Das große Übel vom kleineren Übel

Amerikanische Realpolitik während des Zweiten Weltkriegs

Gab es keine Alternative zur Kooperation mit dem Gulag-Regime?

Manchmal stehen wir in der Politik und im Alltag vor Situationen, die sich ähneln. Das ist besonders dann der Fall, wenn es so aussieht, als müssten wir uns zwischen zwei Dingen entscheiden, die uns nicht gefallen. In dem Fall tendieren die meisten Menschen dazu, sich für das zu entscheiden, was sie für das „kleinere Übel“ halten. Die Folgen dieses Denkens sind, dass in der Politik brutale Herrscher, die wir hassen, von uns unterstützt werden, weil wir Angst vor einer noch schlechteren Alternative haben, und dass wir uns im Alltag mit vollkommen unzufriedenen Situationen abfinden und sie sogar verteidigen, um bloß nicht unsere Lage zu verschlimmern.

Im Zweiten Weltkrieg schien die Sowjetunion das kleinere Übel zu sein als Nazi-Deutschland, also entschieden sich die Westmächte, mit der Sowjetunion zu kooperieren. Irgendwie musste man ja die Nazis in Schach halten. Eine solche tragische und weitreichende Entscheidung müssen wir im Alltag nicht ständig treffen, aber es gibt viele schwere Entscheidungen, die sich auf unser Wohlbefinden auswirken. Wenn eine Person in einem Job gefangen ist, den er hasst, oder in einer unglücklichen Ehe, scheint es meistens das kleinere Übel zu sein, einfach weiterzumachen und nichts zu ändern. Irgendwie muss man ja Geld verdienen oder man will den Kontakt zu seinen Kindern nicht verlieren.

Es mag Fälle geben, indem man sich wirklich zwischen zwei Übeln entscheiden muss, da jede andere Alternative verunmöglicht wurde. Befinden wir uns in so einer Lage, müssen wir sie leider notgedrungen akzeptieren, anstatt eine Möglichkeit ins Spiel zu bringen, die längst vergangen ist. Doch viel zu oft bilden wir uns so eine Situation nur ein und entscheiden uns für ein Übel, ohne dass das notwendig wäre. In diesen Fällen handeln wir im Grunde gegen unser Interesse und verhindern unser Glück, weil wir zu denkfaul sind. Besonders zwei Gründe sprechen dafür, sich genau zu überlegen, ob man sich für ein vermeintlich kleineres Übel entscheidet.

1. Es ist unmöglich, in die Zukunft zu sehen

Stellen wir uns gleich die Frage: War die Sowjetunion wirklich das kleinere Übel zu Nazi-Deutschland? Eigentlich kann darüber kein Zweifel bestehen, wenn man sich den Verlauf der Geschichte ansieht. Hitler wollte ganz Europa versklaven und danach wohl auch im Rest der Welt weitermachen. Stalin hat zwar Osteuropa kommunistisch gemacht, aber unter den kommunistischen Regimes gab es keine Völkermorde in Osteuropa, und schon gar nicht solche wie Hitler sie plante. Das Problem bei dieser Betrachtung ist: Die Menschen im Jahr 1941 konnten nicht in die Zukunft sehen, sie hatten nicht das Wissen, das wir heute haben. Was wäre passiert, wenn nach Stalin nicht Chruschtschow gekommen wäre, sondern jemand, der genauso schlimm gewesen wäre wie Stalin?

Dann hätte es in der DDR, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien Millionen Gulag-Tote gegeben, was kaum schlimmer gewesen wäre als das, was Hitler plante. Viele Historiker vermuten, dass Stalin kurz vor seinem Tod den Plan entwickelte, einen Völkermord an den Juden durchzuführen (Ärzteverschwörung) und nur der göttliche Herzinfarkt die sowjetischen Juden rettete, sowie der Kamikaze-Wind einst die Japaner vor den Mongolen rettete. Wir konnten 1941 nicht wissen, was Stalin plante und was nach Stalin kommt. Die Wahrheit ist: Wir hatten Glück, dass nach Stalin moderate Kommunisten in Moskau an die Macht kamen, das war nicht gewiss.

