts zahlen aber alle Vorzüge genießen. Sie sollten (imho) wirklich besser heute als morgen rüber machen.

    • arprin Says:

      Aber mit welchem Recht wählen sie denn aus, welches Recht ihnen passt und welches nicht.

      Aufklärung, Humanismus, Menschenrechte und einige andere Denkschulen haben Konzepte entwickelt, die davon ausgehen, dass jeder Mensch unveräußerliche Rechte hat, die ihnen niemand nehmen kann, auch (oder besonders) nicht der Staat.

      Sie wollen parasitär partizipieren, nichts zahlen aber alle Vorzüge genießen.

      Interessante Logik. Weil ich Steuern senken lassen will, will ich also dass der Staat weiterhin alle Aufgaben übernimmt die er jetzt übernimmt, ohne dafür zu zahlen? Nun ja, falsch. Ich will, dass die meisten vom Staat übernommenen Aufgaben privatisiert werden. Die privaten Anbieter würden natürlich auch bezahlt werden wollen.
      Aber gut, dass Sie erkennen, das man auch für staatliche Aufgaben zahlen muss und nichts „kostenlos“ ist. Viele Leute glauben leider wirklich, staatliche Dienstleistungen würden 0 Euro kosten. Hollande sagte ja sogar mal „Das ist nicht teuer, das bezahlt der Staat“. Zum Glück fällt nicht jeder darauf rein.

    • Molot Says:

      Wenn Sie in einem Land leben wollen, dass eine 98% Einkommenssteuer hat, dann haben sie sich auch daran zu halten.
      Kommt darauf an, wer zuerst da war. Die Einkommenssteuer oder ich.

  2. Wendelin Albert Says:

    Aufklärung, Humanismus, Menschenrechte und einige andere Denkschulen haben Konzepte entwickelt, die davon ausgehen, dass jeder Mensch unveräußerliche Rechte hat, die ihnen niemand nehmen kann, auch (oder besonders) nicht der Staat.

    Interessant, welches davon befasst sich mit der maximalen Höhe der erlaubten Einkommenssteuer und betrachtet eine Einkommenssteuer sodann als Raub?

    Ich will, dass die meisten vom Staat übernommenen Aufgaben privatisiert werden. Die privaten Anbieter würden natürlich auch bezahlt werden wollen.

    Dagegen gibt es nichts zu sagen. Und wenn sie genug Leute von ihrer Ideologie überzeugen können sie das auch gerne tun. Solange das aber nicht der Fall ist, sollten sie die Steuern in voller Höhe zahlen oder das Land verlassen.

    @Molot
    Nein das spielt nicht die geringste Rolle. Oder anders gefragt, wie hoch darf denn die Einkommenssteuer denn maximal sein, bevor sie sie nicht mehr anerkennen?

    • arprin Says:

      Und wenn sie genug Leute von ihrer Ideologie überzeugen können sie das auch gerne tun. Solange das aber nicht der Fall ist, sollten sie die Steuern in voller Höhe zahlen oder das Land verlassen.

      Toll. „Wenn Sie als Schwuler in Saudi-Arabien leben, können Sie genug Leute von ihrer Ideologie überzeugen, andernfalls müssen Sie die Todesstrafe für Schwule akzeptieren oder das Land verlassen.“

      • Wendelin Albert Says:

        Was wäre denn Ihre Alternative? Einen heiligen Krieg anzetteln?

      • arprin Says:

        Es gibt kaum eine andere Alternative als Flucht. Gerade dann, wenn man von den Autoritäten erwischt wurde.

        Worauf ich hinauswollte: Es wäre kein Verbrechen, sich nicht an ein solches Gesetz zu halten. Würdest du es als Verbrechen einschätzen und dem Betroffenen sagen „Dann geh‘ doch nach Köln rüber wenn dir Saudi-Arabien nicht gefällt!“

    • Molot Says:

      „Oder anders gefragt, wie hoch darf denn die Einkommenssteuer denn maximal sein, bevor sie sie nicht mehr anerkennen?“
      0 selbstverständlich, solange ich zuerst da war und der Steuereintreiber meine Heimat okkupiert.
      Wenn ich wissentlich in ein Hochsteuergebiet zuwandere, dann habe ich natürlich die dortigen Gegebenheiten zu akzeptieren oder ich bleibe fern.

