Vorsicht vor Ikonen

Einer der ersten Propagandabilder: Paul Reveres Stich vom Boston-Massaker 1775

Einer der ersten Propagandabilder: Paul Reveres Stich vom Boston-Massaker 1775

Manchmal prägen sich Bilder in die Köpfe der Menschen ein. Sie werden zu Ikonen ihrer Zeit, wenn wir sie ansehen, wird uns eine ganze Zeit vor Augen geführt. Dazu gehört das Bild von Paul Reveres Stich des Boston-Massakers 1775 oder das von Robert Capa im Jahr 1936 geschossene Foto des fallenden Soldaten im spanischen Bürgerkrieg. Bei diesen Ikonenbildern geht es in erster Linie um die Botschaft. Sie soll die Menschen aufrütteln. Das kann durchaus was Gutes sein, aber es gibt zwei Probleme mit ihnen: Manchmal sind sie unehrlich, denn sie stellen eine Situation übertrieben dar oder inszenieren sie komplett. Das zweite Problem ist, dass sie oft nur auf Emotionen appellieren und nicht das Ziel haben, vernünftige Lösungsvorschläge für ein Problem anzubieten.

Fälschungen sind bei Ikonenbildern nicht ungewöhnlich. Paul Revere hat in seinem Stich des Boston-Massakers die Ereignisse propagandistisch verfälscht. In Wirklichkeit standen die britischen Soldaten nicht in einer Reihe und schossen auf die Opfer, es war ein gegenseitiger Aufruhr, und es fand nicht tagsüber, sondern um 21 Uhr statt. Auch bei Robert Capas Foto kamen nach seinem Tod Zweifel auf, ob sein Foto vom fallenden Soldat nicht gestellt wurde. Oft werden auch Geschichten erfunden, mit denen sich die Menschen identifizieren sollen, wie die des Armeniers Soghomon Tehlirian, der Talaat Pascha, den Planer des Völkermords, oder die des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, dessen Tod den arabischen Frühling auslöste.

Momentan geht das Foto des toten Jungen Aylan Kurdi durch die Medien. Er ertrank bei dem Versuch, zusammen mit seiner Familie mit einem Schlepperboot illegal nach Europa zu kommen. Was der genaue Anlass war, warum seine Familie nach Europa wollte, ist nach den Interviews des Vaters und der Tante noch nicht völlig klar. Aber das Bild des toten Jungen ist dennoch zur Ikone geworden. Die Menschen, die das Bild teilen, tun dies jedoch überwiegend aus emotionalen Gründen, nicht um einen vernünftigen Vorschlag zur Lösung eines Problems zu geben. Es ist quasi die Einstellung „Ich habe geweint, also bin ich gut“, wie es Brendan O’Neill in einem sehr treffenden Beitrag ausdrückt.

Man stelle sich vor, jemand würde das Bild einer Mutter zeigen, die nach jahrelangem Alkoholkonsum gestorben ist und nun zwei Kinder hinterlässt. Jeder würde das für eine Tragödie halten. Doch es wäre absurd, das als Anlass zu nehmen, um ein komplettes Alkoholverbot zu fordern. Das wäre eine emotionale Reaktion, die das Problem nicht lösen würde und es sogar verschlimmern könnte, da ein Schwarzmarkt für Verbrecher entstehen würde. Jeder erkennt die Tragödie, die hinter dem Tod eines Jungen steckt, doch bloße Empörung reicht nicht aus, um das Problem zu lösen. Bilder von toten Kindern zu teilen ist außerdem grundsätzlich ein fragwürdiger Stil.

Anstatt also eine Ikone zu erschaffen sollten wir eine vernünftige Debatte über das Flüchtlingsproblem führen. Keine der etablierten Parteien in Deutschland hat sich gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen, wie es Aylan Kurdi und seine Familie waren, ausgesprochen. Bei den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen sieht die Lage anders aus, und das ist sicher verständlich. Die Leute, die meinen, man könnte den Sozialstaat, 800.000 Flüchtlinge und den sozialen Frieden erhalten, werden, wenn nichts getan wird, eine böse Überraschung erleben. Ich bin der Meinung, dass mein Vorschlag – für alle Einwanderungswilligen die Grenzen öffnen und den Sozialstaat schließen – die beste Lösung ist. Darüber sollte diskutiert werden, ohne tote Kinder zu instrumentalisieren.

Das Schlusswort überlasse ich dem großartigen Professor Bryan Caplan:

emotionality drowns out clear thinking, and clear thinking tends to lead to truth. The more emotional people are, the less clear thinking they do, so the less likely they are to be right.