Wir wissen auch nicht, wie sich Europa entwickelt hätte, wenn die Nazis den Krieg gewinnen hätten. Vielleicht wäre Hitler kurz darauf gestorben und es wären moderate Nazis an die Macht gekommen, als Folge davon hätten sie die innere Unterdrückung gelockert und im ganzen von den Nazis kontrollierten Bereich hätte es Reformen wie unter Ludwig Erhard gegeben. Hätte Hitler also den Krieg gewonnen, hätte vielleicht ganz Osteuropa heute denselben Wohlstand haben können wie Westeuropa, aber die Westmächte haben es verhindert, weil sie Stalin 1941 für das kleinere Übel hielten. Das sind alles absurde Spekulationen, aber 1941 konnte man nichts anderes tun als spekulieren.

Im Alltag sollten wir uns immer dieselbe Frage stellen: Ist das, was wir für das kleinere Übel halten, wirklich auf Dauer weniger schlimm als die Alternative? Eventuell ist eine Kündigung im Job besser, selbst wenn man dann weniger verdient, aber sich trotzdem besser fühlt, oder man macht sich selbständig und verdient mit einer genialen Geschäftsidee wie Drohnenkurieren in Afrika Millionen, ach was, Milliarden. Eine Scheidung hat ganz klar am Anfang finanzielle und psychische Nachteile, aber ist es schlimmer als sich damit abzufinden, den Rest seines Lebens in einer lieblosen Beziehung zu verbringen? Wer sagt, dass man nicht eine neue Liebe findet und sich somit noch ein paar glückliche Jahre gönnt?

2. Es gibt vielleicht eine dritte Alternative

Heute scheint es für viele selbstverständlich zu sein, dass es für die Westmächte im Zweiten Weltkrieg keine andere Möglichkeit gab, als mit der Sowjetunion zu kooperieren. So selbstverständlich war das 1941 nicht. In allen von den Nazis besetzten Ländern gab es mal mehr, mal weniger starke Widerstandsbewegungen. In Polen gab es z.B. die Polnische Heimatarmee, die zwar auch für Verbrechen an Zivilisten verantwortlich war, aber in weit geringerem Umfang als die Rote Armee. Diese Bewegungen hätten viel mehr Unterstützung verdient als die massenmörderische Rote Armee. Außerdem hätten die Westmächte in den Konferenzen vor und nach dem Krieg stärker versuchen sollen, Osteuropa nicht an die Sowjets zu verkaufen (und sogar „Verräter“ an Stalin auszuliefern).

Auch die ganzen sozialen Zwänge und Konventionen, die uns im Alltag vom Glücklichsein abhalten, müssen nicht unser Leben beherrschen. Wir müssen uns nicht zwischen einem unglücklichen Job oder Armut oder zwischen einer unglücklichen Beziehung oder Scheidung entscheiden, es gibt Alternativen. Damit meine ich nicht unbedingt Gewerkschaften oder Paarberatungen, sondern echte Hilfen wie eine Versetzung in eine andere Abteilung oder einen neuen Kollegen, bei einer kaputten Beziehung kann man es mit paarinterner Kommunikation versuchen, und wenn das nicht hilft, weil der Partner ein Schläger ist, kann man ihn töten und wie einen Unfall aussehen lassen (zugegeben, dazu braucht es ein gewisses Talent). Mit ein bisschen Vision findet man mehr als nur zwei Alternativen.