      • Wendelin Albert Says:

        Selbstverständlich wäre es ein Verbrechen, sich nicht an ein Gesetz zu halten. Würdest Du ihm denn raten, in Saudi-arabien zu bleiben?

  3. Carl Eugen Says:

    Wenn man etwas besitzt, ein Anderer will es, man will es nicht hergeben und dieser Andere nimmt es dann notfalls mit Gewalt – was bitte ist das anderes als Raub?

  4. Wendelin Albert Says:

    Mit dieser Einstellung sollte Ihnen zumindest niemand ein Darlehen gewähren. Er muss dann ja zum Räuber werden wenn er Zins und Raten von Ihnen haben will.

  5. Wendelin Albert Says:

    Das wäre auch meine Meinung, es entspricht aber haargenau der von Carl Eugen gegebenen Definition für Raub.

    • arprin Says:

      Nein, ist es nicht.

      „Wenn man etwas besitzt, ein Anderer will es, man will es nicht hergeben und dieser Andere nimmt es dann notfalls mit Gewalt“

      Wo steht da was von freiwillig gewährten Darlehen? Es geht doch um normale Eigentumsverhältnisse. Wenn sich jemand mit Gewalt mein Eigentum nimmt, ist es Raub.

      • Wendelin Albert Says:

        Wo steht da, dass es nicht so wahr? Der Autor hat keine Einschränkung über die Art und Weise gemacht, wie er zu dem Besitz kam.

  6. Wendelin Albert Says:

    Davon abgesehen, dass es schon einen Unterschied zwischen Besitz und Eigentum geben kann, ist es nicht notwendig Raub, wenn sich jemand ihren Besitz mit Gewalt nimmt.
    Er könnte auch einfach eine Schuld ihrerseits eintreiben.

    • arprin Says:

      Es sollte klar sein, dass unter „sich gewaltsam etwas nehmen“ nicht das Eintreiben einer legitimen Schuld gemeint war.

      Eine 98%-Einkommenssteuer kann niemals legitim sein. Der Staat hat die Aufgabe, einen Rechtsstaat (Polizei und Gerichte) bereitzustellen, dazu brauchen sie nicht 98% des Einkommens ihrer Bürger. Diese können nur zur Finanzierung von illegitimen Aufgaben missbraucht werden.

      • Wendelin Albert Says:

        Dann sollte man das auch sagen. Da Steuer legitim sind, ist es also kein Raub Steuer einzutreiben?
        Warum kann eine 98% Einkommenssteuer niemals legitim sein? Wie liegt denn da die Grenze? Und was wäre eine legitime Reaktion wenn der Staat einen geringfügig höheren Steuersatz fordern würde als der von Dir für legitim erachtete?

        Der Staat hat die Aufgabe, einen Rechtsstaat (Polizei und Gerichte) bereitzustellen,

        Wo wurde denn allgemeinverbindlich festgelegt, dass nur das die Aufgaben des Staates sein sollen. Ein Staat, der nur diese Aufgaben erfüllen würde, wäre für mich eher illegitim als einer mit einer (sehr) hohen Einkommenssteuer.

  7. Anonym Says:

    „Das hat bei politischen Diskussionen einem Argument zum Aufstieg verholfen: Dem Argument, man solle doch, wenn es einem an seinem Wohnort nicht gefällt, ‚rübergehen‘. […]Macht dieses Argument Sinn?“

    So klar gefragt: Durchaus.

    Es ist ähnlich wie mit einem Arbeitsplatz. Gefällt mir der Arbeitsplatz nicht, habe ich im Grunde 2 Möglichkeiten:
    1. Ich versuche den Arbeitsplatz zu verbessern.
    2. Ich wechsele den Arbeitsplatz.

    Die Option (1) läuft dann meistens über höhere Gehaltsforderungen, mit anderen Mitarbeitern zu reden, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen usw.
    Option (2) dagegen ist relativ leichter, dann sucht man sich eben einen Job, in dem es besser ist.

    Das Problem an der Sache ist nur: Wenn alle sich für Option (2) entscheiden, bleibt der Arbeitsplatz eben mies. Das sieht man in einigen Branchen, z. B. Aushilfstätigkeiten sehr schön.
    Option (1) dagegen kann den Platz sogar sehr attraktiv machen.