Furthermore, people who hope to persuade others normally highlight their strongest evidence. So if advocates of a view spend most of their time emoting on you, it is reasonable to infer that they lack better evidence. And sides with low-quality evidence are also less likely to be right.

12 Antworten to “Vorsicht vor Ikonen”

  1. Egoteaist Says:

    „Bilder von toten Kindern zu teilen ist außerdem grundsätzlich ein fragwürdiger Stil.“

    Warum?

    • arprin Says:

      Ich finde, dass man damit die Trauer von anderen Menschen für eigene Zwecke instrumentalisiert. Manchmal mag das eine gewisse Berechtigung haben, wenn der Fall eindeutig klar ist, aber oft ist es nur emotionale Erpressung.

      • Egoteaist Says:

        Na ja, aber nach der Logik, dürfte man doch überhaupt keine Bilder von Toten mehr zeigen – oder?

      • arprin Says:

        Es geht nicht ums Dürfen, sondern um den Stil. Trauer sollte meiner Meinung nach nicht für eine politische Ansicht instrumentalisiert werden. Ein Beispiel dafür sind Bilder von hungernden afrikanischen Kindern.
        Bilder zu zeigen ist eigentlich nur notwendig wenn die Existenz eines Unrechts oder einer Katastrophe geleugnet wird. Ansonsten kann man mit anderen Mitteln dagegen ankämpfen als auf Emotionen zu appellieren.

  2. Yadgar Says:

    Den Sozialstaat schließen? Nur für die Einwanderer oder für alle Bewohner Deutschlands?

    • arprin Says:

      Nur für die Einwanderer, damit es nicht zu einer ausschließlichen Einwanderung in die Sozialsysteme kommt.

      • bevanite Says:

        Ab welchem Zeitpunkt würde nach Deinem Vorschlag ein Anspruch eines Einwanderers auf sozialstaatliche Leistungen erfolgen? Nach der Einbürgerung oder nach einer bestimmten Mindestdauer einer Arbeitstätigkeit?

      • arprin Says:

        Das Wichtige ist, dass der Anreiz für die Einwanderung in die Sozialsysteme abgeschafft wird (auch wenn Einwanderer derzeit ja mehr einzahlen als ausgezahlt bekommen, aber das könnte sich bei offenen Grenzen ändern). Ich denke, eine gute Lösung wäre eine zeitliche Frist, in der man keine Sozialleistungen bekommt, z.B. die ersten 3 Jahre.

  3. Anonymer Says:

    @Fragwürdiger Stil: Ich sehe es so, dass nicht jeder Mensch emotional oder psychisch inder Lage ist, das Bild eines toten Kindes zu ertragen.

    Das zweite Problem ist, dass sie oft nur auf Emotionen appellieren und nicht das Ziel haben, vernünftige Lösungsvorschläge für ein Problem anzubieten.

    Naja, manchmal sind Emotionen eben notwendig, um die Leute überhaupt für das Thema zu interessieren. Seien wir mal ehrlich: Die Verteilung unserer Aufmerksamkeit erfolgt hochgradig irrational. Und das ist auch gut so, bei genauerer Überlegung.
    Es gibt nämlich keine perfekte, rationale Verteilung, die nicht im Sinne irgendwelcher Interessen verfremdet ist.

    Ich bin der Meinung, dass mein Vorschlag – für alle Einwanderungswilligen die Grenzen öffnen und den Sozialstaat schließen – die beste Lösung ist.

    Das würde zur Enstehung einer verarmten und vielleicht bald sehr wütenden Unterschicht führen.
    Wollen wir das wirklich?

    • arprin Says:

      Das würde zur Enstehung einer verarmten und vielleicht bald sehr wütenden Unterschicht führen.
      Wollen wir das wirklich?

      Nein.
      Es gibt zu diesem Thema sehr viel zu sagen, nur so viel: Um Einwanderung in die Sozialsysteme zu verhindern ist es die naheligendste Lösung, den Sozialstaat für Einwanderer zu schließen. Eine gute Idee von David Friedman: http://daviddfriedman.blogspot.de/2015/09/immigration-welfare-and-eu.html
      „An alternative is to offer asylum on terms sufficiently unattractive so that only those fleeing real dangers will be inclined to take them—no welfare payments for five years, the current Czech policy for non-asylum migrants.“

  4. libertylauch Says:

    Warum bist Du denn überhaupt für einen Sozialstaat arprin?

    • arprin Says:

      Bin ich nicht, ich finde, man sollte ihn abschaffen.
      Aber zuvor sollte man die zu strikten Regulierungen im Arbeitsmarkt abschaffen, damit die Arbeitslosen auch wirklich Arbeit finden können.

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