Folgendes ist eine wahre Geschichte. Vor drei Jahren wurde eine 26-jährige Frau in der ländlichen Türkei über einen langen Zeitraum von einem Mann vergewaltigt. Dort bedeutet Vergewaltigung für Frauen oft, dass ihre Ehre befleckt wurde, da sie nicht mehr „rein“ sind, deshalb werden sie von der Familie ausgestoßen oder ermordet, außer wenn sie den Vergewaltiger heiraten. Der Mann drohte der Frau dazu noch, Nacktfotos von ihr zu verbreiten, wenn sie sich wehrt, was einer Todesdrohung gleichkam. An diesem Punkt glaubt ihr vielleicht, die Frau hatte aufgrund der sozialen Zwänge nur die Wahl zwischen zwei Übeln: Sich weiter vergewaltigen lassen oder Selbstmord begehen, wobei sich weiter vergewaltigen lassen das kleinere Übel ist, weil man immerhin noch lebt.

Aber so dachte Nevin Y. nicht. Sie wählte stattdessen einen dritten Weg: Sie nahm eine Schrotflinte, erschoss ihren Vergewaltiger, dann schnitt sie der Leiche den Kopf ab und zeigte sich im Dorfplatz mit dem abgetrennten Kopf ihres Peinigers. Damit stoppte sie nicht nur die Vergewaltigungen, sondern rettete ihre Ehre, denn in der ländlichen Türkei ist das öffentliche Zeigen des abgetrennten Kopfes des Vergewaltigers gleichbedeutend mit der Wiederherstellung der durch die Vergewaltigung(en) verlorenen Ehre. Was lernen wir daraus? Das kleinere Übel ist meist nur eine Einbildung: Es gibt (fast) kein Problem auf der Welt, dass sich nicht durch einen ausgeklügelten Plan und Schusswaffen lösen lässt. Was ist deine Ausrede?

11 Antworten to “Das große Übel vom kleineren Übel”

  1. Egoteaist Says:

    „bei einer kaputten Beziehung kann man es mit paarinterner Kommunikation versuchen, und wenn das nicht hilft, weil der Partner ein Schläger ist, kann man ihn töten und wie einen Unfall aussehen lassen“

    Ich musste lachen😀

  2. shaze86 Says:

    Was mir spontan dazu einfällt: Die beiden Übel setzen ein passives Verhalten voraus. Wohin gegen eine dritte Möglichkeit sehr großes aktives Verhalten benötigt.
    Allerdings gibt es auch gewisse Faktoren, die Grenzen aufziehen. Wie hätten die Handlungsspielräume bei 180 statt 18 Millionen unter Waffen ausgesehen oder wenn es statt einem Vergewaltiger eine hoch aufgerüstete Vergewaltiger-Gang gewesen wären?

    • arprin Says:

      Bei 180 Millionen oder einer Vergewaltiger-Gang wäre nur die Flucht geblieben. Eine Gang hätte vielleicht ein Mastermind wie Walter White ausschalten können, aber keine normalen Menschen.

  3. Thomas Holm Says:

    Der Kriegsgegner des Westens – Nazideutschland – hat im Juni 1941 seinen Aggressios-Sponsor, Stalins Sowjetunion, ueberfallen.

    Fuer die Westmaechte gab es da nicht soviel zum aussuchen.

    Stalin hatte Hitler 17 Tage Zeitvorsprung beim Ueberfall auf Polen eingeraeumt. Der gelernte Bankraeuber wusste um die Kapazitaets-Kalamitaeten von Ordnungsmaechten. Wer erst kommt, wenn alles zu spaet ist, der kriegt keinen Haftbefehl mehr aufgedrueckt, sondern der hat erstmal freie Hand gegen „Faschisten“ seiner sehr freien Wortwahl: Finnen, Balten, etc.

    Eine Abhilfe, auf die man verwiesen findet, ist nicht dasselbe, wie ein frei ausgeguckter Partner, oder Kumpan. Leben mit „depressing remedies“ muss der Westen lernen. Zu verdanken hat er das einer tueckischen Sorte von Kritik an den NeoCons, mit der die westliche OldProg. Intelligenzia die Sunniten zu erfreuen suchte …

    und in einen gewissen Groessenwahn hinein salbadert hat.

    Die Polen dagegen hielten in dem boesen Zocken um ein Tausendjaehriges Eurasien tapfer und undogmatisch dagegen.