    • arprin Says:

      Das sehe ich anders. Der Staat gibt seinen Bürgern Befehle, ohne vorher mit ihnen einen freiwillig abgeschlossenen Vertrag eingegangen zu sein, den Arbeitsplatz sucht man sich dagegen freiwillig aus. Das ist ein großer Unterschied.
      Man sollte gewisse staatliche Befehle verweigern dürfen ohne „rüberzugehen“.

      • Anonymer Says:

        Nun gibt es aber zwei verschiedene Begriffe von „Freiwillig“:
        1. Freiwillig ist alles, wozu ich nicht mittels Gewalt gezwungen werden.
        2. Freiwillig ist alles, wozu ich nicht gezwungen bin, was ich sozusagen aus eigenen Antrieb tue.

        Wenn man die erste Definition gelten lässt, dann Atme ich freiwillig, denn niemand zwingt mich dazu. Denn fällt aber auch Gehirnwäsche und systematische Desinformation unter „Freiwillig“ und ähnliches.

        Machen wir uns nix vor: Viele Leute sind *gezwungen* einen Job anzunehmen, den sie sonst nicht mit dem A**** ansehen würden, weil sie eben das Geld brauchen.
        Und dieses gezwungen ist hier keineswegs im metaphorischen Sinne gemeint, sondern durchaus wörtlich.

        Beim Staat ist es doch nicht anders: Auch dort kann ich ausreisen. Freizügigkeit ist eines der Privilegin, die mir der Staat zugesteht.😉
        Es ist nur niemand dazu gezwungen, mich dann auch aufzunehmen.

      • arprin Says:

        Nein, es gibt nur einen sinnvollen Begriff von Freiheit: Freiheit vor physischer Gewalt und Diebstahl. Alle anderem angeblichen Freiheitseinschränkungen sind Dinge, die man entweder nicht ändern kann (z.B. atmen, um zu leben) oder die sich nur mit physischer Gewalt ändern lassen, also indem man die Freiheit von anderen einschränkt (z.B. ein Einkommen, für das andere real gezwungen werden zu arbeiten, damit ich nicht „gezwungen“ bin, einen unangenehmen Job anzunehmen).

      • Freifunke Says:

        Ich will mich aus dieser Diskussion lieber raushalten, muss aber doch etwas anmerken, lieber Anonymer:

        „Beim Staat ist es doch nicht anders: Auch dort kann ich ausreisen. Freizügigkeit ist eines der Privilegin, die mir der Staat zugesteht. ;-)“

        Das sehe ich vollkommen anders: Freizügigkeit ist kein Privileg ist kein Zugeständnis, dass der Staat mir aus Freundlichkeit gibt, sie ist mein Recht. Es wäre Unrecht sie mir wegzunehmen.

        Wenn ich auf der Straße jemandem nicht ins Gesicht schlage, habe ich ihr/ihm nicht freundlicherweise ihre/seine körperliche Unversehrtheit gelassen. Das war kein Geschenk meinerseits, hätte ich es getan, hätte ich Unrecht getan.

        Das mag ein unscheinbarer Unterschied sein, aber es ist ein sehr wichtiger. Rechte werden nicht vom Staat gewährt, jeder hat sie und der Staat muss sie achten und schützen.

  8. Anonymer Says:

    Zitat: https://arprin.wordpress.com/2015/08/31/dann-geh-doch-rueber/#comment-9512

    Nein, es gibt nur einen sinnvollen Begriff von Freiheit

    (Wenn man von „Freiheit“ spricht und das Bedürfnis verspürt diesen Begriff zu definieren, dann sollte man versuchen die Bedeutung möglichst exakt nachzubilden, die er für die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer hat. Und wenn, wie in der Politik, die Menge der Diskussionsteilnehmer sich grundsätzlich über alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft erstrecken soll, dann muss eben der Begriff der Freiheit in der gewöhnlichen Sprache nachgebildet werden.)