    Obzwar von Katholischer Kriegsethik nicht gedeckt hinterliessen sie mit dem Warschauer Aufstand ein Ceterum-censeo-Mahnmal in der europaeischen Geschichte mit der Aufschrift: Wir wollen raus aus dem Ostblock.

    Luziderweise hiess dieser auch noch Warschauer Pakt.

  4. aron2201sperber Says:

    ich bin ja bzgl. Putin und IS ein bisschen der Vertreter der „Geringeres Übel“-Position

    wenn ich Putins Medien lese, bekomme ich jedoch jedes mal wieder meine Zweifel

    • bevanite Says:

      Sie meinen, es ist besser, wenn Putin weiter Bomben auf die syrische Zivilbevölkerung oder die Anti-Assad-Gruppierungen schmeißt? Beim Daesh stellt sich allerdings diese Frage im Zusammenhang mit den schiitischen Milizen. Die scheinen ja momentan neben der YPG die einzige Kraft zu sein, die entschieden gegen Daesh vorgeht. Allerdings stehen sie denen in Sachen Gewalt leider in nichts nach.

      • salamshalom Says:

        Sie meinen, es ist besser, wenn die „Rebellen“ weiter Haun-Granaten und Raketen auf die syrische Zivilbevölkerung oder die Pro-Assad-Gruppierungen abfeuern?
        Und wen meinen Sie mit „schiitischen Milizen“?
        Und wer hat so eben den Kuweiser military Airport aus Händen des Daesh zurückerobert, nach dreijähriger Belagerung?

    • arprin Says:

      Wenn es Putin ernst meint mit dem Kampf gegen den IS, würde ich eine Kooperation begrüßen. Sogar eine Kooperation mit dem Iran wäre dann angebracht. Aber ich bezweifle, ob Putin es ernst meint. Momentan hat sich die russische Intervention kaum gegen den IS gerichtet und ihm kaum geschadet.

      • aron2201sperber Says:

        ja, Putin lässt sogar lieber seinen Verbündeten Sisi in Ägypten im Rege stehen, und streicht die für Ägypten Tourismus überlebensnotwendigen Flüge, bevor er sich mit dem IS matchen muss.

        die Rechnung dürfte jedoch kaum aufgehen: wenn Putin in Syrien am Boden kämpft, wird er dem IS trotzdem bald in die Quere kommen.

        auch wenn er es eigentlich selbst nicht will, wird er bald als Verbündeter des Westens dastehen

      • bevanite Says:

        @aron2201sperber: al-Sisi hat sich an die Macht geputscht und regiert nun autokratischer als Mubarak, Tantawi und Morsi vorher. Da hat sich ja Putin einen schönen Verbündeten ausgesucht. Wer solche Freunde hat…

  5. Thomas Holm Says:

    Sondermeldung:

    Die IS-Kriegserklärung an das Heilige Russland (angelehnt an Orthodoxe Liturgie)

    http://heavy.com/news/2015/11/new-isis-islamic-state-news-videos-pictures-russia-threat-threatens-soon-very-soon-the-blood-will-spill-like-an-ocean-domestic-terrorism-attack-moscow-putin-full-uncensored-youtube-video/

    Der daesh-splatter wird massiv gelöscht; weil doch wohl ein wenig “übertrieben” …

    Wenn die jetzt nicht in den nächsten zehn Tagen liefern, dann schmiert ihr hochfliegender Stern ab und wenn sie liefern, dann hätte es Putin als Warlord-Bruder Nr. 1 der Weltzivilisation geschafft.

    @arpin

    „auch wenn er es eigentlich selbst nicht will“

    Er will es genau so, denn er kann nichts anderes, als Mütterchen Russland für noch genau so ein Ding zu verheizen. Und im günstigsten Fall die Rohstoffpreise für Gasproms Kasse wieder steigen zu sehen, falls er als Drachentöter nicht umhin käme, bedauerlicherweise den Golf abzufackeln.

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