    Wenn wir den Begriff der Freiheit so definieren wollen, dass er möglichst unserer politische Auffassung entgegen kommt, nähern wir uns dann nicht dem, was Orwell beschrieb?
    Natürlich würde sich damit die Frage beantworten, wieso wir das Bedürfnis nach so einer klare Definition verspüren…

    Ich würde Freiheit definieren, als jede Handlung, die aus sich selbst heraus ergriffen wird. Die sich sozusagen selbst antreibt, im Gegensatz zu handlungen, die durch äußeren Druck erzeugt werden.

    Freiheit vor physischer Gewalt und Diebstahl.

    Was ist mit der Zeit, die einem gestohlen wird?
    Wenn wir uns die Überlegung bis zur letzten Konsequenz stellen:
    Jemand, der X tut, weil sonst sein Leben mit Gewalt bedroht wird, der ist nicht frei.
    Dagegen jemand, der nur die Wahl hat, X zu tun oder zu verhungern (!), der ist frei, denn er hatte ja die Wahl.

    Unterscheidet sich das wirklich so signifikant oder werden wir hier sehr, sehr spitzfindig?

    Alle anderem angeblichen Freiheitseinschränkungen sind Dinge, die man entweder nicht ändern kann (z.B. atmen, um zu leben)[…]

    Und warum soll es keine Einschränkungen der Freiheit geben, die man eben nicht ändern kann?
    Es gibt doch auch sonst Einschränkungen, von denen wir sinnvollerweise sprechen und bei dem das gewünschte Ergebnis unmöglich wäre.

    […]oder die sich nur mit physischer Gewalt ändern lassen, also indem man die Freiheit von anderen einschränkt

    Natürlich bin ich dagegen, dass einige wenige „Adlige“ maximale Freiheit haben, indem alle anderen unterdrückt werden und für sie arbeiten müssen.
    Aber halt, erreichen wir den Zustaund nicht ebenso durch Gewalt wie durch Hunger?

    @Freifunker:
    Das Smilie verrät es bereits, dass man das nicht auf die Goldwaage legen muss.
    Abgesehen davon: Nunja, wie man das Kind am Ende nennt, Recht oder Privileg, ist doch zweitrangig. Beides muss ständig neu erkämpft werden.

    • Freifunke Says:

      @Anonymer: Du hattest das Wort „zugestehen“ so verwendet, dass ich den Eindruck hatte, Du wärst der Meinung, der Staat müsste seinen Bürgern keine Freizügigkeit gewähren, sondern dass er es sich aussuchen kann.

      Wenn das aber nur ungenau formuliert und nicht in der Form gemeint war, ist es natürlich egal.

      Ach ja, und „Freifunke“ ohne R am Ende, bitte.🙂

    • arprin Says:

      Ich würde Freiheit definieren, als jede Handlung, die aus sich selbst heraus ergriffen wird. Die sich sozusagen selbst antreibt, im Gegensatz zu handlungen, die durch äußeren Druck erzeugt werden.

      Da verwechselst du „etwas freiwillig tun“ mit „etwas gerne tun“.

      Dagegen jemand, der nur die Wahl hat, X zu tun oder zu verhungern (!), der ist frei, denn er hatte ja die Wahl.

      In einer freien Gesellschaft würde niemand vor so einer Wahl stehen, denn freie Gesellschaften schaffen breiten Wohlstand.

      Und warum soll es keine Einschränkungen der Freiheit geben, die man eben nicht ändern kann?

      Es ist sinnlos, sich damit politisch zu beschäftigen, denn sie können nicht geändert werden. Wir sind alle Sklaven der Realität, und das wird immer so bleiben. Mit Wirtschaftswachstum und technischem Fortschritt können wir zwar viele der sogenannten Sachzwänge beenden oder erleichtern, aber eben nur dann, wenn es diesen Wachstum und Fortschritt gibt. Was nicht möglich ist, Sachzwänge durch die Politik abzsuchaffen. Der Sozialstaat z.B. hat den Sachzwang, arbeiten zu müssen, nicht abgeschafft, im Gegenteil: Jetzt muss man nicht nur für sich selbst, sondern für die Finanzierung des Sozialstaats arbeiten.

      Natürlich bin ich dagegen, dass einige wenige “Adlige” maximale Freiheit haben, indem alle anderen unterdrückt werden und für sie arbeiten müssen.
      Aber halt, erreichen wir den Zustaund nicht ebenso durch Gewalt wie durch Hunger?

      Hunger bekämpft man mit Wirtschaftswachstum, Wirtschaftswachstum entsteht durch freie Marktwirtschaft. Problem erledigt.

      • Anonymer Says:

        Da verwechselst du “etwas freiwillig tun” mit “etwas gerne tun”.

        1. Punkt für dich, das hat mich zum Nachdenken gebracht.
        2. Ich bleibe dennoch bei meinem Punkt, dass es mE nicht sinnvoll ist, Handlungen aus Sachzwängen heraus als „freiwillig“ abzutun.

        In einer freien Gesellschaft würde niemand vor so einer Wahl stehen, denn freie Gesellschaften schaffen breiten Wohlstand.

        Macht man es sich damit nicht ein wenig zu leicht?

        Was ist mit natürlichen oder durch Gewalt entstandenen Monopolen?
        Und gibt es nicht Leute – zum Beispiel junge Künstler an der Anfang ihrer Karriere, die keinen Brotberuf gelernt haben, Leute mit Angehörigen, die sie pflegen müssen usw. – die unverschuldet in eine Zwangslage kommen?
        Werden die alle so reich, dass es ihnen nichts ausmacht?

        Das scheint mir ein wenig naiv.
        Ich bleibe dabei: Der Zwang, den Hunger ausüben kann, ist für die Opfer nicht weniger ein Zwang als die Drohung mit Gewalt. Beides führt beim Individuum zu massiven Schäden.
        Freiwilligkeit, so scheint es mir, ist ein sehr kompliziertes Konzept, wohl eher für Philosophen als für politische Denker gedacht.

      • arprin Says:

        Ich bleibe dabei: Der Zwang, den Hunger ausüben kann, ist für die Opfer nicht weniger ein Zwang als die Drohung mit Gewalt. Beides führt beim Individuum zu massiven Schäden.

        Natürlich kann es sich ähnlich anfühlen. Aber gegen Gewalt kann man was tun. Gegen den Zwang, Nahrung zu produzieren, um nicht verhungern zu müssen, kann man nichts tun, irgendeiner muss also immer arbeiten, damit es keinen Hunger gibt. Es ist nur möglich, den Zwang an andere auszulagern (damit schränkt man die Freiheit von Anderen ein), aber man kann ihn nicht abschaffen.

  9. Anonymer Says:

    @arprin:
    https://arprin.wordpress.com/2015/08/31/dann-geh-doch-rueber/#comment-9609

    Natürlich kann es sich ähnlich anfühlen.

    „Anfühlen“ klingt so irrational…

    Aber gegen Gewalt kann man was tun. Gegen den Zwang, Nahrung zu produzieren, um nicht verhungern zu müssen, kann man nichts tun, irgendeiner muss also immer arbeiten, damit es keinen Hunger gibt.

    Der Punkt, an dem hier immer wieder vorbeigeredet wird, ist doch ein völlig anderer:
    In den jungen Tagen der menschlichen Kultur, im alten Summer, gab es die Tempelwirtschaft.
    Man ging davon aus, dass alles Land den Göttern selbst gehört und die Priester und ihre Anhänger dies im Auftrag der Gottheit verwalteten.
    Stellen wir uns mal so ein System vor: Die Felder sind Besitz des Tempels, die Arbeiter und Bauern haben nur das Privileg, darauf zu arbeiten und vielleicht einen Teil der Früchte ihrer Arbeit zurück zu bekommen. Ein Recht gibt es darauf nicht. Ebenso kann man dem Bauer sein Land einfach entziehen und dann von der Verteilung von Nahrung ausschließen.
    Wenn man das ganze mal vorurteilslos betrachtet, quasi ohne die Brille des Liberalismus, Atheismus usw., dann würde man sagen, dass diese Bauern unfreie Menschen sind. Sie bekommen ihre Nahrung nur durch die Gnade des Tempels sind deshalb von ihn abhängig.
    Wenn der Tempel jetzt andere zwangsmaßnahmen durchsetzen will, dann braucht er nur mit dem Ende der Zuteilung zu drohen und schon muss sich jeder Fügen.

    Aus liberaler Sicht wäre daran nichts falsches. Schließlich sind die Felder ja quasi Eigentum des Tempels und der kann diese nach belieben verwalten.

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